Neu im Kino: Nichts außer einem „Dreieck aus Figur-Objekt-Raum“ und das auch nur in Berlin

KW16

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Die Filmstarts vom 15.4.2010

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Der argentinische Regisseur Lisandro Alonso macht Filme im internationalen Filmfestival-Stil, erzählt also gaaanz langsam und minimalistisch und ernst, verlässt sich aufs Visuelle, spart am Dialog und zeigt Bilder von exotischen Orten. Mit seinen vier Filmen hat er elf Preise gewonnen, allerdings kein reguläres Publikum: In Deutschland lief bis heute keiner seiner Filme im Kino und anderswo hat es auch nicht viel besser geklappt, sein vorletzter Film, „Fantasma“, fand nirgenwo auf der Welt einen Verleih, nicht einmal in Alonsos Heimat. Alonso bewegt sich in einem seltsamen Paralleluniversum, in dem man kein Publikum braucht und trotzdem die Geldquellen zur Finanzierung seiner Arbeit nicht versiegen. Wie bei bildenden Künstlern, die nie etwas verkaufen, sich aber ein Leben lang mit Stipendien, Preisgeldern, Professuren und sonstigen öffentlichen Förderbeträgen über Wasser halten. Über die Qualität seiner Filme sagt das natürlich gar nix aus, dass die Kritiker mehrheitlich begeistert jubeln, heißt nicht, dass der Kaiser keine Kleider anhat, aber Lust mich dazuzustellen und auch der Parade zuzugucken, habe ich nicht.

In „Liverpool“ – keine Ahnung, warum der Film so heißt – macht sich ein Arbeiter, der auf einem Containerschiff beschäftigt ist, ganz im Süden Argentiniens zu einen Landgang auf. Er will zu seinem Heimatort, wo vielleicht noch seine Mutter lebt. Das ist alles. Und ist vielleicht zuwenig. Ekkehard Knörer, der in seiner Perlentaucher-Kritik versucht, mit kurzen, zerhackten Sätzen Alonsos Filmsprache nahezukommen und dabei einen Text produziert, der sich passagenweise eher so liest wie eine Anmoderation von Stefan Aust in der Anfangszeit von Spiegel TV, vergleicht „Liverpool“ mit Michelangelo Antonionis „Roter Wüste„, aber nicht einmal damit bekommt er mich an den Haken, obwohl ich großer bekennender Antonionibewunderer bin. Knörer schreibt von einem „Dreieck aus Figur-Objekt-Raum“, das  kein „Weltverhältnis“ wieder herstelle. Und: „Für Lisandro wie Antonioni gilt auch: Schwer ist das Gewicht der Welt, aber ‚Gewicht der Welt‘ ist eine Metapher – man muss in Alonsos Filmen sehr genau darauf achten, wie diese Metapher Moment für Moment buchstäblich Bild wird.“ Wenn man das muss, dann bleibe ich lieber gleich zuhause. Und überprüfe mein Antonionibild. Vielleicht wiegen in des Meisters Werken doch eitle Anmaßung und gespreizter Kunstwille stärker als die fantastischen Einstellungen und der  freche Verzicht auf konventionelle Narration.

Ob sich mir überhaupt die Gelegenheit böte, mir „Liverpool“ anzuschauen, ist sowieso fraglich: Der offizielle deutsche Kinostart bedeutet nichts anderes, als dass eine Kopie im, vom Bund finanzierten, Berliner Kino Arsenal läuft, das auch als Verleih fungiert, wenn es die beiden Filmrollen dann später vielleicht noch anderswo hin, vielleicht gar in die Kinoprovinz, schickt.

