Neu im Kino: Saubermann, Sicherheit und Wagemut

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Oben im Himmel bewegt sich unentwegt George Clooney, unterwegs als vielfliegender Saubermann im Auftrag unterschiedlichster Unternehmen, deren Mitarbeitern er schlechte Nachrichten überbringt. Immer geht es um Entlassungen. Es braucht nicht einmal die Ahnung von Fantasie, um sich vorzustellen, dass das eine Rolle ist, die Clooney mit Bravour spielt. Die Geschichte kommt durch zwei Frauen in Bewegung: In die eine verliebt er sich und die andere stellt eine Bedrohung dar, sie treibt die Einsparung der persönlichen Benachrichtigungen voran.

Bösartige Systemkritik ist das sicher nicht, eher eine konventionelle Komödie, jedoch von der intelligenten und eleganten Sorte. Regie führte Reitman jr., der Sohn von Ivan, der vor zwei Jahren großen Erfolg mit der Teenie-als-Mutter-Komödie „Juno“ hatte.

Die Kritiker sind überwiegend voll des Lobs, in den USA tanzt aber Keith Uhlich von TimeOut New York aus der Reihe: „The work of director Jason Reitman is a rancid mixture of acid and sugar, each element working to cancel the other out so that you’re never entirely put off by either the fashionably acrid bitterness or the conventional Hollywood sap.“ Eckehard Knörer ist der Spielverderber bei uns: Der Film „verkörpert eines nämlich in Vollendung: einen jede Konsequenz scheuenden Kuschelkonservatismus; rasch in die Knie gehende Gesellschaftskritik. Er tut zeitdiagnostisch, verkriecht sich in Wahrheit aber einfach unter der Decke. Analyse muss kalt sein, aber der Weg von ‚Up in the Air‘ geht nach innen, dahin, wo es so angenehm nestwarm mieft.“

Dürfte ähnlich wie bei „Juno“ sein, schätze ich: Die harte Kritik ist eigentlich berechtigt, doch gibt man trotzdem gern dem unbestreitbaren Charme des Films nach.

„Up In The Air“: Trailer | Links | Kinos

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Der Ungar Nimród Antal hat vor sieben Jahren mit seinem düsteren U-Bahn-Thriller „Kontroll“ allerorts überrascht und begeistert und hat sich von der dadurch ausgelösten Welle gleich bis nach Hollywood tragen lassen. Beim richtig großen Geld ist er erst jetzt angekommen, dreht er doch gerade ein Sequel von „Predator„. Sein heute startendes Caper-Movie „Armored“ kann zwar mit Darstellern wie Matt Dillon und Jean Reno aufwarten, hat für amerikanische Verhältnisse aber fast nix gekostet, 25.000 $, gerade mal so viel wie der „Baader-Meinhof-Komplex“.

Es geht um einen Überfall auf einen Geldtransporter, ausgeführt von den Angestellten der Sicherheitsfirma selber. Der vermeintlich bombensicher ausgeklügelte Plan geht selbstverständlich schief, doch scheint der Film intelligent mit dem Standardplot zu spielen und einige Überraschungen zu bieten. Die Kritiken in den USA sind eher durchmischt, fast alle bescheinigen dem Thriller handwerkliche Qualitäten, doch zu Begeisterungsstürmen lässt sich keiner hinreißen. Solche Geschichten hat man sich vermutlich doch einfach zu oft erzählen lassen und eine ganz so überzeugende Genre-Wiederbelebung wie „Inside Man“ oder manche Coen-Filme ist es dann wohl auch wieder nicht.

Wer „Armored“ sehen will, sollte sich beeilen, der wird voraussichtlich schnell wieder aus den Multiplexen verschwunden sein. Solide, relativ Special-Effects-freie Actionware ohne die ganz großen Stars tut sich meist eher schwer an der Kasse und die Beibehaltung des Originaltitels, den hierzulande vermutlich nicht einmal zehn Prozent des Publikums versteht, dürfte auch nicht gerade hilfreich sein. Die Kinobetreiber jedenfalls scheinen sehr geringe Erwartungen zu haben: In der Kinoprovinz Hamburg etwa zeigen sie den Film in drei von vier Kinos schon in der Startwoche nur in Spätvorstellungen …

„Armored“: Trailer | Links | Kinos

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„Welcome“ ist ein ironischer Titel, willkommen sind die illegalen Einwanderer, um die es geht, in Frankreich nämlich nicht. Der Film von Phillipe Lioret schildert wohl sehr präzise und glaubhaft die Geschichte eines kurdischen Flüchtlings, der von Calais aus nach England gelangen will, wo seine Freundin gelandet ist. Sein Plan: Rüberschwimmen. Beim Training stößt er auf einen desillusionierten Schwimmlehrer, der erhebliche Risiken eingeht, um dem wagemutigen Reisewilligen zu helfen. Bei einem Vergleich mit den aufrührenden Dramen der Dardennes dürfte „Welcome“ eher nicht so gut wegkommen, aber schlicht und gut dürfte der kleine Film schon sein.

