Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik


Neu im Kino: Tötende Blicke, unerwartete Tritte, ein raubender Läufer und ein singender Trinker

4. März 2010 - 12:09 Uhr

KW10

_

“Einer der besten Filme, die dieses Jahr im Wettbewerb gezeigt wurden”, schrieb David Hudson bei The Auteurs über “Der Räuber”, den neuen Film von Benjamin Heisenberg. Fünf Jahre sind vergangen, seit seinem Erstling, dem “Schläfer“. Damals galt er als ein Vertreter der spröden “Berliner Schule”. Mit dem “Räuber” entzieht er sich dieser Etikettierung, die in Wien gedrehte Geschichte um einen wieselflink zum Fluchtwagen rennenden Bankräuber, soll dynamisch, ja sogar actionreich statt statisch inszeniert sein. Den Räuber gab es wirklich, er war in den Achtzigern parallel zu seinen illegalen Aktivitäten als Marathonläufer aktiv und Heisenberg interessiert sich offenbar für beide Beschäftigungen gleichermaßen, ohne sich groß um den “sozialen Hintergrund oder aber Politik, Psychologie und den ganzen Rest” zu scheren, so David Hudson. Das könnte im Ergebnis natürlich doch wieder nüchtern wie im Wartezimmer geraten sein. Mal gucken.

“Der Räuber“: Trailer | Links | Kinos

_

“Männer, die auf Ziegen starren” ist zweifellos ein herrlicher Titel, die Darstellerriege – George Clooney, Jeff Bridges, Ewan McGregor und Kevin Spacey sind dabei – kann sich auch sehen lassen, doch scheint die Militärsatire über eine Spezialeinheit, in der Gedankenlesen, durch Wände laufen und mit Blicken töten trainiert wird, die sich augenblicklich einstellenden hohen Erwartungen nur bedingt zu erfüllen. Denn so richtig spritzig ist das wohl alles nicht geworden, wenn man den nicht wenigen negativen Kritiken glauben darf. Eher monoton und langatmig. Derek Elley ist in Variety aber voll des Lobes (”unglaublich dichtes Drehbuch”, “wunderschön komponierte Breitwandaufnahmen”, “hochklassiges (…) Filmemachen”, “im Gebrüder-Coen-Stil”). Das Ganze soll übrigens, kaum glaublich, auf Tatsachen beruhen.

“Männer, die auf Ziegen starren“: Trailer | Links | Kinos

_

“Alice im Wunderland” von Tim Burton habe ich schon gesehen und war reichlich enttäuscht. Hier meine Kritik. Allerdings stehe ich mit meiner drastischen Ablehnung ziemlich alleine da, die meisten Schreiber, hüben wie drüben, äußern sich milder und es gibt auch begeisterte Stimmen. Wer auch Kritik an der Verflachung und Konfektionierung des Stoffes übt, schiebt häufig Disney die Schuld in die Schuhe, als hätte der große, jüngst mit einer Einzelausstellung im MoMA geehrte Künstler, sich einfach nicht gegen den bösen Unterhaltungskonzern durchsetzen können. Als wenn all die anderen Studios mit ihren Riesenbudgets, für die Tim Burton gearbeitet hat, nicht genau die gleichen Interessen und Strukturen hätten. Burton hat bei Disney angefangen, festangestellt und ist rausgeflogen, nachdem er 1984 seinen Kurzfilm “Frankenweenie” (youtube) fertiggestellt hatte. Der Film sei zu angsteinflößend für ein junges Publikum und er habe Studiogeld dafür verschwendet, hieß es. Aber schon Burtons “Nightmare Before Christmas” war 1993 wieder eine Disney-Produktion. Und als er 2007 mit dem Micky-Maus-Konzern einen Vertrag über zwei 3D-Produktionen geschlossen hat, werden die Konditionen schon gestimmt haben: Der zweite Film, das war von Anfang an bekannt, wird sogar eine abendfüllende Neuverfilmung des einst abgelehnten “Frankenweenie” sein. Hoffentlich wird das kein Murks …

Was ich in meinem Alice-Text nicht erwähnt habe: Die Rahmenhandlung endet dann auch noch auf die ödeste Weise, die man sich vorstellen kann, als letzter Tritt in das Gesicht der enttäuschten Zuschauer. Ich habe keine Ahnung, wieso die Mehrheit der Kritiker dafür offenbar unempfindlich ist.

“Alice im Wunderland“: Trailer | Links | Kinos

_

Auch “Crazy Heart”, das Regie-Debüt von Scott Cooper, habe ich vorab gesehen und darüber geschrieben.  Da wurde das Kunststück vollbracht, aus einer mutmaßlich schon in der Vorlage völlig banalen Geschichte einen sehenswerten Film zu machen, ohne dass die Geschichte dabei besser geworden wäre. Mir fällt kein vergleichbares Beispiel ein.

Gefällt allen.

“Crazy Heart“: Trailer | Links | Kinos

_

_

Außerdem neu:

  • Eine historisches Kammerspiel aus dem Friedrichshain der sechziger Jahre. Angeblich nicht ostalgisch wird eine Liebesgeschichte von “Oma Otti” erzählt, die bereits fünffache Witwe ist, während ihr Enkel Detektiv spielen darf. Scheint darstellerisch ganz gelungen zu sein (u. a. mit Milan Peschel, Horst Krause, Meret Becker, Jürgen Vogel), die Kulissen hingegen sollen grausig aussehen. (”Boxhagener Platz“)
  • Ein in Hamburg gedrehter Heile-Welt-Film nach der biederen und wahnsinnig erfolgreichen Kinderbuchreihe von Isabel Abedi: “Hier kommt Lola“.
  • Seltsames aus Deutschland (1): Sex, Motorräder und pseudophilosophische Gerede scheinen die wichtigsten Ingredienzien des Trashfilms “Engel mit schmutzigen Flügeln” zu sein.
  • Seltsames aus Deutschland (2): Ein Kostümschinken über Heinrich IV., nach Heinrich Mann. (”Henri 4“)
  • Seltsames aus Deutschland (3): Eine Doku über Moskauer Taxifahrerinnen (”Pink Taxi“).

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

_

Und noch etwas, ein Ausschnitt aus Jan Svankmajers “Alice”:

_

Und noch etwas, ein Wunderland-Videoclip mit Tom Petty als verrücktem Hutmacher, aus dem Jahr 1985:

_

Und noch etwas darf nicht fehlen, der berühmteste von “Alice im Wunderland” beeinflusste Popsong. Ein Fernsehauftritt von Jefferson Airplane:

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Jeff Bridges und ein Nichts

3. März 2010 - 15:19 Uhr

crazyheart

_

Die Rolle des abgehalfterten, versoffenen Countrysängers in „Crazy Heart“ dürfte den Höhepunkt der schauspielerischen Karriere von Jeff Bridges darstellen, spätestens wenn er am Sonntag tatsächlich einen Oscar als „Best Actor“ erhält. Er spielt so glaubwürdig, dass es geradezu seltsam erscheint, dass diese Figur nur fiktiv ist, dass Bad Blake nicht tatsächlich irgendwo zwischen Willie Nelson, Townes Van Zandt und Kris Kristofferson seinen Platz in der Musikgeschichte hat. Vielleicht kommt einem Blake aber auch so bekannt vor, weil Bridges einst mit Bravour eine verwandte Rolle gespielt hat: den Dude aus „The Big Lebowski“.
Das Drumherum stimmt ebenso, die Motelzimmer, die miesen Spelunken oder gar Bowlingbahnen, in denen Blake auftritt, überzeugen mitsamt den sie bevölkernden Nebenfiguren. Und dann kann Bridges natürlich auch erstaunlich gut singen und hat sich als falscher Country-Heroe von T Bone Burnett verdammt gutes Songmaterial liefern lassen, von dem manch echte Countrylegende nur träumen kann.

Das Problem ist nur: Es gibt auch eine Geschichte. Als ich eine Freundin, die gar nichts über „Crazy Heart“ wusste, aufforderte zu raten, was das für eine sei, musste sie nicht lange überlegen: „Er wird von einer Frau gerettet“. Richtig. Und die ist jung und schön und wird gespielt von Maggie Gyllenhaal. „Und wird er einfach so gerettet?“, fragte ich weiter. „Nein, das geht nicht so geradlinig, er muss bestimmt noch irgendwelche Hürden nehmen, erst noch so richtig auf die Schnauze fallen.“ Auch das stimmt. Das Wort „vorhersehbar“ ist viel zu schwach zur Beschreibung des Nichts an Handlung. Aber ein Nichts muss einen andererseits auch nicht weiter stören. Konzerte haben auch keine Handlung.

Schade, dass Bad Blake aufgrund von Nichtexistenz nie auf Tour gehen wird.

Hier der ebenfalls oscarnominierte Song „The Weary Kind“, solo dargeboten von Jeff Bridges:

_

_

“Crazy Heart“: Trailer | Links | Kinos

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Alice im Fantasy-Korsett

2. März 2010 - 12:58 Uhr

Alicekomp

_

Eigentlich konnte da nichts schiefgehen. Tim Burton, der dickköpfige Frickler mit einer Vorliebe für Düsteres und Grotesk-Komisches, der sogar Superhelden-Franchise-Ware wie „Batman“ seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken vermochte, hat Lewis Carrolls viktorianischen Nonsense-Klassiker „Alice im Wunderland“ verfilmt. Mit bewährten Burton-Darstellern wie Johnny Depp und Helena Bonham Carter, mit einem Score vom ebenso bewährten Danny Elfman und mit einem Riesenbudget, das jede computeranimierte Spielerei erlaubt, die heute technisch möglich ist.
Die Welt von „Alice“, in der sich alles jederzeit verändern kann, mit lebendigen Spielkarten, einem See aus Tränen, dem hektischen weißen Kaninchen, der Wasserpfeife rauchenden Raupe, der Grinsekatze und all den anderen skurrilen Fantasiegeschöpfen scheint kongenial zum Burtonschen Schauergeschichten-Kosmos zu passen.

Aber es ist schiefgegangen. Und wie.

Zwar sind da eine Menge hübscher visueller Einfälle zu besichtigen, wie man sie erwarten konnte und die Verbindung von Live-Action und Animation funktioniert besser, denn irgendwo je zuvor, nur sind leider Witz und Verspieltheit der Vorlage vollständig auf der Strecke geblieben. Die episodische Struktur musste einer Standardfantasyhandlung weichen, die so unfassbar öde ist, dass ich eine Zeit lang hoffte, dass sei nur eine Finte, eine ironische Geste, die sagen will: Seht her, so blöde sind vergleichsweise die Narnia-Eragon-Kompass-Filmplots. Aber das Ruder wird keineswegs wieder herumgerissen, stumpf wird bis zum Ende jede zur Zeit gültige Konvention des Genres eingehalten.

Burtons Alice ist kein kleines Mädchen mehr, sondern neunzehn Jahre alt und soll in der Rahmenhandlung gerade verlobt werden. Sie folgt, wie üblich, dem weißen Kaninchen ins Loch und muss, so weit, so vertraut, erstmal einige Probleme lösen, bei denen verschlossene Türen und falsche Größenverhältnisse eine Rolle spielen, bevor sie das Wunderland, das diesmal „Underland“, also Unterland heißt, betreten kann.

Und schon kündigt sich das erzählerische Desaster an: Ist Alice die „richtige“ Alice, so lautet die Frage, denn der „richtigen“ ist es vorherbestimmt, den Jabberwocky, einen Drachen, im Kampf zu besiegen und so „Underland“ zu retten. Und dann lässt Burton ununterbrochen Orchester und Chor dröhnen und dazu die Guten gegen die Bösen in aufdringlichem 3-D vor ständig wechselnden dramatischen Avatar-Landschaften antreten, lässt Armeen der „roten“ und der „weißen“ Königin aufmarschieren und schließlich Alice den bösen Drachen töten, wie es sich gehört.

