Die Ich-Schwäche des Feuilletons

Wir099

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Wenn heutzutage für das FAS-Feuilleton vom Filmfestival in Cannes berichtet wird, dann kann die Autorin einfach mit ihrem langweiligen ersten Abend beginnen, den sie im Hotelzimmer mit diversen Branchenblättern verbringt. So weit, so gut. Insbesondere in den Kulturressorts hat sich die subjektive Schreiberei in der Tradition, die einst von Autoren wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson begründet und im Deutschen von Magazinen wie Tempo und Spex etabliert wurde, endgültig durchgesetzt. Und wenn es um die mehr oder weniger schönen Künste geht und um ganz viel Meinung, dann ist offene eingestandene Subjektivität die ehrlichste und beste Wahl, die bei qualifizierten Schreibern mit Interesse an ihrem Sujet interessantere, lebendigere Texte ermöglicht.

Aber Verana Lueken schreibt leider nicht: „Statt von den Filmen dieses Jahres beginne ich von denen zu träumen, über deren verschiedene Stadien der Vorbereitung ‚Variety‘ oder ‚Screen‘ oder der ‚Hollywood Reporter‘ berichten.“ Sie schreibt: „Statt von den Filmen dieses Jahres beginnen wir von denen zu träumen, über deren verschiedene Stadien der Vorbereitung ‚Variety‘ oder ‚Screen‘ oder der ‚Hollywood Reporter‘ berichten.“

In derselben Ausgabe der FAS schreibt Peter Richter über seinen Besuch der Michael-Schmidt-Ausstellung in München. Dabei ging ihm eine Melodie im Kopf rum. Er schreibt nicht: „Es hat schon seinen Grund, dass ich ständig die Schicksalsakkorde von Bowies ‚Sense of Doubt‘ (…) in den Ohren habe, wenn ich diese Bilder sehe.“ Nein, da steht: „Es hat schon seinen Grund, dass man ständig die Schicksalsakkorde von Bowies ‚Sense of Doubt‘ (…) in den Ohren hat, wenn man diese Bilder sieht.“

Elmar Krekeler schreibt in der Welt Kompakt über einen Roman von Katharina Hacker, den er auch nach zweimaligem Lesen nicht kenne, weil er nämlich aus zwei unabhängigen Erzählsträngen bestehe, die im Buch nicht gleichberechtigt parallel abgedruckt würden. Über seine Leserfahrung schreibt er: „Selbst wenn wir diesen Roman zweimal gelesen haben, kennen wir ihn immer noch nicht. Und das liegt nicht an unserem beschränkten Verstand“. Unser Verstand. Im Ernst.

Christina Hoffman erzählt, wieder in der FAS, in einer alten Ausgabe, wo und wann sie das jüngste Album der Arctic Monkeys hören werde: „Zwar wird das neue Album der Arctic Monkeys laufen, wenn man ausgeht. Das macht aber gar nichts; dafür werden wir sie am Nachmittag, auf dem Weg zum Badesee, hören.“

Diese Beispiele habe ich auf die Schnelle zusammengesucht, in jeder Ausgabe einer beliebigen Zeitung finden sich im Kulturteil weitere.

Was sagt Ihr? Das seien doch keine wesentlichen Unterschiede? Es bleibe ja trotzdem deutlich, dass es um ganz persönliche Erlebnisse gehe? Das sei eben so üblich, nur ein Stilmittel?

Stimmt alles, ist so üblich und man übersetzt als Leser all die „mans“ und „wirs“ automatisch zurück in „ichs“ und hat darum keinerlei Verständnisprobleme.

Saublöd und ärgerlich und peinlich ist die Konvention aber dennoch. Und je persönlicher die Erfahrung des Schreibers ist, von der er berichtet, desto mehr stört mich der verzickte Verzicht auf das „Ich“-Schreiben. Was soll der Quatsch?

