Neu im Kino: Tötende Blicke, unerwartete Tritte, ein raubender Läufer und ein singender Trinker

KW10

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„Einer der besten Filme, die dieses Jahr im Wettbewerb gezeigt wurden“, schrieb David Hudson bei The Auteurs über „Der Räuber“, den neuen Film von Benjamin Heisenberg. Fünf Jahre sind vergangen, seit seinem Erstling, dem „Schläfer„. Damals galt er als ein Vertreter der spröden „Berliner Schule“. Mit dem „Räuber“ entzieht er sich dieser Etikettierung, die in Wien gedrehte Geschichte um einen wieselflink zum Fluchtwagen rennenden Bankräuber, soll dynamisch, ja sogar actionreich statt statisch inszeniert sein. Den Räuber gab es wirklich, er war in den Achtzigern parallel zu seinen illegalen Aktivitäten als Marathonläufer aktiv und Heisenberg interessiert sich offenbar für beide Beschäftigungen gleichermaßen, ohne sich groß um den „sozialen Hintergrund oder aber Politik, Psychologie und den ganzen Rest“ zu scheren, so David Hudson. Das könnte im Ergebnis natürlich doch wieder nüchtern wie im Wartezimmer geraten sein. Mal gucken.

“Der Räuber“: Trailer | Links | Kinos

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„Männer, die auf Ziegen starren“ ist zweifellos ein herrlicher Titel, die Darstellerriege – George Clooney, Jeff Bridges, Ewan McGregor und Kevin Spacey sind dabei – kann sich auch sehen lassen, doch scheint die Militärsatire über eine Spezialeinheit, in der Gedankenlesen, durch Wände laufen und mit Blicken töten trainiert wird, die sich augenblicklich einstellenden hohen Erwartungen nur bedingt zu erfüllen. Denn so richtig spritzig ist das wohl alles nicht geworden, wenn man den nicht wenigen negativen Kritiken glauben darf. Eher monoton und langatmig. Derek Elley ist in Variety aber voll des Lobes („unglaublich dichtes Drehbuch“, „wunderschön komponierte Breitwandaufnahmen“, „hochklassiges (…) Filmemachen“, „im Gebrüder-Coen-Stil“). Das Ganze soll übrigens, kaum glaublich, auf Tatsachen beruhen.

“Männer, die auf Ziegen starren“: Trailer | Links | Kinos

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„Alice im Wunderland“ von Tim Burton habe ich schon gesehen und war reichlich enttäuscht. Hier meine Kritik. Allerdings stehe ich mit meiner drastischen Ablehnung ziemlich alleine da, die meisten Schreiber, hüben wie drüben, äußern sich milder und es gibt auch begeisterte Stimmen. Wer auch Kritik an der Verflachung und Konfektionierung des Stoffes übt, schiebt häufig Disney die Schuld in die Schuhe, als hätte der große, jüngst mit einer Einzelausstellung im MoMA geehrte Künstler, sich einfach nicht gegen den bösen Unterhaltungskonzern durchsetzen können. Als wenn all die anderen Studios mit ihren Riesenbudgets, für die Tim Burton gearbeitet hat, nicht genau die gleichen Interessen und Strukturen hätten. Burton hat bei Disney angefangen, festangestellt und ist rausgeflogen, nachdem er 1984 seinen Kurzfilm „Frankenweenie“ (youtube) fertiggestellt hatte. Der Film sei zu angsteinflößend für ein junges Publikum und er habe Studiogeld dafür verschwendet, hieß es. Aber schon Burtons „Nightmare Before Christmas“ war 1993 wieder eine Disney-Produktion. Und als er 2007 mit dem Micky-Maus-Konzern einen Vertrag über zwei 3D-Produktionen geschlossen hat, werden die Konditionen schon gestimmt haben: Der zweite Film, das war von Anfang an bekannt, wird sogar eine abendfüllende Neuverfilmung des einst abgelehnten „Frankenweenie“ sein. Hoffentlich wird das kein Murks …

Was ich in meinem Alice-Text nicht erwähnt habe: Die Rahmenhandlung endet dann auch noch auf die ödeste Weise, die man sich vorstellen kann, als letzter Tritt in das Gesicht der enttäuschten Zuschauer. Ich habe keine Ahnung, wieso die Mehrheit der Kritiker dafür offenbar unempfindlich ist.

“Alice im Wunderland“: Trailer | Links | Kinos

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Auch „Crazy Heart“, das Regie-Debüt von Scott Cooper, habe ich vorab gesehen und darüber geschrieben.  Da wurde das Kunststück vollbracht, aus einer mutmaßlich schon in der Vorlage völlig banalen Geschichte einen sehenswerten Film zu machen, ohne dass die Geschichte dabei besser geworden wäre. Mir fällt kein vergleichbares Beispiel ein.

Gefällt allen.

“Crazy Heart“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Eine historisches Kammerspiel aus dem Friedrichshain der sechziger Jahre. Angeblich nicht ostalgisch wird eine Liebesgeschichte von „Oma Otti“ erzählt, die bereits fünffache Witwe ist, während ihr Enkel Detektiv spielen darf. Scheint darstellerisch ganz gelungen zu sein (u. a. mit Milan Peschel, Horst Krause, Meret Becker, Jürgen Vogel), die Kulissen hingegen sollen grausig aussehen. („Boxhagener Platz„)
  • Ein in Hamburg gedrehter Heile-Welt-Film nach der biederen und wahnsinnig erfolgreichen Kinderbuchreihe von Isabel Abedi: „Hier kommt Lola„.
  • Seltsames aus Deutschland (1): Sex, Motorräder und pseudophilosophische Gerede scheinen die wichtigsten Ingredienzien des Trashfilms „Engel mit schmutzigen Flügeln“ zu sein.
  • Seltsames aus Deutschland (2): Ein Kostümschinken über Heinrich IV., nach Heinrich Mann. („Henri 4„)
  • Seltsames aus Deutschland (3): Eine Doku über Moskauer Taxifahrerinnen („Pink Taxi„).

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

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Und noch etwas, ein Ausschnitt aus Jan Svankmajers „Alice“:

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Und noch etwas, ein Wunderland-Videoclip mit Tom Petty als verrücktem Hutmacher, aus dem Jahr 1985:

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Und noch etwas darf nicht fehlen, der berühmteste von „Alice im Wunderland“ beeinflusste Popsong. Ein Fernsehauftritt von Jefferson Airplane:

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