Archiv für März 2010


Neu im Kino: Hölle in Harlem und Drachen im Dorf

25. März 2010 - 17:00 Uhr

KW13

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Ich hoffe die Aufzählung ist vollständig, man kann leicht die Übersicht verlieren: Die Hauptfigur des Films „Precious“, die – Ironie, Ironie – auch so heißt, ist HIV-infiziert, Missbrauchsopfer, mit sechzehn das zweite Mal schwanger, ihr erstes Kind leidet am Down-Syndrom, ihr Mutter terrorisiert sie und arm und fettleibig und schwarz ist sie auch noch. Nachdem die Hölle, in diesem Fall im Harlem der Achtziger Jahre verortet, offenbar höchst glaubwürdig und ergreifend durchschritten wird, erscheint der zu erwartende Silberstreif am Dings in Person einer schönen, engagierten, klugen und lesbischen Lehrerin.

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Jaqee nochmal

24. März 2010 - 15:21 Uhr

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Droht leider auch völlig unterzugehen: Über Jaqee hatte ich zum Erscheinen des Albums hier etwas geschrieben, leider hat sich ansonsten keine Sau dafür interessiert – keine einzige Rezension habe ich entdeckt – obwohl es ein ganz wunderbares Retro-Reggae-und-Ska-Album ist, dass, ähnlich wie die Produktionen von Mark Ronson, trotzdem erstaunlich modern klingt. Und was für eine Stimme sie hat! Es ihr dritter Versuch, in Schweden hatte sie bereits 2005 ein R&B-Album aufgenommen und 2007 folgte „Nouvelle d’Amour“, das schön spröde instrumentiert ist und bei iTunes unter der Kategorie „Rock“ gelistet wird. Hier eine Hörprobe:


In Frankreich sind sie jetzt drauf gekommen, dass das alberne Cover und der Titel des aktuellen Albums, der ausgerechnet vom einzig wirklich blöden Song übernommen wurde, vielleicht Schuld am ansonsten völlig unverständlichen Misserfolg tragen. „Kookoo Girl“ heißt da jetzt „Land Of The Free“ und sieht in der neuen Verpackung so aus:

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Oholah Oholibah

23. März 2010 - 14:44 Uhr

gano

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Im Herbst hatte ich das Album einmal durchgehört, ein paar Zeilen drüber geschrieben und es dann vergessen. Vor ein paar Tagen fiel mir die CD wieder in die Hände und seither befindet sie sich in Heavy Rotation. Wie schade, dass Ganos spätes Wunderwerk so wenig Beachtung gefunden hat.

Hört selbst:

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Meine Kritik:

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Neu im Kino: Kindsmord in Norwegen und eine Verheißung in Osnabrück

22. März 2010 - 22:34 Uhr

KW12

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Letzten Donnerstag habe ich es nicht geschafft, mich rechtzeitig über die neu anlaufenden Filme schlau zu machen, hier nachträglich eine kurze Übersicht. Die Neustarts:

  • Ein verschachtelt erzählter Psychothriller aus Norwegen um ein totes Kind, seinen mutmaßlichen Mörder und die Mutter. Scheint dramaturgisch sehr geschickt und wirkungsvoll zahlreiche Rückblenden aus zwei verschiedenen Perspektiven zusammenzubauen, dabei wird aber arg bedeutungsschwanger mit großen moralischen Fragen hantiert. Der Kritikern gefällt das sehr. („Troubled Water„)
  • Eine melancholische deutsche Komödie mit Stefan Kurt als fünfzigjährigem Schnauzbartträger in der Krise. Sein Ausbruch führt ausgerechnet nach Osnabrück. Scheint angenehm ungeschwätzig zu sein und Lars Lenski hinter der Kamera hat offenbar für hiesige Verhältnisse recht beeindruckende Bilder gefunden. („Mensch Kotschie„)

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Neu im Kino: Zweimal Mord und Totschlag