Lewis Carrolls Alice war selbstredend überhaupt nichts vorherbestimmt, in den Büchern war gerade Desorientierung ein Leitmotiv, die Heldin stolpert von einem seltsamen Erlebnis zum nächsten und die blaue Raupe ist nicht weise wie Yoda, sondern trägt mit ihrem „Rat“ nachhaltig zu Alice‘ weiterer Verwirrung bei. Der Drache, Jabberwocky, taucht nur im gleichnamigen Gedicht auf, das Alice zu Beginn von „Alice hinter den Spiegeln“ liest und ob da überhaupt ein Drache beschrieben wird, ist nicht einmal ganz sicher:

„Hab acht vorm Zipferlak; mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr!
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
Dem mampfen Schnatterrind!“

(Aus „Der Zipferlake“, „Jabberwocky“-Nachdichtung von Christian Enzensberger)

Natürlich haben die meisten bekannten Figuren aus den beiden Alice-Büchern bei Burton ihre Auftritte und liebevoll entworfen und animiert, wie viele von ihnen sind, kann man immer wieder erahnen, wie großartig das alles hätte werden können. Schade.

Von den dreiundzwanzig „Alice“-Verfilmungen, die es bislang gab, sind mir ein knappes Viertel vertraut.  Ich glaube nicht, dass eine einzige von ihnen so bleischwer und uninspiriert daherkommt, wie Nummer Vierundzwanzig. Und von höchst eigenwilligen Adaptionen, wie jener Jan Švankmajers, der Alice in seine morbide Stop-Motion-Welt aus toten Tieren und animierten Puppen integriert hat, ohne dabei den Geist der Vorlage zu verraten, ist Tim Burtons Version Lichtjahre entfernt.

Etwa neunzehn war Alice übrigens schon einmal, 1976, in „Alice in Wonderland: A Musical Porno“ von Bill Ozco:

_

_

“Alice im Wunderland“: Trailer | Links | Kinos

_

2 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: ein Neonoir mit Nazis, ein böser Bulle und kämpferische Kartoffelsackmännchen

25. Februar 2010 - 09:12 Uhr

KW09

_

Für mich ein Pflichttermin: Den Autoren Dennis Lehane schätze ich, neben George P. Pelecanos, als einen der besten jüngeren amerikanischen Krimiautoren, die sich auf die gute alte Hardboiled-Tradition berufen. Zwei Verfilmungen gab es bislang, beide gelungen, zum einen die Clint-Eastwood-Adaption “Mystic River“, zum anderen “Gone Baby Gone” von Ben Affleck, nach einer Vorlage um die Serienhelden Patrick Kenzie und Angela Gennaro. Und beim jetzt anlaufenden “Shutter Island” hat niemand anderer als Martin Scorcese Regie geführt. Vermutlich kann Lehane mittlerweile die Filmrechte für ein neues Buch schon verkaufen, bevor er eine Zeile geschrieben hat. Beneidenswert.

“Shutter Island” spielt in den Fünfzigern, Handlungsort ist vor allem eine zweifelhafte Anstalt, in der psychologische Experimente durchgeführt werden, schön isoliert auf einer Insel vor Boston gelegen. Ein traumatisierter Ex-Soldat forscht da als U. S .Marshal einer verschwundenen Insassin nach und verliert zusehends jegliche Orientierung. Die Noir-Hommage hat Scorsese wohl sehr atmosphärisch visualisiert und Leonardo DiCaprio soll in der Hauptrolle besser sein denn je. “Out Of The Past” und “Shock Corridor” sind offenbar deutlich als Einflüsse erkennbar, an letzteren Film denkt mancher Rezensent vermutlich nicht nur wegen des Settings, sondern auch wegen vergleichbarer schamloser Effekthascherei. Den meisten Schreibern gefällt das Ganze (Tomatometer: 66%, Durchschnitt bei Metacritic: 62), wo gemeckert wird, ist meist die Rede von Leblosigkeit, von mangelnden Unterhaltungswerten, der Film berühre emotional nicht und verstricke sich in zahllosen Rätseln und Andeutungen. Wer Krimis mag, in denen kerngesunde, sympathische und kompetente Kommissare vor pittoresker Kulisse herausfinden, dass es nicht der Gärtner war, ist hier sicher im falschen Film.

Mein werter Freund Ram, ein Mann von Geschmack und durchschlagender Urteilskraft, war vorab drin und schreibt mir: “Ungefähr 90 Prozent, vielleicht auch 95 Prozent lang dachte ich, um Gottes Willen, geht’s vielleicht noch wirrer, überladener, bekloppter und klischeehafter – und dann löst das Ende alles so auf, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ist ein guter Film! (Ärgert mich sogar fast ein bisschen.) Und zwar mit original komplett offenem Ende mit unentscheidbaren Möglichkeiten in beide Richtungen, schon alleine, weil es am Ende keinen Anhaltspunkt mehr gibt, was Realität und was Psychose war”. Hoffentlich habe ich damit nicht zuviel “gespoilt”, wie Diedrich Diederichsen zu schreiben pflegt. (Habe eben mal nach “spoilen” gegoogelt und bin auf eine faszinierende Frage in einem Forum gestoßen: “Ich wollte mal fragen wie man richtig spoilen tut, ich meine wann legt man den spoil am besten auf das mob und wie mus ich das dann ernten?”)

Bereits im Buch ist eine Passage enthalten, in der sich die Hauptfigur an die Befreiung Dachaus erinnert und zwar an die angebliche Ermordung von “500 Krauts”, SS-Leuten und Wachpersonal, durch US-Soldaten. Das geht offenbar auf die Darstellung der Geschehnisse in einem Buch von Howard K. Buechner zurück, die nachweislich stark übertrieben ist, wie Sven Felix Kellerhoff in der Welt schreibt. Im Film sind die Dachau-Szenen als Rückblende inszeniert, mit einer wohl eher der Wahrheit entsprechenden Zahl von Opfern auf Seiten der SS. Schade, dass nicht die ganze traumatische Erinnerung rausgeflogen ist, Dachau als Gruselfaktor in einem düsteren Noir-Thriller, das hätten sie sich ruhig sparen können.

“Shutter Island“: Trailer | Links | Kinos

_

Werner Herzog, der in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten, weltweit geachtet, in seiner Heimat weitestgehend ignoriert, mehr oder weniger interessante Dokus gedreht hat, ist auf einmal wieder als Spielfilmregisseur da und dann auch noch mit Darstellern wie Nicholas Cage, Eva Mendes und Val Kilmer. Und was hat er da gefilmt? Ein Remake von “Bad Lieutenant“, dem katholischen Abel-Ferrara-Thriller mit Harvey Keitel. Seltsam, seltsam.

Und die düstere Höllenfahrt eines korrupten Cops endet dieses Mal nicht ganz unten, sondern glücklich auf Erden. Noch seltsamer. Gedreht wurde im zerdepperten New Orleans, was wohl für einige eindrucksvolle Bilder sorgt und die Darsteller sollen ihre Sache gut machen. Ausreichende Gründe, sich das anzuschauen, sind das allerdings nicht. Aber die Tatsache, dass ausgerechnet Herzog hier Regie geführt hat, macht mich neugierig.

Abel Ferrara über ihn und alle anderen, die am Remake beteiligt waren: “Ich wünsche diesen Typen den Tod in der Hölle. Ich hoffe, sie sind alle im selben Auto und das fliegt in die Luft.” (via)

“Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“: Trailer | Links | Kinos

_

2005 hat Shane Acker im Rahmen seines Studiums einen atmosphärisch sehr düsteren Film mit Puppen aus Kartoffelsäcken animiert. “9″ hieß er und bekam viel Aufmerksamkeit, nachdem er für zwei Oscars nominiert worden war. Mit Hilfe von Tim Burton als Produzenten konnte Acker daran anknüpfend einen computeranimierten abendfüllenden Science-Fiction-Film fertigstellen, der ausnahmsweise mal nicht auch schon die ganz Kleinen ins Kino locken will. Sein Erfolg hätte endlich den Weg für mehr Animationsfilme bereiten können, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. Nur blieb der leider aus. Viel mehr als die Produktionskosten wird er nicht einspielen, so wie es aussieht. Und die waren gerade mal ein Fünftel so hoch wie bei einem Pixarfilm.

Die Kritiken sind durchmischt, die visuellen Qualitäten werden allseits gelobt, Plot und Dialoge dagegen viel getadelt. Die Kartoffelsackmännchen müssen in einer menschenfreien, postapokalyptischen Welt gegen Maschinen kämpfen und natürlich hängt wieder mal die Zukunft der Zivilisation von ihnen ab. Da gibt es dann eben doch wieder die üblichen Actionsequenzen in einer Geschichte, die wohl deutlich weniger originell ist, als die Optik. Ein Problem könnten auch die Sack-Figuren sein, die sich sehr gleichen, was die Charakterisierung erschweren dürfte und die außerdem schlichte Kulleraugen haben: Die Ausdrucksfähigkeit ist im Vergleich etwa zur Mimik von Wall-E beschränkt.

Der Filmdienst hat “9″ auf den Titel genommen und im Heft schwärmt Jörg Gerle über das “kleine Meisterwerk”: “Shane Acker wählte für sein retro-futuristisches Universum die magischen Puppenwelten eines Jan Švankmajer und der Brothers Quay, erweckt es mit der Emotionalität eines ‘Edward mit den Scherenhänden’ zum Leben, animiert es mit der Hightech-Software aus Hollywood und tönt das Ganze mit der Grimmigkeit der Märchenwelt von Terry Gilliam. Das ist unglaublich schön, traurig und erschreckend in einem, entlässt mit dem seltsamen Gefühl wohliger Betroffenheit und der vagen Hoffnung, dass die, die nach uns kommen, es einmal besser machen als wir.” Ganz und gar daneben wird er nicht liegen.

“9“: Trailer | Links | Kino (Ja, der Film “startet” mit genau einer Kopie in Berlin.)

_

_

Außerdem neu:

  • Ein brasilianischer Du-kannst-es-schaffen!-Film. Und zwar raus aus den Favelas und rein in den Popstarruhm. (”Antonia“)
  • Ein österreichischer Dokumentarfilm, “Plastic Planet“, der sich mit der Allgegenwart von Kunststoffen und den damit verbundenen Gefahren beschäftigt, wohl eher in der Tradition von Michael Moore stehend, als in jener der grimmigen österreichischen Dokus vom Schlage “Unser täglich Brot“.
  • Und ein deutscher Dokumentarfilm, für den unterschiedlichste Menschen in Berlin gefragt wurden, ob sie sich noch an Lieder erinnern können, die ihnen als Kleinkinder von ihrer Mutter vorgesungen wurden. Grit Lemke in der Jungen Welt: “Wer sich nach diesem Film nicht für eine Stunde zum Heulen abmeldet, hat entweder eine extrem glückliche Kindheit verlebt oder ist aus anderen Gründen als Freund nicht zu empfehlen.”
  • Erneut ein visuelles Großspektakel über Tiere, atemberaubend gefilmt aber wie üblich zugekleistert mit Musik. Der “Rolls-Royce der Meeresdokumentationen”, schreibt Reinhard Lüke im Filmdienst über den neuesten Streich der “Mikrokosmos“-Macher.
  • Europäischer Arthousekitsch, finanziert mit Geld aus vier Ländern, gedreht in einem fünften und betitelt in der Sprache eines sechsten, “The Rainbowmaker“. Ein unschuldiger Papa kommt aus dem Gefängnis nach Hause, um festzustellen, dass seine Kinder, denen erzählt wurde, er sei ein Geheimagent, nichts von ihm wissen wollen. Die Mama hat sich zwischenzeitlich einem Artisten zugewandt, aber dann landet auf einmal eine Pilotin und bringt die Familie wieder zusammen.
  • Eine Musicalverfilmung, die nicht nur “Nine” heißt, sondern bei uns auch noch am gleichen Tag startet wie “9″. Da dürfte manch einer im falschen Film landen …
  • Und eine weitere Trash-Komödie aus der Türkei. (”Eyyvah Eyvah!“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

_

Und noch etwas, der originale, elfminütige Kurzfilm “9″ von Shane Acker, von 2005. Puppentrick statt Computeranimation.

