Neu im Kino: Ein Lügner, ein Niemand und ein Mann auf dem Mond

KW28

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Die Filmstarts vom 8. und 15.7.2010

Letzte Woche habe ich es einfach nicht geschafft, die kurze Übersicht über die Neustarts zusammen zu schreiben und das zeitige Nachholen ist mir auch misslungen: Es war zu heiß, es war zu viel WM, es gab erfreulicherweise viel zu zu fotografieren und dann habe ich Idiot unerfreulicherweise beim Hin- und Herkopieren von prallgefüllten Foto-Backup-Ordnern von einer Festplatte auf die andere versehentlich massenweise Bilder gelöscht, die ich anschließend mühselig und langwierig retten lassen musste. Das gelang zwar, dem fantastischen Service von M&M Trading sei Dank, aber die Bildbezeichnungen waren komplett futsch: Ein weiteres Desaster, das mich viel Zeit gekostet hat.

Was lief also letzte Woche an? Die interessantesten und bedingt sehenswerten Filme sind „The Invention Of Lying“ (der deutsche Titel, blöd und falsch: „Lügen macht erfinderisch“) und „Mr. Nobody“.

„The Invention Of Lying“ ist der erste eigene Spielfilm des britischen Komiker Ricky Gervais, er spielt die Hauptrolle, ist (Co-)Autor und führt (Co-)Regie. Die Grundidee ist wunderbar. Das Ganze spielt in einem fiktiven Parallelamerika der Gegenwart, in dem das Lügen völlig unbekannt ist. Gervais spielt einen Loser, dem in dieser Welt der größtmögliche Gewinn zufällt: Er erfindet das Lügen und setzt es fortan schamlos zu seinem Vorteil ein. Das ermöglicht wohl jede Menge hübsche Pointen und Erkenntnisse obendrein, philosophische und schließlich gar religionskritische. Denn in einer Welt ohne Lüge kann es natürlich auch keinen Gott geben. Romcom-Liebeswirren und ein doofes Happy End sind aber weitere Bestandteile des Lügenfilms und so fallen die Kritiken recht unterschiedlich aus, es spricht einiges dafür, dass der Film letztlich, gemessen an den selbst geweckten Erwartungen, scheitert. Ist aber allein schon sehenswert, weil er, für so eine Mainstreamkomödie, höchst Ungewöhnliches wagt.

„Lügen macht erfinderisch“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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„Mr. Nobody“ von Jaco von Dormael („Toto, der Held„) scheint ein völlig überladenenes Sammelsurium zu sein, das narrative Komplexität mit visuellem Geprotze und schlichten, aber bedeutungsheischenden Botschaften verbindet. Ekkehard Knörer schreibt im Perlentaucher: „Wer bei Verstand ist, leidet nicht wenig“, lobt aber andererseits den zwischendurch aufblitzenden Humor. Die Verspieltheit sei, „in Maßen“, die Rettung des Films. Bei Imdb bekommt solch ambitionierte Filmware gemeinhin zu gut weg, auf die 7,6 Punkte kann man nicht viel geben. Aber sehen will ich das irgendwann trotzdem. Eine kurze Inhaltsbeschreibung findet sich hier.

„Mr. Nobody“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Diese Woche läuft „Moon“ an, ein britischer Science-Fiction-Film, der mit den genreüblichen Materialschlachten nix am Hut hat, sondern mit Sam Rockwell in der Hauptrolle in einer Art One-Man-Show intelligent und spannend von Auseinandersetzungen des einsamen Hüters einer Mondstation mit einem HAL-ähnlichen Computer und mit sich selbst erzählt. Es empfiehlt sich, bloß nicht zu viel über den Inhalt zu lesen, da sind einige recht überraschende Wendungen zu erwarten. Das Tomatometer zeigt 89% an, der Metacriticschnitt liegt bei 67, die Imdb-Nutzer haben die beachtliche Note 8,0 vergeben. Das genügt als Empfehlung, oder?

„Moon“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Außerdem letzte Woche neu:

  • Eine gepflegte Komödie aus New York von Nicole Holofcener über eine bürgerliche Familie mit moralischen und sonstigen Problemen. Die Kritiker müssen an Woody Allen oder gar an Eric Rohmer denken und richtig schlecht findet das eigentlich keiner. Allein die Hauptdarstellerin Catherine Keener als Alter Ego der Regisseurin dürfte das Eintrittsgeld wert sein. („Please Give„)
  • Ein deutscher Dokumentarfilm über Voodoorituale in Benin. („Voodoo – Die Kraft des Heilens„)
  • Ein deutsches Familiendrama, das in einer einsamen, verschneiten Berghütte seinen Lauf nimmt und das gar nicht so übel sein soll. („Bergfest„)
  • Ein weiteres Sequel der „Predator“-Sci-Fi-Fight-Serie, offenbar mau wie üblich, da kann auch der ungarische „Kontroll„-Regisseur Nimród Antal nix dran ändern. („Predators„)
  • Eine deutsche Doku über hochbetagte, rüstige Sportfanatiker. („Herbstgold„)
  • Und ein amerikanischer Indie-Thriller, der trotz des Titels wohl hauptsächlich Lynch für Arme bzw. die schwule Zielgruppe bietet.  („Pornography: Ein Thriller„)

