Neu im Kino: Sherlock Holmes und der Fall der Fleischbällchen

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„Sherlock Holmes“ ist ein Film von Guy Ritchie, der einst mit dem höchst kurzweiligen „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ den britischen Gangsterfilm wiederbelebt hat, vor allem aber durch seine inzwischen längst beendete Verbindung mit einer Sängerin bekannt wurde. Der neue Film dürfte mit seinem geschätzten 90-Millionen-Dollar-Budget mehr gekostet haben als alle bisherigen Ritchie-Filme zusammen, ist als erster Baustein eines Riesen-Franchise-Geschäfts konzipiert und entzieht sich darum jeder Vergleichbarkeit mit früheren Filmen des Regisseurs. Da die aber eh zunehmend enttäuschend ausfielen, ist der geringere Einfluss Ritchies auf den aktuellen Film kein Grund zur Klage.

Mit den Erzählungen von Arthur Conan Doyle scheint der Blockbuster, wenig überraschend, auch nicht viel zu tun zu haben, in einem solchen Action-Reißer hat die originale, kühl kombinierende, archetypische Detektivfigur nichts verloren, hier muss immer gleich die Welt gerettet, nicht nur das Verschwinden eines Verlobten erklärt werden. Vergleichen muss man das Unterfangen also eher mit der üblichen Superheldenware und bei einem solchen Vergleich käme „Sherlock Holmes“ vermutlich ganz gut weg. Denn die Dialoge haben Witz, die Action-Sequenzen sehen dank exzessiver Zeitlupe erfrischend anders aus und auch das denkbar unfuturistische Setting dürfte eine erfreuliche Abwechslung darstellen. Vor allem aber wird Holmes von keinem geringeren als Robert Downey Jr. gespielt, dessen unernster Ansatz selbst potentiell öden Marvel-Verfilmungen den rechten Pfiff verleiht. Er ist zur Zeit der einzige Hollywood-Star, der mich selbst in eine konventionelle Romcom locken könnte. Alles in allem also ein klarer Fall von: kann man gucken. Die Kritiken sind durchwachsen, den imdb-Nutzern gefällt es (7,7), an der Kasse war es ein Erfolg, so dass Teil zwei bereits in Arbeit ist. .

„Sherlock Holmes“: Trailer | Links | Kinos

Und wer am originalen koksenden und asexuellen Holmes hängt, kann sich ja einfach die Bücher nochmal vornehmen. Die gelungenen Haffmans-Neuübersetzungen aus den Achtzigern von Gisbert Haefs & Konsorten gibt es heute in Taschenbuchausgaben bei Insel. Das sind so ziemlich die einzigen Whodunnits, die mir je Spaß gemacht haben, beim ersten Lesen als Steppke genau wie beim zweiten Durchlauf viele Jahre später.

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Von computeranimierten Filmen jenseits von Pixar, Disney und Dreamworks erwartet keiner viel, erst recht nicht, wenn es um einen wahnsinnigen Wissenschaftler und herabregnendes Junkfood geht. Da denkt man unwillkürlich an die miesen Trickserien in den Kinderkanälen. Wider Erwarten spricht allerdings einiges dafür, dass „Wolkig mit Aussichten auf Fleischbällchen“, ein 3D-Film aus dem Hause Sony, sehr komisch ist, verdammt gut aussieht und keineswegs auf Nummer sicher geht, indem er alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt. Die Figuren sind in einem reduzierten Cartoonstil gestaltet und die Handlung, komplett durchgeknallt, hat auch mehr mit Tex Avery zu tun als abendfüllende Trickfilme sonst. Jerry Beck hat es sehr gefallen und den allermeisten Cartoonbrew-Kommentatoren auch. Und manche negativ gemeinte Aussage in den Kommentaren klingt in meinen Ohren wie eine Empfehlung: „There were absolutley no rules in this world, nothing was explained, (…) there was nothing to grab on to. Anything could happen, and did.“ (imdb: 7,3; Tomatometer: 86%; Metacritic: 66)

