Neu im Kino: Ein echtes Wunder und es macht badda-boom

KW14

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Die Filmstarts vom 1.4.2010

Wenn ein Film »Lourdes« heißt und auch mit kirchlicher Erlaubnis ebendort gedreht wurde, wenn es um Sieche und Kranke geht, die auf Wunderheilung hoffen und das Ergebnis selbst der katholischen Kirche gefällt, dann sollte man eigentlich davon ausgehen, daß das kein Film für mich ist und erst recht nichts in der Humorkritik zu suchen hat. Doch was die Wienerin Jessica Hausner, die vor einigen Jahren mit dem eher spröden Film »Hotel« reüssierte, da fertiggestellt hat, ist ein erfreulich schwer klassifizierbares Stückchen Film. Mit dokumentarfilmhafter Genauigkeit erzählt sie vom abergläubischen Kommerztreiben im französischen Wallfahrtsort und erlaubt sich dabei den charmanten Spaß, tatsächlich ein veritables Wunder geschehen zu lassen.

Ihre distanzierte Erzählweise läßt Platz für komische Kleinigkeiten, die so beiläufig daherkommen wie einst die visuellen Gags des Jacques Tati. Wenn die Heilsuchenden etwa aufgereiht an der Wand sitzen und immer wieder aufrücken müssen, bis sie endlich mit den rituellen Waschungen an der Reihe sind, wird mehrfach ausgerechnet eine Madonnenfigur zur gesprächsbehindernden Blockade. Wir lernen sehr verschiedene Figuren gut kennen, vor allem die junge gelähmte Christine, die eigentlich lieber »kulturelle Reisen« unternimmt (höchst überzeugend gespielt von Sylvie Testud), aber auch diverse Begleiter vom Malteser-Hilfsdienst und einen aufs schönste dahersalbadernden Pfaffen, der zufrieden vor sich hin grinst, wenn es ihm wieder einmal gelungen ist, eine konkrete Frage schwammig zu beantworten. Christines Betreuerin ist gleichfalls jung und hat vor allem Interesse an den mitreisenden männlichen Maltesern in ihren feschen Uniformen. Sie sagt, sie wäre auch gern in den Skiurlaub gefahren, aber das habe vergleichsweise so »wenig Sinn«.

Das Schönste und wirklich Besondere an »Lourdes« ist jedoch die merkwürdige Unsicherheit, die er beim Zuschauer auslöst: Jessica Hausner bietet ihm keine der üblichen Orientierungsmarken. Wie ist das alles zu deuten? Spätestens wenn die Wunderheilung eintritt, versagt jedes Erklärungsmuster, und die Grenzen der hyperrealistischen Erzählung sind gesprengt: Jetzt könnte buchstäblich alles passieren. War das etwa nur ein Traum der Geheilten? Oder ist die Wunderwirkung gleich wieder futsch? Hübsch anzuschauen ist die Verwirrung, die die Heilung vor allem beim religiösen Personal auslöst. Und daß Hausners atmosphärisches Werk auch den Segen der katholischen Kirche hat – das ist das Bonus-Wunder dieses Films.

Schreibt der Papst der Humorkritik, der unfehlbare Hans Mentz, in der aktuellen Titanic, in der er auch freundliche Worte für Dörries Friseuse gefunden hat, ein Film, der hier noch einmal ausdrücklich empfohlen sei.

“Lourdes“: Trailer | Kritiken | Links | Kinos

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Noah Baumbach hat zusammen mit Wes Anderson die Drehbücher für dessen „Tiefseetaucher“ und den „fantastischen Mr. Fox“ verfasst und seit 1995 bereits sieben eigene Filme geschrieben und gedreht. Ich habe keinen dieser Filme gesehen und bis eben nichts über ihn gewusst, es sieht aber ganz danach aus, als seien das clevere, dialoglastige Feel-Bad-Komödien, die vor allem von genauer Charakterzeichnung lebten. Greenberg heißt die Hauptfigur in seinem jetzt bei uns startenden Film „Greenberg“ und gespielt wird sie von Ben Stiller. Er ist vierzig, leidet an Erfolglosigkeit, Antriebsschwäche und an der ganzen Welt und soll das Haus seines Bruders in seiner alten Heimat Los Angeles hüten. Dort tut er nicht viel, trifft aber alte Freunde und fängt etwas mit der jungen Haushaltshilfe an. Aber toll ist auch diese Romanze nicht und die große Läuterungskeule scheint erfreulicherweise nicht geschwungen zu werden. „The style is observational, the drama is understated, and, when the time comes, it knocks you out with the subtlest of badda-booms“, verspricht J. Hobermann in der Village Voice. Die Kritiken in den USA fielen überhaupt ausgesprochen gut aus, die deutschen Schreiber waren weniger begeistert. Der Film läuft in Hamburg erfreulicherweise mit Untertiteln.

