Mein schwarzrotgoldenes Desaster

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Mein Mittwoch fing mit einem Arztbesuch an. In der Praxis begrüßte mich eine stark übergewichtige Sprechstundenhilfe im größten Nationaltrikot, das ich je gesehen habe, es hatte zeltartige Ausmaße. Hinter ihr prangte die deutsche Fahne vor dem Schrank mit den Krankenakten und alle weiteren Mitarbeiterinnen, derer ich ansichtig wurde, waren gleichermaßen bewandet. Die Dame von der Blutabnahme hatte gar bereits am frühen Morgen ihr Gesicht großflächig mit den Nationalfarben übermalt. Auf der Straße schien sich danach die Menge der schwarzrotgolden geschmückten Autos vervielfacht zu haben, Fahnen, Wimpel, Aufkleber und diese seltsamen Überzieher überall. Beim Bäcker, wo ich mein zweites Frühstück kaufte, hatte die portugiesischstämmige Verkäuferin ihr bislang täglich vorgeführtes Portugal-Dress gegen ein schwarzes Trägertop, kombiniert mit einer gelben Hose und einer Art roten Schärpe getauscht und das Kunststück vollbracht sich Lidschatten in schwarzrotgold an die Augen zu malen. Und während ich da stand und wartete, bis ich an der Reihe war, fiel es mir wieder ein, mein schrecklichstes Fotoerlebnis, das ich fast erfolgreich verdrängt hätte.

Es war kurz vor der vorvorvorletzten WM und der leitende Bild- und heimliche Chefredakteur von Sports, einer Art glücklosem Geo für Leibesertüchtigung, Michael Rabanus, wollte die Stars der Nationalmannschaft auf dem Titel haben. Und weil er einen Narren an mir gefressen hatte, sollte ich das Foto machen, obwohl ich mit Sport wenig und mit Fußball gar nichts am Hut hatte. Für einen Termin im deutschen Trainingscamp an der Ostsee war es schon zu spät, darum saß ich kurz darauf mit einem sauteuren, in letzter Minute gekauften First-Class-Ticket im Flugzeug nach Toronto und studierte Hanutasammelbildchen, um nicht versehentlich Rudi Völler als Andi Möller zu begrüßen. Am folgenden Tag war ich dann draußen beim deutschen Trainingslager, mit Foto- und Lichtequipment und mit mehreren deutschen Fahnen im Gepäck. Denn die Fahne sollte ins Bild, so mein Auftrag, eine Idee, die zu damaliger Zeit noch recht bekloppt anmutete. Um trotz Fahne ein akzeptables Bild machen zu können, hatte ich auch Stricke eingepackt: Ich wollte die Spieler in der Fahne gut verpacken und sichtbar verschnüren.

Fünfzehn Minuten waren für den Fototermin vereinbart, das war sehr knapp bemessen, hätte aber ausgereicht, wenn alles gut gegangen wäre. Es ging aber überhaupt nicht gut.

Alles war bereit, das Licht stand fertig aufgebaut, die Spieler erschienen wie vereinbart und ich konnte Rudi und Andi gut auseinander halten. Nur einer fehlte: Lothar Matthäus. Und solange der nicht da war, wollten die anderen auch nichts mit der Fahne ausprobieren, sondern standen mürrisch herum und scharrten mit den Hufen. Als die Fotozeit dann eigentlich schon rum war, kam Matthäus dann doch noch heraus, demonstrativ gut gelaunt und gleich begeistert von der fragwürdigen Fahnenidee.

Erleichtert dachte ich, jetzt geht alles gut, aber die positive Haltung von Matthäus bewirkte wachsende Ablehnung bei allen Anderen, die wollten die Fahne erst nicht einmal anfassen, geschweige denn irgendeinen Quatsch damit machen. Mit Müh‘ und Not konnte ich sie ihnen irgendwie in die Hände drücken, auf die Leiter flitzen und gerade einmal fünfmal auf den Auslöser drücken, als Klinsmann und Völler sich schon umdrehten und einfach weggingen.

Da stand ich mit fünf Belichtungen, vermutlich keiner einzigen, auf der nicht mindestens einer die Augen gerade zu hat und auf allen halten sie unbeholfen die deutsche Fahne vor die Beine, in denen sie es bekanntlich haben. Konnte ich damit zurückfliegen? Oder musste ich meinen Flug stornieren und versuchen einen zweiten Termin zu bekommen? Ich habe mehr geschwitzt als die Fußballer beim Spiel und als ich spät abends die entwickelten Fotos zu Gesicht bekam und sich heraustellte, dass wirklich auf sämtlichen Bildern immer mindestens einer bekloppt guckt oder die Augen zu hat und das Ganze ohnehin bescheuert aussieht, wurde es alles andere als besser.

Die Aussichten auf einen zweiten Termin waren höchst unsicher und so bin ich mit meinem erbärmlichen Ergebnis am nächsten Tag zurückgeflogen. Und mit Photoshop wurde dann in Hamburg aus den fünf Bildern das oben abgebildete Titelmotiv zusammengebastelt. das mir bis heute peinlich ist.

Woran hat es gelegen? An der Scheißstimmung in der Mannschaft? An der Fahne? Sind Profifußballer alles arrogante Arschlöcher? Oder waren es zumindest diese? Oder nur Lothar Matthäus eines? Habe ich den hohen Herren nicht den gebührenden Respekt erwiesen? Den falschen Tonfall gewählt? Kann es sein, dass – Titel hin, Titel her – denen einfach alles wurscht war, außer den kommenden Spielen? Waren sie vielleicht nur so genervt, weil sie die hässlichsten Trikots aller Zeiten tragen mussten?

Ich weiß es nicht. Aber vom Grand-Prix- und WM-Fahnenschwenken werde ich mich niemals anstecken lassen, das weiß ich. Und dafür habe ich noch einige viel bessere Gründe, als nur die unschöne Erinnerung an mein persönliches schwarzrotgoldenes Desaster.

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