Archiv für Januar 2010


Neu im Kino: Sherlock Holmes und der Fall der Fleischbällchen

28. Januar 2010 - 19:09 Uhr

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„Sherlock Holmes“ ist ein Film von Guy Ritchie, der einst mit dem höchst kurzweiligen „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ den britischen Gangsterfilm wiederbelebt hat, vor allem aber durch seine inzwischen längst beendete Verbindung mit einer Sängerin bekannt wurde. Der neue Film dürfte mit seinem geschätzten 90-Millionen-Dollar-Budget mehr gekostet haben als alle bisherigen Ritchie-Filme zusammen, ist als erster Baustein eines Riesen-Franchise-Geschäfts konzipiert und entzieht sich darum jeder Vergleichbarkeit mit früheren Filmen des Regisseurs. Da die aber eh zunehmend enttäuschend ausfielen, ist der geringere Einfluss Ritchies auf den aktuellen Film kein Grund zur Klage.

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Gleiten statt Glühwein

27. Januar 2010 - 14:00 Uhr

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Wir sind hier in Hamburg allesamt fixiert auf das Winter für Winter erhoffte Zufrieren der Alster. Wenn es dann mal passiert und die Eisfläche zum Betreten freigegeben wird, wie zuletzt vor dreizehn Jahren, löst das einen einzigartigen kollektiven Freudentaumel aus, über Klassen- und alle sonstigen Schranken hinweg. WM-Siege und Wiedervereinigungen werden in der Hansestadt vergleichsweise kühl und vor allem von weniger Personen gefeiert. Sobald das Thermometer mal unter Null fällt, thematisiert die Lokalpresse die Chancen auf ein „Altereisvergnügen“ und dieses Jahr, in dem  es dann wirklich mal wieder kalt genug ist, herrscht entsprechend große Aufregung.

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Ramayana Remix

22. Januar 2010 - 17:59 Uhr

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So, der Januar ist ja schon bald rum, Zeit zu verkünden, welches mein Filmerlebnis des Jahres war, des laufenden, versteht sich. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich in den kommenden elf Monaten noch etwas zu sehen bekommen werde, dass mich ähnlich überraschen und begeistern wird wie „Sita Sings The Blues“ von Nina Paley.

Es ist ein amerikanischer Trickfilm, der das indische Nationalepos Ramyana mit Bluessongs aus den zwanziger Jahren verbindet. Doch, das ist wirklich richtig gut. Im Ernst.

Gesehen habe ich das einzigartige Werk in kleiner Runde zuhause, nicht im Kino, wo es hierzulande voraussichtlich auch nie auftauchen wird. Allerdings hat seine unspektakuläre Premiere bei uns stattgefunden, im Rahmen der Berlinale 2008, da lief „Sita“ absurderweise gut versteckt in der Jugendsektion „Generation 14+“, mit der üblichen Folge, dass kein Mensch darüber berichtet hat.

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Neu im Kino: Große Verzweiflung und wahre Liebe

21. Januar 2010 - 15:17 Uhr

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Wie schön, ein neuer Film der Coen-Brüder läuft diese Woche an. Vielleicht ist die Freude über alles Neue von den begnadeten Schöpfern der intelligentesten und komischsten Genrefilme, die das amerikanische Kino in den letzten drei Jahrzehnten hervorgebracht hat, vor allem deshalb so groß, weil es schon mal so aussah, als wäre die Kette makelloser Meisterwerke endgültig abgerissen: Nach „Ein unmöglicher Härtefall„, gefolgt vom „Ladykillers„-Remake musste man davon ausgehen, dass die Brüder aus dem mauen Mainstream nicht wieder herauskommen.

