Neu im Kino: Tötende Blicke, unerwartete Tritte, ein raubender Läufer und ein singender Trinker

4. März 2010 - 12:09 Uhr

KW10

_

“Einer der besten Filme, die dieses Jahr im Wettbewerb gezeigt wurden”, schrieb David Hudson bei The Auteurs über “Der Räuber”, den neuen Film von Benjamin Heisenberg. Fünf Jahre sind vergangen, seit seinem Erstling, dem “Schläfer“. Damals galt er als ein Vertreter der spröden “Berliner Schule”. Mit dem “Räuber” entzieht er sich dieser Etikettierung, die in Wien gedrehte Geschichte um einen wieselflink zum Fluchtwagen rennenden Bankräuber, soll dynamisch, ja sogar actionreich statt statisch inszeniert sein. Den Räuber gab es wirklich, er war in den Achtzigern parallel zu seinen illegalen Aktivitäten als Marathonläufer aktiv und Heisenberg interessiert sich offenbar für beide Beschäftigungen gleichermaßen, ohne sich groß um den “sozialen Hintergrund oder aber Politik, Psychologie und den ganzen Rest” zu scheren, so David Hudson. Das könnte im Ergebnis natürlich doch wieder nüchtern wie im Wartezimmer geraten sein. Mal gucken.

“Der Räuber“: Trailer | Links | Kinos

_

“Männer, die auf Ziegen starren” ist zweifellos ein herrlicher Titel, die Darstellerriege – George Clooney, Jeff Bridges, Ewan McGregor und Kevin Spacey sind dabei – kann sich auch sehen lassen, doch scheint die Militärsatire über eine Spezialeinheit, in der Gedankenlesen, durch Wände laufen und mit Blicken töten trainiert wird, die sich augenblicklich einstellenden hohen Erwartungen nur bedingt zu erfüllen. Denn so richtig spritzig ist das wohl alles nicht geworden, wenn man den nicht wenigen negativen Kritiken glauben darf. Eher monoton und langatmig. Derek Elley ist in Variety aber voll des Lobes (”unglaublich dichtes Drehbuch”, “wunderschön komponierte Breitwandaufnahmen”, “hochklassiges (…) Filmemachen”, “im Gebrüder-Coen-Stil”). Das Ganze soll übrigens, kaum glaublich, auf Tatsachen beruhen.

“Männer, die auf Ziegen starren“: Trailer | Links | Kinos

_

“Alice im Wunderland” von Tim Burton habe ich schon gesehen und war reichlich enttäuscht. Hier meine Kritik. Allerdings stehe ich mit meiner drastischen Ablehnung ziemlich alleine da, die meisten Schreiber, hüben wie drüben, äußern sich milder und es gibt auch begeisterte Stimmen. Wer auch Kritik an der Verflachung und Konfektionierung des Stoffes übt, schiebt häufig Disney die Schuld in die Schuhe, als hätte der große, jüngst mit einer Einzelausstellung im MoMA geehrte Künstler, sich einfach nicht gegen den bösen Unterhaltungskonzern durchsetzen können. Als wenn all die anderen Studios mit ihren Riesenbudgets, für die Tim Burton gearbeitet hat, nicht genau die gleichen Interessen und Strukturen hätten. Burton hat bei Disney angefangen, festangestellt und ist rausgeflogen, nachdem er 1984 seinen Kurzfilm “Frankenweenie” (youtube) fertiggestellt hatte. Der Film sei zu angsteinflößend für ein junges Publikum und er habe Studiogeld dafür verschwendet, hieß es. Aber schon Burtons “Nightmare Before Christmas” war 1993 wieder eine Disney-Produktion. Und als er 2007 mit dem Micky-Maus-Konzern einen Vertrag über zwei 3D-Produktionen geschlossen hat, werden die Konditionen schon gestimmt haben: Der zweite Film, das war von Anfang an bekannt, wird sogar eine abendfüllende Neuverfilmung des einst abgelehnten “Frankenweenie” sein. Hoffentlich wird das kein Murks …

Was ich in meinem Alice-Text nicht erwähnt habe: Die Rahmenhandlung endet dann auch noch auf die ödeste Weise, die man sich vorstellen kann, als letzter Tritt in das Gesicht der enttäuschten Zuschauer. Ich habe keine Ahnung, wieso die Mehrheit der Kritiker dafür offenbar unempfindlich ist.

“Alice im Wunderland“: Trailer | Links | Kinos

_

Auch “Crazy Heart”, das Regie-Debüt von Scott Cooper, habe ich vorab gesehen und darüber geschrieben.  Da wurde das Kunststück vollbracht, aus einer mutmaßlich schon in der Vorlage völlig banalen Geschichte einen sehenswerten Film zu machen, ohne dass die Geschichte dabei besser geworden wäre. Mir fällt kein vergleichbares Beispiel ein.

Gefällt allen.

“Crazy Heart“: Trailer | Links | Kinos

_

_

Außerdem neu:

  • Eine historisches Kammerspiel aus dem Friedrichshain der sechziger Jahre. Angeblich nicht ostalgisch wird eine Liebesgeschichte von “Oma Otti” erzählt, die bereits fünffache Witwe ist, während ihr Enkel Detektiv spielen darf. Scheint darstellerisch ganz gelungen zu sein (u. a. mit Milan Peschel, Horst Krause, Meret Becker, Jürgen Vogel), die Kulissen hingegen sollen grausig aussehen. (”Boxhagener Platz“)
  • Ein in Hamburg gedrehter Heile-Welt-Film nach der biederen und wahnsinnig erfolgreichen Kinderbuchreihe von Isabel Abedi: “Hier kommt Lola“.
  • Seltsames aus Deutschland (1): Sex, Motorräder und pseudophilosophische Gerede scheinen die wichtigsten Ingredienzien des Trashfilms “Engel mit schmutzigen Flügeln” zu sein.
  • Seltsames aus Deutschland (2): Ein Kostümschinken über Heinrich IV., nach Heinrich Mann. (”Henri 4“)
  • Seltsames aus Deutschland (3): Eine Doku über Moskauer Taxifahrerinnen (”Pink Taxi“).

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

_

Und noch etwas, ein Ausschnitt aus Jan Svankmajers “Alice”:

_

Und noch etwas, ein Wunderland-Videoclip mit Tom Petty als verrücktem Hutmacher, aus dem Jahr 1985:

_

Und noch etwas darf nicht fehlen, der berühmteste von “Alice im Wunderland” beeinflusste Popsong. Ein Fernsehauftritt von Jefferson Airplane:

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Jeff Bridges und ein Nichts

3. März 2010 - 15:19 Uhr

crazyheart

_

Die Rolle des abgehalfterten, versoffenen Countrysängers in „Crazy Heart“ dürfte den Höhepunkt der schauspielerischen Karriere von Jeff Bridges darstellen, spätestens wenn er am Sonntag tatsächlich einen Oscar als „Best Actor“ erhält. Er spielt so glaubwürdig, dass es geradezu seltsam erscheint, dass diese Figur nur fiktiv ist, dass Bad Blake nicht tatsächlich irgendwo zwischen Willie Nelson, Townes Van Zandt und Kris Kristofferson seinen Platz in der Musikgeschichte hat. Vielleicht kommt einem Blake aber auch so bekannt vor, weil Bridges einst mit Bravour eine verwandte Rolle gespielt hat: den Dude aus „The Big Lebowski“.
Das Drumherum stimmt ebenso, die Motelzimmer, die miesen Spelunken oder gar Bowlingbahnen, in denen Blake auftritt, überzeugen mitsamt den sie bevölkernden Nebenfiguren. Und dann kann Bridges natürlich auch erstaunlich gut singen und hat sich als falscher Country-Heroe von T Bone Burnett verdammt gutes Songmaterial liefern lassen, von dem manch echte Countrylegende nur träumen kann.

Das Problem ist nur: Es gibt auch eine Geschichte. Als ich eine Freundin, die gar nichts über „Crazy Heart“ wusste, aufforderte zu raten, was das für eine sei, musste sie nicht lange überlegen: „Er wird von einer Frau gerettet“. Richtig. Und die ist jung und schön und wird gespielt von Maggie Gyllenhaal. „Und wird er einfach so gerettet?“, fragte ich weiter. „Nein, das geht nicht so geradlinig, er muss bestimmt noch irgendwelche Hürden nehmen, erst noch so richtig auf die Schnauze fallen.“ Auch das stimmt. Das Wort „vorhersehbar“ ist viel zu schwach zur Beschreibung des Nichts an Handlung. Aber ein Nichts muss einen andererseits auch nicht weiter stören. Konzerte haben auch keine Handlung.

Schade, dass Bad Blake aufgrund von Nichtexistenz nie auf Tour gehen wird.

Hier der ebenfalls oscarnominierte Song „The Weary Kind“, solo dargeboten von Jeff Bridges:

_

_

“Crazy Heart“: Trailer | Links | Kinos

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Alice im Fantasy-Korsett

2. März 2010 - 12:58 Uhr

Alicekomp

_

Eigentlich konnte da nichts schiefgehen. Tim Burton, der dickköpfige Frickler mit einer Vorliebe für Düsteres und Grotesk-Komisches, der sogar Superhelden-Franchise-Ware wie „Batman“ seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken vermochte, hat Lewis Carrolls viktorianischen Nonsense-Klassiker „Alice im Wunderland“ verfilmt. Mit bewährten Burton-Darstellern wie Johnny Depp und Helena Bonham Carter, mit einem Score vom ebenso bewährten Danny Elfman und mit einem Riesenbudget, das jede computeranimierte Spielerei erlaubt, die heute technisch möglich ist.
Die Welt von „Alice“, in der sich alles jederzeit verändern kann, mit lebendigen Spielkarten, einem See aus Tränen, dem hektischen weißen Kaninchen, der Wasserpfeife rauchenden Raupe, der Grinsekatze und all den anderen skurrilen Fantasiegeschöpfen scheint kongenial zum Burtonschen Schauergeschichten-Kosmos zu passen.

Aber es ist schiefgegangen. Und wie.

