Alte, jämmerliche, erfolglose Säcke

Deutsche_Blogger

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Im bislang eher wenig unterhaltsamen Kreuzzug des FAZ-Feuilletons gegen das Internet hat die FAZ jetzt eine Breitseite gegen “die deutschen Blogger” abgefeuert, die von hohem Unterhaltungswert ist. Tendenziös, unfair, aber in seiner Gemeinheit faszinierend. In der gedruckten Ausgabe vom 14.4. geht die Geschichte über drei Seiten, im Netz erfordert das Lesen des auf den ersten Blick ansprechend aufbereiteten Texts, sage und schreibe 40 Klicks, eine Strafe für all die “Bewohner des Internets” (FAZ-Redakteur Volker Weidermann), die das Kaufen der Papierausgabe verweigern.

Der Autor, FAZ-Redakteur Marcus Jauer, hat sich mit einigen bekannten Bloggern und mit Rivva-Erfinder Frank Westphal unterhalten und daraus kleine Portraits gemacht, die vor lauter kleinen Fiesheiten funkeln.

Alle Gesprächspartner scheinen sehr offen gewesen zu sein und Jauer hat das ausgenutzt und sich nur das rausgepickt, was ins beabsichtigte Bild der “Deutschen Blogger” als alte, jämmerliche, erfolglose Säcke passt. Johnny Haeusler von Spreeblick etwa wird auf die alte Jamba-Geschichte reduziert und darf ansonsten nur klagen: darüber, dass die Spreeblickbesucher die Anzeigen im Browser unterdrücken, dass Inhalte vertwittert werden und dass immer er abspülen müsse.

An Felix Schwenzel von wirres.net interessiert Jauer nur, dass er 2006 einmal im Aufrag von Opel gebloggt hat und dafür kritisiert wurde. Die Quintessenz, die sich herauslesen lässt: Der Typ ist käuflich und feige.

Jörg Wittkewitz von digitalpublic erscheint bei Jauer dagegen als eitler Wichtigtuer, der ununterbrochen damit beschäftigt ist, mit anderswo abgegebenen Kommentaren auf seinen Blog hinzuweisen und dessen größter Erfolg es war, dass er mal fast Peter Handke getroffen hätte.

Anerkennung wird dagegen Markus Beckedahl von netzpolitik.org entgegengebracht, der habe sogar “ein Thema” und sei einer der wenigen, die auch außerhalb des Netzes “gehört” würden. Aber natürlich klingt auch Beckedahl zum Schluss “eher enttäuscht”. Muss schließlich in die Geschichte passen.

Das größte Arschloch ist aus Jauers Sicht freilich Robin Meyer-Lucht von Carta und weil manche Zitate aus dem Interview, die diesen Eindruck untermauern sollten, von Meyer-Lucht nicht freigegeben wurden, schreibt er deren Inhalt eben in indirekter Rede hin und erklärt: “Aber weil er von allen Bloggern, die man getroffen hat, der einzige ist, der kontrollieren will, womit er zitert wird, sagt er das jetzt nicht”. Das Konzept von Carta wird nicht verständlich, aber Meyer-Lucht ist superstolz auf sein Büro mit Blick auf das Kanzleramt und zahlt seinen Autoren fast nichts, das wird sehr deutlich.

Glimpflich davon kommt Anne Roth, als mildernder Umstand wird offenbar gewertet, dass sie anderweitig Geld verdient und sich nicht mehr groß drum kümmert, ob sie mit ihrem Blog viel Aufmerksamkeit generiert. Roth wird dargestellt, als habe sie vernünftigerweise keine Zeit mehr für solchen Blog-Quatsch und habe resigniert wegen all der “Männer, die sich gegenseitig bestätigten, dass sie sich lasen”.

Zum Schluss kommt noch Frank Westphal an die Reihe und natürlich ist sein Aggregator Rivva in keiner Hinsicht ein Erfolg, nein, Rivva ist so, als habe Westphal “einen Inzest organisiert”. Sagt Westphal selber. Über das Zitat wird sich Jauer aber gefreut haben. Noch ein Westphal-Zitat: “Wenn Rivva die Blogosphäre killen würde, das hätt’ ich nicht gewollt”. Für die FAZ könnte es nichts Schöneres geben.

Und was sagen die “deutschen Blogger” dazu?

