Neu im Kino: Liebe 1961, eine echte Überraschung sowie ein falscher Blair und ein falscher Mandela

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Um den hier kommt Ihr nicht drumrum: „An Education“ läuft jetzt auch bei uns an, der Film, für den Nick Hornby das Drehbuch geschrieben und bei dem Lone Scherfig, die „Italienisch für Anfänger“-Dänin, Regie geführt hat. Die Geschichte von einer sechzehnjährigen Schülerin, die mitsamt ihren kleinbürgerlichen Eltern einem doppelt so alten Aufschneider auf den Leim geht, beruht auf den Erinnerungen der Kolumnistin Lynn Barber. Hornbys Dialoge sollen den Erwartungen entsprechend clever und komisch sein, die Früh-Sechziger-Jahre-Welt, in der das alles spielt, überzeugend und die Hauptdarstellerin, Carey Mulligan, umwerfend. Die Kritiken gleichen überwiegend Jubelarien, wenn gemeckert wird, dann meist über das Ende, das wohl nicht nur unangenehm moralistisch, sondern vor allem seltsam aufgesetzt wirkt. Dürfte uns jetzt, da wir das schon wissen, aber nicht viel ausmachen. In zweieinhalb Wochen gibt es vielleicht sogar Oscarauszeichnungen für den Film, nominiert wurde unter anderem Nick Hornby. Seine Frau wusste, als sie die Frage beantworten sollten, welche der übrigen Nominierten sie treffen wollten, sehr schnell eine Antwort. Sonderlich originell sei die nicht, meint Hornby in seinem Blog. (Nachtrag: Leser aus der Kinoprovinz Hamburg kommen sehr wohl drumrum, bei uns läuft „An Education“ nämlich bereits in der Startwoche nur in Nachmittagsvorstellungen, also eigentlich gar nicht. Ich fasse es nicht.)

“An Education“: Trailer | Links | Kinos

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„Es ist ein aufregender Sportfilm, eine inspirierende Geschichte über die Überwindung von Vorurteilen und, vor allem, eine faszinierende Studie über politische Führerschaft“, schreibt A. O. Scott in seiner Lobpreisung in der New York Times.  Für mich drei gute Gründe, „Invictus“, den neuen Film von Clint Eastwood, nicht anzuschauen. Eine Mischung aus Sportfilm und Biopic ist für meinen Geschmack ein ungenießbares Gebräu und wenn in einem Film über Südafrika dann auch noch auf „inspirierende Weise“ Vorurteile überwunden werden, ist bei mir die Ekelgrenze erreicht. Wer weniger empfindlich ist, wird vermutlich Freude an der wohl, wie üblich, in jeder Hinsicht sauber erzählten Geschichte haben. Die geht so: Nelson Mandela, gespielt von Morgan Freeman, wem sonst, frisch gewählter Präsident, unterstützt persönlich die reinweiße Rugby-Nationalmannschaft. Die gewinnt daraufhin die Weltmeisterschaft, Ebenholz und Elfenbein kommen in perfekter Harmonie zusammen und das Land ist gerettet.

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Die Vorlage stammt von Robert Harris, dem vielgelobten Autor von Thrillern wie „Enigma“ und „Vaterland“. Auch historische Romane hat er geschrieben, stapelweise.

„Der Ghostwriter“ erzählt von einem eben solchen, gespielt von Ewan McGregor, der im Auftrag eines ehemaligen britischen Premiers, der zu Amtszeiten eine auffällig enge Verbindung zum amerikanischen Präsidenten pflegte, für sehr viel Geld dessen Memoiren schreiben soll und schließlich eine Entdeckung macht, die ihn in große Schwierigkeiten bringt. Handlungsort ist im wesentlichen die kleine Atlantikinsel „Martha’s Vineyard“, für die Sylt herhalten musste. Die Gründe dafür: ein Haftbefehl und die deutsche Filmförderung, gedreht wurde ansonsten im Studio Babelsberg. Ja, es ist der neue Film vom unsympathischen Roman Polanski und es sieht so aus, als sei ihm da ein Film gelungen, der an die fabelhaften Genrestücke aus seinen besseren Zeiten erinnert. David Hudson schreibt im „Auteurs Notebook“, dass der „Ghostwriter“ einiges von der moralischen Komplexität der Siebziger-Jahre-Paranoia-Thriller habe, also ein Stück besser sei, als die „Gute-Jungs-mit-Knarren-gegen-böse-Jungs-mit-Mädchen-Thriller“.