Ich habe nachgeschlagen, diese Verwendung des „wir“ nennt sich Pluralis Modestiae, der Plural der Bescheidenheit. Aber die Wirkung ist alles andere als bescheiden: Die sprachliche Verhüllung der Sprecherposition dient der leicht durchschaubaren Aufwertung der kleinen Erlebnisse und Meinungen. Pluralis Inflatis müsste das besser genannt werden. Dass das Feuilleton so etwas nötig hat, ist vielleicht ein weiteres Indiz für die Panik der Printjournaille vor Macht- und Bedeutungsverlust, wie sie fortwährend beim Abarbeiten an den bösen Bloggern und überhaupt dem ganzen Internetdings deutlich wird. Aus Angst, sich nicht ausreichend von all den unprofessionell meinenden und schreibenden Menschen im Netz und überhaupt in der Welt zu unterscheiden, setzt der Profi den Modestiae-Trick ein.

Wie armselig.

Mir scheint das übrigens ein rein deutsches Phänomen zu sein, englische und amerikanische Autoren schreiben jedenfalls entspannt, ganz gleich für welches Medium, „I“ wenn sie sich meinen. Und „you“ wie „man“ im Deutschen nur, wenn das Subjekt eben wirklich niemand Spezielles ist. Wie ist das in anderen Sprachen, kommt es da zu verkorksten Pluralbildungen in journalistischen Texten? Für sachkundige Hinweise in den Kommentaren wäre ich dankbar.

Peinlich 24 Kommentare »

24 Reaktionen zu “Die Ich-Schwäche des Feuilletons”

  1. Swen Wacker

    Ich glaube nicht, das in den von Dir aufgezählten Fällen der pluralis modestiae auftritt: In keinem der Fälle tritt der Autor trotz selbst erbrachter Leistung bescheiden zurück ins „Wir“, wie es das Wikipedia-Beispiel „Wir haben es geschafft.” statt “Ich habe es geschafft.” veranschaulicht.
    Auch der „pluralis auctoris“ bleibt außen vor, da wohl in keinen der obigen Beispielen Objektivität gewonnen wird.

    Ich glaube, die von Dir schon so bezeichnete Ich-Schwäche ist der Grund. Die Autoren ängstigen sich vor der eigenen Positionierung, verstecken sich in der Macht der (imaginären) Gruppe des „wir“ oder suchen den Nebel und die Beliebigkeit des „mans“. Aus dieser Unsicherheit resultiert dann wohl auch der schnelle Schuss gegen das Neue und Andere, was sich in Blogs etc. manifestiert.

    Sag nicht ‚man‘, sag ‚ich'“ hielt mir der Deutschlehrer vor. „man“ ist ein Indefinitpronomen, etwas unbestimmtes. Du bist aber etwas ganz besonderes, also: „ich“.

  2. Gunnar

    In einem Duden-Newsletter des letzten Jahres steht: „Wenn der (Autor), obwohl er ganz alleine schreibt, wir verwendet, ist das als eine Geste der Bescheidenheit (lateinisch modestia) zu verstehen, mit der er die eigene Person zurücktreten lässt oder auch die Leser einbezieht: Mit diesem Exkurs sind wir [= ich und Sie] aber auch schon bei der Methode der Triangulation. Man nennt das Pluralis Modestiae (Plural der Bescheidenheit) oder auch ‚Autorenplural‘.“

    Ich glaube nicht, dass es sich um tatsächliche Unsicherheiten handelt, die Ich-Schwäche im Titel bezieht sich nicht auf den einzelnen Autoren. Aber ein Zurücktreten ist es sehr wohl,eine Geste, die die vermeintlich ungebührliche Subjektivität wieder abmildern soll. Eine verlogene Konvention, die vermutlich automatisch eingehalten wird.

  3. palosalto

    wenn ich anknüpfen darf: ich finde insbesondere die verwendung von „man“ im persönlichen gespräch eine unart. bestenfalls unpersönlich, regelmäßig widerlegbar und genaugenommen ein zeichen von zu wenig eiern in der hose…

  4. Paco

    In der Dissertation von Mathias Döpfner gibt es schönes Zahlenmaterial, betrifft zwar nur die Musikkritiken, aber immerhin: 94 Prozent aller Artikel waren damals überwiegend in der 3. Ps. Sg. gehalten.

  5. David

    Diese Ich-Schwäche ist wirklich ärgerlich. Aber ist sie tatsächlich so neu oder inflationär? Oder fällt sie nur mehr auf?