Felix Schwenzel reagiert souverän und sympathisch: “An deutschen Kiosken kann man derzeit hervorragende Fotos vom Hannoveraner Fotografen Daniel Pilar kaufen die er von deutschen Bloggern gemacht hat. Ne ganze Frankfurter Zeitung und einen Artikel über deutsche Blogger gibts dazu.” Mehr sagt er dazu nicht. Die Pilar-Bilder sind übrigens wirklich toll, man sieht’s sogar noch in den Miniformaten der Onlinefassung.

Anne Roth wundert sich über die Schlampigkeit in Details, ansonsten sei der Artikel “nicht nett, aber auch nicht völlig falsch”.

Selbst Robin Meyer-Lucht bleibt erstaunlich gelassen und verliert kein Wort über den persönlichen Angriff, versucht nur klarzustellen, was Carta eigentlich will und schreibt: “Jauer bewegt sich gezielt freimütig auf den sich selbst verstärkenden Bahnen seiner Vorurteile.” Angemessen schärfer antwortet Carta-Autor Wolfgang Michal.

Johnny Haeusler, Jörg Wittkewitz, Markus Beckedahl und Frank Westphal ignorieren die Geschichte einfach. Eigentlich schade, die Schlammschlacht könnte aufs Schönste ausarten. Aber die Aufmerksamkeit gönnt man der FAZ wohl einfach nicht …

(Nachtrag: Inzwischen gibt es Reaktionen von Johnny Haeusler und Jörg Wittkewitz.)

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Peinlich, Schöne Bilder 17 Kommentare »

17 Reaktionen zu “Alte, jämmerliche, erfolglose Säcke”

  1. Jens Weinreich

    Gefällt mir sehr gut, wie Sie den Propaganda-Text des Herrn Jauer sezieren. Unaufgeregt, auf sein perfides Vorgehen beschränkt. Journalismus ist das, was Jauer da abliefert, sicher nicht, ebenso wenig von Fachkenntnis getrübt. Er hat nur getan, was ihm aufgetragen war oder was er meinte, tun zu müssen. Wie dumm und schäbig.

  2. Ugugu

    Sehr grümmelige Veranstaltung. Befreundet sein möchte man mit einer solchen Person nicht zwingend.

  3. gsohn

    herrlich ironisch geschrieben. Aber Jammerlappen sind doch vor allen Dingen die FAZ-Feuilletonisten. Zumindest in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild….Das hat Rainald Goetz in seinem Opus loslabern hübsch karikiert.

  4. ix

    marcus jauer ist ein ziemlich netter, neugieriger und sympathischer typ. ix kann mir sehr gut vorstellen mit ihm befreundet zu sein.

  5. Gunnar

    Überraschende Milde. Sehe ich das alles ganz falsch?

  6. ix

    nö. ich finde du liegst mit deiner einschätzung ganz gut, vor allem an der stelle wo du meine reaktion als „sympathisch“ bezeichnest. aber ugugu wollte ich dann doch widersprechen.

  7. Densemann

    Es ist doch wirklich schön, welch wunderbare Blogpostings das FAZ-Stück generiert. So hat der dumme Artikel auch etwas Gutes bewirkt.

    Danke FAZ. Danke Herr Geller.

  8. hiro

    Angesichts der laut bellenden Hunde scheint der FAZ-Artikel ja doch ganz gut getroffen zu haben.

  9. Fabian Herbel

    Laut bellende Hunde bleiben doch gerade aus, wie Herr Geller oben treffend gezeigt hat. Man stelle sich dieses Dossier vor drei, vier Jahren vor. Sympathisch.

  10. Patrick

    Nunja, dies ist eine sehr gefärbte Zusammenfassung.
    Nur weil bei einigen Bloggern unter anderem deren einschneidendstes Erlebnis porträtiert wird (Opel-Test, Jamba), heißt das nicht, dass die FAZ ihn darauf “reduziert”.

    Da muss man einen solchen Text wohl mit sehr viel Misstrauensvorschuss lesen. Ich finde das FAZ-Dossier (nur online gelesen) zumindest interessant.
    Ein Porträt, das dem Selbstbild des Betroffenen gleicht, ist alles – aber sicher nicht gut oder “wahr”.

  11. Gunnar

    Wenn aber anderseits, neben den vielleicht “einschneidensten Erlebnissen” nicht beschrieben wird, was die jeweiligen Blogs denn eigentlich ausmacht, ist das doch durchaus eine Reduzierung. Im Falle des Opel-Tests bei wirres.net eine geradezu groteske.

