Neu im Kino: Eine prallvolle Jeunet-Wundertüte

KW29

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Die Filmstarts vom 22.7.2010

Der sinnfreie deutsche Titelzusatz »Uns gehört Paris!« führt Skeptiker auf die falsche Fährte: Da sollen wohl genau jene geködert werden, denen an »Amélie«, Jean-Pierre Jeunets größtem Erfolg, vor allem der Pariskitsch gefiel. »Micmacs«, Jeunets erster Film nach fünf Jahren, enthält jedoch keine Spur davon, sondern knüpft eher wieder an »Delicatessen« an, das Debüt von 1991. Zwar geht es nicht ganz so morbide zu, doch strotzt das Werk auch wieder vor visuellen Einfällen und komischen Details und wartet mit einer ganzen Schar skurriler Figuren auf, die etwa so komplex angelegt sind wie Spirou und Fantasio. Das macht aber gar nichts, denn feinere Charakterzeichnungen hätten nur unnötig vom frisch vorangetriebenen Plot abgelenkt, der recht unterhaltsam »Rififi«-Methoden mit Handlungselementen verbindet, für die einst Dashiell Hammett mit »Rote Ernte« die Vorlage geliefert hat und die wohlbekannt sind aus Sergio Leones »Für eine Handvoll Dollar« oder dem Bruce-Willis-Film »Last Man Standing«.

So werden auch hier zwei böse Banden kunstvoll gegeneinander ausgespielt, die diesmal allerdings Waffenhersteller sind und deren Hauptquartiere, wie üblich, an derselben Straße liegen. Nur sind es eben Firmenzentralen in Bürogebäuden, die aussehen, als hätte Albert Speer sie entworfen. Der Held, gespielt von Dany Boon, ist weder sonderlich heldenhaft noch ein Einzelkämpfer, er wird von einer Art WG unterstützt, die Müll bewohnt und verwertet und deren Mitglieder über allerlei ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen, die beim Kampf gegen die Waffenfabrikanten – wenig überraschend – von großem Nutzen sind. Jaja, ein wenig kunstgewerblich ist das freilich; schrullige, liebenswerte, zirkuskompatible Typen, die auch noch gruppenweise auftreten, habe auch ich gründlich satt, und akkordeonfrei ist die Filmmusik auch nicht – doch wenn so schnell und zugleich elegant eine solche Fülle überraschender und absurder Erfindungen, Pointen und Wendungen aufeinanderfolgen, wird mein Gemecker im Keim erstickt. Schön, dass Jeunet wieder da ist. Ich hatte fast vergessen, dass es jemanden gibt, der Terry Gilliam das Wasser reichen kann.

Meine ich als „Hans Mentz“ in der Titanic. Georg Seeßlen sieht das sehr ähnlich und er hat auch das Hammett-Handlungsmuster erkannt, nennt aber eine andere „Rote Ernte“-Adaption: Akira Kurosawas „Yoyimbo“. Wie zu erwarten gibt es auch einige Schreiber, denen das alles zu verspielt und zu belanglos ist, Daniel Sander vom Kulturspiegel meint etwa „Micmacs“ habe eine „simple und teilweise alberne“ Geschichte und biete nur „niedlichen Spaß für regnerische Sommertage“.  Und Dany Boon, den er er offenbar sehr schätzt, passe nicht in die Jeunet-Welt. In Frankreich haben den Film 1,3 Millionen Zuschauer im Kino gesehen. Nicht zuletzt dank Boon, schätze ich.

„Micmacs“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Die zweite Filmkritik in der aktuellen Titanic ist ein Verriss:

Dass die Hauptfiguren des Films »Kleine Wunder in Athen« – drei alternde Ladeninhaber, die nichts verkaufen und stattdessen tagein, tagaus vor ihren Läden abhängen und sich höchstens mal zu einem Ballspiel auf der Kreuzung aufraffen – gut zum Feindbild der aktuellen Anti-Griechenlandkampagnen passen, dafür kann der griechischstämmige »Tatort«-Regisseur Filippos Tsitos nichts. Dass sein »kleines Fernsehspiel«, das es jetzt vorab in einige Programmkinos geschafft hat, seine Geschichte von der Läuterung der drei dumpf-nationalistischen Albanerhasser mit einer Vorliebe für entsprechend dumpfen Bluesrock so vorhersehbar, witzlos und in so grauslich-grauen und kontrastarmen Digicambildern erzählt, dafür muss er allerdings geradestehen. Einer der Nichtsnutze indes ist selbst Albaner, wie sich herausstellt; und Tsitos schafft es nicht – und das ist nun tatsächlich schon ein kleines Wunder –, aus der Frucht dieser identitätsbedrohenden Erkenntnis auch nur einen einzigen Lacher zu pressen.

