Neu im Kino: Große Verzweiflung und wahre Liebe

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Wie schön, ein neuer Film der Coen-Brüder läuft diese Woche an. Vielleicht ist die Freude über alles Neue von den begnadeten Schöpfern der intelligentesten und komischsten Genrefilme, die das amerikanische Kino in den letzten drei Jahrzehnten hervorgebracht hat, vor allem deshalb so groß, weil es schon mal so aussah, als wäre die Kette makelloser Meisterwerke endgültig abgerissen: Nach „Ein unmöglicher Härtefall„, gefolgt vom „Ladykillers„-Remake musste man davon ausgehen, dass die Brüder aus dem mauen Mainstream nicht wieder herauskommen.

Geschah dann aber doch, „No Country For Old Men“ war eine unverhoffte Rückkehr zu alter Form und ausgerechnet diese wunderbare Ausgeburt an Boshaftig- und Sinnlosigkeit wurde 2008 zu meiner großen Verwunderung mit vier Oscars belohnt und entwickelte sich zum veritablen Kassenerfolg. Dass der größte Erfolg sich im Falle konsequenter Kompromisslosigkeit einstellte, das war fast zu schön um wahr zu sein. Danach brauchte man sich dann keine Sorgen mehr zu machen. Die starbesetzte Deppenparade „Burn After Reading“ war eine reine Freude und alles deutet darauf hin, dass auch „A Serious Man“ unsere Erwartungen nicht enttäuschen wird.

Die Coens lassen diesmal einen unbescholtenen und gläubigen jüdischen Vorstadtpapi allerlei Unbill erleiden, er hat Ärger an allen Fronten, mit seiner untreuen Frau, seinen stehlenden Kindern und beruflich kommt er auch ins Schlingern. Er wendet sich also in der Hoffnung auf spirituelle Hilfe an einen Rabbi und dann an einen weiteren und schließlich an einen dritten und weiter habe ich nirgendwo gelesen, um mir nicht den Spaß zu verderben. Die jüdische Vorstadtwelt der Sechziger Jahre hat offenbar viel mit der Biographie der Coens zu tun und diese Verortung in der Realität soll der wohl wiederum brilliant bösartigen Fabel ausgesprochen gut tun. Viel gelobt wird auch die Besetzung, die ohne irgendwelche Stars auskommt. Die Coens haben erneut selbst geschrieben, Regie geführt, produziert und geschnitten.

Wer mehr drüber lesen will, am Besten nach dem Kinobesuch, dem sei Interview plus Filmkritik von Andrew O‘Hehir auf Salon.com empfohlen. Ich habe den Text wohlweislich bislang nur überflogen und so von oben sah er recht vielversprechend aus.

„A Serious Man“: Trailer | Links | Kinos

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Detlev Buck ist auch einer, von dem ich als Regisseur nicht mehr viel erwartet hatte. Der spröde Charme der Anfangsjahre, der sich am schönsten im hochkomischen „Wir können auch anders“ von 1993 entfaltete, war schon drei Jahre später verpufft: „Männerpension“ war einfach nur grauslich, nämlich kommerziell und platt. Er hat später nie mehr versucht, an die frühen Erfolge anzuknüpfen, aber zuletzt immerhin mit „Knallhart“ und „Hände weg von Mississipi“ zwei respektable Jugend- bzw. Kinderfilme gedreht.

„Same Same But Different“ ist nun wieder ganz etwas Anderes, nämlich die Verfilmung einer wahren Liebesgeschichte. Erlebt und aufgeschrieben hat sie Benjamin Prüfer, erschienen zuerst hier als Neon-Artikel, später auch in Buchform. Prüfer hatte sich in Kambodscha in eine Prostituierte verliebt und auch zu ihr gehalten, als sich herausstellte, dass sie HIV-infiziert ist. Buck soll das ganz undramatisch und unsentimental nacherzählen, aber so richtig vom Hocker scheint das keinen Rezensenten zu reißen. Die Handlung ist ja leider auch, nun ja, recht überschaubar und weitestgehend frei von Überraschungen.

Ich hätte trotzdem gern meine alte Heimat besucht am Samstag, wenn Detlev Buck nämlich in guter alter Tradition seinen neuen Film in Bargteheide im Kino vorstellt, dem Kaff wo er und ich einst zur Schule gingen. Die Buck-Entdeckung David Kross, noch so ein Bargteheider, der die Hauptrolle spielt und mittlerweile mindestens weltberühmt ist, wird auch anwesend sein. Leider ist die Vorstellung aber restlos ausverkauft. Wen wundert’s – das dürfte dort das gesellschaftliche Ereignis des Jahres sein.