_

_

Kommentieren » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Liebe 1961, eine echte Überraschung sowie ein falscher Blair und ein falscher Mandela

18. Februar 2010 - 18:17 Uhr

KW07

_

Um den hier kommt Ihr nicht drumrum: “An Education” läuft jetzt auch bei uns an, der Film, für den Nick Hornby das Drehbuch geschrieben und bei dem Lone Scherfig, die “Italienisch für Anfänger”-Dänin, Regie geführt hat. Die Geschichte von einer sechzehnjährigen Schülerin, die mitsamt ihren kleinbürgerlichen Eltern einem doppelt so alten Aufschneider auf den Leim geht, beruht auf den Erinnerungen der Kolumnistin Lynn Barber. Hornbys Dialoge sollen den Erwartungen entsprechend clever und komisch sein, die Früh-Sechziger-Jahre-Welt, in der das alles spielt, überzeugend und die Hauptdarstellerin, Carey Mulligan, umwerfend. Die Kritiken gleichen überwiegend Jubelarien, wenn gemeckert wird, dann meist über das Ende, das wohl nicht nur unangenehm moralistisch, sondern vor allem seltsam aufgesetzt wirkt. Dürfte uns jetzt, da wir das schon wissen, aber nicht viel ausmachen. In zweieinhalb Wochen gibt es vielleicht sogar Oscarauszeichnungen für den Film, nominiert wurde unter anderem Nick Hornby. Seine Frau wusste, als sie die Frage beantworten sollten, welche der übrigen Nominierten sie treffen wollten, sehr schnell eine Antwort. Sonderlich originell sei die nicht, meint Hornby in seinem Blog. (Nachtrag: Leser aus der Kinoprovinz Hamburg kommen sehr wohl drumrum, bei uns läuft “An Education” nämlich bereits in der Startwoche nur in Nachmittagsvorstellungen, also eigentlich gar nicht. Ich fasse es nicht.)

“An Education“: Trailer | Links | Kinos

_

“Es ist ein aufregender Sportfilm, eine inspirierende Geschichte über die Überwindung von Vorurteilen und, vor allem, eine faszinierende Studie über politische Führerschaft”, schreibt A. O. Scott in seiner Lobpreisung in der New York Times.  Für mich drei gute Gründe, “Invictus”, den neuen Film von Clint Eastwood, nicht anzuschauen. Eine Mischung aus Sportfilm und Biopic ist für meinen Geschmack ein ungenießbares Gebräu und wenn in einem Film über Südafrika dann auch noch auf “inspirierende Weise” Vorurteile überwunden werden, ist bei mir die Ekelgrenze erreicht. Wer weniger empfindlich ist, wird vermutlich Freude an der wohl, wie üblich, in jeder Hinsicht sauber erzählten Geschichte haben. Die geht so: Nelson Mandela, gespielt von Morgan Freeman, wem sonst, frisch gewählter Präsident, unterstützt persönlich die reinweiße Rugby-Nationalmannschaft. Die gewinnt daraufhin die Weltmeisterschaft, Ebenholz und Elfenbein kommen in perfekter Harmonie zusammen und das Land ist gerettet.

“Invictus“: Trailer | Links | Kinos

_

Die Vorlage stammt von Robert Harris, dem vielgelobten Autor von Thrillern wie “Enigma” und “Vaterland”. Auch historische Romane hat er geschrieben, stapelweise.

“Der Ghostwriter” erzählt von einem eben solchen, gespielt von Ewan McGregor, der im Auftrag eines ehemaligen britischen Premiers, der zu Amtszeiten eine auffällig enge Verbindung zum amerikanischen Präsidenten pflegte, für sehr viel Geld dessen Memoiren schreiben soll und schließlich eine Entdeckung macht, die ihn in große Schwierigkeiten bringt. Handlungsort ist im wesentlichen die kleine Atlantikinsel “Martha’s Vineyard”, für die Sylt herhalten musste. Die Gründe dafür: ein Haftbefehl und die deutsche Filmförderung, gedreht wurde ansonsten im Studio Babelsberg. Ja, es ist der neue Film vom unsympathischen Roman Polanski und es sieht so aus, als sei ihm da ein Film gelungen, der an die fabelhaften Genrestücke aus seinen besseren Zeiten erinnert. David Hudson schreibt im “Auteurs Notebook”, dass der “Ghostwriter” einiges von der moralischen Komplexität der Siebziger-Jahre-Paranoia-Thriller habe, also ein Stück besser sei, als die “Gute-Jungs-mit-Knarren-gegen-böse-Jungs-mit-Mädchen-Thriller”.

Der Schwager von Robert Harris ist übrigens Nick Hornby und über die Vorlage schreibt dieser: “Tony Blair soll extrem verärgert über ‘The Ghost’ sein, Sie müssen es also nicht einmal lesen, um seine wohltuenden Effekte zu spüren. Wenn das keine Definition von großer Literatur ist, dann weiß ich nicht, was es ist”. (Aus “Polysyllabic Spree“)

“Der Ghostwriter“: Trailer | Links | Kinos

_

Jetzt aber noch eine uneingeschränkte Empfehlung, die ausnahmsweise nicht auf Vorurteilen beruht. Denn “Die Friseuse” habe ich im Kino vorab gesehen und auch schon etwas drüber geschrieben. Ein Link zu der Kritik, die unter falschem, aber wohlbekanntem Namen veröffentlicht wird, folgt nach Erscheinen. Regie führte Doris Dörrie, der ich in meinem Text erst die Verantwortung für die deutsche Komödienpest von “Männer” bis zu den Hasenkükenfilmen aufbürde, um anschließend ihren neuen Film als Wiedergutmachung zu feiern. Erzählt wird eine Geschichte aus Ostberlin, es geht um eine fette Friseurin, die vom eigenen Salon träumt, um Hartz IV, um Krankheit, um illegale Einwanderung und um Mutter-Tochter-Konflikte und ich weiß, es fällt Euch schwer das zu glauben, aber es ist ein wirklich komischer Film. Alles stimmt, der Ton, die Ausstattung, die Besetzung und vor allem das Buch, geschrieben von Laila Stieler, die bereits drei Andreas-Dresen-Drehbücher verfasst hat, unter anderem für den tollen “Willenbrock“. Ostdeutscher Neo-Neorealismus zum Lachen von Doris Dörrie und es funktioniert auch noch. Was für eine Überraschung!

“Die Friseuse“: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ein deutscher “Highschool Musical”-Abklatsch. “Eine packende und romantische Musical-Komödie, mit hinreißenden Choreographien und rockigen Songs, die viel gute Laune und jede Menge Spaß verspricht”, so der Pressetext. (”Rock It!“)
  • Peter Jackson, dessen fröhlich-unbedarftes und sehr blutiges Frühwerk inzwischen nur noch eine ferne Erinnerung ist, hat völlig verquasten Esoquatsch verzapft: “In meinem Himmel” ist eine Bestsellerverfilmung, in dem die ermordete Hauptfigur aus einer Kitschhölle herab ihren Hinterbliebenen bei der “Trauerarbeit” zuschaut.
  • Gewalt und Frömmelei, Gott spricht zu Denzel Washington in einer postapokalyptischen Welt. Man fragt sich, für wen solch ein Quatsch wie “The Book of Eli” gemacht wird, vielleicht für Heranwachsende in freikirchlichen Gemeinden, damit die auch mal ruhigen Gewissens Geballer im Multiplex anschauen können?
  • Aber es gibt ja noch viel Schlimmeres, etwa ein Remake von “Die zehn Gebote” als schäbig computeranimiertes Spektakel. Da kann die ganze Familie gemeinsam erbauliche Kinokost zu sich nehmen. Mit den deutschen Stimmen von Ben Becker und Sky du Mont, die wirklich jeden Scheiß mitmachen.
  • Und wieder Trash aus der Türkei: Eine “wunderschöne, erwachsene und doch verbitterte junge Dame und Mitglied einer Terror-Organisation” (Pressetext) muss sich zwischen Attentat und Liebe entscheiden. (”Flügel der Nacht“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

Und noch etwas, eine wunderbare Kolumne vom mindestens schönsten Filmfestival der Welt, von Harald Martenstein, der offenbar zu Höchstform aufläuft, wenn er beleidigt ist. (Nachtrag: Ich wurde darauf hingewiesen, dass sich der Text erst so richtig erschließe, wenn man Martensteins vorausgegangene Kolumnen kenne. Vielleicht reicht aber auch das Wissen, dass diese mehrheitlich von Nörgelei geprägt waren.)

_

Und noch etwas, “Coming Home Baby” von Mel Torme, das auch im Soundtrack von “An Educaton” zu hören ist. Hier hübscherweise zuerst mit dreiunddreißigeindrittel Umdrehungen in der Minute:

_

_

Kommentare deaktiviert | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu zu Hause: Schnäpse und ein bisschen Lübeck

11. Februar 2010 - 23:45 Uhr

KW06

_

Diese Woche, in der die Berlinale startet, mag ich keinen Film sonderlich hervorheben, empfehle den Berlinern stattdessen den Besuch des Festivals, das wie immer ein gigantisches Programm auffährt und allen anderen zu Hause zu bleiben. Und vielleicht die eine oder andere DVD zu gucken. Zum Beispiel ist gerade “35 Rum” erschienen, der Claire-Denis-Film aus dem letzten Jahr. So hatte ich ihn in der alten Kinoprovinz vorgestellt:

“Wem “Nénette und Boni“, das schöne kleine Alltagsdrama von 1996 mit solchen schönen Szenen, Vincent Gallo, Valeria Bruni Tedeschi und Musik von den Tindersticks schon zu langatmig war, dem wird der neueste Film von Claire Denis sicher nicht gefallen. Denn die unspektakulär erzählte Geschichte eines allein erziehenden Lokführers und seiner erwachsen werdenden Tochter verzichtet auf dramatische Zuspitzungen und erzählt vor allem mit Bildern: Kein Film, bei dem man gleichzeitig bügeln kann und trotzdem nichts verpasst. ‘‘35 Rum’ entfaltet einen attraktiven Sog’, schreibt Diedrich Diedrichsen in Cargo. Ich freu mich drauf. Irritierend: Der Filmförderung sei Dank tauchen notdürftig vermittelt Ingrid Caven und die Hansestadt Lübeck auf der Leinwand auf.
Wer die Tindersticks mag, hat einen guten Grund für einen Kinobesuch: Zwölf Jahre und sechs Claire-Denis-Filme nach ‘Nénette und Boni‘ stammt die Musik wiederum von der britischen Band und wird diesmal nicht auf einem Album veröffentlicht.”

In den Diederichsen-Text habe ich eben noch einmal reingeschaut und bin über einen Satz gestolpert, den ich Euch nicht vorenthalten mag: “Ich will nicht alles spoilen, was Claire Denis für den fünften Akt eingefallen ist”, schreibt er. Ich spoile, du spoilst, er spoilt. Heute noch ekelig, morgen schon alltäglich?

“35 Rum“: Trailer | Links | DVD

_

Wer die Berlinaleberichterstattung verfolgen will, hält sich, wie jedes Jahr, am Besten an die Presseschau der Film-Zeit. Und an den Berlinale-Blog des Perlentaucher, bespielt von Ekkehard Knörer, Thomas Groh und Cargo-Konsorten. Aufmerksam gemacht wurde ich auch auf ein teils recht komisches Interview mit Erika und Ulrich Gregor, dem langjährigen Leiter des Forums, des Arsenals und Co-Autor der “Geschichte des Films“, die mich vor langer Zeit – bis dahin jung und dumm – in Windeseile jung und ein bisschen weniger dumm gemacht hat. Das Gespräch hat Matthias Dell für den Freitag geführt:

Wie standen Sie als Liebhaber des Kinos dem Fernsehen gegenüber? Hatten Sie von Beginn an ein Gerät?

Erika Gregor: Nein, wir hatten keinen Fernseher.

Ulrich Gregor: Zu Hause? Na sicher, ich war doch Fernsehkritiker!

Erika Gregor: Ja, da haben wir einen gekauft. Als wir in den sechziger Jahren die Freunde der Kinemathek machten, haben wir ja acht Jahre lang ohne Bezahlung gearbeitet. Von irgendwas mussten wir aber leben. Die Sechziger waren gute Jahre für Westberlin, weil alle reichen Leute weggingen aus Angst vor dem Chruschtschow-Ultimatum. Man konnte sehr billig wohnen. Wir hatten eine 4 1/2 Zimmer-Wohnung, die wir, bevor es Wohngemeinschaft als Terminus gab, mit zwei Freunden bewohnten, für 248 Mark, warm. Und zum Essen brauchten wir auch wenig, Spaghetti kosteten 40 Pfennig, und angestoßene Tomaten kriegte man immer, damit konnte man wunderbare Sachen machen. Trotzdem musste man Geld verdienen, und Ulrich schrieb eben Filmkritiken. Irgendwann fragte ihn der Tagesspiegel, ob er die Fernsehkritik machen würde. Da haben wir dann einen Apparat gekauft.

Ulrich Gregor: Daraufhin. Schwarzweiß natürlich.