Zwar sind da eine Menge hübscher visueller Einfälle zu besichtigen, wie man sie erwarten konnte und die Verbindung von Live-Action und Animation funktioniert besser, denn irgendwo je zuvor, nur sind leider Witz und Verspieltheit der Vorlage vollständig auf der Strecke geblieben. Die episodische Struktur musste einer Standardfantasyhandlung weichen, die so unfassbar öde ist, dass ich eine Zeit lang hoffte, dass sei nur eine Finte, eine ironische Geste, die sagen will: Seht her, so blöde sind vergleichsweise die Narnia-Eragon-Kompass-Filmplots. Aber das Ruder wird keineswegs wieder herumgerissen, stumpf wird bis zum Ende jede zur Zeit gültige Konvention des Genres eingehalten.

Burtons Alice ist kein kleines Mädchen mehr, sondern neunzehn Jahre alt und soll in der Rahmenhandlung gerade verlobt werden. Sie folgt, wie üblich, dem weißen Kaninchen ins Loch und muss, so weit, so vertraut, erstmal einige Probleme lösen, bei denen verschlossene Türen und falsche Größenverhältnisse eine Rolle spielen, bevor sie das Wunderland, das diesmal „Underland“, also Unterland heißt, betreten kann.

Und schon kündigt sich das erzählerische Desaster an: Ist Alice die „richtige“ Alice, so lautet die Frage, denn der „richtigen“ ist es vorherbestimmt, den Jabberwocky, einen Drachen, im Kampf zu besiegen und so „Underland“ zu retten. Und dann lässt Burton ununterbrochen Orchester und Chor dröhnen und dazu die Guten gegen die Bösen in aufdringlichem 3-D vor ständig wechselnden dramatischen Avatar-Landschaften antreten, lässt Armeen der „roten“ und der „weißen“ Königin aufmarschieren und schließlich Alice den bösen Drachen töten, wie es sich gehört.

Lewis Carrolls Alice war selbstredend überhaupt nichts vorherbestimmt, in den Büchern war gerade Desorientierung ein Leitmotiv, die Heldin stolpert von einem seltsamen Erlebnis zum nächsten und die blaue Raupe ist nicht weise wie Yoda, sondern trägt mit ihrem „Rat“ nachhaltig zu Alice‘ weiterer Verwirrung bei. Der Drache, Jabberwocky, taucht nur im gleichnamigen Gedicht auf, das Alice zu Beginn von „Alice hinter den Spiegeln“ liest und ob da überhaupt ein Drache beschrieben wird, ist nicht einmal ganz sicher:

„Hab acht vorm Zipferlak; mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr!
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
Dem mampfen Schnatterrind!“

(Aus „Der Zipferlake“, „Jabberwocky“-Nachdichtung von Christian Enzensberger)

Natürlich haben die meisten bekannten Figuren aus den beiden Alice-Büchern bei Burton ihre Auftritte und liebevoll entworfen und animiert, wie viele von ihnen sind, kann man immer wieder erahnen, wie großartig das alles hätte werden können. Schade.

Von den dreiundzwanzig „Alice“-Verfilmungen, die es bislang gab, sind mir ein knappes Viertel vertraut.  Ich glaube nicht, dass eine einzige von ihnen so bleischwer und uninspiriert daherkommt, wie Nummer Vierundzwanzig. Und von höchst eigenwilligen Adaptionen, wie jener Jan Švankmajers, der Alice in seine morbide Stop-Motion-Welt aus toten Tieren und animierten Puppen integriert hat, ohne dabei den Geist der Vorlage zu verraten, ist Tim Burtons Version Lichtjahre entfernt.

Etwa neunzehn war Alice übrigens schon einmal, 1976, in „Alice in Wonderland: A Musical Porno“ von Bill Ozco:

_

_

“Alice im Wunderland“: Trailer | Links | Kinos

_

2 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Ich will Spaß

1. März 2010 - 20:43 Uhr

Schlagloch-8593

In den letzten Tagen war ich recht viel mit dem Auto in der Stadt unterwegs und das Fahren war wider Erwarten nicht sterbenslangweilig, sondern ein abwechslungsreiches Vergnügen. Denn auch wenn die lustigen Huppeleispisten jetzt weggetaut sind und man überhaupt nicht mehr schliddern kann,  gibt es erfreulich viele neue Hindernisse, die die Fahrer selbst auf öden vierspurigen Einfallsstraßen vor interessante Herausforderungen stellen. Schlaglöcher, überall sind Schlaglöcher! Schade nur, das man allenthalben Trupps von Spaßverderbern mit leuchtorangenen Westen sieht, die eifrig damit beschäftigt sind, die Löcher zu stopfen. Doch haben sie keine Chance, den “Kampf zu gewinnen”, wie die Hamburger Morgenpost auf ihrer Seite eins verkündete: “Die Arbeiter schuften ­- aber die Füllungen für die Schlaglöcher halten nur drei Tage”. Wie schön, dann fahren wir das ganze Jahr weiter wie sonst nur im Urlaub und die Lokalpresse hat ein ergiebiges Dauerthema, mit dem sich immerhin alle auftretenden Nachrichtenlöcher füllen lassen.

Kommentieren » | Aktuell

“Entertainment value: close to zero”

1. März 2010 - 12:30 Uhr

tatort

Wahrscheinlich nervt es mich vor allem so sehr, weil ich es einfach nicht verstehe. Lauter mir bekannte, eigentlich völlig zurechnungsfähige Menschen, deren Ansichten und Geschmack ich respektiere, verbringen den Sonntagabend auf die gleiche Weise, auch wenn sie sonst absolut nichts eint. Nämlich vor dem Fernseher, wenn “Tatort” läuft.

Ich selber kann über die Endlosserie nichts schreiben, da ich nie mehr als zehn Minuten zugucken ertrage. Es fehlen mir die Kenntnisse für einen fundierten Verriss und daran möchte ich auch gar nichts ändern.

Aber Freude bereitet es mir, wenn jemand anderes weniger Hemmungen hat. Wash Echte, der seit über einem Jahr unter dem Titel “Ich werde ein Berliner – How to blend in wiz ze Germans” sich schön polemisch über uns lustig macht, war bei einer “Tatort Party” und schreibt über die “teutonic version of “Law & Order”:

In fact, Tatort is so slow, tedious, and deliberately low-key that one 1.5 hour episode feels like a whole day going by. Halfway into it, you’ll want to inject caffeine into your eyeballs just to make it through the next minute. In good German film-making tradition, everything about it feels painfully over-endeavored and every single character is stock beyond the worst stereotype. But that’s, like, sooo not the point, Auslander. German people love Tatort for its realism and dedication to pick up controversial topics and social developments to base its stilted plots on in a really contrived way. (…)

Discussing a substantially boring, run-of-the-mill crime drama gives your German acquaintances the warm, fuzzy feeling of being critical, self-determined people who are aware of the dangers of blind media consumption, because they are way too intellectual to just watch TV for its entertainment value, which, in the case of Tatort, is close to zero. (via)

Und letzte Woche hat Andrea Diener in einem Pamphlet gegen das Fernsehen an sich auch ein paar Sätze zu Euer aller Lieblingssendung verfasst:

Ich kann diese deutsche Fernsehspielsprache nicht hören, es tut mir leid, es gibt nämlich diese spezifische hölzerne Fernsehspielsprache, die so seltsam verknappt ist, was vermutlich lebensnah wirken soll, aber dabei irgendwie überartikuliert, so spricht doch keiner. Ich habe Angst, mir mit diesen schlechten Fernsehdialogen mein Sprachgehör zu verderben. Ich höre gern echte, gesprochene Sprache mit Dialekten und Sprachwendungen und Verzögerungslauten, dieses ganze elliptische Gestammel, wie es einem ungefiltert auskommt, und wie man es Schauspielern nie in den Mund legen würde. Aber es ist ja auch nicht so, daß diese Fernsehspielsprache besonders ausgefeilt wäre, schlagfertig oder irgendwie poetisch. Sie ist einfach gar nichts außer liebloses Handlungsvehikel. Und ich kann das nicht mitanhören oder -sehen.

Beide sprechen sie mir aus der Seele, oder aus irgendetwas anderem, das meinen “Tatort”-Ärger birgt. Wer beim waschechten Polemiker weiterlesen mag, beachte unbedingt auch die “City-Specials”. Über Hamburg schreibt er etwa:

Because most Hamburg people, deep in their hearts, are actually small-minded villagers, they feel so intimated by their mid-size city that they had to split it up in even smaller, more manageable parts, much like, well, villages.

Und:

If let loose, Hamburg people will go on and on about how Hamburg is the “most beautiful city in the world”. If asked why, they pause, shrug and come back with a lame answer referring to water, like “it has water canals”, or “it’s so close to the sea” (it’s not), or “I love walking around the harbor”. Don’t ever mention to them that all this isn’t much fun if must be done in the pissing rain at 5 degrees Celsius, Hamburg’s year-round average temperature.

5 Kommentare » | Schöne Worte

Neu im Kino: ein Neonoir mit Nazis, ein böser Bulle und kämpferische Kartoffelsackmännchen

25. Februar 2010 - 09:12 Uhr

KW09

_

Für mich ein Pflichttermin: Den Autoren Dennis Lehane schätze ich, neben George P. Pelecanos, als einen der besten jüngeren amerikanischen Krimiautoren, die sich auf die gute alte Hardboiled-Tradition berufen. Zwei Verfilmungen gab es bislang, beide gelungen, zum einen die Clint-Eastwood-Adaption “Mystic River“, zum anderen “Gone Baby Gone” von Ben Affleck, nach einer Vorlage um die Serienhelden Patrick Kenzie und Angela Gennaro. Und beim jetzt anlaufenden “Shutter Island” hat niemand anderer als Martin Scorcese Regie geführt. Vermutlich kann Lehane mittlerweile die Filmrechte für ein neues Buch schon verkaufen, bevor er eine Zeile geschrieben hat. Beneidenswert.

“Shutter Island” spielt in den Fünfzigern, Handlungsort ist vor allem eine zweifelhafte Anstalt, in der psychologische Experimente durchgeführt werden, schön isoliert auf einer Insel vor Boston gelegen. Ein traumatisierter Ex-Soldat forscht da als U. S .Marshal einer verschwundenen Insassin nach und verliert zusehends jegliche Orientierung. Die Noir-Hommage hat Scorsese wohl sehr atmosphärisch visualisiert und Leonardo DiCaprio soll in der Hauptrolle besser sein denn je. “Out Of The Past” und “Shock Corridor” sind offenbar deutlich als Einflüsse erkennbar, an letzteren Film denkt mancher Rezensent vermutlich nicht nur wegen des Settings, sondern auch wegen vergleichbarer schamloser Effekthascherei. Den meisten Schreibern gefällt das Ganze (Tomatometer: 66%, Durchschnitt bei Metacritic: 62), wo gemeckert wird, ist meist die Rede von Leblosigkeit, von mangelnden Unterhaltungswerten, der Film berühre emotional nicht und verstricke sich in zahllosen Rätseln und Andeutungen. Wer Krimis mag, in denen kerngesunde, sympathische und kompetente Kommissare vor pittoresker Kulisse herausfinden, dass es nicht der Gärtner war, ist hier sicher im falschen Film.

