Neu im Kino: Jagd auf Jäger und ein trommelnder Professor

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Hört sich regelrecht ekelig an: Ein depressiver, alter Wirtschaftsprofessor entdeckt in seiner New Yorker Zweitwohnung ein junges afrikanisches Paar, lässt es da weiterwohnen und sich das Spielen der Djembe beibringen. „Die wilden Rhythmen erwecken Walters verlorengegangene Lebensfreude“, so der Pressetext. Anschließend gibt es Konflike mit der Einwanderungsbehörde. Und der olle Ökonom Walter kämpft natürlich für die neuen schwarzen Freunde. Aber ähnlich wie bei der letzten Woche gestarteten „Schachspielerin“, soll angeblich auch dem Regisseur Tom McCarthy das erstaunliche Kunststück gelungen sein, eine Geschichte, die man sich gar nicht anders vorstellen kann als platt, sentimental und triefend vor Klischees, mit herausragenden Darstellern (allen voran Richard Jenkins) so nüchtern und genau zu erzählen,  dass das Ergebnis überraschend, glaubwürdig und berührend ist.

McCarthy arbeitet vor allem als Schauspieler, „The Visitor“ (wieso eigentlich Singular?“) ist seine zweite Regiearbeit. Der Erstling, „Station Agent“ hat vor sieben Jahren ähnliche Qualitäten gehabt und auch da war die Geschichte vom einsamen Kleinwüchsigen im geerbten Bahnwärterhäuschen eigentlich zum Davonlaufen.

Die Kritiker in den USA sind fast durchweg schwer angetan, das Tomatometer zeigt 90% an und die durchschnittliche Bewertung bei Metacritic liegt bei 76. Hierzulande lassen sich allerdings einige Stimmen vernehmen, die hinter der geschickten Inszenierung doch geschmäcklerischen Gesinnungsschmalz erkennen wollen. Eckehard Knörer etwa beschreibt im Perlentaucher wunderschön spöttisch und detailfreudig die Ingredienzien und resümiert: „‚The Visitor‘ ist ein jesusmäßiges Lichtspiel für schöne Seelen. Mild lächelt Thomas McCarthys Film mit sanftem Augenaufschlag. Nie schießt er über das Ziel, seufzt immer nur still. (…) Würden alle Menschen doch Brüder!“

Dem – wie bei Filmtiteln seit langem üblich – nicht übersetzten Originaltitel ist bei uns dooferweise als Deppen-Köder noch ein Reiseprospekt-Titel vorangestellt worden. Noch eine Hürde, die man erstmal nehmen muss.

„Ein Sommer in New York – The Visitor“: Trailer | Links | Kinos

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Auch bei „Jagdzeit“ ist mein erster Reflex Ablehnung. Ich will mir nicht 90 Minuten lang Heldenportraits und bittere, blutige Anklagen anschauen, die ein deutsches Dokumentarfilmteam von einer Reise mit einem Greenpeaceschiff aus der Antarktis mitgebracht hat. Doch auch hier ist wohl vieles anders, als man vermuten würde: Die Helden sind keine Helden sondern echte Menschen mit Eitelkeiten und anderen Schwächen, die sich ums Putzen streiten und von den Walfängern an der Nase herumführen lassen. Und das illegale Walabschlachten findet irgendwo fern der Kamera statt. „Fernab aller Heroisierung und ohne jeden pathetischen Off-Kommentar werden Idealisten als Normalbürger vorgestellt, die seekrank werden, mit Albernheiten die Zeit totschlagen und Aktkalender in ihren Büros hängen haben. Genau dieser Grad an Normalität macht ihren Idealismus letztlich sympathischer und nachvollziehbarer, als es jeder ‚Greenpeace‘-PR-Film mit den einschlägigen Action-Sequenzen getan hätte“, schreibt Reinhard Lüke im Filmdienst.