Der Schwager von Robert Harris ist übrigens Nick Hornby und über die Vorlage schreibt dieser: „Tony Blair soll extrem verärgert über ‚The Ghost‘ sein, Sie müssen es also nicht einmal lesen, um seine wohltuenden Effekte zu spüren. Wenn das keine Definition von großer Literatur ist, dann weiß ich nicht, was es ist“. (Aus „Polysyllabic Spree„)

“Der Ghostwriter“: Trailer | Links | Kinos

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Jetzt aber noch eine uneingeschränkte Empfehlung, die ausnahmsweise nicht auf Vorurteilen beruht. Denn „Die Friseuse“ habe ich im Kino vorab gesehen und auch schon etwas drüber geschrieben. Ein Link zu der Kritik, die unter falschem, aber wohlbekanntem Namen veröffentlicht wird, folgt nach Erscheinen. Regie führte Doris Dörrie, der ich in meinem Text erst die Verantwortung für die deutsche Komödienpest von „Männer“ bis zu den Hasenkükenfilmen aufbürde, um anschließend ihren neuen Film als Wiedergutmachung zu feiern. Erzählt wird eine Geschichte aus Ostberlin, es geht um eine fette Friseurin, die vom eigenen Salon träumt, um Hartz IV, um Krankheit, um illegale Einwanderung und um Mutter-Tochter-Konflikte und ich weiß, es fällt Euch schwer das zu glauben, aber es ist ein wirklich komischer Film. Alles stimmt, der Ton, die Ausstattung, die Besetzung und vor allem das Buch, geschrieben von Laila Stieler, die bereits drei Andreas-Dresen-Drehbücher verfasst hat, unter anderem für den tollen „Willenbrock„. Ostdeutscher Neo-Neorealismus zum Lachen von Doris Dörrie und es funktioniert auch noch. Was für eine Überraschung!

“Die Friseuse“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein deutscher „Highschool Musical“-Abklatsch. „Eine packende und romantische Musical-Komödie, mit hinreißenden Choreographien und rockigen Songs, die viel gute Laune und jede Menge Spaß verspricht“, so der Pressetext. („Rock It!„)
  • Peter Jackson, dessen fröhlich-unbedarftes und sehr blutiges Frühwerk inzwischen nur noch eine ferne Erinnerung ist, hat völlig verquasten Esoquatsch verzapft: „In meinem Himmel“ ist eine Bestsellerverfilmung, in dem die ermordete Hauptfigur aus einer Kitschhölle herab ihren Hinterbliebenen bei der „Trauerarbeit“ zuschaut.
  • Gewalt und Frömmelei, Gott spricht zu Denzel Washington in einer postapokalyptischen Welt. Man fragt sich, für wen solch ein Quatsch wie „The Book of Eli“ gemacht wird, vielleicht für Heranwachsende in freikirchlichen Gemeinden, damit die auch mal ruhigen Gewissens Geballer im Multiplex anschauen können?
  • Aber es gibt ja noch viel Schlimmeres, etwa ein Remake von „Die zehn Gebote“ als schäbig computeranimiertes Spektakel. Da kann die ganze Familie gemeinsam erbauliche Kinokost zu sich nehmen. Mit den deutschen Stimmen von Ben Becker und Sky du Mont, die wirklich jeden Scheiß mitmachen.
  • Und wieder Trash aus der Türkei: Eine „wunderschöne, erwachsene und doch verbitterte junge Dame und Mitglied einer Terror-Organisation“ (Pressetext) muss sich zwischen Attentat und Liebe entscheiden. („Flügel der Nacht„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

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Und noch etwas, eine wunderbare Kolumne vom mindestens schönsten Filmfestival der Welt, von Harald Martenstein, der offenbar zu Höchstform aufläuft, wenn er beleidigt ist. (Nachtrag: Ich wurde darauf hingewiesen, dass sich der Text erst so richtig erschließe, wenn man Martensteins vorausgegangene Kolumnen kenne. Vielleicht reicht aber auch das Wissen, dass diese mehrheitlich von Nörgelei geprägt waren.)

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Und noch etwas, „Coming Home Baby“ von Mel Torme, das auch im Soundtrack von „An Educaton“ zu hören ist. Hier hübscherweise zuerst mit dreiunddreißigeindrittel Umdrehungen in der Minute:

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