Erika Gregor: Es gab pro Fernsehkritik 25 DM, der Tagesspiegel erschien damals 6 Mal in der Woche, das waren 600 DM im Monat. Davon konnten wir bequem leben.

_

Neu im Kino:

  • Ein mächtig ambitionierter deutscher Film, “Die zwei Leben des Daniel Shore“. Spielt in einem realistischen Marokko, wo ein Junge vom Dach fällt und in einem kafkaesken Stuttgart, wo jede Menge “skurrile” Gestalten auftauchen. Ich bin skeptisch. In der Hauptrolle: Kinskisohn Nikolai, in weiteren Rollen sind Katharina Schüttler, Matthias Matschke und Judith Engel zu sehen, die ich allesamt schon vor der Kamera hatte:

    _

    matschke_schüttler_engel

  • Ein Fantasy-Spektakel von Harry-Potter-Regisseur Chris Columbus, angelegt als weiteres großes Franchise. Ein halbwüchsiger US-Amerikaner entdeckt, dass er eigentlich der Sohn von Poseidon ist und wird flugs in Kämpfe um des Zeus’ Blitz verstrickt. Später geht es sogar ab in den Hades, dessen Zugang sich in Los Angeles unterm Hollywoodschriftzug befindet. “Eher eine B-Variante von ‘Harry Potter’, geeignet für alle, denen die Hogwarths-Mythologie zu kompliziert war”, meint Frank Arnold in Epd Film. Aber andererseits wohl auch kein reiner Schrott. (”Percy Jackson – Diebe im Olymp“)
  • Der Werwolfmythos musste jetzt auch mal langsam wieder aus der Kiste geholt werden, das Remake des klassischen Universal-Horrorfilms “Der Wolfsmensch” scheint zur Abwechslung mal keine bemühte Modernisierung voll von vermeintlich lustigen Sprüchen und Special Effects zu sein, sondern orientiert sich stark an der Vorlage. Bloß macht das eine Neuverfilmung eigentlich noch überflüssiger, oder? (”Wolfman“)
  • Die Verfilmung der wahren Geschichte eines heroischen Widerstandskämpfers, “Max Manus“, diesmal aus Norwegen. War arschteuer, ja der teuerste norwegische Film aller Zeiten und in seiner Heimat überaus erfolgreich. Wer allmählich, wie ich, keine Lust mehr hat, sich solche konventionellen Dramen mit vielen Nazis anzuschauen, ist hoffentlich nicht gleich selber einer.
  • Ein weiteres Sequel der türkischen Serie um eine Hauptfigur, deren komisches Potential sich in ihrer starken Behaarung und ihrem unflätigem Benehmen zu erschöpfen scheint. (”Recep Ivek 3“)
  • Eine Romcom, die aus vielen kleinen Romcoms besteht, mit Stars von Shirley McLaine bis zu Julia Roberts. Dürfte immerhin abwechslungsreicher sein als üblich, so könnte man sagen, wollte man versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen. (”Valentinstag“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

Und noch etwas, ein Kommentar bei Ingo Niermann:

Was Fatih Akin von Helene Hegemann lernen kann:
“Plagiat” heißt jetzt Fremdeinschreibung.

Helene Hegemann, Regisseurin von “Torpedo“, die nächste Woche erst volljährig wird, hat mit ihrem Debütroman “Axolotl Roadkill” mächtigen Aufruhr verursacht. Erst im Feuilleton, da wurden überlaut Hymnen angestimmt (am lautesten von Maxim Biller in der FAS) und vereinzelt verhaltene Verrisse verfasst. Und dann in den Blogs. Deef Pirmasens hat in seinem demonstriert, wo Hegemann abgeschrieben hat. Am interessantesten ist die Diskussion jetzt bei Andrea Diener, deren Kommentatoren auf weitere fragwürdige Stellen und auf eine 1:1-Kopie in Hegemanns Film hinweisen. Hier und hier. Das zu verfolgen macht mehr Spaß als die Buchlektüre. Jede Wette.

_

Und noch etwas, “Black Smoke” vom gerade erschienen Tindersticks-Album “Falling Down A Mountain”:

_

_

3 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Saubermann, Sicherheit und Wagemut

4. Februar 2010 - 15:26 Uhr

KW05

_

Oben im Himmel bewegt sich unentwegt George Clooney, unterwegs als vielfliegender Saubermann im Auftrag unterschiedlichster Unternehmen, deren Mitarbeitern er schlechte Nachrichten überbringt. Immer geht es um Entlassungen. Es braucht nicht einmal die Ahnung von Fantasie, um sich vorzustellen, dass das eine Rolle ist, die Clooney mit Bravour spielt. Die Geschichte kommt durch zwei Frauen in Bewegung: In die eine verliebt er sich und die andere stellt eine Bedrohung dar, sie treibt die Einsparung der persönlichen Benachrichtigungen voran.

Bösartige Systemkritik ist das sicher nicht, eher eine konventionelle Komödie, jedoch von der intelligenten und eleganten Sorte. Regie führte Reitman jr., der Sohn von Ivan, der vor zwei Jahren großen Erfolg mit der Teenie-als-Mutter-Komödie “Juno” hatte.

Die Kritiker sind überwiegend voll des Lobs, in den USA tanzt aber Keith Uhlich von TimeOut New York aus der Reihe: “The work of director Jason Reitman is a rancid mixture of acid and sugar, each element working to cancel the other out so that you’re never entirely put off by either the fashionably acrid bitterness or the conventional Hollywood sap.” Eckehard Knörer ist der Spielverderber bei uns: Der Film “verkörpert eines nämlich in Vollendung: einen jede Konsequenz scheuenden Kuschelkonservatismus; rasch in die Knie gehende Gesellschaftskritik. Er tut zeitdiagnostisch, verkriecht sich in Wahrheit aber einfach unter der Decke. Analyse muss kalt sein, aber der Weg von ‘Up in the Air’ geht nach innen, dahin, wo es so angenehm nestwarm mieft.”

Dürfte ähnlich wie bei “Juno” sein, schätze ich: Die harte Kritik ist eigentlich berechtigt, doch gibt man trotzdem gern dem unbestreitbaren Charme des Films nach.

“Up In The Air”: Trailer | Links | Kinos

_

Der Ungar Nimród Antal hat vor sieben Jahren mit seinem düsteren U-Bahn-Thriller “Kontroll” allerorts überrascht und begeistert und hat sich von der dadurch ausgelösten Welle gleich bis nach Hollywood tragen lassen. Beim richtig großen Geld ist er erst jetzt angekommen, dreht er doch gerade ein Sequel von “Predator“. Sein heute startendes Caper-Movie “Armored” kann zwar mit Darstellern wie Matt Dillon und Jean Reno aufwarten, hat für amerikanische Verhältnisse aber fast nix gekostet, 25.000 $, gerade mal so viel wie der “Baader-Meinhof-Komplex”.

Es geht um einen Überfall auf einen Geldtransporter, ausgeführt von den Angestellten der Sicherheitsfirma selber. Der vermeintlich bombensicher ausgeklügelte Plan geht selbstverständlich schief, doch scheint der Film intelligent mit dem Standardplot zu spielen und einige Überraschungen zu bieten. Die Kritiken in den USA sind eher durchmischt, fast alle bescheinigen dem Thriller handwerkliche Qualitäten, doch zu Begeisterungsstürmen lässt sich keiner hinreißen. Solche Geschichten hat man sich vermutlich doch einfach zu oft erzählen lassen und eine ganz so überzeugende Genre-Wiederbelebung wie “Inside Man” oder manche Coen-Filme ist es dann wohl auch wieder nicht.

Wer “Armored” sehen will, sollte sich beeilen, der wird voraussichtlich schnell wieder aus den Multiplexen verschwunden sein. Solide, relativ Special-Effects-freie Actionware ohne die ganz großen Stars tut sich meist eher schwer an der Kasse und die Beibehaltung des Originaltitels, den hierzulande vermutlich nicht einmal zehn Prozent des Publikums versteht, dürfte auch nicht gerade hilfreich sein. Die Kinobetreiber jedenfalls scheinen sehr geringe Erwartungen zu haben: In der Kinoprovinz Hamburg etwa zeigen sie den Film in drei von vier Kinos schon in der Startwoche nur in Spätvorstellungen …

“Armored”: Trailer | Links | Kinos

_

“Welcome” ist ein ironischer Titel, willkommen sind die illegalen Einwanderer, um die es geht, in Frankreich nämlich nicht. Der Film von Phillipe Lioret schildert wohl sehr präzise und glaubhaft die Geschichte eines kurdischen Flüchtlings, der von Calais aus nach England gelangen will, wo seine Freundin gelandet ist. Sein Plan: Rüberschwimmen. Beim Training stößt er auf einen desillusionierten Schwimmlehrer, der erhebliche Risiken eingeht, um dem wagemutigen Reisewilligen zu helfen. Bei einem Vergleich mit den aufrührenden Dramen der Dardennes dürfte “Welcome” eher nicht so gut wegkommen, aber schlicht und gut dürfte der kleine Film schon sein.

“Welcome”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Das Edel-Eichinger-Gespann hat versucht “8Mile” über und mit Eminem mit dessen deutscher Westentaschenausgabe nachzubauen und ist bei Themenwahl wie Ausführung wohl so offensichtlich gescheitert, dass dieses Mal nicht einmal – wie sonst so verlässlich – Frank Schirrmacher und der Spiegel unentgeltlich die große Werbetrommel rühren. (”Zeiten ändern dich“)
  • Ehrgeiziger Anwalt mit politischen Ambitionen versucht sich rücksichtslos eine hohe Verurteilungsquote zu beschaffen. Klingt wie ein Michael-Douglas-Film? Ist auch einer und zwar ein recht mieser, wie es scheint. Beruht auf Fritz Langs B-Picture “Jenseits jeden Zweifels“. (”Gegen jeden Zweifel“)
  • Ein betulicher Film über Liebe mit Falten, mit Corinna Harfouch und Bruno Ganz. Nach einer Vorlage von Martin Suter. (”Giulias Verschwinden“)
  • Ein wohl etwas unausgewogener und nicht klischeefreier Film einer chinesischen Regisseurin, ausschließlich mit europäischem Geld realisiert. Erzählt wird episodenhaft von einer jungen Frau, deren Weg sie aus der chinesischen Provinz über Peking nach, klar, Europa führt. Michael Ranze warnt im Filmdienst vor der deutschen Fassung. “Ein Skandal ist die deutsche Synchronisation des Films: Sie nivelliert mit ihrem fehlerfreien Hochdeutsch alle Kulturunterschiede und trägt auch Meis Bemühungen, Englisch zu lernen, keine Rechnung.” (”She, a Chinese“)
  • Teil zwei der Krimi-Trilogie, die jeder außer mir gelesen zu haben scheint. Ich werde da nicht mehr einsteigen. Nichts, was ich über Verfilmungen oder Vorlagen gelesen habe, hat mich so richtig überzeugt. (”Verdammnis“)
  • Und die zillionste Buddhismus-Doku. (”Buddha’s Lost Children“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten – noch besser als bei kino.de –
bei moviepilot raus.

_

Und noch etwas:

Der Trailer für den wahrscheinlich schlechtesten Film, in dem George Clooney je mitgespielt hat.

2 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Sherlock Holmes und der Fall der Fleischbällchen

28. Januar 2010 - 19:09 Uhr

KW04

_

“Sherlock Holmes” ist ein Film von Guy Ritchie, der einst mit dem höchst kurzweiligen “Lock, Stock and Two Smoking Barrels” den britischen Gangsterfilm wiederbelebt hat, vor allem aber durch seine inzwischen längst beendete Verbindung mit einer Sängerin bekannt wurde. Der neue Film dürfte mit seinem geschätzten 90-Millionen-Dollar-Budget mehr gekostet haben als alle bisherigen Ritchie-Filme zusammen, ist als erster Baustein eines Riesen-Franchise-Geschäfts konzipiert und entzieht sich darum jeder Vergleichbarkeit mit früheren Filmen des Regisseurs. Da die aber eh zunehmend enttäuschend ausfielen, ist der geringere Einfluss Ritchies auf den aktuellen Film kein Grund zur Klage.