„Liverpool“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kino

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Außerdem neu:

  • Noch eine deutsche Doku über eine ungewöhnliche Resozialisierungsmaßnahme für straffällig gewordene Jugendliche. („Friedensschlag„)
  • Ein spanischer Coming-Out-Film nach dem Motto „Bauer findet Mann, obwohl er nicht gesucht hat“. („Ander„)
  • Eine nicht nur überflüssige, sondern offenbar regelrecht misslungene britische Neuverfilmung von Oscar Wildes „Dorian Gray“. („Das Bildnis des Dorian Gray„)
  • Ein Film der „Coco Chanel & Igor Strawinsky“ heißt, was mir schon reicht, um zu wissen, dass das nix für mich ist, auch wenn Mads Mikkelsen den Igor gibt und Jan Kounen Regie geführt hat.
  • Eine wohl ziemlich doofe Action-Komödie in der Tradition von „Beverly Hills Cop“, mit Bruce Willis. Regie hat Kevin Smith geführt, ja, der Macher von Indie-Komödien wie „Clerks“ und „Dogma“. („Cop Out – Geladen und gesichert„)
  • Ein dilettantisch wirkender deutscher Horrorfilm. („Black Forest„)
  • Und eine Woche nach dem Start von „Dersimiz Atatürk“ kommt schon die nächste Atatürk-Verherrlichung in Form eines großen Biopics in die Kinos. („Veda Atatürk„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, mein Lieblings-Coming-Out-Film, ein herrlich komisches und berührendes kleines Juwel von Kurzfilm über einen Jungen, der 1981 zum Schrecken seiner Eltern nicht nur Diana Ross verehrt, sondern auch große Zuneigung zum hübschen Pinky fasst. „Trevor„, siebzehn Minuten lang. Teil Eins:

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Und Teil zwei:

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Und weil es so schön war, kommt Diana Ross noch einmal raus, live:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 4 Kommentare »

4 Reaktionen zu “Neu im Kino: Nichts außer einem „Dreieck aus Figur-Objekt-Raum“ und das auch nur in Berlin”

  1. Ekkehard Knörer

    Weiß nicht, was Sie zerhackt finden an den Sätzen. Aber Stefan Aust, die Vorstellung ist recht lustig.

  2. Gunnar

    Da kommen Sie ausgerechnet jetzt lesen, wenn ich mich mich ein wenig über Sie lustig mache. Zerhackt ist falsch, gebe ich gern zu. Und eigentlich finde ich es als Leser immer sehr begrüßenswert, wenn der Autor auch formal auf das Objekt seines Textes eingeht. Aber bei der Folge solch kurzer Sätze haben sich bei mir die falschen Assoziationen eingestellt.

    Wird eigentlich eine Erklärung für den Filmtitel geliefert?

  3. Ekkehard Knörer

    Ich hatte gehofft, solche Mimesisverdächtigungen gleich mit dem ersten Satz zu zerstreuen – oder jedenfalls zu verkomplizieren. Aber egal, gelingt eben manches halt auch nicht. Und außerdem haben Sie mir, wie gesagt, das Vergnügen bereitet, mir den Text von Stefan Aust aufgesagt vorzustellen.

    Das mit Liverpool wird nicht im strengen Sinn erklärt, aber – darauf gehe ich am Ende kurz ein – es ist so, dass die Tochter (falls es die Tochter ist) am Ende einen riesigen Anhänger in den Händen hält. Und da erkennt man dann, dass er aus den Buchstaben Liverpool besteht. Von daher erklärt sich auch mein Metapher/Buchstäblichkeits-Gerede, das Sie so gar nicht angesprochen hat.

    Ich werde Sie wohl nicht zum Ansehen überreden können, aber ich war, bevor ich den Film sah, recht skeptisch, und während des Sehens dann umso erfreuter, dass das weder langweilig noch anstrengend ist, wenn man sich der Geschichte einfach nur überlässt. (Klingt vermutlich zu sehr nach Anstrengung in meiner Kritik.)

    Hier noch der Link zu einem englischen Text von Daniel Kasman, ach, was sag ich, Text – einer Hymne, die sogar ich dann doch nicht ganz nachvollziehen kann:
    http://www.theauteurs.com/notebook/posts/976

  4. Gunnar

    Doch überredet.