Neu im Kino: Zwei traurige Todesboten

KW23

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Die Filmstarts vom 3.6. und 27.5.2010

Der Drehbuchautor Oren Moverman, beteiligt unter anderem am Buch von „Jesus‘ Son„, hat mit Todd Haynes zusammen „I’m not there„, das einzige akzeptable Popbiopic geschrieben. Für sein Regiedebüt hat er im letzten Jahr viel Beifall bekommen, jetzt kommt es endlich in unsere Kinos.

„The Messenger“ erzählt von einem jungen Irakkriegsheimkehrer, gespielt von Ben Foster, der nach einer Verletzung für seine letzten Dienstmonate dazu verdonnert wird, mit einem abgestumpften Grobian, Woody Harrelson, Witwen und sonstige Hinterbliebene aufzusuchen, um ihnen die schlechtest mögliche Nachricht zu überbringen. Seine Freundin hat inzwischen einen anderen, sein Kollege schleppt auch einige Probleme mit sich herum und dann findet er auch noch Gefallen an einer frisch Verwitweten. Die Geschichte lässt sich Zeit und manche Entwicklung ist vorhersehbar, jedoch sind die Figuren so glaubhaft angelegt und werden so gut gespielt, dass mein Interesse in keiner Minute nachließ.

Nach all den Anti-Kriegs-Filmen, die es schon gibt, die mit unterschiedlichsten Mitteln immer wieder versucht haben, einen Eindruck vom Grauen zu vermitteln, ist es Moverman mit dieser Geschichte  und ihrem gänzlich neuen Ansatz tatsächlich gelungen, noch einmal effektiv in den Wunden zu stochern. Einfach, indem er ganz genau auf den angeschlagenen Rückkehrer, die Systematik der Benachrichtigungen und den Schmerz derjenigen schaut, die die Todesnachrichten empfangen.

Auf jegliche formalen Mätzchen wurde dabei verzichtet, das ist klassisches, ruhiges Erzählkino, wie es auch Clint Eastwood kultiviert. Meine ausdrückliche Empfehlung.

„The Messenger“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein Sci-Fi-Film von „Cube„-Regisseur Vincenzo Natali über ein Wissenschaftlerpaar, das sich einen weiblichen Humanoiden züchtet, der beim Heranwachsen für Furcht und Schrecken und gehörige Verunsicherung sorgt. Scheint weder bei der Charakterzeichnung noch beim Plot frei von Klischees zu sein und sowohl mit frei- wie auch unfreiwilliger Komik aufzuwarten. In den Hauptrollen sind immerhin Adrien Brody und Sarah Polley zu sehen. („Splice – Das Genexperiment„)
  • Ein deutsches Kammerspiel über zwei Frauen und einen Mann, die in einer Berliner Altbauwohnung einen ambitionierten Sexfilm drehen. Wird von manchen sehr gelobt, das sei nicht nur ein mutiges Experiment, es ist auch von einem „sensationell mitreißenden Soundtrack“ die Rede (Schnitt). Im Trailer stoßen mich allerdings schon die Musik und die hölzern klingenden Dialogschnipsel so ab, dass ich gerne darauf verzichte, mir ein eigenes Urteil zu bilden. „Keine Sexperimente!“, schriebe ich, wäre das nicht ein wenig zu doof. („Bedways„)
  • Ein Sci-Fi-Katz-und-Maus-Thriller mit Jude Law, der auf einer hübschen Idee beruht, aber offenbar zu wenig daraus macht: Zukünftig können wir uns das Leben beträchtlich verlängern lassen, indem wir uns künstliche Organe einsetzen lassen. Die sind sauteuer und wer seine Raten nicht mehr zahlen kann, wird von erbarmungslosen Organeintreibern heimgesucht. Einer davon bekommt nach einem Unfall selber ein sauteures Herz verpasst, verliert seinen Job, kann nicht mehr zahlen und gerät – richtig geraten –  selbst ins Fadenkreuz der „Repo Men„. Und dann geht halt die übliche Hatz los.
  • Teil drei der Stieg-Larsson-Trilogie. Hier ein Artikel aus der New York Times über die Verwandtschaft von Lisbeth Salander mit Pippi Langstrumpf. („Vergebung„)
  • Der dritte semidokumentarische Mongolenstreich von Byambasuren Davaa. Diesmal ohne weinende Kamele und gelbe Hunde, dafür mit einer pferdeköpfigen Geige und Pferdeliedern, so dass der Titel an die Vorgänger anknüpfen kann: „Das Lied von den zwei Pferden
  • Eine autobiografische Doku, in der ein deutscher Filmemacher sich mit dem Gedächtnisverlust seines Vaters beschäftigt. („Forgetting Dad„)
  • Ein ebenfalls halbdokumentarisches britisches Klimakatastrophendrama. („Age of Stupid – Warum tun wir nichts?„)
  • Getanze und Romanze für Bravoleserinnen zum Brillentarif. Aus Großbritannien. („Streetdance 3D„)
  • Eine deutsche Komödie, die schwarz sein soll und darum eine Hochzeit mit Leichen im Kofferraum und schwulen Gangstern kombiniert. („Diamantenhochzeit„)

