Archiv für Juni 2010


Mein schwarzrotgoldenes Desaster

25. Juni 2010 - 12:41 Uhr

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Mein Mittwoch fing mit einem Arztbesuch an. In der Praxis begrüßte mich eine stark übergewichtige Sprechstundenhilfe im größten Nationaltrikot, das ich je gesehen habe, es hatte zeltartige Ausmaße. Hinter ihr prangte die deutsche Fahne vor dem Schrank mit den Krankenakten und alle weiteren Mitarbeiterinnen, derer ich ansichtig wurde, waren gleichermaßen bewandet. Die Dame von der Blutabnahme hatte gar bereits am frühen Morgen ihr Gesicht großflächig mit den Nationalfarben übermalt. Auf der Straße schien sich danach die Menge der schwarzrotgolden geschmückten Autos vervielfacht zu haben, Fahnen, Wimpel, Aufkleber und diese seltsamen Überzieher überall. Beim Bäcker, wo ich mein zweites Frühstück kaufte, hatte die portugiesischstämmige Verkäuferin ihr bislang täglich vorgeführtes Portugal-Dress gegen ein schwarzes Trägertop, kombiniert mit einer gelben Hose und einer Art roten Schärpe getauscht und das Kunststück vollbracht sich Lidschatten in schwarzrotgold an die Augen zu malen. Und während ich da stand und wartete, bis ich an der Reihe war, fiel es mir wieder ein, mein schrecklichstes Fotoerlebnis, das ich fast erfolgreich verdrängt hätte.

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Neu im Kino: Scharfzüngige Scharmützel und „fortgesetzte Schönheitsbehauptung“

24. Juni 2010 - 13:01 Uhr

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Die Filmstarts vom 24.6.2010

Das dürfte die kärgste Kinowoche des Jahres sein. Zwei Neustarts sind zu vermelden. Da ist zum einen ein offenbar ganz und gar grauslicher deutsch-niederländisch-belgischer Film mit Jasmin Tabatabai als engagierte Fotografin, die in den Anden gegen Umweltverschmutzung kämpft, gleichzeitig ein Trauma bewältigt und „ihr Gespür für die Fotografie“ (Pressetext) wieder entdeckt. Ekkehard Knörer hat das immerhin zu einem sehr hübschen Verriss im Perlentaucher inspiriert und das ist dann wohl auch das einzige Positive, dass sich über „Altiplano„sagen lässt.

Knörer schreibt „Altiplano“ habe zwei Seiten, „brutales Message-Kino“ und „brutaler Spiritualismus“ und beide Seiten beschreibt er mit all ihren Schrecken, um schließlich festzustellen, dass sie ganz und gar nicht zusammenpassen. Meine Lieblingssätze: „Harte Arbeit im Weinberg der Mystifizierung leistet die Kamera, in sanfter Bewegung, auf abgezirkelten Wegen produziert sie Bilder, die überwältigen sollen. Andenbilder, Eingeborenenbilder, Verdunkeltemenscheninwilderlandschaftherumstehbilder. Rabiate Zerstörung der Realität durch fortgesetzte Schönheitsbehauptung.“

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Leere Türmchen

23. Juni 2010 - 10:49 Uhr

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Neulich bin ich auf dem Weg zu einem Fototermin eine längere Strecke auf Landstraßen durchs Holsteinische gekurvt und habe all die Seen und Fielmannschlösser links und rechts liegen lassen, dafür aber immer Halt gemacht, wenn ich an stillgelegten Transformatortürmchen vorbeigekommen bin. Das ganze Land scheint damit übersät zu sein. Wäre eigentlich eine schöne Serie, aber leider haben die eifrigen Bechers wohl das Interesse an solchen Projekten für alle Zeiten befriedigt. Schade.

Ob wohl irgendwo schon mal irgendjemandem eine sinnvolle Nachnutzung der putzigen Wahrzeichen eingefallen ist?

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Kabelküche

21. Juni 2010 - 13:09 Uhr

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Letzte Woche ist die Schauspielerin gestorben und jetzt habe ich das Foto, das ich vor fast zwanzig Jahren in ihrer roten Resopalküche gemacht habe, doch noch rausgesucht. Das Fotografieren hatte ich damals noch nicht so sehr lange betrieben und bei einem entscheidenden Termin in der Fotoredaktion des Stern, wo ich zwecks Eigenwerbung mit einem Stapel Dias erschienen war, interessierte sich die damalige Fotochefin Elisabeth Biondi eigentlich nur für das Heidi-Kabel-Bild. Und das, ihren Fragen nach zu schließen, offenbar nur aufgrund der Kücheneinrichtung. In der folgenden Woche durfte ich dann aber trotzdem erstmals für den Stern fotografieren.