Geschah dann aber doch, „No Country For Old Men“ war eine unverhoffte Rückkehr zu alter Form und ausgerechnet diese wunderbare Ausgeburt an Boshaftig- und Sinnlosigkeit wurde 2008 zu meiner großen Verwunderung mit vier Oscars belohnt und entwickelte sich zum veritablen Kassenerfolg. Dass der größte Erfolg sich im Falle konsequenter Kompromisslosigkeit einstellte, das war fast zu schön um wahr zu sein. Danach brauchte man sich dann keine Sorgen mehr zu machen. Die starbesetzte Deppenparade „Burn After Reading“ war eine reine Freude und alles deutet darauf hin, dass auch „A Serious Man“ unsere Erwartungen nicht enttäuschen wird.

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Pfeil mal wieder

18. Januar 2010 - 16:38 Uhr

„Ich wünsche mir von Popmusik-Texten alles, nur nicht, daß sie ‚authentisch‘ sind. Ich wünsche mir von Popmusiktexten das ziemliche Gegenteil: Ich wünsche mir stilvollen Blödsinn und ausgedachten Unfug, der sich anhört, als sei er ein bisschen mehr: ‚Papa’s got a brand new bag‘. ‚Are we human or are we dancer?‘. ‚Sing this corrosion to me‘. So etwas.“

Eric Pfeil in seinem aktuellen Poptagebucheintrag. Kann man dem Mann bitte ganz schnell die Chefredaktion eines der noch existierenden Musikmagazine übertragen?

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Das gibt’s nur einmal

18. Januar 2010 - 13:22 Uhr

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An mir war das völlig vorbeigegangen, erst durch diesen Artikel auf der Medienseite der FAZ bin ich am Samstag auf ein beeindruckendes Zeitungsprojekt aufmerksam geworden.

Tausendsassa Dave Eggers hat im von ihm gegründeten Verlag McSweeney’s das „San Francisco Panorama“ herausgebracht, eine einmalig erscheinende Zeitung, die in Zeiten des Niedergangs demonstrieren soll, zu was dieses Medium alles fähig ist, vor allem im Vergleich zu Onlinemedien. Im größtmöglichen Format (entspricht ungefähr den Maßen der „Zeit“) und auf 112 Seiten plus zwei voluminösen Beilagen (Magazin und Literaturbeilage) werden klassische Reportagen und alle möglichen anderen journalistischen und fiktionalen Formen ohne irgendwelche Beschränkungen so großzügig  gestaltet hingeknallt, wie man Zeitungsseiten noch nie gesehen hat. Falls der Eindruck, den die Beispielseiten machen, nicht trügt. Besondere Freude macht mir, dass auch zahlreiche Comics enthalten sind, gezeichnet und geschrieben von den größten Meistern der Kunst: Chris Ware, Art Spiegelman, Dan Clowes, Adrian Tomine, Seth – alle sind sie dabei. Unter den Autoren finden sich ebenso eine Menge Namen, die Anlass zu höchsten Erwartungen geben: Miranda July, Nicholson Baker, Roddy Doyle, Michael Chabon und und und …

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Neu im Kino: Jagd auf Jäger und ein trommelnder Professor

14. Januar 2010 - 13:47 Uhr

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Hört sich regelrecht ekelig an: Ein depressiver, alter Wirtschaftsprofessor entdeckt in seiner New Yorker Zweitwohnung ein junges afrikanisches Paar, lässt es da weiterwohnen und sich das Spielen der Djembe beibringen. „Die wilden Rhythmen erwecken Walters verlorengegangene Lebensfreude“, so der Pressetext. Anschließend gibt es Konflike mit der Einwanderungsbehörde. Und der olle Ökonom Walter kämpft natürlich für die neuen schwarzen Freunde. Aber ähnlich wie bei der letzten Woche gestarteten „Schachspielerin“, soll angeblich auch dem Regisseur Tom McCarthy das erstaunliche Kunststück gelungen sein, eine Geschichte, die man sich gar nicht anders vorstellen kann als platt, sentimental und triefend vor Klischees, mit herausragenden Darstellern (allen voran Richard Jenkins) so nüchtern und genau zu erzählen,  dass das Ergebnis überraschend, glaubwürdig und berührend ist.