Mit den Erzählungen von Arthur Conan Doyle scheint der Blockbuster, wenig überraschend, auch nicht viel zu tun zu haben, in einem solchen Action-Reißer hat die originale, kühl kombinierende, archetypische Detektivfigur nichts verloren, hier muss immer gleich die Welt gerettet, nicht nur das Verschwinden eines Verlobten erklärt werden. Vergleichen muss man das Unterfangen also eher mit der üblichen Superheldenware und bei einem solchen Vergleich käme “Sherlock Holmes” vermutlich ganz gut weg. Denn die Dialoge haben Witz, die Action-Sequenzen sehen dank exzessiver Zeitlupe erfrischend anders aus und auch das denkbar unfuturistische Setting dürfte eine erfreuliche Abwechslung darstellen. Vor allem aber wird Holmes von keinem geringeren als Robert Downey Jr. gespielt, dessen unernster Ansatz selbst potentiell öden Marvel-Verfilmungen den rechten Pfiff verleiht. Er ist zur Zeit der einzige Hollywood-Star, der mich selbst in eine konventionelle Romcom locken könnte. Alles in allem also ein klarer Fall von: kann man gucken. Die Kritiken sind durchwachsen, den imdb-Nutzern gefällt es (7,7), an der Kasse war es ein Erfolg, so dass Teil zwei bereits in Arbeit ist. .

“Sherlock Holmes”: Trailer | Links | Kinos

Und wer am originalen koksenden und asexuellen Holmes hängt, kann sich ja einfach die Bücher nochmal vornehmen. Die gelungenen Haffmans-Neuübersetzungen aus den Achtzigern von Gisbert Haefs & Konsorten gibt es heute in Taschenbuchausgaben bei Insel. Das sind so ziemlich die einzigen Whodunnits, die mir je Spaß gemacht haben, beim ersten Lesen als Steppke genau wie beim zweiten Durchlauf viele Jahre später.

_

Von computeranimierten Filmen jenseits von Pixar, Disney und Dreamworks erwartet keiner viel, erst recht nicht, wenn es um einen wahnsinnigen Wissenschaftler und herabregnendes Junkfood geht. Da denkt man unwillkürlich an die miesen Trickserien in den Kinderkanälen. Wider Erwarten spricht allerdings einiges dafür, dass “Wolkig mit Aussichten auf Fleischbällchen”, ein 3D-Film aus dem Hause Sony, sehr komisch ist, verdammt gut aussieht und keineswegs auf Nummer sicher geht, indem er alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt. Die Figuren sind in einem reduzierten Cartoonstil gestaltet und die Handlung, komplett durchgeknallt, hat auch mehr mit Tex Avery zu tun als abendfüllende Trickfilme sonst. Jerry Beck hat es sehr gefallen und den allermeisten Cartoonbrew-Kommentatoren auch. Und manche negativ gemeinte Aussage in den Kommentaren klingt in meinen Ohren wie eine Empfehlung: “There were absolutley no rules in this world, nothing was explained, (…) there was nothing to grab on to. Anything could happen, and did.” (imdb: 7,3; Tomatometer: 86%; Metacritic: 66)

“Wolkig mit Aussichten auf Fleischbällchen”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Berlin – Stettin“. Richtig geraten, von Volker Koepp, dem unbeirrbaren Porträtisten von Landschaften und Leuten, dessen beeindruckende Filmografie mittlerweile fünfzig Titel umfasst. Hier eine ausführliche Besprechung von Margarete Wach im Filmdienst.
  • Eine französische Dreiecksgeschichte. Kristin Scott Thomas gibt eine unzufriedene Vierzigjährige, die sich frisch verliebt. Soll klug und klischeefrei inszeniert sein und ungewöhnlicherweise die ökonomischen Fragen bei Liebesdingen nicht außer Acht zu lassen. (”Die Affäre“)
  • Teil zwei des Episodenfilmprojekts von Emmanuel Benbihy, in dem jeweils namhafte Regisseure mit namhaften Darstellern kleine Liebesgeschichten aus namhaften Städten erzählen. Nach “Paris, I Love You” ist “New York, I Love You” wohl ein wenig enttäuschend geraten. Tony Oliver Scott schreibt in der New York Times: “But in spite of some attempts at human and neighborhood variety, the stories have a self-conscious sameness, as if they were classroom assignments in an undergraduate fiction-writing class. Which, in a way, they are.” Der Titel kommt mir nicht nur saublöd, sondern auch falsch vor. Muss es nicht heißen “I ❤ NY”? Die Regisseure sind vorwiegend Exoten wie Mira Nair oder auch Fatih Akin, der mit Polygamie offensichtlich kein Problem hat.
  • Noch eine Kompilation aus lauter kleinen Liebesgeschichten, nur andersrum: Alle Episoden stammen von einem Regisseur und gedreht wurde in sechs Städten rund um die Welt. New York ist dabei, statt auf Paris fiel die Wahl allerdings auf Marseille. Regie führte der Österreicher Thomas Woschitz, die Musik, wohl recht dominant eingesetzt, stammt von Naked Lunch, die den Film auch ab und zu live begleiten . (”Universalove“)
  • Eine französische Komödie über ein Paar, das Rollentausch als Beziehungstherapie einsetzt. Mit Dany Boon und Sophie Marceau. “Doofes Ende. Doofer Film. Einfach nur doof”, meint die Welt. (”Auf der anderen Seite des Bettes“)
  • Ein deutsches Biopic, das sich, wie neulich schon ”Bright Star” – Mein Liebe. Ewig“ auf die Frau an der Seite einer historischen Persönlichkeit konzentriert. Schlimmer geht’s immer. Die Opfer diesmal: Leo Tolstoi und Gattin. Ob sich die unerschrockene Krieg-und-Frieden-Leserin Anke Gröner das wohl anschaut? (”Ein russischer Sommer“)
  • Passenderweise eine Doku über Swetlana Geier, mehr oder weniger bekannt für Übersetzungen aus dem Russischen. (”Die Frau mit den fünf Elefanten“)
  • Eine deutsche Doku über das New York Harlem Theatre. (”Porgy & Me“)
  • Und ein türkischer Thriller um einen Serienmörder und Vergewaltigungen von Kindern. (”Die Drachenfalle“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

_

Und noch etwas:

Ein Ausschnitt aus Woody Allens erfreulichem Beitrag zu einem auch schon recht durchwachsenen New-York-Episodenfim von 1989:

_

Woody Allen im New York Magazine: “Paris is the only city, I think, that can compete with New York. Paris is a more beautiful city, but it’s not more exciting.” Vielleicht sind beides heutzutage auch nur gleichermaßen langweilige, totgentrifizierte Städte, bar jeder Aufregung. Schön präparierte Leichen.

Aber vielleicht hat Jonathan Richman ja auch immer noch Recht:

1 Kommentar » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Ramayana Remix

22. Januar 2010 - 17:59 Uhr

03.RavanaLustsSita

So, der Januar ist ja schon bald rum, Zeit zu verkünden, welches mein Filmerlebnis des Jahres war, des laufenden, versteht sich. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich in den kommenden elf Monaten noch etwas zu sehen bekommen werde, dass mich ähnlich überraschen und begeistern wird wie “Sita Sings The Blues” von Nina Paley.

Es ist ein amerikanischer Trickfilm, der das indische Nationalepos Ramyana mit Bluessongs aus den zwanziger Jahren verbindet. Doch, das ist wirklich richtig gut. Im Ernst.

Gesehen habe ich das einzigartige Werk in kleiner Runde zuhause, nicht im Kino, wo es hierzulande voraussichtlich auch nie auftauchen wird. Allerdings hat seine unspektakuläre Premiere bei uns stattgefunden, im Rahmen der Berlinale 2008, da lief “Sita” absurderweise gut versteckt in der Jugendsektion “Generation 14+”, mit der üblichen Folge, dass kein Mensch darüber berichtet hat.

“Sita Sings The Blues” ist der erste abendfüllende Film, der im wesentlichen von einer einzigen Person hergestellt wurde, der erste “Autorenfilm”, der diese Bezeichnung wirklich verdient. Fast fünf Jahre hat das gedauert und die Voraussetzung dafür waren Flash und ähnliche Animationssoftware, Paley hat den Film am Laptop zusammengebastelt. Anderthalb Stunden simple Computeranimation, mag man sich fragen, ist das nicht furchtbar? Ist die Technik nicht viel zu limitiert, ist das Ergebnis nicht eintönig, primitiv und langweilig? Das Gegenteil ist der Fall. Komischerweise wirkt die ultraflache Animation hier kein bisschen beschränkt, sondern auf ihre sehr eigene Weise  geradezu prächtig und überbordend. Eine Rolle spielt dabei sicher, dass in mehreren völlig verschiedenen Stilen animiert wurde, die sich fortwährend abwechseln. Und das wirkt keineswegs wirr, da jeder Stil jeweils Ausdruck einer bestimmten inhaltlichen Ebene ist.

Teils wird die traurige Liebesgeschichte von Rama und Sita im Stil traditioneller indischer Malerei erzählt, die bewusst ruppig in Bewegung gesetzt wurde, begleitet von entsprechend hölzernen Dialogen. Dann versuchen immer wieder drei Inder, höchst unzuverlässige Erzähler allesamt, die Geschichte mündlich vorzutragen, nur leider erinnern sie sich nicht allzu gut. Dargestellt werden sie von traditionellen Schattenfiguren, während im Hintergrund ihre Erzählung fortwährend und blitzschnell von animierten Collagen illustriert und kommentiert wird. Oft ist das ausgesprochen komisch, vor allem wenn die Sprecher sich uneins sind und visuell Korrektur auf Korrektur folgt. Dazwischen erklingen immer wieder wunderschöne alte Bluessongs von Anette Hanshaw, die Sitas Liebesleid nicht nur widerspiegeln, sondern die Handlung auch weiter vorantreiben. Denn während Sita, die in diesen Sequenzen an Betty Boop erinnert, singt, überstürzen sich regelmäßig die dramatischen und teils recht blutigen Ereignisse. Die Optik dieser Passagen ist von einem knalligen, modern reduzierten Design geprägt.

Aber das ist noch nicht alles. Eine autobiografische Ebene gibt es auch noch, in der Paley in pseudoanaloger Wackelanimation von ihrer eigenen unglücklichen Liebe berichtet, die, wie sich heraustellt, der Anstoß für das ganze Projekt war. Und dann sind noch mehrere Szenen vorhanden, die sich keiner der genannten Ebenen zuordnen lassen, etwa eine wunderbare Tanzszene, für die Paley Realfilmaufnahmen als Vorlage verwendet hat (Rotoskoptechnik).

Das Ergebnis ist ein persönlicher Film, wie ihn zuvor noch keiner gemacht hat, der berührt und visuell schwer beeindruckt und auf verblüffende Weise scheinbar völlig disparate Elemente zusammenführt. Komisch zudem, intelligent und, wie gesagt, ganz und gar einzigartig.

In unserer kleinen Runde waren allerdings nicht alle gleichermaßen angetan, die Hälfte war begeistert, die andere eher ratlos. (”Bleibt das so?” “Ganz nett, aber das ist ja kein richtiger Film.”)

Wer neugierig geworden ist, kann sich “Sita” hier gratis und völlig legal aus dem Netz holen. Am besten als DVD-Imagedatei. (Achtung: Es werden zwei Versionen angeboten, die offizielle und die inoffizielle, nur letztere enthält deutsche Untertitel.)

Paley hat also nicht nur als Erste im Alleingang einen abendfüllenden Film hergestellt, ihr Film ist auch der erste, der nach Belieben frei kopiert werden kann. Die Geschichte, wie sie eher zufällig zur Creative-Commons-Vorkämpferin wurde, ist fast so spannend wir “Sita” selbst. Hier eine kurze Doku dazu, “The Revolution Will Be Animated”:

_

_

Trailer | Website | Merchandising | imdb | Paley-Interview | Roger Ebert | Anette Hanshaw

_

Auch interessant: Eine Online-Petiton aufgebrachter Hindus: “The animation film ‘Sita Sings The Blues’ is derogatory and extremely insult to Hindu culture, its role models and Ramayana which is a religious book of Hindus.” Ich hatte immer gedacht, die seien ein klein wenig entspannter. Von wegen.

_

Kommentare deaktiviert | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Große Verzweiflung und wahre Liebe

21. Januar 2010 - 15:17 Uhr

KW03

_

Wie schön, ein neuer Film der Coen-Brüder läuft diese Woche an. Vielleicht ist die Freude über alles Neue von den begnadeten Schöpfern der intelligentesten und komischsten Genrefilme, die das amerikanische Kino in den letzten drei Jahrzehnten hervorgebracht hat, vor allem deshalb so groß, weil es schon mal so aussah, als wäre die Kette makelloser Meisterwerke endgültig abgerissen: Nach “Ein unmöglicher Härtefall“, gefolgt vom “Ladykillers“-Remake musste man davon ausgehen, dass die Brüder aus dem mauen Mainstream nicht wieder herauskommen.