Vor dem Termin war mir Frau Kabel, ehrlich gesagt, völlig egal, aber die persönliche Begegnung machte sie mir ausgesprochen sympathisch. Und nach dem ich jetzt in der FAS einen im Wortlaut zitierten Ausschnitt eines NDR-Talkshow-Gesprächs, das Wolf Schneider mit ihr geführt hat, gelesen habe, ist sie mir noch ein paar Grad sympathischer geworden. Es geht darum, dass Ohnsorg-Stücke, wenig zeitgemäß, in der Regel mit einer Trauung enden:

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Neu im Kino: Eine Nana, eine Nanni und eine Hanni

18. Juni 2010 - 18:09 Uhr

KW25

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Die Filmstarts vom 17.6.2010

WM-Zeit ist keine Kinozeit. Aber eine etwaige Perle startet immerhin diese Woche, ein unaufgeregtes Drama aus Chile über eine Hausangestellte und die großbürgerliche Familie für die sie arbeitet und bei der sie lebt. Nach zwei Jahrzehnten soll zusätzlich eine jüngere Hilfe angestellt werden und das passt der erkrankten Raquel gar nicht. Daraus scheint weder ein großes Melo- noch ein simples  Sozialdrama geworden zu sein, sondern ein sauber und wahrhaftig inszenierter und in der Hauptrolle angeblich bravourös gespielter Film. Ab und zu – nicht oft, aber es passiert – taucht aus dem Nichts ein Film auf, der sich ganz und gar nicht unseren Erwartungen entsprechend entwickelt. ‚La Nana‘ hat dieses besondere Talent, einen im besten Sinne aus dem Gleichgewicht zu bringen …“, leitet Kenneth Turan seine schöne Kritik in der Los Angeles Times ein.

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Neu im Kino: Obama in Bollywood

10. Juni 2010 - 20:33 Uhr

KW24

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Die Filmstarts vom 10.6.2010

Shah Rukh Khan reist als muslimischer, autistischer Tor wie weiland Forrest Gump durch die USA um deren Bewohnern und vor allem Präsident Obama mitzuteilen, dass er Khan heiße und kein Terrorist sei. Damit hofft er die Liebe seiner hinduistischen Gattin wieder zu erlangen, deren Sohn wegen seines muslimischen Nachnamens totgeprügelt wurde. „My Name is Khan“ bietet melodramatische Bollywoodkoventionen gepaart mit dem Appell für mehr Frieden, Liebe und Verständnis, woran ja eigentlich nix witzig ist und ohne die im Hindi-Kino handelsüblichen Mengen an Gesang und Tanz, denn produziert wurde das Ganze in der Hoffnung, endlich auch den nordamerikanischen und europäischen Markt zu erobern. Ich weiß, mir wird das nicht sonderlich gefallen, aber neugierig bin ich auf das Spektakel schon. Schade nur, dass die deutsche Fassung, die jetzt in die Kinos kommt, um vierzig Minuten gekürzt wurde. Darin spricht Shah Rukh Khan akzentfreies Deutsch, genau wie alle Amerikaner. Und OmU-Kopien gibt es keine, englischsprachige Kopien drei und wie gewöhnlich ist keine davon in der Hamburger Kinoprovinz zu sehen. Da warte ich lieber auf die DVD.

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Neu im Kino: Zwei traurige Todesboten

2. Juni 2010 - 23:51 Uhr

KW23

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Die Filmstarts vom 3.6. und 27.5.2010

Der Drehbuchautor Oren Moverman, beteiligt unter anderem am Buch von „Jesus‘ Son„, hat mit Todd Haynes zusammen „I’m not there„, das einzige akzeptable Popbiopic geschrieben. Für sein Regiedebüt hat er im letzten Jahr viel Beifall bekommen, jetzt kommt es endlich in unsere Kinos.

„The Messenger“ erzählt von einem jungen Irakkriegsheimkehrer, gespielt von Ben Foster, der nach einer Verletzung für seine letzten Dienstmonate dazu verdonnert wird, mit einem abgestumpften Grobian, Woody Harrelson, Witwen und sonstige Hinterbliebene aufzusuchen, um ihnen die schlechtest mögliche Nachricht zu überbringen. Seine Freundin hat inzwischen einen anderen, sein Kollege schleppt auch einige Probleme mit sich herum und dann findet er auch noch Gefallen an einer frisch Verwitweten. Die Geschichte lässt sich Zeit und manche Entwicklung ist vorhersehbar, jedoch sind die Figuren so glaubhaft angelegt und werden so gut gespielt, dass mein Interesse in keiner Minute nachließ.

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