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Und außerdem diese Woche neu:

  • Zwei Filme der der philippinischen Regisseurin mit dem einprägsamen Namen Brilliante Mendoza, die allerdings nur mit lächerlichen zwei respektive vier Kopien starten. Da der Verleih aber Rapid Eye Movies ist, darf mit einer baldigen DVD-Veröffentlichung gerechnet werden. „Kinatay“ ist ein wahrscheinlich sehr schwer zu ertragender, höchst realistisch daherkommender Wackelkamerafilm, in dem der Zuschauer an der Ermordung und Zerstückelung einer Prostituierten aus der Täterperspektive teilnimmt. Josef Lederle schreibt im Filmdienst von „radikaler Dramaturgie“ und „Höllenqual“ und scheut „unwillkürlich davor zurück, ‚Kinatay‚ ein Meisterwerk zu nennen, weil er in seiner radikalen Destruktion auf einen Nihilismus zusteuert, der alle Differenzierungen zu schlucken droht.“ Klingt mindestens interessant und dürfte für alle, die sich das antun, unvergesslich sein. „Lola“ dagegen ist ein formal wohl verwandtes, also ebenfalls sehr authentisch wirkendes Sozialdrama, das zwei Geschichten über zwei Großmütter parallel erzählt.
  • Teil drei der schwerromantischen Stephenie-Meyer-Blutsauger-Serie für Pubertierende, wie die Vorgänger wohl wenigstens besser als die berüchtigten Vorlagen. Denis Scheck über den Roman: „Auf Seite 447 dieser quälend zerdehnten Nackenbeißer-Fortsetzung kommt es zu einem unerwarteten Handlungshöhepunkt: ‚Sein Mund war nicht zärtlich; in der Art, wie er die Lippen bewegte, lag eine ungekannte Mischung aus Verzweiflung und Zerrissenheit. Ich schlang die Arme um seinen Hals, und an meiner plötzlich überhitzten Haut fühlte sich sein Körper kälter an denn je. Ich erschauerte, aber nicht vor Kälte.‘ Nach diesem nervenzerfetzenden Knaller plätschert der Roman dann allerdings in Meyers üblicher Zeilenschinder-Manier vollkommen ereignislos weiter vor sich hin.“ („Eclipse – Biss zum Abendrot„)
  • Eine italienische Komödie, in der ein homophober, herzkranker Patriarch wegen seiner Gesundheit nichts über die gleichgeschlechtlichen Aktivitäten seiner Söhne erfahren soll. („Männer al dente„)
  • Eine unterirdische, halb computeranimierte Comic-Verfilmung mit einem sprechenden Hund („Marmaduke„)
  • Und eine persönliche New-York-Doku von Rosa von Praunheim. („New York Memories„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, ein weiteres starkes Argument für „Moon“, der Soundtrack von Clint Mansell:

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Und eine Frage an einen bestimmen regelmäßigen Leser oder eine Leserin mit einer IP-Adresse aus Adelaide in South Australia: Do we know us? Please send a message. Da ich einen persönlichen Bezug zur Stadt habe, würde ich mich über eine Mail freuen, auch wenn das nicht der Fall sein sollte.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Ein Lügner, ein Niemand und ein Mann auf dem Mond”

  1. Thies

    „Moon“ ist eine echte Empfehlung – der Film hat jeden Zuschauer verdient, den er kriegen kann (vorausgesetzt er kann während der Vorstellung die Klappe halten – was heutzutage nicht jedem gegeben ist). Ich war zwar schon mit positiven Erwartungen bezüglich des Hauptdarstellers und des Szenarios hineingegangen und freute mich auf einen dicht inszenierten Mind-Fuck. Aber das Ergebnis führte dann doch auf andere unerwartete Pfade und lud eher zu philosophischen Denkanstößen ein. Ich will mich aber lieber kurzhalten bevor ich anfange zu spoilern und den Film nochmals jedem Freund intelligenter Genre-Kost ans Herz legen.

    Von intelligenter Genre-Kost ist es ein eher weiter Schritt zu „Predators“ und doch habe ich mich auch von diesem Film ganz gut unterhalten gefühlt. Wenn man von seiner Film-Sozialisation einen Geschmack für käsige 80er-Action-Filme behalten hat, könnte der neueste Beitrag dieser Franchise für einen längeren Nostalgie-Rausch sorgen. Die Handlung ist derartig reduziert, dass eine Zusammenfassung ohne Probleme auf einem Bierdeckel Platz hätte. Die Figuren definieren sich alleine durch ihre Reaktionen auf die Bedrohung – weitere Charakterisierungen oder überflüssige Nebenhandlungen fallen weg. Dazu sorgt dann noch die Bearbeitung des Soundtracks von Alan Silvestri für zusätzliche Stimmung um das B-Movie-Feeling komplett zu machen.

    Das langt für den milde interessierten Zuschauer natürlich auch auf Video/DVD/BluRay/Sky/etc., aber ich trauere dem investierten Eintrittsgeld nicht nach.