Mein werter Freund Ram, ein Mann von Geschmack und durchschlagender Urteilskraft, war vorab drin und schreibt mir: “Ungefähr 90 Prozent, vielleicht auch 95 Prozent lang dachte ich, um Gottes Willen, geht’s vielleicht noch wirrer, überladener, bekloppter und klischeehafter – und dann löst das Ende alles so auf, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ist ein guter Film! (Ärgert mich sogar fast ein bisschen.) Und zwar mit original komplett offenem Ende mit unentscheidbaren Möglichkeiten in beide Richtungen, schon alleine, weil es am Ende keinen Anhaltspunkt mehr gibt, was Realität und was Psychose war”. Hoffentlich habe ich damit nicht zuviel “gespoilt”, wie Diedrich Diederichsen zu schreiben pflegt. (Habe eben mal nach “spoilen” gegoogelt und bin auf eine faszinierende Frage in einem Forum gestoßen: “Ich wollte mal fragen wie man richtig spoilen tut, ich meine wann legt man den spoil am besten auf das mob und wie mus ich das dann ernten?”)

Bereits im Buch ist eine Passage enthalten, in der sich die Hauptfigur an die Befreiung Dachaus erinnert und zwar an die angebliche Ermordung von “500 Krauts”, SS-Leuten und Wachpersonal, durch US-Soldaten. Das geht offenbar auf die Darstellung der Geschehnisse in einem Buch von Howard K. Buechner zurück, die nachweislich stark übertrieben ist, wie Sven Felix Kellerhoff in der Welt schreibt. Im Film sind die Dachau-Szenen als Rückblende inszeniert, mit einer wohl eher der Wahrheit entsprechenden Zahl von Opfern auf Seiten der SS. Schade, dass nicht die ganze traumatische Erinnerung rausgeflogen ist, Dachau als Gruselfaktor in einem düsteren Noir-Thriller, das hätten sie sich ruhig sparen können.

“Shutter Island“: Trailer | Links | Kinos

_

Werner Herzog, der in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten, weltweit geachtet, in seiner Heimat weitestgehend ignoriert, mehr oder weniger interessante Dokus gedreht hat, ist auf einmal wieder als Spielfilmregisseur da und dann auch noch mit Darstellern wie Nicholas Cage, Eva Mendes und Val Kilmer. Und was hat er da gefilmt? Ein Remake von “Bad Lieutenant“, dem katholischen Abel-Ferrara-Thriller mit Harvey Keitel. Seltsam, seltsam.

Und die düstere Höllenfahrt eines korrupten Cops endet dieses Mal nicht ganz unten, sondern glücklich auf Erden. Noch seltsamer. Gedreht wurde im zerdepperten New Orleans, was wohl für einige eindrucksvolle Bilder sorgt und die Darsteller sollen ihre Sache gut machen. Ausreichende Gründe, sich das anzuschauen, sind das allerdings nicht. Aber die Tatsache, dass ausgerechnet Herzog hier Regie geführt hat, macht mich neugierig.

Abel Ferrara über ihn und alle anderen, die am Remake beteiligt waren: “Ich wünsche diesen Typen den Tod in der Hölle. Ich hoffe, sie sind alle im selben Auto und das fliegt in die Luft.” (via)

“Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“: Trailer | Links | Kinos

_

2005 hat Shane Acker im Rahmen seines Studiums einen atmosphärisch sehr düsteren Film mit Puppen aus Kartoffelsäcken animiert. “9″ hieß er und bekam viel Aufmerksamkeit, nachdem er für zwei Oscars nominiert worden war. Mit Hilfe von Tim Burton als Produzenten konnte Acker daran anknüpfend einen computeranimierten abendfüllenden Science-Fiction-Film fertigstellen, der ausnahmsweise mal nicht auch schon die ganz Kleinen ins Kino locken will. Sein Erfolg hätte endlich den Weg für mehr Animationsfilme bereiten können, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. Nur blieb der leider aus. Viel mehr als die Produktionskosten wird er nicht einspielen, so wie es aussieht. Und die waren gerade mal ein Fünftel so hoch wie bei einem Pixarfilm.

Die Kritiken sind durchmischt, die visuellen Qualitäten werden allseits gelobt, Plot und Dialoge dagegen viel getadelt. Die Kartoffelsackmännchen müssen in einer menschenfreien, postapokalyptischen Welt gegen Maschinen kämpfen und natürlich hängt wieder mal die Zukunft der Zivilisation von ihnen ab. Da gibt es dann eben doch wieder die üblichen Actionsequenzen in einer Geschichte, die wohl deutlich weniger originell ist, als die Optik. Ein Problem könnten auch die Sack-Figuren sein, die sich sehr gleichen, was die Charakterisierung erschweren dürfte und die außerdem schlichte Kulleraugen haben: Die Ausdrucksfähigkeit ist im Vergleich etwa zur Mimik von Wall-E beschränkt.

Der Filmdienst hat “9″ auf den Titel genommen und im Heft schwärmt Jörg Gerle über das “kleine Meisterwerk”: “Shane Acker wählte für sein retro-futuristisches Universum die magischen Puppenwelten eines Jan Švankmajer und der Brothers Quay, erweckt es mit der Emotionalität eines ‘Edward mit den Scherenhänden’ zum Leben, animiert es mit der Hightech-Software aus Hollywood und tönt das Ganze mit der Grimmigkeit der Märchenwelt von Terry Gilliam. Das ist unglaublich schön, traurig und erschreckend in einem, entlässt mit dem seltsamen Gefühl wohliger Betroffenheit und der vagen Hoffnung, dass die, die nach uns kommen, es einmal besser machen als wir.” Ganz und gar daneben wird er nicht liegen.

“9“: Trailer | Links | Kino (Ja, der Film “startet” mit genau einer Kopie in Berlin.)

_

_

Außerdem neu:

  • Ein brasilianischer Du-kannst-es-schaffen!-Film. Und zwar raus aus den Favelas und rein in den Popstarruhm. (”Antonia“)
  • Ein österreichischer Dokumentarfilm, “Plastic Planet“, der sich mit der Allgegenwart von Kunststoffen und den damit verbundenen Gefahren beschäftigt, wohl eher in der Tradition von Michael Moore stehend, als in jener der grimmigen österreichischen Dokus vom Schlage “Unser täglich Brot“.
  • Und ein deutscher Dokumentarfilm, für den unterschiedlichste Menschen in Berlin gefragt wurden, ob sie sich noch an Lieder erinnern können, die ihnen als Kleinkinder von ihrer Mutter vorgesungen wurden. Grit Lemke in der Jungen Welt: “Wer sich nach diesem Film nicht für eine Stunde zum Heulen abmeldet, hat entweder eine extrem glückliche Kindheit verlebt oder ist aus anderen Gründen als Freund nicht zu empfehlen.”
  • Erneut ein visuelles Großspektakel über Tiere, atemberaubend gefilmt aber wie üblich zugekleistert mit Musik. Der “Rolls-Royce der Meeresdokumentationen”, schreibt Reinhard Lüke im Filmdienst über den neuesten Streich der “Mikrokosmos“-Macher.
  • Europäischer Arthousekitsch, finanziert mit Geld aus vier Ländern, gedreht in einem fünften und betitelt in der Sprache eines sechsten, “The Rainbowmaker“. Ein unschuldiger Papa kommt aus dem Gefängnis nach Hause, um festzustellen, dass seine Kinder, denen erzählt wurde, er sei ein Geheimagent, nichts von ihm wissen wollen. Die Mama hat sich zwischenzeitlich einem Artisten zugewandt, aber dann landet auf einmal eine Pilotin und bringt die Familie wieder zusammen.
  • Eine Musicalverfilmung, die nicht nur “Nine” heißt, sondern bei uns auch noch am gleichen Tag startet wie “9″. Da dürfte manch einer im falschen Film landen …
  • Und eine weitere Trash-Komödie aus der Türkei. (”Eyyvah Eyvah!“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

_

Und noch etwas, der originale, elfminütige Kurzfilm “9″ von Shane Acker, von 2005. Puppentrick statt Computeranimation.

_

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Liebe 1961, eine echte Überraschung sowie ein falscher Blair und ein falscher Mandela

18. Februar 2010 - 18:17 Uhr

KW07

_

Um den hier kommt Ihr nicht drumrum: “An Education” läuft jetzt auch bei uns an, der Film, für den Nick Hornby das Drehbuch geschrieben und bei dem Lone Scherfig, die “Italienisch für Anfänger”-Dänin, Regie geführt hat. Die Geschichte von einer sechzehnjährigen Schülerin, die mitsamt ihren kleinbürgerlichen Eltern einem doppelt so alten Aufschneider auf den Leim geht, beruht auf den Erinnerungen der Kolumnistin Lynn Barber. Hornbys Dialoge sollen den Erwartungen entsprechend clever und komisch sein, die Früh-Sechziger-Jahre-Welt, in der das alles spielt, überzeugend und die Hauptdarstellerin, Carey Mulligan, umwerfend. Die Kritiken gleichen überwiegend Jubelarien, wenn gemeckert wird, dann meist über das Ende, das wohl nicht nur unangenehm moralistisch, sondern vor allem seltsam aufgesetzt wirkt. Dürfte uns jetzt, da wir das schon wissen, aber nicht viel ausmachen. In zweieinhalb Wochen gibt es vielleicht sogar Oscarauszeichnungen für den Film, nominiert wurde unter anderem Nick Hornby. Seine Frau wusste, als sie die Frage beantworten sollten, welche der übrigen Nominierten sie treffen wollten, sehr schnell eine Antwort. Sonderlich originell sei die nicht, meint Hornby in seinem Blog. (Nachtrag: Leser aus der Kinoprovinz Hamburg kommen sehr wohl drumrum, bei uns läuft “An Education” nämlich bereits in der Startwoche nur in Nachmittagsvorstellungen, also eigentlich gar nicht. Ich fasse es nicht.)

