Die reinste Hölle

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Ganz großes Kino. Der amerikanische Regisseur Cary Fukunaga hat einen mitreißenden Thriller geschrieben und gedreht, der einen schon packt, wenn man noch keine Ahnung hat, wie die beiden Handlungsstränge im weiteren Verlauf zusammengeführt werden. Und dabei läuft die Maschine bis dahin nur mit halber Kraft. Wir lernen einerseits die junge Sayra in Honduras kennen, die mit ihrem Onkel und ihrem Vater, der sie vor Jahren im Stich gelassen und in New Jersey eine zweite Familie gegründet hat, illegal in die USA einreisen will. Und andererseits Caspar in Mexico, ein Mitglied der ultrabrutalen Gang Mara Salvatrucha, der vergeblich versucht, außerhalb der Gangwelt eine ganz normale Liebesbeziehung aufrecht zu erhalten und einen zwölfjährigen Knirps in die blutigen Geschäfte einführt. Die Reise von Sayra samt Familienangehörigen wird im Wesentlichen auf den Dach eines Zuges absolviert, zusammen mit Tausenden von anderen Reisenden, alle auf dem Weg nach Norden, in die verheißungsvollen Staaten von Amerika. Und sie wird zur Jagd. Ich mag nicht verraten, wer da genau wen jagt, seht zu, dass Ihr auch anderswo bloß nicht zuviel über den Plot lest. Die Konstellation von Jäger und Gejagtem ist von böser Ironie.

Mexico ist hier, ganz anders als in anderen Filmen jüngeren Datums wie „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“, die reinste Hölle, aus der die Zuschauer, genau wie die Protagonisten, nichts als entkommen wollen und das Packende ist nicht nur dem effektiv konstruierten Plot, der geschickten Regie, der glaubhaften Darstellung oder dem wunderbaren, ganz konventionell eingesetzten Score von Marcelo Zarvos geschuldet, sondern vor allem auch dem Realismus, mit dem das alles geerdet wird. Falls es denn welcher ist und nicht nur die außergewöhnlich glaubhafte Vorspiegelung eines solchen. Fukunga hat als Darsteller teils sogar echte Mara-Salvatrucha-Mitglieder eingesetzt und ist, als er das Drehbuch schrieb, selbst wochenlang auf Zügen in Mexico unterwegs gewesen. Aber vielleicht hat die geschilderte Ganghölle trotzdem nur soviel mit ihrem realen Vorbild zu tun wie die Familie der Corleones mit der Mafia. „Sin Nombre“ ist kein Sozialdrama, der Film ist perfekte Unterhaltung. Das Elend der Emigranten wie die Tätowierungen der Gangboys, sie liefern beeindruckende Bilder und erfüllen ihre Funktion für Atmosphäre und Handlung. Mehr nicht.

Eines sei noch verraten: Ganz zum Schluss, als tatsächlich wer in den USA angekommt, da sieht das gelobte Land in der winzigen Szene viel trostloser aus, als die Hölle zuvor: Es ist eine graue Wüste aus Shoppingmalls, Parkplätzen und Betonrampen. Ein kleiner, visueller Akzent, eines der vielen Details, die „Sin Nombre“ bei aller Konventionalität zu etwas ganz Besonderem machen. Kaum zu glauben, dass das der Debütfilm eines Zweiunddreißigjährigen ist.

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 4 Kommentare »

4 Reaktionen zu “Die reinste Hölle”

  1. Das Trio

    Der Trailer hat mich im Kino ein wenig an City of God erinnert, einer der Filme, die mich immer wieder fesseln.

    Das und deine Rezension machen mich doch ziemlich gespannt auf den Film.

  2. Gunnar

    Im Vergleich zu „City Of God“ wird „Sin Nombre“ kreuzbrav erzählt. Aber trotzdem toll.

  3. Thies

    Vielen Dank für den Tip. Ich hätte den Film wahrscheinlich ohne Deine Empfehlung garnicht wahrgenommen.

    Wo Du in der Einleitung „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ erwähnst – ganz große Empfehlung meinerseits an jeden der das Regie-Debüt von Tommy Lee Jones noch nicht gesehen hat. Man sollte aber nicht übersehen, dass die Realität in diesem Film nicht ausgespart wird.

    Am Anfang wird der Versuch einer Gruppe Flüchtlinge die Grenze zu den USA durch die Wüste zu übertreten von einem Grenzwächter brutal gestoppt. Die Stadt in der sich Melquiades Estrada als Cowboy den Traum von einer eigenen Farm zu erfüllen hofft, ist ein tristes Wüstenkaff. Und in einer Szene steht er wie gebannt vor einem Supermarkt und glotzt die ausgestellten LCD-Fernseher an – die Freuden des Konsums scheinen auch für ihn als Inbegriff der Freiheit zu stehen. Das sich seine Erinnerung an ein idylisches Dorf mit einer auf Melquiades wartenden Frau nur als Illusion herausstellt, darf einen nach dem vorher gezeigten nicht mehr verwundern.

  4. Gunnar

    „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“:

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