Geschah dann aber doch, “No Country For Old Men” war eine unverhoffte Rückkehr zu alter Form und ausgerechnet diese wunderbare Ausgeburt an Boshaftig- und Sinnlosigkeit wurde 2008 zu meiner großen Verwunderung mit vier Oscars belohnt und entwickelte sich zum veritablen Kassenerfolg. Dass der größte Erfolg sich im Falle konsequenter Kompromisslosigkeit einstellte, das war fast zu schön um wahr zu sein. Danach brauchte man sich dann keine Sorgen mehr zu machen. Die starbesetzte Deppenparade “Burn After Reading” war eine reine Freude und alles deutet darauf hin, dass auch “A Serious Man” unsere Erwartungen nicht enttäuschen wird.

Die Coens lassen diesmal einen unbescholtenen und gläubigen jüdischen Vorstadtpapi allerlei Unbill erleiden, er hat Ärger an allen Fronten, mit seiner untreuen Frau, seinen stehlenden Kindern und beruflich kommt er auch ins Schlingern. Er wendet sich also in der Hoffnung auf spirituelle Hilfe an einen Rabbi und dann an einen weiteren und schließlich an einen dritten und weiter habe ich nirgendwo gelesen, um mir nicht den Spaß zu verderben. Die jüdische Vorstadtwelt der Sechziger Jahre hat offenbar viel mit der Biographie der Coens zu tun und diese Verortung in der Realität soll der wohl wiederum brilliant bösartigen Fabel ausgesprochen gut tun. Viel gelobt wird auch die Besetzung, die ohne irgendwelche Stars auskommt. Die Coens haben erneut selbst geschrieben, Regie geführt, produziert und geschnitten.

Wer mehr drüber lesen will, am Besten nach dem Kinobesuch, dem sei Interview plus Filmkritik von Andrew O‘Hehir auf Salon.com empfohlen. Ich habe den Text wohlweislich bislang nur überflogen und so von oben sah er recht vielversprechend aus.

“A Serious Man”: Trailer | Links | Kinos

_

Detlev Buck ist auch einer, von dem ich als Regisseur nicht mehr viel erwartet hatte. Der spröde Charme der Anfangsjahre, der sich am schönsten im hochkomischen “Wir können auch anders” von 1993 entfaltete, war schon drei Jahre später verpufft: “Männerpension” war einfach nur grauslich, nämlich kommerziell und platt. Er hat später nie mehr versucht, an die frühen Erfolge anzuknüpfen, aber zuletzt immerhin mit “Knallhart” und “Hände weg von Mississipi” zwei respektable Jugend- bzw. Kinderfilme gedreht.

“Same Same But Different” ist nun wieder ganz etwas Anderes, nämlich die Verfilmung einer wahren Liebesgeschichte. Erlebt und aufgeschrieben hat sie Benjamin Prüfer, erschienen zuerst hier als Neon-Artikel, später auch in Buchform. Prüfer hatte sich in Kambodscha in eine Prostituierte verliebt und auch zu ihr gehalten, als sich herausstellte, dass sie HIV-infiziert ist. Buck soll das ganz undramatisch und unsentimental nacherzählen, aber so richtig vom Hocker scheint das keinen Rezensenten zu reißen. Die Handlung ist ja leider auch, nun ja, recht überschaubar und weitestgehend frei von Überraschungen.

Ich hätte trotzdem gern meine alte Heimat besucht am Samstag, wenn Detlev Buck nämlich in guter alter Tradition seinen neuen Film in Bargteheide im Kino vorstellt, dem Kaff wo er und ich einst zur Schule gingen. Die Buck-Entdeckung David Kross, noch so ein Bargteheider, der die Hauptrolle spielt und mittlerweile mindestens weltberühmt ist, wird auch anwesend sein. Leider ist die Vorstellung aber restlos ausverkauft. Wen wundert’s – das dürfte dort das gesellschaftliche Ereignis des Jahres sein.

“Same Same But Different”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Die Fortsetzung von “Die Vorstadtkrokodile”, der überraschend guten Verfilmung eines betulich sozialdemokratischen Kinderbuchs aus den Siebzigern, das sich bis heute gut verkauft, weil es in mehreren Bundesländern noch immer als Schullektüre gelesen wird. Erfreulich waren vor allem die Dialoge und die völlige Abwesenheit irgendwelcher Ochsenknechte. Klar, dass nach dem Erfolg schnell, schnell, bevor die Darsteller zu alt sind, eine Fortsetzung folgen musste. Die scheint nur leider weniger Witz zu haben, als der Vorgänger und der Kinderbande die Rettung des Ruhrgebiets vor Wirtschaftskriminellen als Aufgabe zu stellen, war wohl keine wirklich gute Idee. Trotzdem dürfte es sich hier noch um einen überdurchschnittlichen Kinderfilm aus heimischer Produktion handeln.  (”Die Vorstadtkrokodile 2“)
  • Eine Romcom für Rentnerinnen mit Meryl Streep. (”Wenn Liebe so einfach wäre“)
  • Ein verstörender belgischer Film über den sexuellen Missbrauch an einem Schüler, begangen von drei Nachhilfelehrern. Startet mit genau einer Kopie in einem Kino, das sich ausnahmsweise nicht in Berlin, sondern in Frankfurt befindet. (”Privatunterricht“)
  • Ein Sci-Fi-Action-Flick über Verbrechen, die von Roboter-Kopien echter Menschen begangen werden. Weder die Action noch der Plot scheinen zu überzeugen. Mit Bruce Willis. (”Surrogates“)
  • Eine Doku über Jugendgangs in El Salvador. (”La Vida Loca“)
  • Und eine türkische Komödie, in der offenbar unter anderem Buddhismus und Werwölfe eine Rolle spielen. (”Kutsal Damacana 2“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

_

Und noch etwas:

Der Kurzfilm “World Cinema” von den Coens. Mit Josh Brolin.

_

Und dann noch ein sehr komisches Interview mit den Coens, das Katja Nicodemus vor zwei Jahren für die Zeit mit ihnen geführt hat. So hört das auf:

ZEIT: Zum 50. Geburtstag der Filmfestspiele von Cannes haben Sie einen Kurzfilm gedreht. Darin gibt es eine kleine Utopie: Ein Cowboy geht irgendwo in Amerika ins Kino. Zufällig sieht er das Werk eines türkischen Cineasten. Einen langsamen Film über das Zerbrechen einer Ehe. Und er mag den Film.

Joel Coen: Der Film, den der Cowboy sieht, ist ‘Climates’ von dem türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Wir haben ihn vor zwei Jahren gesehen und fanden ihn großartig.

Ethan Coen: Es ist eine schöne Vorstellung, dass ein Cowboy von diesem Film beeindruckt ist.

Joel Coen: Das Problem ist ja nicht, dass ein Cowboy den Film nicht verstehen könnte.

Ethan Coen: Das Problem ist, dass es in Amerika zu wenige Kinos gibt, in denen ein Cowboy einen türkischen Film sehen könnte.

Joel Coen: Es wäre schön, wenn amerikanische Cowboys türkische Filme sehen könnten.

Ethan Coen: Das wäre schön, yeah.

Joel Coen: Yeah.”

3 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Jagd auf Jäger und ein trommelnder Professor

14. Januar 2010 - 13:47 Uhr

KW02

_

Hört sich regelrecht ekelig an: Ein depressiver, alter Wirtschaftsprofessor entdeckt in seiner New Yorker Zweitwohnung ein junges afrikanisches Paar, lässt es da weiterwohnen und sich das Spielen der Djembe beibringen. “Die wilden Rhythmen erwecken Walters verlorengegangene Lebensfreude”, so der Pressetext. Anschließend gibt es Konflike mit der Einwanderungsbehörde. Und der olle Ökonom Walter kämpft natürlich für die neuen schwarzen Freunde. Aber ähnlich wie bei der letzten Woche gestarteten “Schachspielerin”, soll angeblich auch dem Regisseur Tom McCarthy das erstaunliche Kunststück gelungen sein, eine Geschichte, die man sich gar nicht anders vorstellen kann als platt, sentimental und triefend vor Klischees, mit herausragenden Darstellern (allen voran Richard Jenkins) so nüchtern und genau zu erzählen,  dass das Ergebnis überraschend, glaubwürdig und berührend ist.

McCarthy arbeitet vor allem als Schauspieler, “The Visitor” (wieso eigentlich Singular?”) ist seine zweite Regiearbeit. Der Erstling, “Station Agent” hat vor sieben Jahren ähnliche Qualitäten gehabt und auch da war die Geschichte vom einsamen Kleinwüchsigen im geerbten Bahnwärterhäuschen eigentlich zum Davonlaufen.

Die Kritiker in den USA sind fast durchweg schwer angetan, das Tomatometer zeigt 90% an und die durchschnittliche Bewertung bei Metacritic liegt bei 76. Hierzulande lassen sich allerdings einige Stimmen vernehmen, die hinter der geschickten Inszenierung doch geschmäcklerischen Gesinnungsschmalz erkennen wollen. Eckehard Knörer etwa beschreibt im Perlentaucher wunderschön spöttisch und detailfreudig die Ingredienzien und resümiert: “‘The Visitor’ ist ein jesusmäßiges Lichtspiel für schöne Seelen. Mild lächelt Thomas McCarthys Film mit sanftem Augenaufschlag. Nie schießt er über das Ziel, seufzt immer nur still. (…) Würden alle Menschen doch Brüder!”

Dem – wie bei Filmtiteln seit langem üblich – nicht übersetzten Originaltitel ist bei uns dooferweise als Deppen-Köder noch ein Reiseprospekt-Titel vorangestellt worden. Noch eine Hürde, die man erstmal nehmen muss.

“Ein Sommer in New York – The Visitor”: Trailer | Links | Kinos

_

Auch bei “Jagdzeit” ist mein erster Reflex Ablehnung. Ich will mir nicht 90 Minuten lang Heldenportraits und bittere, blutige Anklagen anschauen, die ein deutsches Dokumentarfilmteam von einer Reise mit einem Greenpeaceschiff aus der Antarktis mitgebracht hat. Doch auch hier ist wohl vieles anders, als man vermuten würde: Die Helden sind keine Helden sondern echte Menschen mit Eitelkeiten und anderen Schwächen, die sich ums Putzen streiten und von den Walfängern an der Nase herumführen lassen. Und das illegale Walabschlachten findet irgendwo fern der Kamera statt. “Fernab aller Heroisierung und ohne jeden pathetischen Off-Kommentar werden Idealisten als Normalbürger vorgestellt, die seekrank werden, mit Albernheiten die Zeit totschlagen und Aktkalender in ihren Büros hängen haben. Genau dieser Grad an Normalität macht ihren Idealismus letztlich sympathischer und nachvollziehbarer, als es jeder ‘Greenpeace’-PR-Film mit den einschlägigen Action-Sequenzen getan hätte”, schreibt Reinhard Lüke im Filmdienst.

