Neu im Kino: Zweimal Mord und Totschlag

KW11

Preise und Kritikerlob en masse gab’s bislang für das Gangsterdrama „Ein Prophet“ aus Frankreich. Der Film scheint ein rares Beispiel für eine höchst wirkungsvolle Neuerfindung eines wohlbekannten Genres zu sein. Es geht um rivalisierende Banden, um Leben im Knast, um Drogen und um Gewalt, die Geschichte soll gut geschrieben sein, ein hohes Erzähltempo haben, manch überraschende Wendung nehmen und wirklich spannend sein. Sehr überzeugend ist wohl die realistische Schilderung des Knastalltags, der in Frankreich zu einer Debatte über den Strafvollzug geführt hat. Eigentlich wird alles nur gelobt, die ausgefeilten Figuren und ihre Darsteller, der Musikeinsatz, die explosionsartig hereinbrechenden drastischen Gewaltszenen, die gesamte Inszenierung. Wer für Thriller, für Krimikost überhaupt, etwas übrig hat, für den könnte das der Film des Jahres sein. Aber es sieht leider nicht so aus, als fände er bei uns ein größeres Publikum; trotz solch beeindruckender Gegenbeispiele wie „Willkommen bei den Sch’tis“ (über zwei Millionen Kinobesucher in Deutschland) scheint das Herkunftsland Frankreich immer noch als Garant für Kassengift zu gelten. Weder der Verleih noch die Kinobetreiber setzen viele Hoffnungen in „Ein Prophet“ und so ist der Misserfolg vorprogrammiert: In der Kinoprovinz Hamburg etwa läuft er nur in einem Kino am Nachmittag, also eigentlich gar nicht.

“Ein Prophet“: Trailer | Links | Kinos

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Noch eine interessante und offenbar sehr gelungene Variante des Genres: Zwei junge Regisseure aus Israel, der eine Araber, Scandar Copti, der andere Jude, Yaron Shani, haben zusammen einen höchst komplexen Thriller gedreht, aufgeteilt in streng getrennte Kapitel, die aus unterschiedlichen Perspektiven und dazu auch noch unchronologisch erzählt werden. Wieder geht es um Drogen, um Schuld, um Liebe, Hass und Gewalt und wieder soll sowohl die Geschichte, als auch der Stil sehr gelungen sein. Der Handlungsort ist auch der Titel des Films, „Ajami“ gehört zu Tel Aviv, ein arabisches Viertel, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unversöhnlich nebeneinander leben, arm, aber reich an Kriminalität. Die Hauptfiguren, fein charakterisiert und sehr genau in ihre soziale Umgebung eingepasst, rutschen in kriminelle Geschäfte aus unterschiedlichster Not und sie rutschen natürlich immer weiter, unausweichlich auf den Abgrund zu.

Sämtliche Darsteller sind Laien und bei ihrer Führung wendeten die Regisseure eine ungewöhnliche Technik an: Sie hielten das Drehbuch geheim, offenbarten immer nur Teilinformationen, um jede Künstlichkeit, jedes herkömmliche Spielen zu verhindern und echt empfundene Emotionen zu ermöglichen. Ich bin sehr gespannt. Dass „Ein Prophet“ und „Ajami“ gleichzeitig anlaufen, ist übrigens kein Zufall: Beide waren für den Auslandsoscar nominiert und beide sind sie letztlich leer ausgegangen.