„Same Same But Different“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Die Fortsetzung von „Die Vorstadtkrokodile“, der überraschend guten Verfilmung eines betulich sozialdemokratischen Kinderbuchs aus den Siebzigern, das sich bis heute gut verkauft, weil es in mehreren Bundesländern noch immer als Schullektüre gelesen wird. Erfreulich waren vor allem die Dialoge und die völlige Abwesenheit irgendwelcher Ochsenknechte. Klar, dass nach dem Erfolg schnell, schnell, bevor die Darsteller zu alt sind, eine Fortsetzung folgen musste. Die scheint nur leider weniger Witz zu haben, als der Vorgänger und der Kinderbande die Rettung des Ruhrgebiets vor Wirtschaftskriminellen als Aufgabe zu stellen, war wohl keine wirklich gute Idee. Trotzdem dürfte es sich hier noch um einen überdurchschnittlichen Kinderfilm aus heimischer Produktion handeln.  („Die Vorstadtkrokodile 2„)
  • Eine Romcom für Rentnerinnen mit Meryl Streep. („Wenn Liebe so einfach wäre„)
  • Ein verstörender belgischer Film über den sexuellen Missbrauch an einem Schüler, begangen von drei Nachhilfelehrern. Startet mit genau einer Kopie in einem Kino, das sich ausnahmsweise nicht in Berlin, sondern in Frankfurt befindet. („Privatunterricht„)
  • Ein Sci-Fi-Action-Flick über Verbrechen, die von Roboter-Kopien echter Menschen begangen werden. Weder die Action noch der Plot scheinen zu überzeugen. Mit Bruce Willis. („Surrogates„)
  • Eine Doku über Jugendgangs in El Salvador. („La Vida Loca„)
  • Und eine türkische Komödie, in der offenbar unter anderem Buddhismus und Werwölfe eine Rolle spielen. („Kutsal Damacana 2„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

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Und noch etwas:

Der Kurzfilm „World Cinema“ von den Coens. Mit Josh Brolin.

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Und dann noch ein sehr komisches Interview mit den Coens, das Katja Nicodemus vor zwei Jahren für die Zeit mit ihnen geführt hat. So hört das auf:

ZEIT: Zum 50. Geburtstag der Filmfestspiele von Cannes haben Sie einen Kurzfilm gedreht. Darin gibt es eine kleine Utopie: Ein Cowboy geht irgendwo in Amerika ins Kino. Zufällig sieht er das Werk eines türkischen Cineasten. Einen langsamen Film über das Zerbrechen einer Ehe. Und er mag den Film.

Joel Coen: Der Film, den der Cowboy sieht, ist ‚Climates‘ von dem türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Wir haben ihn vor zwei Jahren gesehen und fanden ihn großartig.

Ethan Coen: Es ist eine schöne Vorstellung, dass ein Cowboy von diesem Film beeindruckt ist.

Joel Coen: Das Problem ist ja nicht, dass ein Cowboy den Film nicht verstehen könnte.

Ethan Coen: Das Problem ist, dass es in Amerika zu wenige Kinos gibt, in denen ein Cowboy einen türkischen Film sehen könnte.

Joel Coen: Es wäre schön, wenn amerikanische Cowboys türkische Filme sehen könnten.

Ethan Coen: Das wäre schön, yeah.

Joel Coen: Yeah.“

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Neu im Kino: Große Verzweiflung und wahre Liebe”

  1. Thies

    Ach ja, der gute Detlev Buck. Aus „Männerpension“ ist mir noch ein Satz seiner Figur „Hammer-Gerd“ im Gedächtnis geblieben: „Schreiben – das ist was für die ganz Schlauen, die sich nicht anders ausdrücken können.“

    In diesem Sinne: meine Anmerkungen für diese Woche ;-)

    Bucks Karriere wird in einem schön geschriebenen Artikel im Filmdienst angerissen. Auch online hier zu lesen: http://film-dienst.kim-info.de/artikel.php?nr=154977&dest=frei&pos=artikel

    Und von Moviepilot gibt es einen längeren Clip, in dem Buck durch eine gut sortierte Videothek läuft und kurz die Filme erwähnt, die ihn zu seiner Arbeit inspiriert haben bzw. allgemein besonders gefallen:

    Meine Verehrung der Coen-Brüder zu beschreiben würde mehr Platz erfordern, als in dieser Kommentarspalte vorhanden ist. Aber wer würde das wirklich lesen wollen?
    Deshalb nur der Hinweis auf die Roman-Vorlage von „No country for old men“, die bei Zweitausendeins vor kurzem sehr günstig erhältlich war. Wenn man den Film schon kennt, kann man sehr gut erkennen, dass die Coens einerseits die Vorlage 1:1 umgesetzt, aber dann an entscheidenden Stellen sich für filmischere Lösungen entschieden haben. Zum Beispiel wurden zwei längere Erklärungen des Killers Chigurh komplett weggelassen und der den Roman gliedernde Kommentar des Sherrifs nur kurz zu Beginn eingesetzt. So bewahrt die lakonische Erzählung ein Geheimnis, dass auch nach mehrfacher Sichtung noch seine Spannung behält.

  2. Thies

    Da hab ich doch für den Buck-Filmcheck glatt den Link vergessen: http://www.youtube.com/watch?v=oZkRu10kAps

  3. Gunnar

    Dank dir! Wenn Du eine Coen-Eloge verfasst, veröffentlichen wir die hier als Gastbeitrag, wenn’s recht ist.

    Beim Buck-Clip wird einem ja gleich erst einmal Rammstein entgegengeschleudert, auweia. Aber beim Videothekengeplauder ist er mir wieder höchst sympathisch. „Wer gut ist, darf auch schlecht sein“. Darf er, darf er.