“Jagdzeit – Den Walfängern auf der Spur”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ausnahmsweise schafft es auch mal ein mainstreamferner Film aus der Türkei in unsere Kinos, dessen schmales Budget mit deutschem und französischen Geld zustande gekommen ist. Regie führte  Semih Kaplanoglu, ein gern gesehener Festivalgast. Es geht um Mutter und Sohn, um Land und Stadt, um Tradition und Moderne. Allerdings fällt Kaplanoglu wohl nicht sonderlich viel ein zu den Themenkomplexen und eine richtige Geschichte auch nicht, dafür gibt es exquisite Bildkompositionen zu bewundern. Terry Gilliam neulich in der Welt: “Wenn irgendwas nicht funktioniert, kann ich immer noch auf meine billigen Tricks zurückgreifen. Z.B. kann ich ein knalliges Bild nehmen, das so aussieht, als hätte es eine tiefere Bedeutung, die aber nicht existiert.” Vielleicht lässt sich auf die Weise auch ein ganzer Film drehen. (”Süt“)
  • Zwei Zonis in Amerika: In dem Roadmovie reisen die mittellosen Ost-Berliner, einer davon gespielt von Matthias Schweighöfer, quer durch die USA und machen da so lustige Sachen wie Strippen im Gay-Club. Spielt gleich nach der Wende, sieht wohl aber gar nicht danach aus: Es wurde “einfach im heutigen Amerika gedreht, frei nach dem Motto: So, wir tun jetzt so, als sei es 1989 und ihr, liebes Publikum, glaubt das!”, schreibt Cornelis Hähnle im Schnitt. (”Friendship!“)
  • Ein Bergfilm von Joseph Vilsmaier über den unglücklich endenden Himalaya-Ausflug der Messner-Brüder, bei dem man mit allen naheliegenden Vorurteilen sicher richtig liegt. (”Nanga Parbat“)
  • Ein Oscar-Niemeyer-Lobgesang in Dokumentarfilmform. (”Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch“) Wer Interesse hat: Es gibt zwei wunderbare Fotobücher über die Bauten des Methusalem.
  • Eine türkische Romcom. (”Ich liebe Euch – Sizi Seviyorum“)
  • Eine unterirdische Kumpelkomödie mit Robin Williams und John Travolta. (”Old Dogs – Daddy oder Deal“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

_

Und noch etwas:

Der Guardian hat eine ewige Bestenliste der Fernsehserien veröffentlicht, die neben allerlei Vorhersehbarem auch einige Überraschungen zu bieten hat. Auf Platz vier etwa “Mad Men“, die Serie über New Yorker Werber in den Sechzigern. Jörg Lau hat anlässlich der gerade erfolgten Veröffentlichung der ersten beiden Staffeln im Box-Set ausgiebig gejubelt. (”Genial”, schreibt er. Und: “Die eigentliche Stärke der Serie ist nicht die fast schon fetischistische Reproduktion der Sixties-Oberfläche, sondern die Tiefe der Figuren.”) Ach wenn ich wenigstens schon die “Sopranos” zu Ende geguckt hätte. Ist das Leben nicht viel zu kurz für Fernsehserien? Wie bekommt Ihr das alle bloß hin?

4 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Stuss und Stop-Motion

11. Januar 2010 - 12:07 Uhr

fas_Lang065

_

Ein Zeichentrickfilm mit Schauspielern und Marionetten? Offensichtlicher Schwachsinn, diese Nachricht. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet im Feuilleton der FAS, wo gemeinhin auch oder sogar gerade die kurzen Meldungen und “kleinen Meinungen” mit größter Sorgfalt ausgesucht und fein formuliert werden, keinem das aufgefallen ist und niemand mal eben nach “Project Chopin” gegoogelt hat.

Verbreitet hat den Stuss ursprünglich AFP. Tatsächlich ist nicht einmal eine der widersprüchlichen Aussagen korrekt: es handelt sich um einen Film ohne Zeichentrick, ohne Schauspieler und ohne Marionetten. Stattdessen ist es eine Stop-Motion-Produktion, also Puppentrick, so wie “Wallace & Gromit” oder “Coraline”. Hier ist ein Teaser-Trailer:

_

Eine Form der Animation, die in diesen digitalen Zeiten überraschenderweise quicklebendig ist. Eine solche Flut abendfüllender Stop-Motion-Filme gab es noch nie. Ich freue mich zum Beispiel schon sehr auf die Roald-Dahl-Verfilmung von Wes Anderson. Bei uns startet “Der fantastische Mr. Fox” leider erst im Mai. Den Trailer bette ich hier nicht für Euch ein, da dieser, ganz im Gegensatz zum fertigen Film, in den USA höchst skeptisch aufgenommen wurde. Ist wohl gaaanz schlechte Werbung.

_

_

Gar nicht in unsere Kinos schaffen es voraussichtlich “Mary and Max” vom großartigen Adam Elliot, “Panique au village” und “$9,99“, nach Kurzgeschichten von Etgar Keret. Sehr sehr schade, scheinen sie doch alle drei in höchstem Maße sehenswert zu sein. Müssen wir eben auf die DVDs warten.

Lang Lang ist übrigens tatsächlich an “Project Chopin” beteiligt, wenn er auch keine “Hauptrolle” übernimmt: Er spielt – Überraschung! – Klavier.

3 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Spiel und Spiegel

7. Januar 2010 - 17:26 Uhr

KW01

_

Terry Gilliam, dem grandiosen und manchmal etwas wirren Weltenerschaffer, ist während der Drehabeiten von “Dr. Parnassus” tragischer- wie bekannterweise einer der Hauptdarsteller weggestorben: Heath Ledger wurde für die restlichen Dreharbeiten durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ersetzt. Immer wenn die Ledger-Figur durch einen Spiegel fantastische Welten betritt, wird sie dort von einem anderen Darsteller weitergespielt. Einfach so, offenbar ohne jede Erklärung. Ein sympathisch frecher Ausweg aus der Katastrophe, in die sich ein Gilliamsches Filmprojekt mal wieder verwandelt hatte. Den Spiegel hält der Dr. Parnassus aus dem Titel, eine Art Alter Ego Gilliams, in seinem heruntergekommenem “Imaginarium” für zahlendes Publikum bereit. Um eine faustische Wette und eine schöne Tochter geht es außerdem, wobei der Leibhaftige von Tom Waits gespielt wird. Mit Sicherheit ist das Ganze wieder ein Augenschmaus, wie ihn außer Gilliam höchstens noch Guillermo del Toro oder Tim Burton bereiten können. Ich bin gespannt, ob ich mich dem werde hingeben können, oder aber genervt darauf reagiere, wenn die spektakulären Einfälle fässerweise über mich ausgeleert werden. Vielleicht sollte ich mich vor dem Kinobesuch mit bekanntermaßen dafür geeigneten Substanzen in einen Zustand begeben, in dem das debile Staunen leichter fällt. Und das Denken schwerer.

Dabei fällt mir “Tideland” ein, der ist immer einen Hinweis wert, der Gilliam-Film von 2005, der bei uns nicht in die Kinos kam und entsprechend wenig Beachtung gefunden hat, mit Jeff Bridges als Drogenwrack und jeder Menge wogender Kornfelder. Hat mir – vollkommen nüchtern – ausgesprochen gut gefallen. (Gibt es überall auf DVD.)

Und der Don-Quichote-Film, dessen Dreharbeiten, wie in “Lost in La Mancha” dokumentiert, wegen widrigster Umstände vor annähernd zehn Jahren abgebrochen werden musste, wird tatsächlich in diesem Jahr fertiggestellt, falls der Teufel oder sonstwer oder -was nicht dazwischenkommt. Mit Robert Duvall statt Jean Rochefort als Hauptdarsteller. Und wieder mit Johnny Depp. Kaum zu glauben.

“Das Kabinett des Dr. Parnassus”: Trailer | Links | Kinos

_

Frau, die als Zimmermädchen arbeitet, sieht Hotelgästen, einem Paar, beim erotisch aufgeladenen Schachspiel zu und verfällt ebenfalls dem Spiel mit unvermeidlichen Folgen für Liebe und Leben. Das hört sich zugegebenermaßen ganz grässlich an, doch handelt es sich um einen nüchtern inszenierten französischen Film mit der grandiosen Sandrine Bonnaire in der Hauptrolle, der also durchaus sehenswert sein könnte. Bonnaire hat schon mehrfach romantische Schmonzetten wie etwa “Die Frau des Leuchturmwärters” zu Glanzstücken gemacht. Ich wage, wie immer ungesehen, eine Empfehlung.

“Die Schachspielerin”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ein reichlich unoriginelles Roadmovie aus Norwegen, in dem ein depressiver Skilift-Ticketverkäufer auf die Reise geht, um seinen Sohn zu besuchen, von dem er gerade erst erfahren hat. Der Kauz trifft unterwegs wohl, wie immer, auf jede Menge weiterer Käuze und zu sehen gibt es lauter verschneite Landschaften, durch die der Reisende mit einem Schneemobil zuckelt. Ist bestimmt ganz charmant, aber ich mag einfach nicht mehr, es ist genug. (”Nord“)
  • Die “erste deutsche Komödie über das Studentenleben” (Pressetext) will ich trotz wohlwollender Kritiken nun wirklich nicht sehen. (”13 Semester“)
  • Der “Twilight”-Erfolg zeitigt erste Folgen: Zwei Jungen geraten in einem Kampf zwischen liebe und böse Vampire. Der titelgebende Zirkus soll ein wenig Gilliamesk daherkommen, aber weder die Inszenierung noch der Plot scheinen recht überzeugend geraten zu sein. Die Jugendbuchvorlage erschien bereits 2001. Regie führte Paul Weitz. (”Mitternachtszirkus“)
  • Ein mieser Actionthriller mit Gerard Butler über Computerspiele mit realen Menschen als Spielfiguren. (”Gamer“)
  • Mit einer Handvoll Kopien startet ein deutscher Film, der auch mit einer fantastischen Welt hinter einem Spiegel aufwartet. Auf der realen Seite hockt eine Jüdin versteckt im kleinen Kämmerlein, mitten in Nazi-München. Wurde bemerkenswerterweise ohne Fernsehgeld finanziert. “Melodram, Film noir, Stummfilmästhetik, expressionistischer Film und Theater fügen sich zu einem klaustrophobischen Kammerspiel”, schreibt Julia Teichmann im Filmdienst. Vielleicht taugt das ja was. Läuft nicht in der Kinoprovinz Hamburg. (”Das Zimmer im Spiegel“)
  • Auch nur mit winziger Kopienzahl startet der zweite Film von Lucía Puenzo, der argentinischen Regisseurin von “XXY“. Wenn man Sabine Vogels höchst unterhaltsame Inhaltsbeschreibung liest, will man den Film sofort sehen. Bis sich herausstellt, dass es gar nicht um ihn geht. (”Das Fischkind“, läuft auch nicht in der Kinoprovinz). (Sabine Vogel ist übrigens tatsächlich die Sabine Vogel, die gemeinsam mit Thomas Kapielski, Helmut Höge und all den anderen Schreibern in den späten Achtzigern die taz zu einer unverzichtbaren Zeitung gemacht haben mit all ihren verspielten und völlig unvorhersehbaren Beiträgen für die Berlin Kultur und die Medienseite. Bis ungefähr 1991 wieder sämtliche Ressorts in korrekter Langeweile erstickt wurden. Vogel ist offenbar schon seit Jahren Redakteurin bei der Berliner Zeitung und es gibt haufenweise Texte von ihr im Archiv.)
  • Eine Romcom mit Hugh Grant und Sarah Jessica Parker. (”Haben Sie das von den Morgans gehört?“)
  • Eine weitere Folge der unendlichen Reihe von Buddhismus-Dokus, für die es hierzulande, wo die meisten auch produziert werden, einen unerschöpflichen Markt zu geben scheint. (”Dolpo Tulku – Heimkehr in den Himalaya“)

_

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

2 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: Akins Seelenküche

31. Dezember 2009 - 04:07 Uhr

KW53

_

Weihnachten ist Fatih Akins “Soul Kitchen” angelaufen und hat am Startwochenende 163.000 Besucher angelockt, mehr als irgendeiner seiner früheren Filme. Publizistisch wurde der Start allerorts sehr freundlich vorbereitet, jede Menge Portraits und Interviews mit Akin gab es vorab zu lesen, darin durfte sich der einzige deutsche Regisseur neben Christian Petzold und Tom Tykwer, dessen Filme in die Wettbewerbe internationaler großer Filmfestivals eingeladen werden und der sich noch nicht im Rentenalter befindet, sympathisch wie stets geben. Keiner hat ihn auf die unschöne Auseinandersetzung mit Alexander Wall(asch) angesprochen. Oder aber er hat sich geweigert, dazu etwas zu sagen. Wenigstens das hätte man dann gerne gelesen. Vielleicht will einfach keiner seinen Status gefährden oder Mitschuld an einer Demontage haben.