  6. Arvid

    Das ist aber bei weitem nicht nur im Feuilleton so – man schaue sich nur mal ganz normale Interviews im Fernsehen an. „Der kleine Mann“ auf der Straße, spontan nach seinem Senf zu irgendeinem Thema befragt, „man“t sich genauso idiotisch durch seine Aussagen wie der Fußballprofi nach dem Abpfiff. Da reg ich mich jedesmal auf; vor allem, wenn sich die vorausgehende Frage explizit auf die interviewte Person bezog.
    Warum so viele nicht mit einem klaren „ich“ zu ihren Aussagen stehen wollen? „Man kann es sich auch nicht erklären.“

    – Via Bildblog auf diesen Artikel gestoßen –

  7. Gunnar

    @David: Je subjektiver der Text, desto auffälliger und störender wird es. Relativ neu ist es wohl nur, sogar von der Fahrt zum Badesee zu berichten und dabei dann aber trotzdem weiter auf das „ich“ zu verzichten.

    @Paco: Danke für den Hinweis. Lustig, dass das ausgerechnet von Döpfner stammt.

  8. dirk

    dieser sinnlose quatschtext ist nichts als ein ausgelebter minderwertigkeitskomplex. was für ein unfassbarer blödsinn. schade, dass ich hiermit meine zeit verschwendet habe.

  9. Schreiber Ling

    Tach auch!

    Ich schreibe seit über zehn Jahren hauptberuflich als freier Journalist für Kulturseiten. Ich kann Euch versichern, dass es nicht an einer Ich-Schwäche liegt, wenn das Wort „ich“ in keinem einzigen meiner Artikel vorkommt.
    Mir ist vollkommen klar, dass es neben mehr oder minder objektiven Kriterien einer Kritik ganz viel Subjektives gibt und manchmal wäre es mir lieber, das auch benennen zu dürfen.
    Aber es gibt keinen Redakteur, der mir das abnimmt. Selbst wenn ich schreiben würde, wie es mir in einer bestimmten Situation geht, würde der Redakteur, der die Geschichte ins Blatt hebt, die ich-Sätze streichen, oder umschreiben (ohne mich zu informieren). Es ist nicht so, dass ich das nicht versucht hätte…
    Die Ich-Vermeidung und was damit zusammenhängt, ist der angestrengte Versuch, den Autor eines Artikels unangreifbar zu machen, indem seine Äußerungen sprachlich in den Rang einer allgemein gültigen Aussage erhoben werden. Ganz schlimm wird es, wenn dann in der Folge subjektives Empfinden in angeblichen Publikumsreaktionen versteckt wird. Ich habe schon von Kollegen, die auf derselben Veranstaltung waren, gelesen, das Publikum habe „höflich“ oder „müde“ geklatscht, wo ich selber pure Begeisterung gespürt habe.
    Es steht für mich außer Frage, dass es Situationen gibt, in denen die subjektive Sicht des Autors benannt und deutlich gemacht werden sollte.
    Aber ich muss meine Artikel auch verkaufen. Und wenn ich mich an die Konventionen nicht halte, gelte ich als unprofessionell, wenn ich darüber diskutieren will als „schwierig“ und außerdem hat ein Redakteur immer recht und keine Lust zu diskutieren.
    Und schwupps bin ich raus…
    beste Grüße,
    Schreiber Ling

  10. dot tilde dot

    „man“ ist das „ich“ des feiglings. „wir“ ist geträumte moral.

    .~.

  11. Martin

    @dörk

    Das ist kein Quatschtext, ich ärgere mich regelmäßig über diese Schreibart. Denn umso persönlicher es ist, umso abstrakter fühlt es sich an, wenn jemand als „wir“ oder „man“ schreibt.

  12. Derkeks

    ich persönlich glaube, dass viele Autoren in den „Pluralis Modestiae“ fliehen um möglichst wenig über sich selber zu erzählen denn auch wenn man wissen sollte das mit den verallgemeinerungen stets der Autor selber gemeint sein soll liest es sich als wäre er nur einer von vielen und sein Erlebniss damit Massenverpflichtend. Wenn ich in gleicher Situation also nicht die gleichen Empfindungen habe wir der Autor und alle anderen die durch das WIR betroffen sind dann werde ich ausgegrenzt.