12. März 2010 - 11:44 Uhr

KW11

Preise und Kritikerlob en masse gab’s bislang für das Gangsterdrama „Ein Prophet“ aus Frankreich. Der Film scheint ein rares Beispiel für eine höchst wirkungsvolle Neuerfindung eines wohlbekannten Genres zu sein. Es geht um rivalisierende Banden, um Leben im Knast, um Drogen und um Gewalt, die Geschichte soll gut geschrieben sein, ein hohes Erzähltempo haben, manch überraschende Wendung nehmen und wirklich spannend sein. Sehr überzeugend ist wohl die realistische Schilderung des Knastalltags, der in Frankreich zu einer Debatte über den Strafvollzug geführt hat. Eigentlich wird alles nur gelobt, die ausgefeilten Figuren und ihre Darsteller, der Musikeinsatz, die explosionsartig hereinbrechenden drastischen Gewaltszenen, die gesamte Inszenierung. Wer für Thriller, für Krimikost überhaupt, etwas übrig hat, für den könnte das der Film des Jahres sein. Aber es sieht leider nicht so aus, als fände er bei uns ein größeres Publikum; trotz solch beeindruckender Gegenbeispiele wie „Willkommen bei den Sch’tis“ (über zwei Millionen Kinobesucher in Deutschland) scheint das Herkunftsland Frankreich immer noch als Garant für Kassengift zu gelten. Weder der Verleih noch die Kinobetreiber setzen viele Hoffnungen in „Ein Prophet“ und so ist der Misserfolg vorprogrammiert: In der Kinoprovinz Hamburg etwa läuft er nur in einem Kino am Nachmittag, also eigentlich gar nicht.

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Neu im Kino: Tötende Blicke, unerwartete Tritte, ein raubender Läufer und ein singender Trinker

4. März 2010 - 12:09 Uhr

KW10

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„Einer der besten Filme, die dieses Jahr im Wettbewerb gezeigt wurden“, schrieb David Hudson bei The Auteurs über „Der Räuber“, den neuen Film von Benjamin Heisenberg. Fünf Jahre sind vergangen, seit seinem Erstling, dem „Schläfer„. Damals galt er als ein Vertreter der spröden „Berliner Schule“. Mit dem „Räuber“ entzieht er sich dieser Etikettierung, die in Wien gedrehte Geschichte um einen wieselflink zum Fluchtwagen rennenden Bankräuber, soll dynamisch, ja sogar actionreich statt statisch inszeniert sein. Den Räuber gab es wirklich, er war in den Achtzigern parallel zu seinen illegalen Aktivitäten als Marathonläufer aktiv und Heisenberg interessiert sich offenbar für beide Beschäftigungen gleichermaßen, ohne sich groß um den „sozialen Hintergrund oder aber Politik, Psychologie und den ganzen Rest“ zu scheren, so David Hudson. Das könnte im Ergebnis natürlich doch wieder nüchtern wie im Wartezimmer geraten sein. Mal gucken.

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Jeff Bridges und ein Nichts

3. März 2010 - 15:19 Uhr

crazyheart

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Die Rolle des abgehalfterten, versoffenen Countrysängers in „Crazy Heart“ dürfte den Höhepunkt der schauspielerischen Karriere von Jeff Bridges darstellen, spätestens wenn er am Sonntag tatsächlich einen Oscar als „Best Actor“ erhält. Er spielt so glaubwürdig, dass es geradezu seltsam erscheint, dass diese Figur nur fiktiv ist, dass Bad Blake nicht tatsächlich irgendwo zwischen Willie Nelson, Townes Van Zandt und Kris Kristofferson seinen Platz in der Musikgeschichte hat. Vielleicht kommt einem Blake aber auch so bekannt vor, weil Bridges einst mit Bravour eine verwandte Rolle gespielt hat: den Dude aus „The Big Lebowski“.
Das Drumherum stimmt ebenso, die Motelzimmer, die miesen Spelunken oder gar Bowlingbahnen, in denen Blake auftritt, überzeugen mitsamt den sie bevölkernden Nebenfiguren. Und dann kann Bridges natürlich auch erstaunlich gut singen und hat sich als falscher Country-Heroe von T Bone Burnett verdammt gutes Songmaterial liefern lassen, von dem manch echte Countrylegende nur träumen kann.