„Welcome“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Das Edel-Eichinger-Gespann hat versucht „8Mile“ über und mit Eminem mit dessen deutscher Westentaschenausgabe nachzubauen und ist bei Themenwahl wie Ausführung wohl so offensichtlich gescheitert, dass dieses Mal nicht einmal – wie sonst so verlässlich – Frank Schirrmacher und der Spiegel unentgeltlich die große Werbetrommel rühren. („Zeiten ändern dich„)
  • Ehrgeiziger Anwalt mit politischen Ambitionen versucht sich rücksichtslos eine hohe Verurteilungsquote zu beschaffen. Klingt wie ein Michael-Douglas-Film? Ist auch einer und zwar ein recht mieser, wie es scheint. Beruht auf Fritz Langs B-Picture „Jenseits jeden Zweifels„. („Gegen jeden Zweifel„)
  • Ein betulicher Film über Liebe mit Falten, mit Corinna Harfouch und Bruno Ganz. Nach einer Vorlage von Martin Suter. („Giulias Verschwinden„)
  • Ein wohl etwas unausgewogener und nicht klischeefreier Film einer chinesischen Regisseurin, ausschließlich mit europäischem Geld realisiert. Erzählt wird episodenhaft von einer jungen Frau, deren Weg sie aus der chinesischen Provinz über Peking nach, klar, Europa führt. Michael Ranze warnt im Filmdienst vor der deutschen Fassung. „Ein Skandal ist die deutsche Synchronisation des Films: Sie nivelliert mit ihrem fehlerfreien Hochdeutsch alle Kulturunterschiede und trägt auch Meis Bemühungen, Englisch zu lernen, keine Rechnung.“ („She, a Chinese„)
  • Teil zwei der Krimi-Trilogie, die jeder außer mir gelesen zu haben scheint. Ich werde da nicht mehr einsteigen. Nichts, was ich über Verfilmungen oder Vorlagen gelesen habe, hat mich so richtig überzeugt. („Verdammnis„)
  • Und die zillionste Buddhismus-Doku. („Buddha’s Lost Children„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten – noch besser als bei kino.de –
bei moviepilot raus.

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Und noch etwas:

Der Trailer für den wahrscheinlich schlechtesten Film, in dem George Clooney je mitgespielt hat.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Neu im Kino: Saubermann, Sicherheit und Wagemut”

  1. SchönerDenken

    Eine Sache verwirrt mich: Viele reden über Satire und Gesellschaftskritik in „Up in the Air“ – für mich ist das ist nur Zeitkolorit. Ja, Ryan Bingham (George Clooney) erledigt einen Job, der in unserem Wirtschaftssystem anfällt und ja, er träumt einen Traum, der wunderbar in den Kapitalismus passt. Ja, Wurst enthält tatsächlich Fleisch. Überraschung. Davon mal ganz abgesehen: ein wirklich intelligenter, charmanter, sehr sehenswerter Film. Und ich bin schadenfroh, dass Knörer daran keinen Spaß gehabt zu haben scheint :-)

  2. Gunnar

    Ist wirklich alles hübsch anzuschauen, fand ich auch, nur wird die Geschichte doch manchmal arg dünn. Genau wie Binghams allzu oft vorgetragene Rucksackphilosophie. Und als er als geläuterterter Familienmensch die Hochzeit seiner Schwester rettet, dachte ich, jetzt kippt das in ganz widerwärtigen Schmalz. Aber dann wird die Kurve erfreulicherweise doch genommen. Mir hat der Vorspann am meisten Freude bereitet. Die schönste musikalische Überraschung am Beginn eines Films, seit Pam Grier als „Jackie Brown“ sich zu Bobby Womack ebenfalls geschmeidig durch einen Flughafen bewegt hat.