Ihr werdet es mitbekommen haben: “Soul Kitchen” ist eine Komödie über einen griechischen Kneipenbesitzer, der Probleme mit seiner blonden Hanseatentussi, seinem Rücken, seinem neuen, ambitionierten Koch und mit seinem halbkriminellen Bruder hat. Und es soll gleichzeitig eine Liebeserklärung Akins an Hamburg sein und zwar sympathischerweise an das von ungehemmter Gentrifizierung bedrohte Hamburg. Gedreht wurde vor allem in Wilhemsburg, weil das dem Ottensen vor zwanzig Jahren näher komme, als Ottensen heute, wie es vorab hieß, weshalb ich erwartete, dass der Film auch Ende der Achtziger spielt. Bei Ansicht einiger Filmschnipsel im Fernsehen stellte ich allerdings fest, dass das keineswegs der Fall ist. Sah alles sehr heutig und vor allem nicht wirklich gut aus. Das Restaurant Soul Kitchen wirkte nicht wie ein Restaurant, sondern wie ein mit sehr wenig Mitteln eiligst in eine Fabrikhalle hingezimmerte Restaurantkulisse in einem deutschen Fernsehfilm und das Gefuchtel und Gerede der Darsteller, allen voran Moritz Bleibtreus, erinnerte leider auch an einen solchen.

Milde wird mich im Kino sicher der geschmackvolle Soundtrack stimmen, der dem echten “Soulkitchen” Tribut zollt, einer liebenswerten Rare-Groove-Kaschemme in der Bernhard-Nocht-Straße, einem der schönsten Ausgehorte, den die Stadt je hatte. Das war Anfang der Neunziger, der lebendigsten und aufregendsten Zeit in St. Paulis jüngerer Vergangenheit. Nur schade, dass die Restaurantgeschichte des Film weder mit der Ära noch mit dem Ort viel zu tun hat.

Ich fürchte ein wenig, dass “Soul Kitchen” der erfolgreichste und gleichzeitig schwächste Akin-Film sein könnte, auch wenn die Kritiken fast durchweg begeistert klingen. Aber da gibt es, wie gesagt, Grund zum Misstrauen.

Einer der wenigen, die nicht ins gleiche Horn stoßen, ist Thomas E. Schmidt in der Zeit: “Die Wahrheit ist, dass hier das Lokalkolorit mit der Zeit von den Genregesetzen der neuen deutschen Filmcomedy aufgesogen wird. Das gelebte Leben, der Charme des Spontanen, Ungebürsteten, Schmuddeligen, das Klaus-Lemke- oder vielleicht sogar Scorsesehafte verschwindet. Das Drehbuch siegt in Soul Kitchen einigermaßen früh über das Milieu, aber eine solide Filmkomödie kommt deswegen noch nicht zustande. (…) Akins Geschichte ist nicht gebaut, da entwickelt sich nichts, sondern sie hangelt sich von Pointe zu Pointe. Gutes Kinohandwerk sieht anders aus.”

Und Schmidt ist auch der einzige, in dessen Kritik auf den Konflikt mit Wall angespielt wird, elegant und witzig, allerdings nur verständlich, wenn man den Handlungsort des Romans kennt, zu dem es die auffälligen Ähnlichkeiten gibt: “Wir sind ziemlich angetan davon, wie rasch und sicher Akin die Fäden zu einer soliden Alltagswahnsinnsgeschichte aufnimmt, die im Prinzip natürlich überall, beispielsweise auch in Braunschweig, spielen könnte …”

Wall selber hatte ich, nachdem er hier im Blog als Kommentator aufgetaucht war, nach seiner Meinung zum Film gefragt. “Korrekt gute Unterhaltung. Wenn er auch auf mich mitunter etwas vorhersehbar wirkt”, so sein Urteil. Keine Ahnung, wie er es schafft, so freundlich zu bleiben. Das Hamburger Landgericht hat die einstweilige Verfügung, die Akin Wall ins Haus geschickt hat, bestätigt. Wall, der nie laut “Plagiat” geschrien und keinerlei Forderungen gestellt hatte, sitzt mit Maulkorb da und darf zahlen. Mehrere tausend Euro. Eine schriftliche Begründung des irrwitzigen Gerichtsurteils steht noch immer aus.

“Soul Kitchen”: Trailer | Links | Kinos

_

_

Außerdem neu seit Weihnachten:

_

Und außerdem neu seit Silvester:

  • Ein neuer Film von John Sayles, in dem er US-amerikanische Frauen in einem Hotel irgendwo in der südlichen Hälfte Amerikas darauf warten lässt, dass sie Dritt-Welt-Babys adoptieren können. Wie üblich bei Sayles ist das kein großes Drama, stattdessen wird viel geredet und den Rednerinnen nüchtern zugeguckt, ohne sie bloßzustellen. Hört sich alles gut an, könnte aber ein wenig zäh geraten sein. (”Casa de los Babys“)
  • Eine französische Komödie über Rassismus und Skifahren. Der Arbeitstitel war wahrscheinlich “Neger im Schnee”. (”Triff die Elisabeths“)
  • Eine Romcom mit Catherine Zeta-Jones (”Lieber verliebt“)
  • Das offenbar miserable Remake eines Achtziger-Jahre-Thrillers, der wohl auch schon nicht so doll war. (”Stepfather“)
  • Und ein türkischer Western. (”Yahsi Bati“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

3 Kommentare » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

Neu im Kino: wilde und potthässliche Dinger

18. Dezember 2009 - 04:04 Uhr

KW51

_

“Wo die wilden Kerle wohnen” ist ein Bilderbuchklassiker von Maurice Sendak. Wer jünger als 45 ist und das nicht kennt, der hatte eine verkorkste Kindheit. Jetzt ist die Verfilmung da, ein Realfilm und in jeder deutschsprachigen Kritik, die ich gelesen habe, wurde die geringe Anzahl der Wörter oder Sätze der Vorlage angegeben (Im Ernst! In fünfen!) und der Kopf geschüttelt über so ein Unterfangen, so als sei dies das allererste Mal, dass ein Bilderbuch für das Kino adaptiert wurde. Wurde allerdings schon häufig gemacht und immer musste ganz viel dazu erfunden werden, was in der Regel zu miesem Murks führte: “Der Polarexpress”, “Zathura” und “Jumanji” nach Vorlagen von Chris van Allsburg,  “Der Kater mit Hut” und “Horton hört ein Hu” nach Dr. Seuss, “Lucas der Ameisenschreck” nach John Nickle sowie ganz fiese deutsche Zeichentrickfilme wie “Oh wie schön ist Panama” nach Janosch oder auch “Lauras Stern”, “Felix – ein Hase auf Weltreise” und “Der Mondbär”, deren Vorlagen schon betulich doof sind. Da ist die Neugier auf weitere Bilderbuchverfilmungen gleich Null.

Diesmal aber hat sich kein Geringerer als Spike Jonze an die Arbeit gemacht und er hat Dave Eggers für das Drehbuch ins Boot geholt und darum geht es diesmal nicht um Picturebookploitation, die simple Ausbeutung von erfolgreich im Kinderzimmer etablierten Marken, sondern um eine verspielte Drumherumspinnerei, getrieben von großem Respekt für die Vorlage. Die Monster sehen fantastisch aus, sie sind teils lebensgroße Puppen, in denen Menschen stecken, teils Animatronics, alle mit digital animierten Gesichtern, eine tolle Lösung, besser geht es einfach nicht. Ich hänge ohne Widerwehr am Haken, seit ich vor ein paar Monaten den Trailer gesehen habe. Der Weg zu dieser Lösung war allerdings steinig: Die digitale Nachbearbeitung war eigentlich nicht vorgesehen, die Puppengesichter sollen aber einen so leblosen Eindruck gemacht haben, dass der Film, gedreht vor drei Jahren, 2008 zwecks Nachbesserungen wieder einkassiert wurde. Dabei dürften auch Testvorführungen eine Rolle gespielt haben, aus denen heulende Kinder rausgelaufen sein sollen.

Der Film stößt mehrheitlich auf positive Reaktionen bei den Schreibern, hüben wie drüben. Wenn gemeckert wird, dann geht das meist in die Richtung, dass das ja alles sehr schön sei, aber für Kinder zu langweilig oder zu komplex oder zu furchterregend. Glaube ich kein Wort von und werde ich mit meinem Nachwuchs gleich überprüfen gehen.

Spike Jonze hat übrigens auch eine Dokumentation über Maurice Sendak gedreht, die richtig gut sein soll. Hoffentlich kommt sie als Extra auf der “Kerle”-DVD auch bei uns heraus.

Und von Sendak möchte ich bei dieser Gelegenheit noch “Mommy?” empfehlen, das neben Jan Pienkowskis “Pension zum ewigen Frieden” vielleicht schönste Pop-Up-Buch aller Zeiten, ein geeignetes Weihnachtsgeschenk für Spielkinder wie mich, die obendrein das klassische Horrorkino schätzen.

interiormummy

“Wo die wilden Kerle wohnen”: Trailer | Links | Kinos

_

Die digital bearbeiteten Kreaturen in James Camerons “Avatar” finde ich dagegen alles andere als ansprechend, richtig doof geradezu und die Sci-Fi-Geschichte von den friedlichen mit der Natur in Einklang lebenden Aliens packt mich auch nicht gerade, weshalb ich eher widerwillig ins Kino gehen werde, um zu besichtigen, wie das angeblich bahnbrechende Filmspektakel denn aussieht. Aus dem Pressetext: “Als aber eine Na’vi-Frau (die “Na’vis” sind die Aliens) mit dem Namen Neytiri Jakes Leben rettet, verändert das alles. Jake (ein Mensch bzw. Avatar) wird von ihrem Stamm aufgenommen, lernt nach vielen Prüfungen und Abenteuern, einer von ihnen zu werden. Während sich die Beziehung zwischen Jake und seiner anfangs unwilligen Lehrerin Neytiri vertieft, lernt Jake, die Lebensweise der Na’vi zu respektieren und nimmt schließlich einen Platz in ihrer Mitte ein. Bald wird er mit der letzten ultimativen Prüfung konfrontiert werden, wenn er die Na’vi in eine epische Schlacht führt, die das Schicksal einer ganzen Welt entscheiden wird.” Och nee.

Für die 3D-Technik, die große Hoffnung der Filmwirtschaft, könnte der voraussichtliche Riesenerfolg den endgültigen Durchbruch bedeuten. Bei den Animationsfilmen in diesem Jahr ist bei mir schon 3D-Ermüdung eingetreten, “Oben” habe ich mir freiwillig ganz flach und ohne Brille angeschaut, nachdem ich den Effekt bei “Bolt” und “Ice Age 3″ erlebt hatte. Am überzeugendsten fand ich die stereoskopische Darstellung ausgerechnet bei “Coraline”. Die real abgefilmten Miniatursets des Stopmotionfilms haben eine viel wirkungsvollere Tiefe ergeben, als die dreidimensionalen Digitalwelten. (Aber so hin und weg wie bei den irrwitzigen 3D-Animationen von Mariko Mori, die Blasen und kleine Buddhas um die Zuschauer herumschweben lässt, war ich bei keinem der neuen 3D-Filme. Bei Moris Videos, vor 11 Jahren, hatte ich das allererste Mal so eine Polfilterbrille auf der Nase.)

Michael Althen hat sich in der FAZ (nicht frei online) viele Spalten lang für die 3D-Technik beim “Avatar” begeistert, gar von der “Zukunft des Kinos” geschrieben, aber ich habe trotzdem nicht richtig verstanden, wieso der Effekt denn in diesem Falle so zwingend sein soll. Zumindest darauf bin ich gespannt.

“Avatar”: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Ein spleeniger Stummfilm von Guy Maddin mit einem verrückten Wissenschaftler, der Kindern Hirnflüssigkeit entnimmt um daraus ein Verjüngungsmittel zu brauen. Soll auf der Berlinale vor zwei Jahren höchst beeindruckend mit Orchester, Geräuschemachern und Isabella Rosselini als Erzählerin live aufgeführt worden sein. Jetzt ist die Fassung mit Tonspur in genau einem Kino im Land zu sehen: im Kreuzberger FSK. Gibt’s aber bei Criterion auf DVD. (”Brand Upon The Brain“)
  • Eine brave deutsche Literaturverfilmung nach Martin Suter. (”Lila Lila“)
  • Und ein französisches Biopic über das tragische Leben einer naiven Malerin. Sicher nichts für mich, aber wohl nicht so furchtbar, wie es sich anhört. (”Séraphine“)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

Der komische Störtebeker-Film scheint übrigens fulminant zu floppen: In Hamburg, der Stadt, in der der Freibeuter einst kopflos die zwölf Meter gelaufen sein soll, ist der Film nur noch in einigen Nachmittagsvorstellungen zu sehen. In der zweiten Woche! Während Til Schweiger mit seinen Küken wieder Millionen anlockt. Ich begreif’s nicht.

1 Kommentar » | Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik

« Ältere Einträge