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Alice im Fantasy-Korsett

2. März 2010 - 12:58 Uhr

Alicekomp

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Eigentlich konnte da nichts schiefgehen. Tim Burton, der dickköpfige Frickler mit einer Vorliebe für Düsteres und Grotesk-Komisches, der sogar Superhelden-Franchise-Ware wie „Batman“ seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken vermochte, hat Lewis Carrolls viktorianischen Nonsense-Klassiker „Alice im Wunderland“ verfilmt. Mit bewährten Burton-Darstellern wie Johnny Depp und Helena Bonham Carter, mit einem Score vom ebenso bewährten Danny Elfman und mit einem Riesenbudget, das jede computeranimierte Spielerei erlaubt, die heute technisch möglich ist.
Die Welt von „Alice“, in der sich alles jederzeit verändern kann, mit lebendigen Spielkarten, einem See aus Tränen, dem hektischen weißen Kaninchen, der Wasserpfeife rauchenden Raupe, der Grinsekatze und all den anderen skurrilen Fantasiegeschöpfen scheint kongenial zum Burtonschen Schauergeschichten-Kosmos zu passen.

Aber es ist schiefgegangen. Und wie.

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Ich will Spaß

1. März 2010 - 20:43 Uhr

Schlagloch-8593

In den letzten Tagen war ich recht viel mit dem Auto in der Stadt unterwegs und das Fahren war wider Erwarten nicht sterbenslangweilig, sondern ein abwechslungsreiches Vergnügen. Denn auch wenn die lustigen Huppeleispisten jetzt weggetaut sind und man überhaupt nicht mehr schliddern kann,  gibt es erfreulich viele neue Hindernisse, die die Fahrer selbst auf öden vierspurigen Einfallsstraßen vor interessante Herausforderungen stellen. Schlaglöcher, überall sind Schlaglöcher! Schade nur, das man allenthalben Trupps von Spaßverderbern mit leuchtorangenen Westen sieht, die eifrig damit beschäftigt sind, die Löcher zu stopfen. Doch haben sie keine Chance, den „Kampf zu gewinnen“, wie die Hamburger Morgenpost auf ihrer Seite eins verkündete: „Die Arbeiter schuften ­- aber die Füllungen für die Schlaglöcher halten nur drei Tage“. Wie schön, dann fahren wir das ganze Jahr weiter wie sonst nur im Urlaub und die Lokalpresse hat ein ergiebiges Dauerthema, mit dem sich immerhin alle auftretenden Nachrichtenlöcher füllen lassen.

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„Entertainment value: close to zero“

1. März 2010 - 12:30 Uhr

tatort

Wahrscheinlich nervt es mich vor allem so sehr, weil ich es einfach nicht verstehe. Lauter mir bekannte, eigentlich völlig zurechnungsfähige Menschen, deren Ansichten und Geschmack ich respektiere, verbringen den Sonntagabend auf die gleiche Weise, auch wenn sie sonst absolut nichts eint. Nämlich vor dem Fernseher, wenn „Tatort“ läuft.

Ich selber kann über die Endlosserie nichts schreiben, da ich nie mehr als zehn Minuten zugucken ertrage. Es fehlen mir die Kenntnisse für einen fundierten Verriss und daran möchte ich auch gar nichts ändern.

Aber Freude bereitet es mir, wenn jemand anderes weniger Hemmungen hat. Wash Echte, der seit über einem Jahr unter dem Titel „Ich werde ein Berliner – How to blend in wiz ze Germans“ sich schön polemisch über uns lustig macht, war bei einer „Tatort Party“ und schreibt über die „teutonic version of “Law & Order”:

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