    Für mich wirkt das ein bisschen wie „zu feige um zu seinem eigenen Eindruck zu stehen“ also werden durch die Verallgemeinerung schnell noch ein paar Allibi-Gleichgesinnte erfunden um die eigene Meinung Massenkompatibel zu machen.

  13. Veilchen74

    In gewisser Weise hat das „wir“ schon eine Berechtigung. Sonst könnte man als Leser evtl. denken „OK, Dir persönlich hat’s nicht gefallen, aber was hat das mit mir zu tun?“. Das Bespiel „Selbst wenn wir diesen Roman zweimal gelesen haben, kennen wir ihn immer noch nicht.“ allerdings zeigt nun wirklich sehr deutlich die Grenzen des „wir“s auf. Wenn der Journalist bei sich Unzulänglichkeiten erkennt, hat das nun wirklich nichts mir mir zu tun. Modestia – von wegen!

  14. Gregor Keuschnig

    Naja, dieses „wir“ ist (1.) Ansprache (der Leser soll in das gemeinsame Boot gezogen werden) und soll (2.) dokumentieren, mit der Meinung nicht alleine zu stehen. Daher werden ominöse Mit-Meinende paraphrasiert, um das eigene Urteil aufzuwerten bzw. zu legitimieren. Und dies je nach Bedarf. Der Leser, der dem Urteil des Schreibers folgt, fühlt sich gut, weil er sich über das „wir“ eingebunden wähnt. Und derjenige, der kritisch ist, bekommt suggeriert, er stünde alleine – schließlich sind ja „wir“ anderer Meinung.

    Das „wir“ ist ein schöner, rhetorischer Trick. In der Wirtschaft schreibt man immer „wir“, selbst wenn die Firma nur aus einem Mitarbeiter besteht. Hier vertritt man nicht sich selber, sondern eine juristische, d. h. fiktive Person (die Firma). Der Feuilletonist stilisiert sich mit dem „wir“ ebenfalls zu einer Art „juristischer Person“, oder übergeordneten Instanz, die losgelöst von Herrn X oder Frau Y bewertet, urteilt, manifestiert (Richter sagen auch nicht „ich“, sondern „das Gericht“).

    Ich gestehe, dass mich das nicht stört. Im Gegenteil: Texte, die mit „Ich“-Bezug schreiben, bewerte ich fast reflexartig noch kritischer (keine Ahnung, ob ich schon zu stark konditioniert bin auf das „wir“). Ich selber vermeide „ich“-Bezüge wenn immer es geht und flüchte in das „man“ (#10 widerspreche ich; zwar ein schönes Bonmot, aber mehr auch nicht) bzw. das fast selbstverleugnerische „der Leser“ (was ich in dem Moment auch bin).

  15. Tobias

    @Veilchen74: Es muss doch jedem klar sein, dass es gerade im Feuilleton unmöglich ist, objektiv zu schreiben. Es geht um Meinungen. Menschen innerhalb einer ähnlichen kulturellen Gruppe haben zwar oft ähnliche Qualitätskriterien, aber keine Kritik darf gelesen werden, als hätte der Autor die einzig richtige Lösung gefunden. Die Frage, die du Wert erhalten Kritiken für den Leser genau genommen erst dann, wenn man als Leser weiß, ob sich der eigene Geschmack mit dem des Kritikers deckt. Das kann man nur durch wiederholtes Lesen des Autors und eigenes Vergleichen erreichen.
    Insofern bin ich auch für strikte Ichisierung der subjektiven Presselandschaft. :)

  16. Tobias

    Oh, da ist ein Satz versehentlich nur halb angekommen. Ich wollte etwa in der Mitte schreiben: „Die Frage, die du stellst, ist genau die, die man sich immer stellen muss! Was hat das mit mir zu tun?“

  17. Gunnar

    „Strikte Ichisierung“ – Sehr schöne Forderung. Unterschreiben wir.

  18. pell

    Ich glaube mit der Panik vor Macht- und Bedeutungsverlust vor Bloggern hat das sehr wenig zu tun. Das Feuilleton schrieb auch zu Zeiten der Internetlosigkeit auf diese Art und Weise. Es ist ziemlich absurd jedes Gestrüpp als Angst vor dem Internet zu deuten.