“An Education“: Trailer | Links | Kinos

_

“Es ist ein aufregender Sportfilm, eine inspirierende Geschichte über die Überwindung von Vorurteilen und, vor allem, eine faszinierende Studie über politische Führerschaft”, schreibt A. O. Scott in seiner Lobpreisung in der New York Times.  Für mich drei gute Gründe, “Invictus”, den neuen Film von Clint Eastwood, nicht anzuschauen. Eine Mischung aus Sportfilm und Biopic ist für meinen Geschmack ein ungenießbares Gebräu und wenn in einem Film über Südafrika dann auch noch auf “inspirierende Weise” Vorurteile überwunden werden, ist bei mir die Ekelgrenze erreicht. Wer weniger empfindlich ist, wird vermutlich Freude an der wohl, wie üblich, in jeder Hinsicht sauber erzählten Geschichte haben. Die geht so: Nelson Mandela, gespielt von Morgan Freeman, wem sonst, frisch gewählter Präsident, unterstützt persönlich die reinweiße Rugby-Nationalmannschaft. Die gewinnt daraufhin die Weltmeisterschaft, Ebenholz und Elfenbein kommen in perfekter Harmonie zusammen und das Land ist gerettet.

“Invictus“: Trailer | Links | Kinos

_

Die Vorlage stammt von Robert Harris, dem vielgelobten Autor von Thrillern wie “Enigma” und “Vaterland”. Auch historische Romane hat er geschrieben, stapelweise.

“Der Ghostwriter” erzählt von einem eben solchen, gespielt von Ewan McGregor, der im Auftrag eines ehemaligen britischen Premiers, der zu Amtszeiten eine auffällig enge Verbindung zum amerikanischen Präsidenten pflegte, für sehr viel Geld dessen Memoiren schreiben soll und schließlich eine Entdeckung macht, die ihn in große Schwierigkeiten bringt. Handlungsort ist im wesentlichen die kleine Atlantikinsel “Martha’s Vineyard”, für die Sylt herhalten musste. Die Gründe dafür: ein Haftbefehl und die deutsche Filmförderung, gedreht wurde ansonsten im Studio Babelsberg. Ja, es ist der neue Film vom unsympathischen Roman Polanski und es sieht so aus, als sei ihm da ein Film gelungen, der an die fabelhaften Genrestücke aus seinen besseren Zeiten erinnert. David Hudson schreibt im “Auteurs Notebook”, dass der “Ghostwriter” einiges von der moralischen Komplexität der Siebziger-Jahre-Paranoia-Thriller habe, also ein Stück besser sei, als die “Gute-Jungs-mit-Knarren-gegen-böse-Jungs-mit-Mädchen-Thriller”.

Der Schwager von Robert Harris ist übrigens Nick Hornby und über die Vorlage schreibt dieser: “Tony Blair soll extrem verärgert über ‘The Ghost’ sein, Sie müssen es also nicht einmal lesen, um seine wohltuenden Effekte zu spüren. Wenn das keine Definition von großer Literatur ist, dann weiß ich nicht, was es ist”. (Aus “Polysyllabic Spree“)

“Der Ghostwriter“: Trailer | Links | Kinos

_

Jetzt aber noch eine uneingeschränkte Empfehlung, die ausnahmsweise nicht auf Vorurteilen beruht. Denn “Die Friseuse” habe ich im Kino vorab gesehen und auch schon etwas drüber geschrieben. Ein Link zu der Kritik, die unter falschem, aber wohlbekanntem Namen veröffentlicht wird, folgt nach Erscheinen. Regie führte Doris Dörrie, der ich in meinem Text erst die Verantwortung für die deutsche Komödienpest von “Männer” bis zu den Hasenkükenfilmen aufbürde, um anschließend ihren neuen Film als Wiedergutmachung zu feiern. Erzählt wird eine Geschichte aus Ostberlin, es geht um eine fette Friseurin, die vom eigenen Salon träumt, um Hartz IV, um Krankheit, um illegale Einwanderung und um Mutter-Tochter-Konflikte und ich weiß, es fällt Euch schwer das zu glauben, aber es ist ein wirklich komischer Film. Alles stimmt, der Ton, die Ausstattung, die Besetzung und vor allem das Buch, geschrieben von Laila Stieler, die bereits drei Andreas-Dresen-Drehbücher verfasst hat, unter anderem für den tollen “Willenbrock“. Ostdeutscher Neo-Neorealismus zum Lachen von Doris Dörrie und es funktioniert auch noch. Was für eine Überraschung!

“Die Friseuse“: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ein deutscher “Highschool Musical”-Abklatsch. “Eine packende und romantische Musical-Komödie, mit hinreißenden Choreographien und rockigen Songs, die viel gute Laune und jede Menge Spaß verspricht”, so der Pressetext. (”Rock It!“)
  • Peter Jackson, dessen fröhlich-unbedarftes und sehr blutiges Frühwerk inzwischen nur noch eine ferne Erinnerung ist, hat völlig verquasten Esoquatsch verzapft: “In meinem Himmel” ist eine Bestsellerverfilmung, in dem die ermordete Hauptfigur aus einer Kitschhölle herab ihren Hinterbliebenen bei der “Trauerarbeit” zuschaut.
  • Gewalt und Frömmelei, Gott spricht zu Denzel Washington in einer postapokalyptischen Welt. Man fragt sich, für wen solch ein Quatsch wie “The Book of Eli” gemacht wird, vielleicht für Heranwachsende in freikirchlichen Gemeinden, damit die auch mal ruhigen Gewissens Geballer im Multiplex anschauen können?
  • Aber es gibt ja noch viel Schlimmeres, etwa ein Remake von “Die zehn Gebote” als schäbig computeranimiertes Spektakel. Da kann die ganze Familie gemeinsam erbauliche Kinokost zu sich nehmen. Mit den deutschen Stimmen von Ben Becker und Sky du Mont, die wirklich jeden Scheiß mitmachen.
  • Und wieder Trash aus der Türkei: Eine “wunderschöne, erwachsene und doch verbitterte junge Dame und Mitglied einer Terror-Organisation” (Pressetext) muss sich zwischen Attentat und Liebe entscheiden. (”Flügel der Nacht“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

Und noch etwas, eine wunderbare Kolumne vom mindestens schönsten Filmfestival der Welt, von Harald Martenstein, der offenbar zu Höchstform aufläuft, wenn er beleidigt ist. (Nachtrag: Ich wurde darauf hingewiesen, dass sich der Text erst so richtig erschließe, wenn man Martensteins vorausgegangene Kolumnen kenne. Vielleicht reicht aber auch das Wissen, dass diese mehrheitlich von Nörgelei geprägt waren.)

_

Und noch etwas, “Coming Home Baby” von Mel Torme, das auch im Soundtrack von “An Educaton” zu hören ist. Hier hübscherweise zuerst mit dreiunddreißigeindrittel Umdrehungen in der Minute:

_

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu zu Hause: Schnäpse und ein bisschen Lübeck

11. Februar 2010 - 23:45 Uhr

KW06

_

Diese Woche, in der die Berlinale startet, mag ich keinen Film sonderlich hervorheben, empfehle den Berlinern stattdessen den Besuch des Festivals, das wie immer ein gigantisches Programm auffährt und allen anderen zu Hause zu bleiben. Und vielleicht die eine oder andere DVD zu gucken. Zum Beispiel ist gerade “35 Rum” erschienen, der Claire-Denis-Film aus dem letzten Jahr. So hatte ich ihn in der alten Kinoprovinz vorgestellt:

“Wem “Nénette und Boni“, das schöne kleine Alltagsdrama von 1996 mit solchen schönen Szenen, Vincent Gallo, Valeria Bruni Tedeschi und Musik von den Tindersticks schon zu langatmig war, dem wird der neueste Film von Claire Denis sicher nicht gefallen. Denn die unspektakulär erzählte Geschichte eines allein erziehenden Lokführers und seiner erwachsen werdenden Tochter verzichtet auf dramatische Zuspitzungen und erzählt vor allem mit Bildern: Kein Film, bei dem man gleichzeitig bügeln kann und trotzdem nichts verpasst. ‘‘35 Rum’ entfaltet einen attraktiven Sog’, schreibt Diedrich Diedrichsen in Cargo. Ich freu mich drauf. Irritierend: Der Filmförderung sei Dank tauchen notdürftig vermittelt Ingrid Caven und die Hansestadt Lübeck auf der Leinwand auf.
Wer die Tindersticks mag, hat einen guten Grund für einen Kinobesuch: Zwölf Jahre und sechs Claire-Denis-Filme nach ‘Nénette und Boni‘ stammt die Musik wiederum von der britischen Band und wird diesmal nicht auf einem Album veröffentlicht.”

In den Diederichsen-Text habe ich eben noch einmal reingeschaut und bin über einen Satz gestolpert, den ich Euch nicht vorenthalten mag: “Ich will nicht alles spoilen, was Claire Denis für den fünften Akt eingefallen ist”, schreibt er. Ich spoile, du spoilst, er spoilt. Heute noch ekelig, morgen schon alltäglich?

“35 Rum“: Trailer | Links | DVD

_

Wer die Berlinaleberichterstattung verfolgen will, hält sich, wie jedes Jahr, am Besten an die Presseschau der Film-Zeit. Und an den Berlinale-Blog des Perlentaucher, bespielt von Ekkehard Knörer, Thomas Groh und Cargo-Konsorten. Aufmerksam gemacht wurde ich auch auf ein teils recht komisches Interview mit Erika und Ulrich Gregor, dem langjährigen Leiter des Forums, des Arsenals und Co-Autor der “Geschichte des Films“, die mich vor langer Zeit – bis dahin jung und dumm – in Windeseile jung und ein bisschen weniger dumm gemacht hat. Das Gespräch hat Matthias Dell für den Freitag geführt:

Wie standen Sie als Liebhaber des Kinos dem Fernsehen gegenüber? Hatten Sie von Beginn an ein Gerät?

Erika Gregor: Nein, wir hatten keinen Fernseher.

Ulrich Gregor: Zu Hause? Na sicher, ich war doch Fernsehkritiker!

