Neu im Kino: ein Neonoir mit Nazis, ein böser Bulle und kämpferische Kartoffelsackmännchen

KW09

_

Für mich ein Pflichttermin: Den Autoren Dennis Lehane schätze ich, neben George P. Pelecanos, als einen der besten jüngeren amerikanischen Krimiautoren, die sich auf die gute alte Hardboiled-Tradition berufen. Zwei Verfilmungen gab es bislang, beide gelungen, zum einen die Clint-Eastwood-Adaption „Mystic River„, zum anderen „Gone Baby Gone“ von Ben Affleck, nach einer Vorlage um die Serienhelden Patrick Kenzie und Angela Gennaro. Und beim jetzt anlaufenden „Shutter Island“ hat niemand anderer als Martin Scorcese Regie geführt. Vermutlich kann Lehane mittlerweile die Filmrechte für ein neues Buch schon verkaufen, bevor er eine Zeile geschrieben hat. Beneidenswert.

„Shutter Island“ spielt in den Fünfzigern, Handlungsort ist vor allem eine zweifelhafte Anstalt, in der psychologische Experimente durchgeführt werden, schön isoliert auf einer Insel vor Boston gelegen. Ein traumatisierter Ex-Soldat forscht da als U. S .Marshal einer verschwundenen Insassin nach und verliert zusehends jegliche Orientierung. Die Noir-Hommage hat Scorsese wohl sehr atmosphärisch visualisiert und Leonardo DiCaprio soll in der Hauptrolle besser sein denn je. „Out Of The Past“ und „Shock Corridor“ sind offenbar deutlich als Einflüsse erkennbar, an letzteren Film denkt mancher Rezensent vermutlich nicht nur wegen des Settings, sondern auch wegen vergleichbarer schamloser Effekthascherei. Den meisten Schreibern gefällt das Ganze (Tomatometer: 66%, Durchschnitt bei Metacritic: 62), wo gemeckert wird, ist meist die Rede von Leblosigkeit, von mangelnden Unterhaltungswerten, der Film berühre emotional nicht und verstricke sich in zahllosen Rätseln und Andeutungen. Wer Krimis mag, in denen kerngesunde, sympathische und kompetente Kommissare vor pittoresker Kulisse herausfinden, dass es nicht der Gärtner war, ist hier sicher im falschen Film.

Mein werter Freund Ram, ein Mann von Geschmack und durchschlagender Urteilskraft, war vorab drin und schreibt mir: „Ungefähr 90 Prozent, vielleicht auch 95 Prozent lang dachte ich, um Gottes Willen, geht’s vielleicht noch wirrer, überladener, bekloppter und klischeehafter – und dann löst das Ende alles so auf, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ist ein guter Film! (Ärgert mich sogar fast ein bisschen.) Und zwar mit original komplett offenem Ende mit unentscheidbaren Möglichkeiten in beide Richtungen, schon alleine, weil es am Ende keinen Anhaltspunkt mehr gibt, was Realität und was Psychose war“. Hoffentlich habe ich damit nicht zuviel „gespoilt“, wie Diedrich Diederichsen zu schreiben pflegt. (Habe eben mal nach „spoilen“ gegoogelt und bin auf eine faszinierende Frage in einem Forum gestoßen: „Ich wollte mal fragen wie man richtig spoilen tut, ich meine wann legt man den spoil am besten auf das mob und wie mus ich das dann ernten?“)

Bereits im Buch ist eine Passage enthalten, in der sich die Hauptfigur an die Befreiung Dachaus erinnert und zwar an die angebliche Ermordung von „500 Krauts“, SS-Leuten und Wachpersonal, durch US-Soldaten. Das geht offenbar auf die Darstellung der Geschehnisse in einem Buch von Howard K. Buechner zurück, die nachweislich stark übertrieben ist, wie Sven Felix Kellerhoff in der Welt schreibt. Im Film sind die Dachau-Szenen als Rückblende inszeniert, mit einer wohl eher der Wahrheit entsprechenden Zahl von Opfern auf Seiten der SS. Schade, dass nicht die ganze traumatische Erinnerung rausgeflogen ist, Dachau als Gruselfaktor in einem düsteren Noir-Thriller, das hätten sie sich ruhig sparen können.

“Shutter Island“: Trailer | Links | Kinos

_

Werner Herzog, der in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten, weltweit geachtet, in seiner Heimat weitestgehend ignoriert, mehr oder weniger interessante Dokus gedreht hat, ist auf einmal wieder als Spielfilmregisseur da und dann auch noch mit Darstellern wie Nicholas Cage, Eva Mendes und Val Kilmer. Und was hat er da gefilmt? Ein Remake von „Bad Lieutenant„, dem katholischen Abel-Ferrara-Thriller mit Harvey Keitel. Seltsam, seltsam.

Und die düstere Höllenfahrt eines korrupten Cops endet dieses Mal nicht ganz unten, sondern glücklich auf Erden. Noch seltsamer. Gedreht wurde im zerdepperten New Orleans, was wohl für einige eindrucksvolle Bilder sorgt und die Darsteller sollen ihre Sache gut machen. Ausreichende Gründe, sich das anzuschauen, sind das allerdings nicht. Aber die Tatsache, dass ausgerechnet Herzog hier Regie geführt hat, macht mich neugierig.