Die meisten anderen Kritiken lesen sich freundlicher, Alexandra Wach lobt etwa im Filmdienst die „zärtliche, wunderbar lakonische“ Komödie und fühlt sich an der Frühwerk von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki erinnert. Der Film sie „hervorragend besetzt“, dazu komme die „sanft beobachtende, aber stets bei der Sache bleibende Kamera und der gut geölte Schnitt und nebenbei verhandele der Regisseur auch noch „messerscharf die griechische Mentalität“. Verleih und Kinobetreiber scheinen optimistisch zu sein: Allein bei uns in der Hamburger Kinoprovinz startet der Film schon mit drei Kopien, genau wie „Micmacs“.

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Außerdem neu:

  • Ein Remake von „Karate Kid“ mit Jackie Chan als weisem Kung-Fu und nicht etwas Karatelehrer, das genauso doof zu sein scheint, wie man erwarten würde. In der Hauptrolle: Will Smiths Steppke Jaden. Marc Fischers höchst unterhaltsame Kritik in der Welt hat meinen Widerstand allerdings dahinschmelzen lassen. Jackie Chan beschreibt er so: „Akrobat, Stuntman, Komödiant und praktisch der einzige Mensch der Welt, der wirklich fliegen kann“. Und das hier ist Fischers Einstieg: „Als 1984 der Film ‚Karate Kid‘ ins Kino kam, gab’s in Deutschland im Prinzip nur zwei Arten von Jungs: Die, die Fußball spielten, und die, die keinen Fußball spielten. Die Fußballer trafen sich nach der Schule auf dem Bolzplatz und übten die Bananenflanken von Manni Kaltz, danach tranken sie kalte Fanta mit den Mädchen, die ihnen bei den Bananenflanken zugeguckt hatten. Denen, die keinen Fußball spielten, blieb eigentlich nur die kalte Fanta und vielleicht noch das Heft „Yps mit Gimmick“, es kostete damals 2 Mark 50.“ („Karate Kid„)
  • Eine deutsche Doku über Ilja Kabakov. („Fliegen und Engel„)
  • Eine Action-Romcom mit Cameron Diaz und Tom Cruise, die CGI-Effekte und spektakuläre Locations en Masse, aber keine erzählenswerte Geschichte bietet. Jörg Lau, der sich das für die Zeit angeschaut hat, war mehr als gelangweilt: „Dieser Film lässt einen wütend zurück, weil er unser Bedürfnis nach intelligentem Eskapismus nicht ernst nimmt, sondern in krawalliger Behäbigkeit darauf herumtrampelt.“ („Knight and Day„)
  • Ein türkischer Filmfestivalfilm, also einer mit Anspruch und ohne jede Aussicht auf kommerziellen Erfolg, in dem wie üblich auch Geld von anderswo steckt, in diesem Fall aus Deutschland und den Niederlanden. Es geht um drei von Laien gespielte junge Männer und deren aussichtsloses Leben, die sich alle häufig und höchst symbolisch auf der Bosporusbrücke in Istanbul, also zwischen den Kontinenten aufhalten: Ein Rosenverkäufer, ein Taxifahrer und ein Verkehrspolizist. Die Episoden sind locker miteinander verbunden, die ganze Anmutung scheint dokumentarisch zu sein, die Kritiken lesen sich durchweg wohlwollend und ich werde mir das nicht anschauen. („Men on the Bridge„)
  • Und ein deutsches Jugenddrama, in dem es unter anderem um eine Geschlechtskrankheit geht. Sie bekommt sie und dann zeigt sich, was er für ein Arsch ist. Läuft erstmal nur in Berlin, Weimar und in Kiel, wo der Film auch gedreht wurde. („Unkraut im Paradies„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, ein Kurzfilm von Jean-Pierre Jeunet, „Foutaises“, zwei Jahre vor „Delicatessen“ entstanden und auch schon mit Dominique Pinon, ohne den Jeunet seitdem keinen Film mehr gedreht hat. (Stimmt, in Jeunets einzigem Hollywoodfilm „Alien: Resurrection“ spielt er nicht mit, aber dafür pfeift er „I’m Popeye the Sailor Man“ im Soundtrack. Wirklich.) Pinot erzählt, was er mag und was er nicht mag und das wird schön komisch illustriert. Dürfte manchem bekannt vorkommen, der „Amélie“ gesehen hat. Leider muss ich dabei auch an Volker Lechtenbrink denken. („Ich mag Whiskey – ohne Eis, Böll, der so viel weiß …“)

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Kommentare deaktiviert für Neu im Kino: Eine prallvolle Jeunet-Wundertüte

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