Erika Gregor: Ja, da haben wir einen gekauft. Als wir in den sechziger Jahren die Freunde der Kinemathek machten, haben wir ja acht Jahre lang ohne Bezahlung gearbeitet. Von irgendwas mussten wir aber leben. Die Sechziger waren gute Jahre für Westberlin, weil alle reichen Leute weggingen aus Angst vor dem Chruschtschow-Ultimatum. Man konnte sehr billig wohnen. Wir hatten eine 4 1/2 Zimmer-Wohnung, die wir, bevor es Wohngemeinschaft als Terminus gab, mit zwei Freunden bewohnten, für 248 Mark, warm. Und zum Essen brauchten wir auch wenig, Spaghetti kosteten 40 Pfennig, und angestoßene Tomaten kriegte man immer, damit konnte man wunderbare Sachen machen. Trotzdem musste man Geld verdienen, und Ulrich schrieb eben Filmkritiken. Irgendwann fragte ihn der Tagesspiegel, ob er die Fernsehkritik machen würde. Da haben wir dann einen Apparat gekauft.

Ulrich Gregor: Daraufhin. Schwarzweiß natürlich.

Erika Gregor: Es gab pro Fernsehkritik 25 DM, der Tagesspiegel erschien damals 6 Mal in der Woche, das waren 600 DM im Monat. Davon konnten wir bequem leben.

_

Neu im Kino:

  • Ein mächtig ambitionierter deutscher Film, “Die zwei Leben des Daniel Shore“. Spielt in einem realistischen Marokko, wo ein Junge vom Dach fällt und in einem kafkaesken Stuttgart, wo jede Menge “skurrile” Gestalten auftauchen. Ich bin skeptisch. In der Hauptrolle: Kinskisohn Nikolai, in weiteren Rollen sind Katharina Schüttler, Matthias Matschke und Judith Engel zu sehen, die ich allesamt schon vor der Kamera hatte:

    _

    matschke_schüttler_engel

  • Ein Fantasy-Spektakel von Harry-Potter-Regisseur Chris Columbus, angelegt als weiteres großes Franchise. Ein halbwüchsiger US-Amerikaner entdeckt, dass er eigentlich der Sohn von Poseidon ist und wird flugs in Kämpfe um des Zeus’ Blitz verstrickt. Später geht es sogar ab in den Hades, dessen Zugang sich in Los Angeles unterm Hollywoodschriftzug befindet. “Eher eine B-Variante von ‘Harry Potter’, geeignet für alle, denen die Hogwarths-Mythologie zu kompliziert war”, meint Frank Arnold in Epd Film. Aber andererseits wohl auch kein reiner Schrott. (”Percy Jackson – Diebe im Olymp“)
  • Der Werwolfmythos musste jetzt auch mal langsam wieder aus der Kiste geholt werden, das Remake des klassischen Universal-Horrorfilms “Der Wolfsmensch” scheint zur Abwechslung mal keine bemühte Modernisierung voll von vermeintlich lustigen Sprüchen und Special Effects zu sein, sondern orientiert sich stark an der Vorlage. Bloß macht das eine Neuverfilmung eigentlich noch überflüssiger, oder? (”Wolfman“)
  • Die Verfilmung der wahren Geschichte eines heroischen Widerstandskämpfers, “Max Manus“, diesmal aus Norwegen. War arschteuer, ja der teuerste norwegische Film aller Zeiten und in seiner Heimat überaus erfolgreich. Wer allmählich, wie ich, keine Lust mehr hat, sich solche konventionellen Dramen mit vielen Nazis anzuschauen, ist hoffentlich nicht gleich selber einer.
  • Ein weiteres Sequel der türkischen Serie um eine Hauptfigur, deren komisches Potential sich in ihrer starken Behaarung und ihrem unflätigem Benehmen zu erschöpfen scheint. (”Recep Ivek 3“)
  • Eine Romcom, die aus vielen kleinen Romcoms besteht, mit Stars von Shirley McLaine bis zu Julia Roberts. Dürfte immerhin abwechslungsreicher sein als üblich, so könnte man sagen, wollte man versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen. (”Valentinstag“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

Und noch etwas, ein Kommentar bei Ingo Niermann:

Was Fatih Akin von Helene Hegemann lernen kann:
“Plagiat” heißt jetzt Fremdeinschreibung.

Helene Hegemann, Regisseurin von “Torpedo“, die nächste Woche erst volljährig wird, hat mit ihrem Debütroman “Axolotl Roadkill” mächtigen Aufruhr verursacht. Erst im Feuilleton, da wurden überlaut Hymnen angestimmt (am lautesten von Maxim Biller in der FAS) und vereinzelt verhaltene Verrisse verfasst. Und dann in den Blogs. Deef Pirmasens hat in seinem demonstriert, wo Hegemann abgeschrieben hat. Am interessantesten ist die Diskussion jetzt bei Andrea Diener, deren Kommentatoren auf weitere fragwürdige Stellen und auf eine 1:1-Kopie in Hegemanns Film hinweisen. Hier und hier. Das zu verfolgen macht mehr Spaß als die Buchlektüre. Jede Wette.

_

Und noch etwas, “Black Smoke” vom gerade erschienen Tindersticks-Album “Falling Down A Mountain”:

_

_

3 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Saubermann, Sicherheit und Wagemut

4. Februar 2010 - 15:26 Uhr

KW05

_

Oben im Himmel bewegt sich unentwegt George Clooney, unterwegs als vielfliegender Saubermann im Auftrag unterschiedlichster Unternehmen, deren Mitarbeitern er schlechte Nachrichten überbringt. Immer geht es um Entlassungen. Es braucht nicht einmal die Ahnung von Fantasie, um sich vorzustellen, dass das eine Rolle ist, die Clooney mit Bravour spielt. Die Geschichte kommt durch zwei Frauen in Bewegung: In die eine verliebt er sich und die andere stellt eine Bedrohung dar, sie treibt die Einsparung der persönlichen Benachrichtigungen voran.

Bösartige Systemkritik ist das sicher nicht, eher eine konventionelle Komödie, jedoch von der intelligenten und eleganten Sorte. Regie führte Reitman jr., der Sohn von Ivan, der vor zwei Jahren großen Erfolg mit der Teenie-als-Mutter-Komödie “Juno” hatte.

Die Kritiker sind überwiegend voll des Lobs, in den USA tanzt aber Keith Uhlich von TimeOut New York aus der Reihe: “The work of director Jason Reitman is a rancid mixture of acid and sugar, each element working to cancel the other out so that you’re never entirely put off by either the fashionably acrid bitterness or the conventional Hollywood sap.” Eckehard Knörer ist der Spielverderber bei uns: Der Film “verkörpert eines nämlich in Vollendung: einen jede Konsequenz scheuenden Kuschelkonservatismus; rasch in die Knie gehende Gesellschaftskritik. Er tut zeitdiagnostisch, verkriecht sich in Wahrheit aber einfach unter der Decke. Analyse muss kalt sein, aber der Weg von ‘Up in the Air’ geht nach innen, dahin, wo es so angenehm nestwarm mieft.”

Dürfte ähnlich wie bei “Juno” sein, schätze ich: Die harte Kritik ist eigentlich berechtigt, doch gibt man trotzdem gern dem unbestreitbaren Charme des Films nach.

“Up In The Air”: Trailer | Links | Kinos

_

Der Ungar Nimród Antal hat vor sieben Jahren mit seinem düsteren U-Bahn-Thriller “Kontroll” allerorts überrascht und begeistert und hat sich von der dadurch ausgelösten Welle gleich bis nach Hollywood tragen lassen. Beim richtig großen Geld ist er erst jetzt angekommen, dreht er doch gerade ein Sequel von “Predator“. Sein heute startendes Caper-Movie “Armored” kann zwar mit Darstellern wie Matt Dillon und Jean Reno aufwarten, hat für amerikanische Verhältnisse aber fast nix gekostet, 25.000 $, gerade mal so viel wie der “Baader-Meinhof-Komplex”.

Es geht um einen Überfall auf einen Geldtransporter, ausgeführt von den Angestellten der Sicherheitsfirma selber. Der vermeintlich bombensicher ausgeklügelte Plan geht selbstverständlich schief, doch scheint der Film intelligent mit dem Standardplot zu spielen und einige Überraschungen zu bieten. Die Kritiken in den USA sind eher durchmischt, fast alle bescheinigen dem Thriller handwerkliche Qualitäten, doch zu Begeisterungsstürmen lässt sich keiner hinreißen. Solche Geschichten hat man sich vermutlich doch einfach zu oft erzählen lassen und eine ganz so überzeugende Genre-Wiederbelebung wie “Inside Man” oder manche Coen-Filme ist es dann wohl auch wieder nicht.

Wer “Armored” sehen will, sollte sich beeilen, der wird voraussichtlich schnell wieder aus den Multiplexen verschwunden sein. Solide, relativ Special-Effects-freie Actionware ohne die ganz großen Stars tut sich meist eher schwer an der Kasse und die Beibehaltung des Originaltitels, den hierzulande vermutlich nicht einmal zehn Prozent des Publikums versteht, dürfte auch nicht gerade hilfreich sein. Die Kinobetreiber jedenfalls scheinen sehr geringe Erwartungen zu haben: In der Kinoprovinz Hamburg etwa zeigen sie den Film in drei von vier Kinos schon in der Startwoche nur in Spätvorstellungen …

“Armored”: Trailer | Links | Kinos

_

“Welcome” ist ein ironischer Titel, willkommen sind die illegalen Einwanderer, um die es geht, in Frankreich nämlich nicht. Der Film von Phillipe Lioret schildert wohl sehr präzise und glaubhaft die Geschichte eines kurdischen Flüchtlings, der von Calais aus nach England gelangen will, wo seine Freundin gelandet ist. Sein Plan: Rüberschwimmen. Beim Training stößt er auf einen desillusionierten Schwimmlehrer, der erhebliche Risiken eingeht, um dem wagemutigen Reisewilligen zu helfen. Bei einem Vergleich mit den aufrührenden Dramen der Dardennes dürfte “Welcome” eher nicht so gut wegkommen, aber schlicht und gut dürfte der kleine Film schon sein.

