Ein toter Salinger und drei Antworten

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Wenn einer wie Salinger stirbt, erscheint eine Flut von Nachrufen, in denen in der Regel nichts Neues steht, schlimmstenfalls Blödsinn wie: „Wir vermissen seit heute Jerome D. Salinger.“ Wie kann man den unsichtbaren, seit Jahrzehnten verstummten Autoren vermissen? Jedenfalls haben 2010 sogar die Leser der Bildzeitung erfahren, dass es da diesen Schriftsteller gab, dessen Hauptwerk „Kult“ sei. Und „es ist der erfolgreichste Roman des 20. Jahrhunderts: 25 Millionen mal verkauft“, schreibt Bild. Tatsächlich wurde der „Fänger im Roggen“ laut Wikipedia sogar 65 Millionen Mal verkauft, was ihn aber trotzdem nicht zum bestverkauften Roman des Jahrhunders macht: Tolkien liegt sowohl mit dem „Herrn der Ringe“ (150 Millionen) als auch mit dem „Hobbit“ (100 Millionen) weiter vorn und selbst „Der kleine Prinz“ (80 Millionen) und Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ (100 Millionen) haben mehr verkauft. Das Harry-Potter-Finale kommt übrigens erst ein ganzes Stück weiter unten in der Liste, mit 44 Millionen Exemplaren. Aber eigentlich wollte ich hier gar nicht Bildblog spielen, sondern auf dreierlei Fragen kommen, die mir beim Lesen der ganzen Nachrufe teils wieder und teils erstmals in den Sinn gekommen sind. Nein, die Fragen spar ich mir, hier sind die Antworten.

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Erstens:

Meine Ausgabe vom „Catcher in the Rye“ von 1982 – jaja, genau, da war ich fünfzehn, wie alle – also die einzige Fassung des Textes, die mir bekannt ist, wurde offenbar verstümmelt, verfälscht und gekürzt. Guckt mal in Eure Regale, vielleicht seid Ihr auch betroffen. Alle britischen Ausgaben, die vor 1994 erschienen sind, weichen an mehr als 800 Stellen vom Original ab. Auch manche  Zahmheiten der Böllschen Übersetzung gehen offenbar auf die geglättete britische Version zurück, aus der jedes „Fuck You!“ verbannt wurde. Und keiner hat je eine Rückrufaktion gestartet. Ein Fall für den Altpapiercontainer. Hier ein hilfreicher Artikel zu den verschiedenen Textfassungen und deutschen Übersetzungen von Reinhard Helling aus der Berliner Zeitung.

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Zweitens:

Die auffällig karge Gestaltung vieler Salinger-Ausgaben, auch der deutschen, geht wohl tatsächlich auf eine Klausel zurück, die er in all seine Verträge aufnehmen ließ:

„In the 1950s Salinger had a clause put in his publisher’s contracts that insisted only the text of the title of the book and his name were to appear on any future editions of his work, and absolutely no images. This hard line was particularly prompted by an early fatal experience with a publisher who covered a collection of short stories, then titled for Esmé – with Love and Squalour (after one of them) with a dramatic illustrated portrait of a seductive blonde. Salinger’s outrage is understandable: his Esmé is a precocious young girl of seven, and the story depicts a chance encounter and redemptive conversation with a solider on the verge of a nervous breakdown. Nevertheless, it’s instructive to see how various publishers and nationalities have dealt with Salinger’s legal one-liner over the past half-decade of reprints and new editions.“ (via)

Das hier ist das Cover, das seinen Unmut erregt hat:

1For Esme

Auf der aktuellen amerikanische Ausgabe des „Fänger“ prangt allerdings sehr wohl ein Bild, die Ross-ohne-Reiter-Illustration und überhaupt die ganze Umschlaggestaltung stammt allerdings von der Originalausgabe von 1951, das konnte der alte Bilderverbieter wohl nicht verhindern. Schade eigentlich, mir gefällt das nostalgische Cover überhaupt nicht.

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Drittens:

Dass es erfreulicherweise keine Verfilmung gibt, deren Bilder unsere eigenen überlagern könnten, ist, man kann es sich denken, auch kein Zufall: Offenbar gab es zahlreiche Versuche, an die Rechte zu kommen. Steven Spielberg und Harvey Weinstein bekamen auf ihre Anfragen nicht einmal eine Antwort und Billy Wilder hat berichtet: „Of course I read ‚The Catcher in the Rye’….Wonderful book. I loved it. I pursued it. I wanted to make a picture out of it. And then one day a young man came to the office of Leland Hayward, my agent, in New York, and said, ‚Please tell Mr. Leland Hayward to lay off. He’s very, very insensitive.‘ And he walked out. That was the entire speech. I never saw him. That was J. D. Salinger and that was ‚Catcher in the Rye‘.“

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