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Stuss und Stop-Motion

11. Januar 2010 - 12:07 Uhr

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Ein Zeichentrickfilm mit Schauspielern und Marionetten? Offensichtlicher Schwachsinn, diese Nachricht. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet im Feuilleton der FAS, wo gemeinhin auch oder sogar gerade die kurzen Meldungen und „kleinen Meinungen“ mit größter Sorgfalt ausgesucht und fein formuliert werden, keinem das aufgefallen ist und niemand mal eben nach „Project Chopin“ gegoogelt hat.

Verbreitet hat den Stuss ursprünglich AFP. Tatsächlich ist nicht einmal eine der widersprüchlichen Aussagen korrekt: es handelt sich um einen Film ohne Zeichentrick, ohne Schauspieler und ohne Marionetten. Stattdessen ist es eine Stop-Motion-Produktion, also Puppentrick, so wie „Wallace & Gromit“ oder „Coraline“. Hier ist ein Teaser-Trailer:

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Neu im Kino: Spiel und Spiegel

7. Januar 2010 - 17:26 Uhr

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Terry Gilliam, dem grandiosen und manchmal etwas wirren Weltenerschaffer, ist während der Drehabeiten von „Dr. Parnassus“ tragischer- wie bekannterweise einer der Hauptdarsteller weggestorben: Heath Ledger wurde für die restlichen Dreharbeiten durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ersetzt. Immer wenn die Ledger-Figur durch einen Spiegel fantastische Welten betritt, wird sie dort von einem anderen Darsteller weitergespielt. Einfach so, offenbar ohne jede Erklärung. Ein sympathisch frecher Ausweg aus der Katastrophe, in die sich ein Gilliamsches Filmprojekt mal wieder verwandelt hatte. Den Spiegel hält der Dr. Parnassus aus dem Titel, eine Art Alter Ego Gilliams, in seinem heruntergekommenem „Imaginarium“ für zahlendes Publikum bereit. Um eine faustische Wette und eine schöne Tochter geht es außerdem, wobei der Leibhaftige von Tom Waits gespielt wird. Mit Sicherheit ist das Ganze wieder ein Augenschmaus, wie ihn außer Gilliam höchstens noch Guillermo del Toro oder Tim Burton bereiten können. Ich bin gespannt, ob ich mich dem werde hingeben können, oder aber genervt darauf reagiere, wenn die spektakulären Einfälle fässerweise über mich ausgeleert werden. Vielleicht sollte ich mich vor dem Kinobesuch mit bekanntermaßen dafür geeigneten Substanzen in einen Zustand begeben, in dem das debile Staunen leichter fällt. Und das Denken schwerer.

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Licht am Ende des Dings

4. Januar 2010 - 23:54 Uhr

Hierzulande nehmen die Diskussionen über journalistische Bezahlinhalte als i-Phone-Apps groteske Ausmaße an, es wird einem Angst und Bange, wenn die großen Verlagshäuser alle ihre Hoffnungen in die paar Euro setzen, die über solche Abos für das mobile Miniaturgerät zu erwirtschaften sind, zumal die sonstigen Versuche mit digitalen Ausgaben Geld zu verdienen völlig perspektivlos sind, etwa das WAMS eMag oder die  kürzlich schmollend heruntergelassenen Bezahlschranken vor lokalen Onlineangeboten, hinter denen sich unverändert bescheuerte Klickstrecken verbergen. Damit ist weder bei Lesern noch bei Werbekunden ein Blumentopf zu gewinnen. Gleichzeitig geht es auf dem Printmarkt immer weiter bergab und nichts deutet auf eine Erholung hin. Ich habe mich als Leser und als freiberuflicher Fotograf und Schreiber allmählich auf dauerhaft finstere Zeiten eingestellt, auf Zeiten, in denen für Journalismus, der die Bezeichnung verdient und für exklusiv hergestellte Fotos nirgendwo mehr Geld übrig ist. Und dann kommt so eine Präsentation wie die hier daher und alles schaut gleich ganz anders aus:

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