Neu zu Hause: Schnäpse und ein bisschen Lübeck

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Diese Woche, in der die Berlinale startet, mag ich keinen Film sonderlich hervorheben, empfehle den Berlinern stattdessen den Besuch des Festivals, das wie immer ein gigantisches Programm auffährt und allen anderen zu Hause zu bleiben. Und vielleicht die eine oder andere DVD zu gucken. Zum Beispiel ist gerade „35 Rum“ erschienen, der Claire-Denis-Film aus dem letzten Jahr. So hatte ich ihn in der alten Kinoprovinz vorgestellt:

„Wem „Nénette und Boni„, das schöne kleine Alltagsdrama von 1996 mit solchen schönen Szenen, Vincent Gallo, Valeria Bruni Tedeschi und Musik von den Tindersticks schon zu langatmig war, dem wird der neueste Film von Claire Denis sicher nicht gefallen. Denn die unspektakulär erzählte Geschichte eines allein erziehenden Lokführers und seiner erwachsen werdenden Tochter verzichtet auf dramatische Zuspitzungen und erzählt vor allem mit Bildern: Kein Film, bei dem man gleichzeitig bügeln kann und trotzdem nichts verpasst. ‚’35 Rum‘ entfaltet einen attraktiven Sog‘, schreibt Diedrich Diedrichsen in Cargo. Ich freu mich drauf. Irritierend: Der Filmförderung sei Dank tauchen notdürftig vermittelt Ingrid Caven und die Hansestadt Lübeck auf der Leinwand auf.
Wer die Tindersticks mag, hat einen guten Grund für einen Kinobesuch: Zwölf Jahre und sechs Claire-Denis-Filme nach ‚Nénette und Boni‚ stammt die Musik wiederum von der britischen Band und wird diesmal nicht auf einem Album veröffentlicht.“

In den Diederichsen-Text habe ich eben noch einmal reingeschaut und bin über einen Satz gestolpert, den ich Euch nicht vorenthalten mag: „Ich will nicht alles spoilen, was Claire Denis für den fünften Akt eingefallen ist“, schreibt er. Ich spoile, du spoilst, er spoilt. Heute noch ekelig, morgen schon alltäglich?

“35 Rum“: Trailer | Links | DVD

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Wer die Berlinaleberichterstattung verfolgen will, hält sich, wie jedes Jahr, am Besten an die Presseschau der Film-Zeit. Und an den Berlinale-Blog des Perlentaucher, bespielt von Ekkehard Knörer, Thomas Groh und Cargo-Konsorten. Aufmerksam gemacht wurde ich auch auf ein teils recht komisches Interview mit Erika und Ulrich Gregor, dem langjährigen Leiter des Forums, des Arsenals und Co-Autor der „Geschichte des Films„, die mich vor langer Zeit – bis dahin jung und dumm – in Windeseile jung und ein bisschen weniger dumm gemacht hat. Das Gespräch hat Matthias Dell für den Freitag geführt:

Wie standen Sie als Liebhaber des Kinos dem Fernsehen gegenüber? Hatten Sie von Beginn an ein Gerät?

Erika Gregor: Nein, wir hatten keinen Fernseher.

Ulrich Gregor: Zu Hause? Na sicher, ich war doch Fernsehkritiker!

Erika Gregor: Ja, da haben wir einen gekauft. Als wir in den sechziger Jahren die Freunde der Kinemathek machten, haben wir ja acht Jahre lang ohne Bezahlung gearbeitet. Von irgendwas mussten wir aber leben. Die Sechziger waren gute Jahre für Westberlin, weil alle reichen Leute weggingen aus Angst vor dem Chruschtschow-Ultimatum. Man konnte sehr billig wohnen. Wir hatten eine 4 1/2 Zimmer-Wohnung, die wir, bevor es Wohngemeinschaft als Terminus gab, mit zwei Freunden bewohnten, für 248 Mark, warm. Und zum Essen brauchten wir auch wenig, Spaghetti kosteten 40 Pfennig, und angestoßene Tomaten kriegte man immer, damit konnte man wunderbare Sachen machen. Trotzdem musste man Geld verdienen, und Ulrich schrieb eben Filmkritiken. Irgendwann fragte ihn der Tagesspiegel, ob er die Fernsehkritik machen würde. Da haben wir dann einen Apparat gekauft.

Ulrich Gregor: Daraufhin. Schwarzweiß natürlich.

Erika Gregor: Es gab pro Fernsehkritik 25 DM, der Tagesspiegel erschien damals 6 Mal in der Woche, das waren 600 DM im Monat. Davon konnten wir bequem leben.