„Jagdzeit – Den Walfängern auf der Spur“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ausnahmsweise schafft es auch mal ein mainstreamferner Film aus der Türkei in unsere Kinos, dessen schmales Budget mit deutschem und französischen Geld zustande gekommen ist. Regie führte  Semih Kaplanoglu, ein gern gesehener Festivalgast. Es geht um Mutter und Sohn, um Land und Stadt, um Tradition und Moderne. Allerdings fällt Kaplanoglu wohl nicht sonderlich viel ein zu den Themenkomplexen und eine richtige Geschichte auch nicht, dafür gibt es exquisite Bildkompositionen zu bewundern. Terry Gilliam neulich in der Welt: „Wenn irgendwas nicht funktioniert, kann ich immer noch auf meine billigen Tricks zurückgreifen. Z.B. kann ich ein knalliges Bild nehmen, das so aussieht, als hätte es eine tiefere Bedeutung, die aber nicht existiert.“ Vielleicht lässt sich auf die Weise auch ein ganzer Film drehen. („Süt„)
  • Zwei Zonis in Amerika: In dem Roadmovie reisen die mittellosen Ost-Berliner, einer davon gespielt von Matthias Schweighöfer, quer durch die USA und machen da so lustige Sachen wie Strippen im Gay-Club. Spielt gleich nach der Wende, sieht wohl aber gar nicht danach aus: Es wurde „einfach im heutigen Amerika gedreht, frei nach dem Motto: So, wir tun jetzt so, als sei es 1989 und ihr, liebes Publikum, glaubt das!“, schreibt Cornelis Hähnle im Schnitt. („Friendship!„)
  • Ein Bergfilm von Joseph Vilsmaier über den unglücklich endenden Himalaya-Ausflug der Messner-Brüder, bei dem man mit allen naheliegenden Vorurteilen sicher richtig liegt. („Nanga Parbat„)
  • Ein Oscar-Niemeyer-Lobgesang in Dokumentarfilmform. („Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch„) Wer Interesse hat: Es gibt zwei wunderbare Fotobücher über die Bauten des Methusalem.
  • Eine türkische Romcom. („Ich liebe Euch – Sizi Seviyorum„)
  • Eine unterirdische Kumpelkomödie mit Robin Williams und John Travolta. („Old Dogs – Daddy oder Deal„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

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Und noch etwas:

Der Guardian hat eine ewige Bestenliste der Fernsehserien veröffentlicht, die neben allerlei Vorhersehbarem auch einige Überraschungen zu bieten hat. Auf Platz vier etwa „Mad Men„, die Serie über New Yorker Werber in den Sechzigern. Jörg Lau hat anlässlich der gerade erfolgten Veröffentlichung der ersten beiden Staffeln im Box-Set ausgiebig gejubelt. („Genial“, schreibt er. Und: „Die eigentliche Stärke der Serie ist nicht die fast schon fetischistische Reproduktion der Sixties-Oberfläche, sondern die Tiefe der Figuren.“) Ach wenn ich wenigstens schon die „Sopranos“ zu Ende geguckt hätte. Ist das Leben nicht viel zu kurz für Fernsehserien? Wie bekommt Ihr das alle bloß hin?

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 4 Kommentare »

4 Reaktionen zu “Neu im Kino: Jagd auf Jäger und ein trommelnder Professor”

  1. Matt

    Genau diese Frage stelle ich mir sogar noch NACH dem Konsum von sieben Staffeln „24“.

  2. Gunnar

    Sieben Staffeln „24“. Das sind 124 Stunden vor dem Fernseher. 70 Spielfilme könnte man etwa in derselben Zeit gucken. Und Seinfeld (63 Stunden / 37 Spielfilme), die Simpsons (173 Stunden / 100 Spielfilme) und die „Sopranos“ (79 Stunden / 46 Spielfilme) hast du wahrscheinlich auch komplett weggeguckt, oder? Schade, dass du die Antwort nicht weißt. Brauchst du vielleicht einfach keinen Schlaf?

  3. Matt

    „Seinfeld“: stimmt. Die anderen stehen mir (eventuell) noch bevor.

    124 Stunden für sieben Staffeln: Das klingt nach erfreulich wenig, das sind ja gerade mal fünf volle Tage. Wenn man überlegt, was man dann so in einem Jahr wegfressen könnte, wenn man WIRKLICH ein Serienjunkie wäre: Gar nicht auszudenken.

  4. Gunnar

    Voraussetzung dafür wäre natürlich der nahezu vollständige Verzicht auf ein eigenes Leben. Und jemanden, der den Junkie aushält.