Alice im Fantasy-Korsett

Alicekomp

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Eigentlich konnte da nichts schiefgehen. Tim Burton, der dickköpfige Frickler mit einer Vorliebe für Düsteres und Grotesk-Komisches, der sogar Superhelden-Franchise-Ware wie „Batman“ seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken vermochte, hat Lewis Carrolls viktorianischen Nonsense-Klassiker „Alice im Wunderland“ verfilmt. Mit bewährten Burton-Darstellern wie Johnny Depp und Helena Bonham Carter, mit einem Score vom ebenso bewährten Danny Elfman und mit einem Riesenbudget, das jede computeranimierte Spielerei erlaubt, die heute technisch möglich ist.
Die Welt von „Alice“, in der sich alles jederzeit verändern kann, mit lebendigen Spielkarten, einem See aus Tränen, dem hektischen weißen Kaninchen, der Wasserpfeife rauchenden Raupe, der Grinsekatze und all den anderen skurrilen Fantasiegeschöpfen scheint kongenial zum Burtonschen Schauergeschichten-Kosmos zu passen.

Aber es ist schiefgegangen. Und wie.

Zwar sind da eine Menge hübscher visueller Einfälle zu besichtigen, wie man sie erwarten konnte und die Verbindung von Live-Action und Animation funktioniert besser, denn irgendwo je zuvor, nur sind leider Witz und Verspieltheit der Vorlage vollständig auf der Strecke geblieben. Die episodische Struktur musste einer Standardfantasyhandlung weichen, die so unfassbar öde ist, dass ich eine Zeit lang hoffte, dass sei nur eine Finte, eine ironische Geste, die sagen will: Seht her, so blöde sind vergleichsweise die Narnia-Eragon-Kompass-Filmplots. Aber das Ruder wird keineswegs wieder herumgerissen, stumpf wird bis zum Ende jede zur Zeit gültige Konvention des Genres eingehalten.

Burtons Alice ist kein kleines Mädchen mehr, sondern neunzehn Jahre alt und soll in der Rahmenhandlung gerade verlobt werden. Sie folgt, wie üblich, dem weißen Kaninchen ins Loch und muss, so weit, so vertraut, erstmal einige Probleme lösen, bei denen verschlossene Türen und falsche Größenverhältnisse eine Rolle spielen, bevor sie das Wunderland, das diesmal „Underland“, also Unterland heißt, betreten kann.

Und schon kündigt sich das erzählerische Desaster an: Ist Alice die „richtige“ Alice, so lautet die Frage, denn der „richtigen“ ist es vorherbestimmt, den Jabberwocky, einen Drachen, im Kampf zu besiegen und so „Underland“ zu retten. Und dann lässt Burton ununterbrochen Orchester und Chor dröhnen und dazu die Guten gegen die Bösen in aufdringlichem 3-D vor ständig wechselnden dramatischen Avatar-Landschaften antreten, lässt Armeen der „roten“ und der „weißen“ Königin aufmarschieren und schließlich Alice den bösen Drachen töten, wie es sich gehört.

Lewis Carrolls Alice war selbstredend überhaupt nichts vorherbestimmt, in den Büchern war gerade Desorientierung ein Leitmotiv, die Heldin stolpert von einem seltsamen Erlebnis zum nächsten und die blaue Raupe ist nicht weise wie Yoda, sondern trägt mit ihrem „Rat“ nachhaltig zu Alice‘ weiterer Verwirrung bei. Der Drache, Jabberwocky, taucht nur im gleichnamigen Gedicht auf, das Alice zu Beginn von „Alice hinter den Spiegeln“ liest und ob da überhaupt ein Drache beschrieben wird, ist nicht einmal ganz sicher:

„Hab acht vorm Zipferlak; mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr!
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
Dem mampfen Schnatterrind!“

(Aus „Der Zipferlake“, „Jabberwocky“-Nachdichtung von Christian Enzensberger)

Natürlich haben die meisten bekannten Figuren aus den beiden Alice-Büchern bei Burton ihre Auftritte und liebevoll entworfen und animiert, wie viele von ihnen sind, kann man immer wieder erahnen, wie großartig das alles hätte werden können. Schade.