„Greenberg“: Trailer | Kritiken | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein konventionelles Cop-Movie, das drei Geschichten um drei Polizisten – gespielt von Richard Gere, Ethan Hawke und Don Cheadle – erzählt, die wohl eher ungeschickt miteinander verknüpft werden. („Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest„)
  • Eine „romantische Actionkomödie“ (Pressetext) mit Gerard Butler und Jennifer Aniston. Deren Beinen widmet Sabine Danek in ihrer Hamburger-Abendblatt-Kritik sechs von sechzehn Sätzen. („Aber egal, wie die Dinge sich entwickeln, die Hauptrolle spielen ihre Beine. Dezent gebräunt, schnurgerade, stecken sie in einem knappen Rock und in mördermäßigen High Heels. (…) Hat man die Geschichte am nächsten Tag bereits vergessen, sind sie das Einzige, was nachhallt.“) Apropos High Heels: Habt Ihr mitbekommen, dass dieses neue Magazin für Fußfetischisten am Kiosk liegt? Das nenne ich Mut, solch eine Neugründung gerade jetzt. („Der Kautions-Cop„)
  • Was nach schäbigem Mary-Poppins-Abklatsch klang, war in Wirklichkeit ein höchst unterhaltsamer, leicht durchgeknallter Kinderfilm und da die warzennasig auftretende Hauptdarstellerin Emma Thompson auch das Drehbuch der Fortsetzung  geschrieben hat, besteht Grund zur Hoffnung, dass Teil zwei mindestens so gut ist, wie sein Vorgänger. Dass manche Kritiker daran zweifeln, dass das alles „kindgerecht“ sei, spricht auch eindeutig dafür, dass sowohl Kleine als auch Große ihren Spaß haben werden, kommt das Ganze doch frei von Betulichkeit und allzu großer Sentimentalität daher. („Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer„)
  • Ein Regiedebütant mit dem unfassbaren Namen Lancelot von Naso hat für das „kleine Fernsehspiel“ einen deutschen Kriegsfilm im Irak gedreht. Zwei Helfer und zwei Fernsehjournalisten fahren 2004 während eines Waffenstillstandes nach Falludscha, der Hochburg der irakischen Aufständischen. Die Kritiker freuen sich mehrheitlich darüber, dass ein deutscher Film sich an das Genre wagt, doch die, die meckern, klingen viel überzeugender: „Der bereits sedierte Zuschauer wird kurzerhand mit in den Transporter gezwängt und muss während der endlosen Tortour den Stammtischidealismus der moralisch schwerbewaffneten Friedenspfeifen ertragen“, schreibt Philipp Schmidt in Konkret. „Nach verschiedenen kreuzgefährlichen Zwischenfällen – brutale Amis blockieren die Straße, eine Ziege wird angefahren, Ralf muss mal pillern – kommt man endlich im Hospital von Falludscha an.“ („Waffenstillstand„)
  • Ein russischer Horrorfilm über eine Gruppe Zwanzigjähriger, deren Partylocation, ein Bunker, sich als als fiese Falle herausstellt. („Phobos„)
  • Wieder so eine türkische Komödie, über die keiner Genaueres weiß und die, wie immer, einen wenigversprechenden Eindruck macht. („Romantik Komedi„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, der Trailer von Jessica Hausners „Hotel“ von 2004:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Ein echtes Wunder und es macht badda-boom”

  1. Abspannsitzenbleiber

    Wie üblich komme ich hierher, nachdem ich meine Trailerschau geschrieben habe und finde manchmal verblüffende Ähnlichkeiten. Diesmal schon wieder. Genau wie du beziehe ich mich bei „Lourdes“ auf Hans Mentz und bezeichne ihn als Humorkritik-Papst.

    Das nur als Klarstellung, bevor hier irgendein Plagiatsverdacht ruchbar wird.