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Neu seit letzter Woche:

  • Ein französisches Debüt, das arg spät noch bei uns in einige Kinos kommt, ein Drama, das wohl ein wenig an die Filme der Dardennes erinnert. Eine Obdachlose, ein Junkie im Wald, ein kleines Kind, ein Barockgarten und eine gehörige Portion Melodramatik, zusammen ergibt das „Versailles„. Mit dem einbeinigen Depardieu-Sohn Guillaume in einer seiner letzten Rollen.
  • Eine autobiografische Doku über Kindesmissbrauch. Michael Stock holt Geschwister, Mutter und auch den Täter, seinen Vater, vor die Kamera. („Postcard To Daddy„)
  • Ein Remake von George A. Romeros „The Crazies“ von 1973, wohl deutlich weniger doof als üblich im Horrorwiederholungsgeschäft, aber nichtsdestotrotz gänzlich überflüssig. („The Crazies – Fürchte Deinen Nächsten„)
  • Eine schwerst bemühte Indie-Komödie über einen ebenso bemühten siebzehnjährigen Sci-Fi-Fan und jede Menge weiterer gaaanz skuriller Typen. („Gentlemen Broncos„)
  • Eine mit sehr schlichten Mitteln gänzlich undramatisch und unsentimental erzählte Geschichte über eine Zirkusfamilie, die ein kleines Findelkind aufnimmt. Ein österreichischer Film, gedreht in der römischen Peripherie. („La Pivellina„)
  • Ein deutsch-schweizer-österreichischer Bollywoodfilm. Wenn Szenen von Hindifilmen gern in den Alpen gedreht werden, können wir das doch auch mal selber versuchen, mit echten Indern und einer Film-im-Film-Handlung als Rechtfertigung, dachten sich die Produzenten von „Tandoori Love“ offenbar. Das Ergebnis kann natürlich nicht mit den Originalen mithalten, ist aber auch keine Parodie. Was soll das?
  • „Sex and the City“, erneut für das Kino aufgewärmt, noch schlimmer als das letzte Mal und das in jeder Hinsicht, wenn man den Kritikern glauben darf. Das Tomatometer zeigt lausige 16% an. („Sex and the City  2„)
  • Ein dänischer Kinderfilm, der seine Protagonisten wieder einmal abenteuerliche Zeitreisen unternehmen lässt, diesmal treten Wikinger auf, ein Kreuz muss gesucht werden und eine böse Hexe gibt es es obendrein. Wahrscheinlich weniger schlimm, als es sich anhört. („Timetrip – Der Fluch der Wikingerhexe„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, ein Ausschnitt aus „I’m not there“, Heath Ledger und Charlotte Gainsbourg spielen Robbie Clarke und Claire Clarke bzw. Bob Dylan und Suze Rotolo und dazu läuft der schönste aller Dylansongs, wie ich finde:

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Aktuell, Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Zwei traurige Todesboten”

  1. Alexander

    Gestern. Cinemaxx Braunschweig. 18:45 Zweiter Tag. Inklusive uns sage und schreibe 8 Zuschauer. Und das bei dem Feuillton_Vorlauf. Wer möchte da den ersten Stein werfen beim nächsten ausverkauften Blockbuster. Dann lieber gleich diese ganzen Kino-Hochburgen in die Luft sprengen, das Ding krankt am Prinzip. Hierzu mal über Braunschweig in eigener Sache: http://www.subway.de/lebensraum/kolumnen/?hnr=&tx_mfarticle_pi1%5BshowUid%5D=10652&cHash=bbd200c412&hnr=271

    Nun aber zu messengers. Ja, das Ding war gut. Aber so richtig richtig richtig gut dann auch wieder nicht. Denkt man die europäischen Lorbeeren mit, die der Film bekommen hat, dann sind die auf alle Fälle aufmuntern gemeint: Ja, weiter so. Ja, ein guter Anfang oder so ähnlich. Begründung: Wenn schon slow motion, dann sollte man die Verlangsamung auch nutzen, um mehr erkennen zu lassen. Dafür sind die Szenen und Charaktere aber zum Teil zu blass geraten. Die beiden Hauptdarsteller sind ok, aber selbst da geht mehr. Das große Drama ist ja da. Die Verzweiflung, die Wut, die Angst, die Polytrauma. Aber alles scheint irgendwie dann doch all zu sehr dem Prinzip Gleichklang, Eintöne und Hoffnungslosigkeit geschuldet. Wie gesagt: Insgesamt Sehenswert. Aber auch mit einem gewaltig aufmunterndem Schulterklopfen ob des Wagnisses, die Peripherie vom Auge des Hurrikans erzählen zu lassen.