Von den dreiundzwanzig „Alice“-Verfilmungen, die es bislang gab, sind mir ein knappes Viertel vertraut.  Ich glaube nicht, dass eine einzige von ihnen so bleischwer und uninspiriert daherkommt, wie Nummer Vierundzwanzig. Und von höchst eigenwilligen Adaptionen, wie jener Jan Švankmajers, der Alice in seine morbide Stop-Motion-Welt aus toten Tieren und animierten Puppen integriert hat, ohne dabei den Geist der Vorlage zu verraten, ist Tim Burtons Version Lichtjahre entfernt.

Etwa neunzehn war Alice übrigens schon einmal, 1976, in „Alice in Wonderland: A Musical Porno“ von Bill Ozco:

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“Alice im Wunderland“: Trailer | Links | Kinos

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Alice im Fantasy-Korsett”

  1. Thies

    Das macht mich schon ein wenig traurig einen solchen Verriss vor dem Kinostart zu lesen, denn auf den Film hatte ich mich wirklich gefreut. Die Trailer und die vorab veröffentlichten Bilder sahen schliesslich alle klasse aus. Aber ich muß zugeben – das taten sie bei „Planet der Affen“ auch. Und es gab bei Tim Burton schon immer ein leichtes Missverhältnis zwischen den tollen Bildern und der oftmals etwas dünnen Story.

    „Batman returns“ hatte mir auch erst beim dritten Ansehen gefallen, nachdem es mir gelang mich komplett auf stimmungsvollen Sets und die opernhafte Inszenierung zu konzentrieren. Die comichaft skizzierten Vorgänge der Handlung waren schon damals mehr ein Alibi um den Film im Gang zu halten.

    Aber anders als Michael Bay und Konsorten sorgte Burton bisher auch immer dafür, dass man wirklich in seine Bilderwelten eintauchen konnte, anstatt unter einem Schnitt- und Wackelkamera-Dauerfeuer in Deckung zu gehen. Ich werde daher nächste Woche selber einen Blick ins Kaninchenloch werfen – auch wenn meine Vorfreude darauf einen starken Dämpfer erfahren hat.

  2. Gunnar

    Meine Erwartungen waren auch hoch. Wer weiß, vielleicht gefällt es dir in Burtons Unterland ja viel besser als mir, nachdem die deinen etwas gedämpft wurden …

  3. Thies

    Ich hab mir heute meinen persönlichen Eindruck vom Desaster machen können. Deine Beurteilung trifft leider auch mit gebremsten Erwartungen im vollem Umfang zu. Der Film lässt einen zwar durch ein paar schöne Motive erkennnen, wie toll er hätte werden können. Aber ähnlich wie Spielbergs „Hook“ oder Gilliams „The Brothers Grimm“ stösst er dem Zuschauer immer wieder mit der Nase in den Dreck, bzw. führt ihm vor Augen wie platt die erdachte Erzählung eigentlich ist.

    Bei „Alice“ ist dies besonders augenfällig dadurch, dass alle fünf Minuten wiederholt wird, dass es ihre Aufgabe ist den Jabberwock an einem bestimmten Tag mit einem bestimmten Schwert zu erlegen. Als dann im Finale das Ereignis endlich eintrat, hatte ich nur noch den Wunsch, dass der Film so schnell wie möglich zu seinem Happy End finden möge, damit die Qual endlich vorbei ist.

    Zudem wurden die traumartigen Übergänge von einem Handlungsort zum Nächsten durch ein hektisches Hin- und herrennen ersetzt. Es wirkt wie ein endloser Spurt von A nach B nach C und wieder zurück zu A.

    Und dann wäre da noch Johny Depp als Hutmacher! Sein Look ist perfekt und hätte seine Rolle nur die Funktion, die sie im Original besaß (d.h. gar keine) wäre seine Darstellung beinahe perfekt zu nennen. Aber hier muß er sowas wie die eigentliche Hauptrolle bestreiten. Dabei macht Depp alles um den Zuschauer immer daran zu erinnern, dass es sich um Depp in einem „verrückten“ Kostüm handelt. Eine Taktik die in „Fluch der Karibik“ noch funktionierte, da er von anderen Schauwerten und „straight“ agierenden Darstellern eingerahmt war – hier geht sie wirklich komplett nach hinten los.

    Wie schon gesagt hat Tim Burton den Hang dazu die Optik vor den Inhalt zu stellen, was mal mehr und mal weniger funktioniert. Hier standen sich Inhalt und Optik allerdings gegenseitig im Weg rum. Das Ergebnis ist zwar kein ärgerlicher, aber dafür ein furchtbar langweiliger Film.