  19. Lohnschreiber

    Als Geste der Bescheidenheit taugen weder „wir“ noch „man“. Entweder es soll, wie oben schon mal gesagt, die Angreifbarkeit reduzieren oder – im schlimmeren Fall – die Unsicherheit des Autors oder der Redaktion bezüglich der Mehrheitsfähigkeit der eigenen Meinung kaschieren. Der gute alte „wie wir alle wissen“-Trick.

    @Schreiber Ling: Kann ich so unterschreiben. In meinem Blog kann ich „ich“ schreiben soviel ich lustig bin, bei Auftragstexten wird das meist sofort vom Redakteur geändert. Argumentiere ich dass durch die Anwendung von „man“ oder „wir“ die Aussage flöten geht, gelte ich wahlweise als unbelehrbar oder ahnungslos.

    – Lohnschreiber via Bildblog –

  20. Gunnar

    @pell: Bei sympathisch subjektiver Schreiberei wie im FAS-Feuilleton ist diese komische Konvention oft der einzige, aber sehr augenfällige, formale Unterschied zu Blogtexten. Dass es da einen kausalen Zusammenhang gibt, will ich nicht behaupten. Aber dass den Veröffentlichungen im Netz oft Subjektivität vorgeworfen wird und andererseits die (keinesfalls zu kritisierende) eigene Subjektivität ständig ummäntelt wird, ist doch zumindest bemerkenswert.

  21. татú

    Ich lobe mir das „man“. Es erlaubt einem Autor, einen Gedankengang zu dokumentieren oder eine Argumentationskette zu kreieren, ohne diesen oder diese an seine Person zu binden. Einerseits ist das, wie bereits kommentiert, eine Manifestation gewisser Bescheidenheit. Doch noch einen anderen Vorteil bietet das:

    Wie denn interessiert mich eine persönliche Meinung eines mir unbekannten Menschen? Doch nicht in Verbindung mit diesem. Ob der Verfasser das persönlich vertritt, was er schreibt, oder ob er den Advocatus Diaboli spielt, ist mir völlig egal. Eine Personalisierung empfände ich geradezu als aufdringlich.

    Deshalb ist die Verwendung der „wir“-Formulierungen auch ein völlig anderer Fall. Da wird nicht nur personalisiert, sondern sogar vereinnahmt. Das ist noch schlimmer, als die aufdringliche „ich“-Variante.

  22. Dirk Burchard

    Dieses „man“ kam mit der Wiedervereinigung aus dem Osten. DDR-Bürger waren trainiert ihre Interessen als allgemeinen sozialistischen Gemeinschaftidealen entsprechend zu formulieren, also auch an etwas teilhaben zu wollen, was alle anderen auch dürfen („Man möchte ja auch mal…“). Michael Ballack spricht heute noch so, klingt bescheiden, ist es aber gar nicht, und Elisabeth Noelle-Neumann hatte schon in den 90ern festgestellt, daß sich westDeutsche den ostDeutschen anpassen und nicht umgekehrt.

    Tatsächlich hat dieses völkische „Wir“ inzwischen sogar die Wetterkarte der tagesschau eingenommen. Was in den 80ern noch rein sachlich hieß „Ein Hoch über Norddeutschland verlagert sich langsam nach Osten“ heißt heute zumeist „Ein Hoch beschert uns Sonnenschein über das ganze Wochenende“.

    Die totale völkische Initiation.

  23. Hasso

    @gunnar
    >Mir scheint das übrigens ein rein deutsches Phänomen zu sein<

    Im Französischen wird zumindest in der Umgangssprache sehr häufig "on" (man) verwendet, wenn "je" (ich) oder "nous" (wir) gemeint ist.

  24. Gunnar

    Auch vom Fußballer, der nach dem Spiel interviewt wird? Und liest denn keiner französische Zeitungen? Was ist mit dem Feuilletonisten, der darüber schreibt, wie er sich bei einer Veranstaltung so gelangweilt hat, dass er anfing die Deckenpaneele zu zählen? Schreibt er „je“ oder nicht?