“Welcome”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Das Edel-Eichinger-Gespann hat versucht “8Mile” über und mit Eminem mit dessen deutscher Westentaschenausgabe nachzubauen und ist bei Themenwahl wie Ausführung wohl so offensichtlich gescheitert, dass dieses Mal nicht einmal – wie sonst so verlässlich – Frank Schirrmacher und der Spiegel unentgeltlich die große Werbetrommel rühren. (”Zeiten ändern dich“)
  • Ehrgeiziger Anwalt mit politischen Ambitionen versucht sich rücksichtslos eine hohe Verurteilungsquote zu beschaffen. Klingt wie ein Michael-Douglas-Film? Ist auch einer und zwar ein recht mieser, wie es scheint. Beruht auf Fritz Langs B-Picture “Jenseits jeden Zweifels“. (”Gegen jeden Zweifel“)
  • Ein betulicher Film über Liebe mit Falten, mit Corinna Harfouch und Bruno Ganz. Nach einer Vorlage von Martin Suter. (”Giulias Verschwinden“)
  • Ein wohl etwas unausgewogener und nicht klischeefreier Film einer chinesischen Regisseurin, ausschließlich mit europäischem Geld realisiert. Erzählt wird episodenhaft von einer jungen Frau, deren Weg sie aus der chinesischen Provinz über Peking nach, klar, Europa führt. Michael Ranze warnt im Filmdienst vor der deutschen Fassung. “Ein Skandal ist die deutsche Synchronisation des Films: Sie nivelliert mit ihrem fehlerfreien Hochdeutsch alle Kulturunterschiede und trägt auch Meis Bemühungen, Englisch zu lernen, keine Rechnung.” (”She, a Chinese“)
  • Teil zwei der Krimi-Trilogie, die jeder außer mir gelesen zu haben scheint. Ich werde da nicht mehr einsteigen. Nichts, was ich über Verfilmungen oder Vorlagen gelesen habe, hat mich so richtig überzeugt. (”Verdammnis“)
  • Und die zillionste Buddhismus-Doku. (”Buddha’s Lost Children“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten – noch besser als bei kino.de –
bei moviepilot raus.

_

Und noch etwas:

Der Trailer für den wahrscheinlich schlechtesten Film, in dem George Clooney je mitgespielt hat.

2 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Ein toter Salinger und drei Antworten

1. Februar 2010 - 16:32 Uhr

salinger-7682

Wenn einer wie Salinger stirbt, erscheint eine Flut von Nachrufen, in denen in der Regel nichts Neues steht, schlimmstenfalls Blödsinn wie: “Wir vermissen seit heute Jerome D. Salinger.” Wie kann man den unsichtbaren, seit Jahrzehnten verstummten Autoren vermissen? Jedenfalls haben 2010 sogar die Leser der Bildzeitung erfahren, dass es da diesen Schriftsteller gab, dessen Hauptwerk “Kult” sei. Und “es ist der erfolgreichste Roman des 20. Jahrhunderts: 25 Millionen mal verkauft”, schreibt Bild. Tatsächlich wurde der “Fänger im Roggen” laut Wikipedia sogar 65 Millionen Mal verkauft, was ihn aber trotzdem nicht zum bestverkauften Roman des Jahrhunders macht: Tolkien liegt sowohl mit dem “Herrn der Ringe” (150 Millionen) als auch mit dem “Hobbit” (100 Millionen) weiter vorn und selbst “Der kleine Prinz” (80 Millionen) und Agatha Christies “Zehn kleine Negerlein” (100 Millionen) haben mehr verkauft. Das Harry-Potter-Finale kommt übrigens erst ein ganzes Stück weiter unten in der Liste, mit 44 Millionen Exemplaren. Aber eigentlich wollte ich hier gar nicht Bildblog spielen, sondern auf dreierlei Fragen kommen, die mir beim Lesen der ganzen Nachrufe teils wieder und teils erstmals in den Sinn gekommen sind. Nein, die Fragen spar ich mir, hier sind die Antworten.

_

Erstens:

Meine Ausgabe vom “Catcher in the Rye” von 1982 – jaja, genau, da war ich fünfzehn, wie alle – also die einzige Fassung des Textes, die mir bekannt ist, wurde offenbar verstümmelt, verfälscht und gekürzt. Guckt mal in Eure Regale, vielleicht seid Ihr auch betroffen. Alle britischen Ausgaben, die vor 1994 erschienen sind, weichen an mehr als 800 Stellen vom Original ab. Auch manche  Zahmheiten der Böllschen Übersetzung gehen offenbar auf die geglättete britische Version zurück, aus der jedes “Fuck You!” verbannt wurde. Und keiner hat je eine Rückrufaktion gestartet. Ein Fall für den Altpapiercontainer. Hier ein hilfreicher Artikel zu den verschiedenen Textfassungen und deutschen Übersetzungen von Reinhard Helling aus der Berliner Zeitung.

_

Zweitens:

Die auffällig karge Gestaltung vieler Salinger-Ausgaben, auch der deutschen, geht wohl tatsächlich auf eine Klausel zurück, die er in all seine Verträge aufnehmen ließ:

“In the 1950s Salinger had a clause put in his publisher’s contracts that insisted only the text of the title of the book and his name were to appear on any future editions of his work, and absolutely no images. This hard line was particularly prompted by an early fatal experience with a publisher who covered a collection of short stories, then titled for Esmé – with Love and Squalour (after one of them) with a dramatic illustrated portrait of a seductive blonde. Salinger’s outrage is understandable: his Esmé is a precocious young girl of seven, and the story depicts a chance encounter and redemptive conversation with a solider on the verge of a nervous breakdown. Nevertheless, it’s instructive to see how various publishers and nationalities have dealt with Salinger’s legal one-liner over the past half-decade of reprints and new editions.” (via)

Das hier ist das Cover, das seinen Unmut erregt hat:

1For Esme

Auf der aktuellen amerikanische Ausgabe des “Fänger” prangt allerdings sehr wohl ein Bild, die Ross-ohne-Reiter-Illustration und überhaupt die ganze Umschlaggestaltung stammt allerdings von der Originalausgabe von 1951, das konnte der alte Bilderverbieter wohl nicht verhindern. Schade eigentlich, mir gefällt das nostalgische Cover überhaupt nicht.

_

Drittens:

Dass es erfreulicherweise keine Verfilmung gibt, deren Bilder unsere eigenen überlagern könnten, ist, man kann es sich denken, auch kein Zufall: Offenbar gab es zahlreiche Versuche, an die Rechte zu kommen. Steven Spielberg und Harvey Weinstein bekamen auf ihre Anfragen nicht einmal eine Antwort und Billy Wilder hat berichtet: “Of course I read ‘The Catcher in the Rye’….Wonderful book. I loved it. I pursued it. I wanted to make a picture out of it. And then one day a young man came to the office of Leland Hayward, my agent, in New York, and said, ‘Please tell Mr. Leland Hayward to lay off. He’s very, very insensitive.’ And he walked out. That was the entire speech. I never saw him. That was J. D. Salinger and that was ‘Catcher in the Rye’.”

Kommentare deaktiviert | Schöne Worte

Neu im Kino: Sherlock Holmes und der Fall der Fleischbällchen

28. Januar 2010 - 19:09 Uhr

KW04

_

“Sherlock Holmes” ist ein Film von Guy Ritchie, der einst mit dem höchst kurzweiligen “Lock, Stock and Two Smoking Barrels” den britischen Gangsterfilm wiederbelebt hat, vor allem aber durch seine inzwischen längst beendete Verbindung mit einer Sängerin bekannt wurde. Der neue Film dürfte mit seinem geschätzten 90-Millionen-Dollar-Budget mehr gekostet haben als alle bisherigen Ritchie-Filme zusammen, ist als erster Baustein eines Riesen-Franchise-Geschäfts konzipiert und entzieht sich darum jeder Vergleichbarkeit mit früheren Filmen des Regisseurs. Da die aber eh zunehmend enttäuschend ausfielen, ist der geringere Einfluss Ritchies auf den aktuellen Film kein Grund zur Klage.

Mit den Erzählungen von Arthur Conan Doyle scheint der Blockbuster, wenig überraschend, auch nicht viel zu tun zu haben, in einem solchen Action-Reißer hat die originale, kühl kombinierende, archetypische Detektivfigur nichts verloren, hier muss immer gleich die Welt gerettet, nicht nur das Verschwinden eines Verlobten erklärt werden. Vergleichen muss man das Unterfangen also eher mit der üblichen Superheldenware und bei einem solchen Vergleich käme “Sherlock Holmes” vermutlich ganz gut weg. Denn die Dialoge haben Witz, die Action-Sequenzen sehen dank exzessiver Zeitlupe erfrischend anders aus und auch das denkbar unfuturistische Setting dürfte eine erfreuliche Abwechslung darstellen. Vor allem aber wird Holmes von keinem geringeren als Robert Downey Jr. gespielt, dessen unernster Ansatz selbst potentiell öden Marvel-Verfilmungen den rechten Pfiff verleiht. Er ist zur Zeit der einzige Hollywood-Star, der mich selbst in eine konventionelle Romcom locken könnte. Alles in allem also ein klarer Fall von: kann man gucken. Die Kritiken sind durchwachsen, den imdb-Nutzern gefällt es (7,7), an der Kasse war es ein Erfolg, so dass Teil zwei bereits in Arbeit ist. .

“Sherlock Holmes”: Trailer | Links | Kinos

Und wer am originalen koksenden und asexuellen Holmes hängt, kann sich ja einfach die Bücher nochmal vornehmen. Die gelungenen Haffmans-Neuübersetzungen aus den Achtzigern von Gisbert Haefs & Konsorten gibt es heute in Taschenbuchausgaben bei Insel. Das sind so ziemlich die einzigen Whodunnits, die mir je Spaß gemacht haben, beim ersten Lesen als Steppke genau wie beim zweiten Durchlauf viele Jahre später.