Abel Ferrara über ihn und alle anderen, die am Remake beteiligt waren: „Ich wünsche diesen Typen den Tod in der Hölle. Ich hoffe, sie sind alle im selben Auto und das fliegt in die Luft.“ (via)

“Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“: Trailer | Links | Kinos

_

2005 hat Shane Acker im Rahmen seines Studiums einen atmosphärisch sehr düsteren Film mit Puppen aus Kartoffelsäcken animiert. „9“ hieß er und bekam viel Aufmerksamkeit, nachdem er für zwei Oscars nominiert worden war. Mit Hilfe von Tim Burton als Produzenten konnte Acker daran anknüpfend einen computeranimierten abendfüllenden Science-Fiction-Film fertigstellen, der ausnahmsweise mal nicht auch schon die ganz Kleinen ins Kino locken will. Sein Erfolg hätte endlich den Weg für mehr Animationsfilme bereiten können, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. Nur blieb der leider aus. Viel mehr als die Produktionskosten wird er nicht einspielen, so wie es aussieht. Und die waren gerade mal ein Fünftel so hoch wie bei einem Pixarfilm.

Die Kritiken sind durchmischt, die visuellen Qualitäten werden allseits gelobt, Plot und Dialoge dagegen viel getadelt. Die Kartoffelsackmännchen müssen in einer menschenfreien, postapokalyptischen Welt gegen Maschinen kämpfen und natürlich hängt wieder mal die Zukunft der Zivilisation von ihnen ab. Da gibt es dann eben doch wieder die üblichen Actionsequenzen in einer Geschichte, die wohl deutlich weniger originell ist, als die Optik. Ein Problem könnten auch die Sack-Figuren sein, die sich sehr gleichen, was die Charakterisierung erschweren dürfte und die außerdem schlichte Kulleraugen haben: Die Ausdrucksfähigkeit ist im Vergleich etwa zur Mimik von Wall-E beschränkt.

Der Filmdienst hat „9“ auf den Titel genommen und im Heft schwärmt Jörg Gerle über das „kleine Meisterwerk“: „Shane Acker wählte für sein retro-futuristisches Universum die magischen Puppenwelten eines Jan Švankmajer und der Brothers Quay, erweckt es mit der Emotionalität eines ‚Edward mit den Scherenhänden‘ zum Leben, animiert es mit der Hightech-Software aus Hollywood und tönt das Ganze mit der Grimmigkeit der Märchenwelt von Terry Gilliam. Das ist unglaublich schön, traurig und erschreckend in einem, entlässt mit dem seltsamen Gefühl wohliger Betroffenheit und der vagen Hoffnung, dass die, die nach uns kommen, es einmal besser machen als wir.“ Ganz und gar daneben wird er nicht liegen.

“9“: Trailer | Links | Kino (Ja, der Film „startet“ mit genau einer Kopie in Berlin.)

_

_

Außerdem neu:

  • Ein brasilianischer Du-kannst-es-schaffen!-Film. Und zwar raus aus den Favelas und rein in den Popstarruhm. („Antonia„)
  • Ein österreichischer Dokumentarfilm, „Plastic Planet„, der sich mit der Allgegenwart von Kunststoffen und den damit verbundenen Gefahren beschäftigt, wohl eher in der Tradition von Michael Moore stehend, als in jener der grimmigen österreichischen Dokus vom Schlage „Unser täglich Brot„.
  • Und ein deutscher Dokumentarfilm, für den unterschiedlichste Menschen in Berlin gefragt wurden, ob sie sich noch an Lieder erinnern können, die ihnen als Kleinkinder von ihrer Mutter vorgesungen wurden. Grit Lemke in der Jungen Welt: „Wer sich nach diesem Film nicht für eine Stunde zum Heulen abmeldet, hat entweder eine extrem glückliche Kindheit verlebt oder ist aus anderen Gründen als Freund nicht zu empfehlen.“
  • Erneut ein visuelles Großspektakel über Tiere, atemberaubend gefilmt aber wie üblich zugekleistert mit Musik. Der „Rolls-Royce der Meeresdokumentationen“, schreibt Reinhard Lüke im Filmdienst über den neuesten Streich der „Mikrokosmos„-Macher.
  • Europäischer Arthousekitsch, finanziert mit Geld aus vier Ländern, gedreht in einem fünften und betitelt in der Sprache eines sechsten, „The Rainbowmaker„. Ein unschuldiger Papa kommt aus dem Gefängnis nach Hause, um festzustellen, dass seine Kinder, denen erzählt wurde, er sei ein Geheimagent, nichts von ihm wissen wollen. Die Mama hat sich zwischenzeitlich einem Artisten zugewandt, aber dann landet auf einmal eine Pilotin und bringt die Familie wieder zusammen.
  • Eine Musicalverfilmung, die nicht nur „Nine“ heißt, sondern bei uns auch noch am gleichen Tag startet wie „9“. Da dürfte manch einer im falschen Film landen …
  • Und eine weitere Trash-Komödie aus der Türkei. („Eyyvah Eyvah!„)

_

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

_

_

Und noch etwas, der originale, elfminütige Kurzfilm „9“ von Shane Acker, von 2005. Puppentrick statt Computeranimation.

_

_

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Kommentare deaktiviert für Neu im Kino: ein Neonoir mit Nazis, ein böser Bulle und kämpferische Kartoffelsackmännchen

Kommentarfunktion ist deaktiviert.