    Den Misstrauensvorschuss will ich nicht abstreiten, der wurde gleich durch den Vorspann ausgelöst, als ich las: “Was ist von den hehren Ansprüchen geblieben?”

  12. Hans-Jürgen aus Schwalmstadt

    Lieber Herr Weinreich, ich verstehe nicht, was gerade Sie gegen den Text in der FAZ einzuwenden haben. Sie sind doch einer derjenigen “Blogger”, die man überhaupt ernst nimmt, weil sie das machen, was man von Bloggern erwartet, nämlich schmutzige Wahrheiten aufdecken. Der Rest (Häusler, Lobo und Co.) befriedigt ja vorzugsweise eigene Eitelkeiten, dass man damit kein Geld verdienen kann, ist mehr als gerecht. Vielleicht sollte man mal erwähnen, dass es in Jauers Text vor allem darum geht, die inzestuöse “Blogger-Szene” zu beschreiben. Ein System, das unfreier und manipulativer erscheint, als viele großen Verlagshäuser es sind. Ich kenne übrigens niemanden mehr aus meinem Umfeld, der noch “Blogs” liest, das war vor ein paar Jahren auf jeden Fall anders. Ändert euch, oder geht zugrunde, deutsche “Blogger”. Oder nehmt euch ein Beispiel an “pro publica”. Davor habe ich Respekt.

  13. dot tilde dot

    lieber hans-jürgen, ich verstehe wiederum nicht, warum sie von bloggern erwarten, dass sie schmutzige wahrheiten aufdecken. ich erwarte das von journalismus, pardon, qualitätsjournalismus.

    und wie kommen sie darauf, dass ein großes verlagshaus eine freiere veranstaltung ist, als eine publikationstechnik, die jeder mensch mit zugang zu einem internetcafe ohne zusätzliche kosten wahrnehmen kann?

    ihr urteil über die deutschen blogger (ironische anführungszeichen, sie schelm, sie!) sagt für mich mehr über sie selbst aus, als über das objekt ihrer beschreibung. untergangsprophezeiungen klingen in meinen ohren so nach wagner…

    und seien sie nicht neidisch auf propublica.org. die haben sich halt mehr angestrengt als alle anderen und gehen einen schlauen, mutigen weg.

    gebührenden respekt nach schwalmstadt,

    .~.

  14. Hans-Jürgen aus Schwalmstadt

    wieso unterstellen Sie mir Neid auf pro publica? Das ist irsinnig, ich finde es ziemlich gut, welcher anspruch dort verfolgt wird. natürlich ist diese Modell in Deutschland nicht denkbar, welcher Spender würde schon ein journalistisches Projekt unterstützen, ohne sich permanent einzumischen? Aber die Art wie pro publica Journalismus macht, ist bei uns ohnehin fast undenkbar. Welche Redaktion, welcher Blog hat schon die Muße, systematisch Datenbanken auszuwerten oder Thesen nachzurecherchieren? Insofern ist der Vergleich nicht ganz treffend gewesen…zugegeben.

    Dass jeder Mensch Zugang zum Bloggen hat, wie Sie anführen, mag ja sein, aber Jauer erklärt in seinem Artikel doch trotzdem sehr nachvollziehbar, warum 99 Prozent der Blogs unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle bleiben. Das eine Prozent, das bleibt, kreist um sich selbst, anstatt uns mit Enthüllungsgeschichten zu bereichern. Das ist auch mein Eindruck, insofern hat mich der Artikel angesprochen.

    mit den besten grüßen HJ

  15. markus

    da gibt es also leute, die nicht das ins internet schreiben, was Marcus und Hans-Jürgen lesen wollen? ein unglaublicher skandal! diese leute bleiben vollkommen zurecht unter Marcus’ und Hans-Jürgens wahrnehmungsschwelle. alles geisterfahrer!

  16. horst-otto aus schwalmstadt

    ich weiß wo dein haus wohnt

  17. Hans-Jürgen aus Schwalmstadt

    Markus, ich möchte unbedingt lesen, was SIE ins Internet schreiben. Haben Sie vielleicht einen Link für mich? Oder vielleicht ein paar Empfehlungen? In Schwalmstadt ist man ja ein bisschen weit weg von der großen weiten Welt, wie z. B Berlin. Haben Sie herzlichen Dank!

    HJ