_

Von computeranimierten Filmen jenseits von Pixar, Disney und Dreamworks erwartet keiner viel, erst recht nicht, wenn es um einen wahnsinnigen Wissenschaftler und herabregnendes Junkfood geht. Da denkt man unwillkürlich an die miesen Trickserien in den Kinderkanälen. Wider Erwarten spricht allerdings einiges dafür, dass “Wolkig mit Aussichten auf Fleischbällchen”, ein 3D-Film aus dem Hause Sony, sehr komisch ist, verdammt gut aussieht und keineswegs auf Nummer sicher geht, indem er alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt. Die Figuren sind in einem reduzierten Cartoonstil gestaltet und die Handlung, komplett durchgeknallt, hat auch mehr mit Tex Avery zu tun als abendfüllende Trickfilme sonst. Jerry Beck hat es sehr gefallen und den allermeisten Cartoonbrew-Kommentatoren auch. Und manche negativ gemeinte Aussage in den Kommentaren klingt in meinen Ohren wie eine Empfehlung: “There were absolutley no rules in this world, nothing was explained, (…) there was nothing to grab on to. Anything could happen, and did.” (imdb: 7,3; Tomatometer: 86%; Metacritic: 66)

“Wolkig mit Aussichten auf Fleischbällchen”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Berlin – Stettin“. Richtig geraten, von Volker Koepp, dem unbeirrbaren Porträtisten von Landschaften und Leuten, dessen beeindruckende Filmografie mittlerweile fünfzig Titel umfasst. Hier eine ausführliche Besprechung von Margarete Wach im Filmdienst.
  • Eine französische Dreiecksgeschichte. Kristin Scott Thomas gibt eine unzufriedene Vierzigjährige, die sich frisch verliebt. Soll klug und klischeefrei inszeniert sein und ungewöhnlicherweise die ökonomischen Fragen bei Liebesdingen nicht außer Acht zu lassen. (”Die Affäre“)
  • Teil zwei des Episodenfilmprojekts von Emmanuel Benbihy, in dem jeweils namhafte Regisseure mit namhaften Darstellern kleine Liebesgeschichten aus namhaften Städten erzählen. Nach “Paris, I Love You” ist “New York, I Love You” wohl ein wenig enttäuschend geraten. Tony Oliver Scott schreibt in der New York Times: “But in spite of some attempts at human and neighborhood variety, the stories have a self-conscious sameness, as if they were classroom assignments in an undergraduate fiction-writing class. Which, in a way, they are.” Der Titel kommt mir nicht nur saublöd, sondern auch falsch vor. Muss es nicht heißen “I ❤ NY”? Die Regisseure sind vorwiegend Exoten wie Mira Nair oder auch Fatih Akin, der mit Polygamie offensichtlich kein Problem hat.
  • Noch eine Kompilation aus lauter kleinen Liebesgeschichten, nur andersrum: Alle Episoden stammen von einem Regisseur und gedreht wurde in sechs Städten rund um die Welt. New York ist dabei, statt auf Paris fiel die Wahl allerdings auf Marseille. Regie führte der Österreicher Thomas Woschitz, die Musik, wohl recht dominant eingesetzt, stammt von Naked Lunch, die den Film auch ab und zu live begleiten . (”Universalove“)
  • Eine französische Komödie über ein Paar, das Rollentausch als Beziehungstherapie einsetzt. Mit Dany Boon und Sophie Marceau. “Doofes Ende. Doofer Film. Einfach nur doof”, meint die Welt. (”Auf der anderen Seite des Bettes“)
  • Ein deutsches Biopic, das sich, wie neulich schon ”Bright Star” – Mein Liebe. Ewig“ auf die Frau an der Seite einer historischen Persönlichkeit konzentriert. Schlimmer geht’s immer. Die Opfer diesmal: Leo Tolstoi und Gattin. Ob sich die unerschrockene Krieg-und-Frieden-Leserin Anke Gröner das wohl anschaut? (”Ein russischer Sommer“)
  • Passenderweise eine Doku über Swetlana Geier, mehr oder weniger bekannt für Übersetzungen aus dem Russischen. (”Die Frau mit den fünf Elefanten“)
  • Eine deutsche Doku über das New York Harlem Theatre. (”Porgy & Me“)
  • Und ein türkischer Thriller um einen Serienmörder und Vergewaltigungen von Kindern. (”Die Drachenfalle“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

_

Und noch etwas:

Ein Ausschnitt aus Woody Allens erfreulichem Beitrag zu einem auch schon recht durchwachsenen New-York-Episodenfim von 1989:

_

Woody Allen im New York Magazine: “Paris is the only city, I think, that can compete with New York. Paris is a more beautiful city, but it’s not more exciting.” Vielleicht sind beides heutzutage auch nur gleichermaßen langweilige, totgentrifizierte Städte, bar jeder Aufregung. Schön präparierte Leichen.

Aber vielleicht hat Jonathan Richman ja auch immer noch Recht:

1 Kommentar » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Gleiten statt Glühwein

27. Januar 2010 - 14:00 Uhr

Alster270110-7430

Wir sind hier in Hamburg allesamt fixiert auf das Winter für Winter erhoffte Zufrieren der Alster. Wenn es dann mal passiert und die Eisfläche zum Betreten freigegeben wird, wie zuletzt vor dreizehn Jahren, löst das einen einzigartigen kollektiven Freudentaumel aus, über Klassen- und alle sonstigen Schranken hinweg. WM-Siege und Wiedervereinigungen werden in der Hansestadt vergleichsweise kühl und vor allem von weniger Personen gefeiert. Sobald das Thermometer mal unter Null fällt, thematisiert die Lokalpresse die Chancen auf ein “Altereisvergnügen” und dieses Jahr, in dem  es dann wirklich mal wieder kalt genug ist, herrscht entsprechend große Aufregung.

Die erhoffte Freigabe für dieses Wochenende wird jedoch nicht erteilt, wie das Abendblatt meldet, da die Temperaturen steigen und die vorgeschriebenen 20 Zentimeter Eisdicke knapp nicht erreicht wurden. Das ist aber gar keine schlechte, sondern eine gute Nachricht: Denn erstaunlicherweise toleriert die Polizei bereits seit dem Wochenende das unerlaubte Betreten des Eises und die Oberfläche ist so wunderbar glatt und völlig frei von Schnee, wie ich das auf der Außenalster noch nie erlebt habe. Ein Traum für alle, die mit Kufen unter den Füßen unterwegs sind. Ich bin gestern bei Sonnenschein von Winterhude zur Innenstadt und wieder zurück geflitzt und dachte dabei, dass das eigentlich die schönste Fortbewegungsart ist, die ich kenne. Eine Freigabe hätte aber bedeutet, dass auf der Außenalster Buden aufgebaut werden dürften und Tausende von Wurstessern und Glühweintrinkern uns Eisläufern im Weg rumstünden und oft auch -lägen. In früheren Jahren kam man sich nicht ins Gehege, da die Budenbesucher auf der Außenalster auf miesem Eis rumstanden und die Schlittschuhläufer auf sämtlichen Fleeten und auf der Alster kilometerweit gen Norden freie Bahn auf erstklassigem Eis hatten.

Schnee ist allerdings vorausgesagt, spätestens für heute Nacht, darum packe, wer in Hamburg ist und welche hat, schnell seine Schlittschuhe ein und gehe lieber gleich noch raus, morgen vergällt uns vielleicht ein durchgehender weißer Bremsbelag die Freude.

11 Kommentare » | Hamburch

Ramayana Remix

22. Januar 2010 - 17:59 Uhr

03.RavanaLustsSita

So, der Januar ist ja schon bald rum, Zeit zu verkünden, welches mein Filmerlebnis des Jahres war, des laufenden, versteht sich. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich in den kommenden elf Monaten noch etwas zu sehen bekommen werde, dass mich ähnlich überraschen und begeistern wird wie “Sita Sings The Blues” von Nina Paley.

Es ist ein amerikanischer Trickfilm, der das indische Nationalepos Ramyana mit Bluessongs aus den zwanziger Jahren verbindet. Doch, das ist wirklich richtig gut. Im Ernst.

Gesehen habe ich das einzigartige Werk in kleiner Runde zuhause, nicht im Kino, wo es hierzulande voraussichtlich auch nie auftauchen wird. Allerdings hat seine unspektakuläre Premiere bei uns stattgefunden, im Rahmen der Berlinale 2008, da lief “Sita” absurderweise gut versteckt in der Jugendsektion “Generation 14+”, mit der üblichen Folge, dass kein Mensch darüber berichtet hat.

“Sita Sings The Blues” ist der erste abendfüllende Film, der im wesentlichen von einer einzigen Person hergestellt wurde, der erste “Autorenfilm”, der diese Bezeichnung wirklich verdient. Fast fünf Jahre hat das gedauert und die Voraussetzung dafür waren Flash und ähnliche Animationssoftware, Paley hat den Film am Laptop zusammengebastelt. Anderthalb Stunden simple Computeranimation, mag man sich fragen, ist das nicht furchtbar? Ist die Technik nicht viel zu limitiert, ist das Ergebnis nicht eintönig, primitiv und langweilig? Das Gegenteil ist der Fall. Komischerweise wirkt die ultraflache Animation hier kein bisschen beschränkt, sondern auf ihre sehr eigene Weise  geradezu prächtig und überbordend. Eine Rolle spielt dabei sicher, dass in mehreren völlig verschiedenen Stilen animiert wurde, die sich fortwährend abwechseln. Und das wirkt keineswegs wirr, da jeder Stil jeweils Ausdruck einer bestimmten inhaltlichen Ebene ist.

Teils wird die traurige Liebesgeschichte von Rama und Sita im Stil traditioneller indischer Malerei erzählt, die bewusst ruppig in Bewegung gesetzt wurde, begleitet von entsprechend hölzernen Dialogen. Dann versuchen immer wieder drei Inder, höchst unzuverlässige Erzähler allesamt, die Geschichte mündlich vorzutragen, nur leider erinnern sie sich nicht allzu gut. Dargestellt werden sie von traditionellen Schattenfiguren, während im Hintergrund ihre Erzählung fortwährend und blitzschnell von animierten Collagen illustriert und kommentiert wird. Oft ist das ausgesprochen komisch, vor allem wenn die Sprecher sich uneins sind und visuell Korrektur auf Korrektur folgt. Dazwischen erklingen immer wieder wunderschöne alte Bluessongs von Anette Hanshaw, die Sitas Liebesleid nicht nur widerspiegeln, sondern die Handlung auch weiter vorantreiben. Denn während Sita, die in diesen Sequenzen an Betty Boop erinnert, singt, überstürzen sich regelmäßig die dramatischen und teils recht blutigen Ereignisse. Die Optik dieser Passagen ist von einem knalligen, modern reduzierten Design geprägt.

Aber das ist noch nicht alles. Eine autobiografische Ebene gibt es auch noch, in der Paley in pseudoanaloger Wackelanimation von ihrer eigenen unglücklichen Liebe berichtet, die, wie sich heraustellt, der Anstoß für das ganze Projekt war. Und dann sind noch mehrere Szenen vorhanden, die sich keiner der genannten Ebenen zuordnen lassen, etwa eine wunderbare Tanzszene, für die Paley Realfilmaufnahmen als Vorlage verwendet hat (Rotoskoptechnik).