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Neu im Kino:

  • Ein mächtig ambitionierter deutscher Film, „Die zwei Leben des Daniel Shore„. Spielt in einem realistischen Marokko, wo ein Junge vom Dach fällt und in einem kafkaesken Stuttgart, wo jede Menge „skurrile“ Gestalten auftauchen. Ich bin skeptisch. In der Hauptrolle: Kinskisohn Nikolai, in weiteren Rollen sind Katharina Schüttler, Matthias Matschke und Judith Engel zu sehen, die ich allesamt schon vor der Kamera hatte:

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    matschke_schüttler_engel

  • Ein Fantasy-Spektakel von Harry-Potter-Regisseur Chris Columbus, angelegt als weiteres großes Franchise. Ein halbwüchsiger US-Amerikaner entdeckt, dass er eigentlich der Sohn von Poseidon ist und wird flugs in Kämpfe um des Zeus‘ Blitz verstrickt. Später geht es sogar ab in den Hades, dessen Zugang sich in Los Angeles unterm Hollywoodschriftzug befindet. „Eher eine B-Variante von ‚Harry Potter‘, geeignet für alle, denen die Hogwarths-Mythologie zu kompliziert war“, meint Frank Arnold in Epd Film. Aber andererseits wohl auch kein reiner Schrott. („Percy Jackson – Diebe im Olymp„)
  • Der Werwolfmythos musste jetzt auch mal langsam wieder aus der Kiste geholt werden, das Remake des klassischen Universal-Horrorfilms „Der Wolfsmensch“ scheint zur Abwechslung mal keine bemühte Modernisierung voll von vermeintlich lustigen Sprüchen und Special Effects zu sein, sondern orientiert sich stark an der Vorlage. Bloß macht das eine Neuverfilmung eigentlich noch überflüssiger, oder? („Wolfman„)
  • Die Verfilmung der wahren Geschichte eines heroischen Widerstandskämpfers, „Max Manus„, diesmal aus Norwegen. War arschteuer, ja der teuerste norwegische Film aller Zeiten und in seiner Heimat überaus erfolgreich. Wer allmählich, wie ich, keine Lust mehr hat, sich solche konventionellen Dramen mit vielen Nazis anzuschauen, ist hoffentlich nicht gleich selber einer.
  • Ein weiteres Sequel der türkischen Serie um eine Hauptfigur, deren komisches Potential sich in ihrer starken Behaarung und ihrem unflätigem Benehmen zu erschöpfen scheint. („Recep Ivek 3„)
  • Eine Romcom, die aus vielen kleinen Romcoms besteht, mit Stars von Shirley McLaine bis zu Julia Roberts. Dürfte immerhin abwechslungsreicher sein als üblich, so könnte man sagen, wollte man versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen. („Valentinstag„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

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Und noch etwas, ein Kommentar bei Ingo Niermann:

Was Fatih Akin von Helene Hegemann lernen kann:
„Plagiat“ heißt jetzt Fremdeinschreibung.

Helene Hegemann, Regisseurin von „Torpedo„, die nächste Woche erst volljährig wird, hat mit ihrem Debütroman „Axolotl Roadkill“ mächtigen Aufruhr verursacht. Erst im Feuilleton, da wurden überlaut Hymnen angestimmt (am lautesten von Maxim Biller in der FAS) und vereinzelt verhaltene Verrisse verfasst. Und dann in den Blogs. Deef Pirmasens hat in seinem demonstriert, wo Hegemann abgeschrieben hat. Am interessantesten ist die Diskussion jetzt bei Andrea Diener, deren Kommentatoren auf weitere fragwürdige Stellen und auf eine 1:1-Kopie in Hegemanns Film hinweisen. Hier und hier. Das zu verfolgen macht mehr Spaß als die Buchlektüre. Jede Wette.

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Und noch etwas, „Black Smoke“ vom gerade erschienen Tindersticks-Album „Falling Down A Mountain“:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Neu zu Hause: Schnäpse und ein bisschen Lübeck”

  1. Silke

    Hamburgs Beitrag zur Berlinale, mein persönlicher Filmtipp:
    http://www.glebsfilm.de/

  2. Gunnar

    Hast du den gesehen?

  3. Silke

    Yes. Lief im 3001 einmalig im Herbst als Privatvorstellung für Freunde und andere. Hab inzwischen die DVD, hab ich explizit bekommen, um sie im VC zu zeigen.