Neu im Kino: Hölle in Harlem und Drachen im Dorf

KW13

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Ich hoffe die Aufzählung ist vollständig, man kann leicht die Übersicht verlieren: Die Hauptfigur des Films „Precious“, die – Ironie, Ironie – auch so heißt, ist HIV-infiziert, Missbrauchsopfer, mit sechzehn das zweite Mal schwanger, ihr erstes Kind leidet am Down-Syndrom, ihr Mutter terrorisiert sie und arm und fettleibig und schwarz ist sie auch noch. Nachdem die Hölle, in diesem Fall im Harlem der Achtziger Jahre verortet, offenbar höchst glaubwürdig und ergreifend durchschritten wird, erscheint der zu erwartende Silberstreif am Dings in Person einer schönen, engagierten, klugen und lesbischen Lehrerin.

So wie sich das anhört, habe ich volles Verständnis für die zögerlichen deutschen Verleiher, die den Film erst alle nicht haben wollten, wie Patrick Heidmann im Dezember 2009 in der Berliner Zeitung berichtete. Das kann noch so authentisch und aufwühlend inszeniert und gespielt sein, Gabourey Sidibe in der Hauptrolle, in den USA als Entdeckung gefeiert und Mo’Nique als monströse Mutter können noch so beeindruckende schauspielerische Leistungen hinlegen, die ganz große Mehrheit der Kritiker kann jubeln wie sie will (Tomatometer: 91%, Metascore: 79, Filmzeit), ich bleibe skeptisch und vertraue eher den wenigen kritischeren Stimmen, etwa meiner Lieblingsrezensentin Ina Bösecke, die in Konkret schreibt: „So oder so leidet der Zuschauer: mal mit dem dicken Mädchen, mal an der Gefühlsduselei à la Hollywood“. Und: „Elend berührt. Am angenehmsten, wenn man es auf der Leinwand betrachten kann. (…) Es findet nicht in der dritten, sondern in der ersten Welt statt, aber Gott sei Dank noch weit genug weg vom gemütlichen Kinosessel, so dass man nach dem Film keine Angst haben muss, dass es einen auf dem Heimweg hinterrücks anspringen könnte, das verdammte Elend“.

Böseckes Text steht, wie immer, nicht online und das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern, nachdem Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza sich überraschenderweise in der Märzausgabe in die sich gerade formierende Abwehrkette des Printjournalismus eingereiht hat, mitten zwischen Frank Schirrmacher, Wolf Schneider und Markus Reiter. „Das Internet scheint die große Kloake der öffentlichen Meinung durch unzählige kleine Jauchegruben verdrängen zu wollen. Erst die Massaker der totalen Meinungsfreiheit in Blogs und Postings lassen dankbar erkennen, welchen Beitrag zur Zivilisation die Presse trotz alledem geleistet hat.“ Und „Lügen, Verleumdungen und Denunziationen“ seien „Markenzeichen der digitalen Szene „, es reüssierten im „modernsten Medium unserer Zeit Hektakomben dümmster hinterwäldlerischer Schriftstücke“, die meisten „Internetforen“ seien „Tummelplätze geistiger Inferiorität“. Gremliza weiter: „Wenn sie auch sonst nichts können, darin sind Poster und Blogger unschlagbar: durch datentechnische Tricks Masse zu simulieren“. Und: „En passant stehlen einem die vielen anonymen Blogs Zeit und Geld“. Wenn das böse Internet angreift, dann stehen sie zusammen, wie ein Mann, dann schließen sich die Gräben zwischen links und rechts, zwischen Intelligenz und Dummheit, zwischen sprachlicher Akkuratesse und hohlem Geschwafel. Gremliza nimmt „das Internet“ aufs Korn und schießt ins Leere wie noch nie. Hoffentlich geht es ihm danach wenigstens etwas besser. Zurück zum Film:

“Precious“: Trailer | Links | Kinos

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„Drachenzähmen leicht gemacht“ ist die neueste computeranimierte Dreamworks-Produktion. Es geht um Wikinger, um, ja, klar, Drachen und vor allem um wohl tatsächlich recht spektakuläre Luftkämpfe in 3D.  Die Hauptfigur ist ein etwa Zehnjähriger, der die Entdeckung macht, dass nicht alle das Dorf bedrohende Drachen böse sind, die Kämpfe in Folge, aus denen er als Held hervorgeht, werden also zwischen Wikingern und guten Drachen gegen die bösen Drachen geführt. Ist vermutlich viel weniger bekloppt, als man nach dieser Inhaltszusammenfassung meinen könnte, die 3D-Animation soll ausgesprochen gelungen sein und in nicht wenigen der vielen positiven Kritiken wird ein Vergleich zu Tim Burtons „Alice im Wunderland“ oder „Avatar“ gezogen, der in der Regel zugunsten des Drachenfilms ausfällt. Mithalten kann der reine Trickfilm wohl in jeder Hinsicht und durch die offene Hinwendung auch zu einem sehr jungen Publikum wird die naive und vorhersehbare Geschichte gleich viel sympatischer als die genannten 3D-Konkurrenten. Und mehr Witz und Charme hat der Wikingerquatsch sicher auch.

„Drachenzähmen leicht gemacht“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein sympatisch wirkender kleiner Indie-Film, der unaufgeregt über Leute wir dich und mich erzählt, gedreht in Austin, Texas. Startet mit einer einzigen Kopie im Fsk in Berlin. („Beeswax„)
  • Ein „Du-kannst-es-schaffen-Film“ mit Supermutti Sandra Bullock, die aus einem armen Schwein einen Football-Star macht. („Blind Side – Die große Chance„)
  • Ein weiterer Action-Film aus der Luc-Besson-Fabrik, wohl doof wie üblich und diesmal mit John Travolta, Jonathan Rhys Meyers und einem englischen Titel, das verkauft sich besser. („From Paris with Love„)
  • Ein offenbar schlimm schmieriges und sentimentales Drama um Liebe und Verbrechen mit Kleinmädchenschwarm Robert Pattinson. New-York-Times-Kritiker A. O. Scott meint: „Wenn der Film in einem Kino in Ihrer Nähe läuft, sollten sie erwägen woanders hinzuziehen.“ („Remember Me„)
  • Eine Dokumentation über deutsche, jüdische Himalayakraxler in den Dreißigern. („Zum dritten Pol„)
  • Ein deutscher Debütfilm um einen Bankangestellten, der in die aufregende kriminelle Welt von Gangster Jürgen Vogel abtaucht. Wird hochgelobt. („Schwerkraft„)
  • Und noch eine deutsche Doku über die diversen christlichen Konfessionsgemeinschaften, die sich um die und in der Jerusalemer Grabeskirche drängeln. („Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen„).
  • Wieder so eine türkische Komödie, über die keiner Genaueres weiß und die, wie immer, einen wenigversprechenden Eindruck macht. („Çok Güzel Hareketler Bunlar„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei moviepilot raus.

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Und noch etwas, Precious-Darstellerin Gabourey Sidibe bei Craig Ferguson in der Late Show. Sie kichert herum und flucht, obwohl sie „a good girl“ sei und er gratuliert ihr „vorab“ zum Oscar: „Well done!“:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Kommentare deaktiviert für Neu im Kino: Hölle in Harlem und Drachen im Dorf

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