“Ajami“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein deutsches Drama um eine junge Deutschtürkin, die aus Istanbul vor ihrem Mann mit ihrem Kind zurück nach Berlin flieht, wo die Familie, wie zu erwarten, wenig Verständnis für sie aufbringt. Das Thema Ehrenmord zum Mitfühlen aufbereitet, mit Sibill Kekili als Opfer. („Die Fremde„)
  • Eine Mischung aus Siebziger-Jahre-Paranoia-Thriller und Standard-Rachegeschichte, mit Mel Gibson, der Faust auf Faust einer Verschwörung auf den Grund geht. („Auftrag Rache„)
  • Ein spanischer Kostümfilm über eine weise, schöne und natürlich starke Frau im vierten Jahrhundert, die Philosophin Hypatia. Regisseur Alejandro Amenábar fabuliert offenbar frei drauflos und schert sich nicht groß um Wahrhaftigkeit. Immer rauf aufs feministische Podest, mit Pauken, Trompeten und ganz vielen Streichern, das freut das Publikum. („Agora – Die Säulen des Himmels„)
  • Ein rührseliges Drama um an einer seltenen Krankheit leidende Kinder, die dank Papas Engagement und Harrison Fords medizinischen Forschungen schließlich geheilt werden. („Ausnahmesituation„).
  • Ein deutsches Jugenddrama um Eifersucht und Parkour und darum heißt der Film auch so wie das lustige und hübsch anzuschauende Durch-die-Stadt-Hüpfen, das leider als Sport ernstgenommen werden will. („Parkour„)
  • Ein Horrorfilm, wieder einmal mit einem dämonischen Kind, der erst wie ein realistisches Sozialdrama anhebt. Mit Renée Zellweger. („Fall 39„)
  • Eine Doku über eine Theaterinszenierung mit Deutschtürkinnen. („Hochburg der Sünden„)
  • Eine weitere Parodie eines deutschen Trivialmythos, diesmal hat es Jerry Cotton erwischt. Mit den üblichen Comedy-Typen plus Christian Ulmen und Christiane Paul. („Jerry Cotton„) Hier ein Text von Georg Seeßlen über die ursprünglichen Cotton-Filme.
  • Und eine Doku über eine erfolglose Metalband. „Der große Trick des Films besteht darin, dass er zwei Menschen, deren Kultur den meisten Off-Kino-Gängern ferner sein dürfte als die niederrheinische Swingerclub-Szene, zunächst als tragische Clowns einzuführen scheint, sie aber nach und nach wie die letzten Verfechter weithin begrabener Tugenden wie Unbeugsamkeit, Aufrichtigkeit und Gutgläubigkeit erscheinen lässt“, lobt Eric Pfeil in der FAZ. („Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft„)
  • Der Wilde-Fußballkerle-Abklatsch „Teufelskicker“ nach Buch- und Hörspielserie jetzt auch im Kino.
  • Wieder mal so eine türkische Komödie, über die keiner Genaueres weiß und die, wie immer, keinen vielversprechenden Eindruck macht. („Ay lav Yu„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

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Und noch etwas:

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Auch Michael Haneke durfte bekanntlich für „Das weiße Band“ keinen Oscar entgegennehmen, weshalb diese doppelseitige FAZ-Anzeige im aktuellen Spiegel und anderswo ein wenig deplatziert wirkt. Anlass für einen leicht hämischen Kommentar von Simon Rothöler bei Cargo.

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Nominiert für den besten fremdsprachigen Film war außerdem das peruanische Drama mit der Kartoffel in der Vagina, “Eine Perle Ewigkeit” und hier ist der Trailer des letztlich ausgezeichneten Films aus Argentinien, „El Secreto De Sus Ojos„:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Zweimal Mord und Totschlag”

  1. Thies

    Wahrscheinlich hat man derart fest mit einem Oscar gerechnet, dass die Anzeige schon mal im Voraus geschaltet wurde.

    Apropos, der Gewinner „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ wurde diese Woche von einigen Kinos wieder ins Programm genommen und dürfte damit sein eher klägliches Einspiel noch etwas aufbessern. Wo er allerdings nicht läuft ist – wenig überraschend – in der Kinoprovinz. Auch in den hiesigen Kaufhäusern sucht man nach der DVD oder Blu-Ray meist vergebens. Wer auch immer für die Vermarktung dieses wirklich sehenswerten Films zuständig ist, sollte sich nach einem neuen Job umsehen.