Das Ergebnis ist ein persönlicher Film, wie ihn zuvor noch keiner gemacht hat, der berührt und visuell schwer beeindruckt und auf verblüffende Weise scheinbar völlig disparate Elemente zusammenführt. Komisch zudem, intelligent und, wie gesagt, ganz und gar einzigartig.

In unserer kleinen Runde waren allerdings nicht alle gleichermaßen angetan, die Hälfte war begeistert, die andere eher ratlos. (”Bleibt das so?” “Ganz nett, aber das ist ja kein richtiger Film.”)

Wer neugierig geworden ist, kann sich “Sita” hier gratis und völlig legal aus dem Netz holen. Am besten als DVD-Imagedatei. (Achtung: Es werden zwei Versionen angeboten, die offizielle und die inoffizielle, nur letztere enthält deutsche Untertitel.)

Paley hat also nicht nur als Erste im Alleingang einen abendfüllenden Film hergestellt, ihr Film ist auch der erste, der nach Belieben frei kopiert werden kann. Die Geschichte, wie sie eher zufällig zur Creative-Commons-Vorkämpferin wurde, ist fast so spannend wir “Sita” selbst. Hier eine kurze Doku dazu, “The Revolution Will Be Animated”:

_

_

Trailer | Website | Merchandising | imdb | Paley-Interview | Roger Ebert | Anette Hanshaw

_

Auch interessant: Eine Online-Petiton aufgebrachter Hindus: “The animation film ‘Sita Sings The Blues’ is derogatory and extremely insult to Hindu culture, its role models and Ramayana which is a religious book of Hindus.” Ich hatte immer gedacht, die seien ein klein wenig entspannter. Von wegen.

_

Kommentare deaktiviert | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Große Verzweiflung und wahre Liebe

21. Januar 2010 - 15:17 Uhr

KW03

_

Wie schön, ein neuer Film der Coen-Brüder läuft diese Woche an. Vielleicht ist die Freude über alles Neue von den begnadeten Schöpfern der intelligentesten und komischsten Genrefilme, die das amerikanische Kino in den letzten drei Jahrzehnten hervorgebracht hat, vor allem deshalb so groß, weil es schon mal so aussah, als wäre die Kette makelloser Meisterwerke endgültig abgerissen: Nach “Ein unmöglicher Härtefall“, gefolgt vom “Ladykillers“-Remake musste man davon ausgehen, dass die Brüder aus dem mauen Mainstream nicht wieder herauskommen.

Geschah dann aber doch, “No Country For Old Men” war eine unverhoffte Rückkehr zu alter Form und ausgerechnet diese wunderbare Ausgeburt an Boshaftig- und Sinnlosigkeit wurde 2008 zu meiner großen Verwunderung mit vier Oscars belohnt und entwickelte sich zum veritablen Kassenerfolg. Dass der größte Erfolg sich im Falle konsequenter Kompromisslosigkeit einstellte, das war fast zu schön um wahr zu sein. Danach brauchte man sich dann keine Sorgen mehr zu machen. Die starbesetzte Deppenparade “Burn After Reading” war eine reine Freude und alles deutet darauf hin, dass auch “A Serious Man” unsere Erwartungen nicht enttäuschen wird.

Die Coens lassen diesmal einen unbescholtenen und gläubigen jüdischen Vorstadtpapi allerlei Unbill erleiden, er hat Ärger an allen Fronten, mit seiner untreuen Frau, seinen stehlenden Kindern und beruflich kommt er auch ins Schlingern. Er wendet sich also in der Hoffnung auf spirituelle Hilfe an einen Rabbi und dann an einen weiteren und schließlich an einen dritten und weiter habe ich nirgendwo gelesen, um mir nicht den Spaß zu verderben. Die jüdische Vorstadtwelt der Sechziger Jahre hat offenbar viel mit der Biographie der Coens zu tun und diese Verortung in der Realität soll der wohl wiederum brilliant bösartigen Fabel ausgesprochen gut tun. Viel gelobt wird auch die Besetzung, die ohne irgendwelche Stars auskommt. Die Coens haben erneut selbst geschrieben, Regie geführt, produziert und geschnitten.

Wer mehr drüber lesen will, am Besten nach dem Kinobesuch, dem sei Interview plus Filmkritik von Andrew O‘Hehir auf Salon.com empfohlen. Ich habe den Text wohlweislich bislang nur überflogen und so von oben sah er recht vielversprechend aus.

“A Serious Man”: Trailer | Links | Kinos

_

Detlev Buck ist auch einer, von dem ich als Regisseur nicht mehr viel erwartet hatte. Der spröde Charme der Anfangsjahre, der sich am schönsten im hochkomischen “Wir können auch anders” von 1993 entfaltete, war schon drei Jahre später verpufft: “Männerpension” war einfach nur grauslich, nämlich kommerziell und platt. Er hat später nie mehr versucht, an die frühen Erfolge anzuknüpfen, aber zuletzt immerhin mit “Knallhart” und “Hände weg von Mississipi” zwei respektable Jugend- bzw. Kinderfilme gedreht.

“Same Same But Different” ist nun wieder ganz etwas Anderes, nämlich die Verfilmung einer wahren Liebesgeschichte. Erlebt und aufgeschrieben hat sie Benjamin Prüfer, erschienen zuerst hier als Neon-Artikel, später auch in Buchform. Prüfer hatte sich in Kambodscha in eine Prostituierte verliebt und auch zu ihr gehalten, als sich herausstellte, dass sie HIV-infiziert ist. Buck soll das ganz undramatisch und unsentimental nacherzählen, aber so richtig vom Hocker scheint das keinen Rezensenten zu reißen. Die Handlung ist ja leider auch, nun ja, recht überschaubar und weitestgehend frei von Überraschungen.

Ich hätte trotzdem gern meine alte Heimat besucht am Samstag, wenn Detlev Buck nämlich in guter alter Tradition seinen neuen Film in Bargteheide im Kino vorstellt, dem Kaff wo er und ich einst zur Schule gingen. Die Buck-Entdeckung David Kross, noch so ein Bargteheider, der die Hauptrolle spielt und mittlerweile mindestens weltberühmt ist, wird auch anwesend sein. Leider ist die Vorstellung aber restlos ausverkauft. Wen wundert’s – das dürfte dort das gesellschaftliche Ereignis des Jahres sein.

“Same Same But Different”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Die Fortsetzung von “Die Vorstadtkrokodile”, der überraschend guten Verfilmung eines betulich sozialdemokratischen Kinderbuchs aus den Siebzigern, das sich bis heute gut verkauft, weil es in mehreren Bundesländern noch immer als Schullektüre gelesen wird. Erfreulich waren vor allem die Dialoge und die völlige Abwesenheit irgendwelcher Ochsenknechte. Klar, dass nach dem Erfolg schnell, schnell, bevor die Darsteller zu alt sind, eine Fortsetzung folgen musste. Die scheint nur leider weniger Witz zu haben, als der Vorgänger und der Kinderbande die Rettung des Ruhrgebiets vor Wirtschaftskriminellen als Aufgabe zu stellen, war wohl keine wirklich gute Idee. Trotzdem dürfte es sich hier noch um einen überdurchschnittlichen Kinderfilm aus heimischer Produktion handeln.  (”Die Vorstadtkrokodile 2“)
  • Eine Romcom für Rentnerinnen mit Meryl Streep. (”Wenn Liebe so einfach wäre“)
  • Ein verstörender belgischer Film über den sexuellen Missbrauch an einem Schüler, begangen von drei Nachhilfelehrern. Startet mit genau einer Kopie in einem Kino, das sich ausnahmsweise nicht in Berlin, sondern in Frankfurt befindet. (”Privatunterricht“)
  • Ein Sci-Fi-Action-Flick über Verbrechen, die von Roboter-Kopien echter Menschen begangen werden. Weder die Action noch der Plot scheinen zu überzeugen. Mit Bruce Willis. (”Surrogates“)
  • Eine Doku über Jugendgangs in El Salvador. (”La Vida Loca“)
  • Und eine türkische Komödie, in der offenbar unter anderem Buddhismus und Werwölfe eine Rolle spielen. (”Kutsal Damacana 2“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

_

Und noch etwas:

Der Kurzfilm “World Cinema” von den Coens. Mit Josh Brolin.

_

Und dann noch ein sehr komisches Interview mit den Coens, das Katja Nicodemus vor zwei Jahren für die Zeit mit ihnen geführt hat. So hört das auf:

ZEIT: Zum 50. Geburtstag der Filmfestspiele von Cannes haben Sie einen Kurzfilm gedreht. Darin gibt es eine kleine Utopie: Ein Cowboy geht irgendwo in Amerika ins Kino. Zufällig sieht er das Werk eines türkischen Cineasten. Einen langsamen Film über das Zerbrechen einer Ehe. Und er mag den Film.

Joel Coen: Der Film, den der Cowboy sieht, ist ‘Climates’ von dem türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Wir haben ihn vor zwei Jahren gesehen und fanden ihn großartig.

Ethan Coen: Es ist eine schöne Vorstellung, dass ein Cowboy von diesem Film beeindruckt ist.

Joel Coen: Das Problem ist ja nicht, dass ein Cowboy den Film nicht verstehen könnte.

Ethan Coen: Das Problem ist, dass es in Amerika zu wenige Kinos gibt, in denen ein Cowboy einen türkischen Film sehen könnte.

Joel Coen: Es wäre schön, wenn amerikanische Cowboys türkische Filme sehen könnten.

Ethan Coen: Das wäre schön, yeah.

Joel Coen: Yeah.”

3 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Pfeil mal wieder

18. Januar 2010 - 16:38 Uhr

“Ich wünsche mir von Popmusik-Texten alles, nur nicht, daß sie ‘authentisch’ sind. Ich wünsche mir von Popmusiktexten das ziemliche Gegenteil: Ich wünsche mir stilvollen Blödsinn und ausgedachten Unfug, der sich anhört, als sei er ein bisschen mehr: ‘Papa’s got a brand new bag’. ‘Are we human or are we dancer?’. ‘Sing this corrosion to me’. So etwas.”

Eric Pfeil in seinem aktuellen Poptagebucheintrag. Kann man dem Mann bitte ganz schnell die Chefredaktion eines der noch existierenden Musikmagazine übertragen?

_

_

_

Kommentare deaktiviert | Musik, Schöne Worte

« Ältere Einträge