„Wolkig mit Aussichten auf Fleischbällchen“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Berlin – Stettin„. Richtig geraten, von Volker Koepp, dem unbeirrbaren Porträtisten von Landschaften und Leuten, dessen beeindruckende Filmografie mittlerweile fünfzig Titel umfasst. Hier eine ausführliche Besprechung von Margarete Wach im Filmdienst.
  • Eine französische Dreiecksgeschichte. Kristin Scott Thomas gibt eine unzufriedene Vierzigjährige, die sich frisch verliebt. Soll klug und klischeefrei inszeniert sein und ungewöhnlicherweise die ökonomischen Fragen bei Liebesdingen nicht außer Acht zu lassen. („Die Affäre„)
  • Teil zwei des Episodenfilmprojekts von Emmanuel Benbihy, in dem jeweils namhafte Regisseure mit namhaften Darstellern kleine Liebesgeschichten aus namhaften Städten erzählen. Nach „Paris, I Love You“ ist „New York, I Love You“ wohl ein wenig enttäuschend geraten. Tony Oliver Scott schreibt in der New York Times: „But in spite of some attempts at human and neighborhood variety, the stories have a self-conscious sameness, as if they were classroom assignments in an undergraduate fiction-writing class. Which, in a way, they are.“ Der Titel kommt mir nicht nur saublöd, sondern auch falsch vor. Muss es nicht heißen „I ❤ NY“? Die Regisseure sind vorwiegend Exoten wie Mira Nair oder auch Fatih Akin, der mit Polygamie offensichtlich kein Problem hat.
  • Noch eine Kompilation aus lauter kleinen Liebesgeschichten, nur andersrum: Alle Episoden stammen von einem Regisseur und gedreht wurde in sechs Städten rund um die Welt. New York ist dabei, statt auf Paris fiel die Wahl allerdings auf Marseille. Regie führte der Österreicher Thomas Woschitz, die Musik, wohl recht dominant eingesetzt, stammt von Naked Lunch, die den Film auch ab und zu live begleiten . („Universalove„)
  • Eine französische Komödie über ein Paar, das Rollentausch als Beziehungstherapie einsetzt. Mit Dany Boon und Sophie Marceau. „Doofes Ende. Doofer Film. Einfach nur doof“, meint die Welt. („Auf der anderen Seite des Bettes„)
  • Ein deutsches Biopic, das sich, wie neulich schon ”Bright Star” – Mein Liebe. Ewig“ auf die Frau an der Seite einer historischen Persönlichkeit konzentriert. Schlimmer geht’s immer. Die Opfer diesmal: Leo Tolstoi und Gattin. Ob sich die unerschrockene Krieg-und-Frieden-Leserin Anke Gröner das wohl anschaut? („Ein russischer Sommer„)
  • Passenderweise eine Doku über Swetlana Geier, mehr oder weniger bekannt für Übersetzungen aus dem Russischen. („Die Frau mit den fünf Elefanten„)
  • Eine deutsche Doku über das New York Harlem Theatre. („Porgy & Me„)
  • Und ein türkischer Thriller um einen Serienmörder und Vergewaltigungen von Kindern. („Die Drachenfalle„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

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Und noch etwas:

Ein Ausschnitt aus Woody Allens erfreulichem Beitrag zu einem auch schon recht durchwachsenen New-York-Episodenfim von 1989:

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Woody Allen im New York Magazine: „Paris is the only city, I think, that can compete with New York. Paris is a more beautiful city, but it’s not more exciting.“ Vielleicht sind beides heutzutage auch nur gleichermaßen langweilige, totgentrifizierte Städte, bar jeder Aufregung. Schön präparierte Leichen.

Aber vielleicht hat Jonathan Richman ja auch immer noch Recht:

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Sherlock Holmes und der Fall der Fleischbällchen”

  1. Andreas

    Jonathan Richman hat natürlich immer recht!