„Entertainment value: close to zero“

tatort

Wahrscheinlich nervt es mich vor allem so sehr, weil ich es einfach nicht verstehe. Lauter mir bekannte, eigentlich völlig zurechnungsfähige Menschen, deren Ansichten und Geschmack ich respektiere, verbringen den Sonntagabend auf die gleiche Weise, auch wenn sie sonst absolut nichts eint. Nämlich vor dem Fernseher, wenn „Tatort“ läuft.

Ich selber kann über die Endlosserie nichts schreiben, da ich nie mehr als zehn Minuten zugucken ertrage. Es fehlen mir die Kenntnisse für einen fundierten Verriss und daran möchte ich auch gar nichts ändern.

Aber Freude bereitet es mir, wenn jemand anderes weniger Hemmungen hat. Wash Echte, der seit über einem Jahr unter dem Titel „Ich werde ein Berliner – How to blend in wiz ze Germans“ sich schön polemisch über uns lustig macht, war bei einer „Tatort Party“ und schreibt über die „teutonic version of “Law & Order”:

In fact, Tatort is so slow, tedious, and deliberately low-key that one 1.5 hour episode feels like a whole day going by. Halfway into it, you’ll want to inject caffeine into your eyeballs just to make it through the next minute. In good German film-making tradition, everything about it feels painfully over-endeavored and every single character is stock beyond the worst stereotype. But that’s, like, sooo not the point, Auslander. German people love Tatort for its realism and dedication to pick up controversial topics and social developments to base its stilted plots on in a really contrived way. (…)

Discussing a substantially boring, run-of-the-mill crime drama gives your German acquaintances the warm, fuzzy feeling of being critical, self-determined people who are aware of the dangers of blind media consumption, because they are way too intellectual to just watch TV for its entertainment value, which, in the case of Tatort, is close to zero. (via)

Und letzte Woche hat Andrea Diener in einem Pamphlet gegen das Fernsehen an sich auch ein paar Sätze zu Euer aller Lieblingssendung verfasst:

Ich kann diese deutsche Fernsehspielsprache nicht hören, es tut mir leid, es gibt nämlich diese spezifische hölzerne Fernsehspielsprache, die so seltsam verknappt ist, was vermutlich lebensnah wirken soll, aber dabei irgendwie überartikuliert, so spricht doch keiner. Ich habe Angst, mir mit diesen schlechten Fernsehdialogen mein Sprachgehör zu verderben. Ich höre gern echte, gesprochene Sprache mit Dialekten und Sprachwendungen und Verzögerungslauten, dieses ganze elliptische Gestammel, wie es einem ungefiltert auskommt, und wie man es Schauspielern nie in den Mund legen würde. Aber es ist ja auch nicht so, daß diese Fernsehspielsprache besonders ausgefeilt wäre, schlagfertig oder irgendwie poetisch. Sie ist einfach gar nichts außer liebloses Handlungsvehikel. Und ich kann das nicht mitanhören oder -sehen.

Beide sprechen sie mir aus der Seele, oder aus irgendetwas anderem, das meinen „Tatort“-Ärger birgt. Wer beim waschechten Polemiker weiterlesen mag, beachte unbedingt auch die „City-Specials“. Über Hamburg schreibt er etwa:

Because most Hamburg people, deep in their hearts, are actually small-minded villagers, they feel so intimated by their mid-size city that they had to split it up in even smaller, more manageable parts, much like, well, villages.

Und:

If let loose, Hamburg people will go on and on about how Hamburg is the “most beautiful city in the world”. If asked why, they pause, shrug and come back with a lame answer referring to water, like “it has water canals”, or “it’s so close to the sea” (it’s not), or “I love walking around the harbor”. Don’t ever mention to them that all this isn’t much fun if must be done in the pissing rain at 5 degrees Celsius, Hamburg’s year-round average temperature.

Schöne Worte 5 Kommentare »

5 Reaktionen zu “„Entertainment value: close to zero“”

  1. M.

    Was ich nicht verstehe, ist, was Dich daran so aufregt – lass‘ die Leute doch gucken. Wenn Du Dich über alles so ärgerst, was Du nicht verstehst, oh je… Und zum Hamburg-Bashing: äußerst originell.

  2. Gunnar

    Für alles andere, was meine Freunde so machen, habe ich mehr Verständnis: zu St.-Pauli-Spielen gehen,irrsinnige Mengen von CDs kaufen, sinnlos zappen, reiten oder täglich Yogakurse besuchen, nichts davon birgt ein vergleichbares Rätsel wie die „Tatort“-Sucht. Vielleicht erklärt mir das jetzt endlich jemand.

  3. M.

    Ich glaube, es ist einfach ein schönes gemütliches Ritual, eine Konstante in unserer unübersichtlichen, globalisierten Welt, bla bla… Im Übrigen finde ich reiten und Yogakurse besuchen viiiel befremdlicher!

  4. Matt

    Endlich ein Seelenverwandter! Diese „Tatort“-Sucht geht seltsamerweise auch quer durch alle Bildungsschichten, politischen Einstellungen und Kulturgeschmäcker. Dass ich’s nie begriffen habe, schien mir immer an einem persönlichen Defekt zu liegen, doch jetzt hege ich die Hoffnung, dass alle anderen wahnsinnig sind, nur wir zwei beide nicht.

    Ich habe übrigens exakt einen „Tatort“ in meinem Leben gesehen, dass war der berühmt-berüchtigte „Reifeprüfung“. Ach, Nastassja …

  5. Gunnar

    Vielleicht ist es einfach die Erleichterung darüber, dass man überhaupt irgendetwas aushalten kann, was im Fernsehen zur Hauptsendezeit läuft. Da wird sich dann eisern dran festgeklammert.

    Und wenn es dann mal eine wirklich erstaunlich gute deutsche Krimiserie gibt wie KDD, dann sind die Scheiß-Quoten so schlecht, dass sie eingestellt wird.