Neu im Kino: Spielzeugmär und Traumgeballer

KW30

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Die Filmstarts vom 29.7.2010

Für die soeben erschienene August-Ausgabe der Titanic mit dem entzückenden Hitlertitel und der Schlagzeile „Da staunt die Welt: So locker ist Schland“ habe ich eine Lobhudelei auf den in vier Wochen startenden Knettrickfilm „Mary & Max“ verfasst. Und diesen Text, direkt darunter:

„Toy Story 3“ ist der genaue Gegenentwurf zum oben besprochenen „Mary & Max“: Das  zweite Sequel des Pixardebüts von 1995 wurde computergeneriert statt von Hand modelliert, gegen kein Familienfilmgesetz wird verstoßen, die Handlung entwickelt sich haargenau und hurtig so, wie sich das gehört, statt braun, grau und schwarz strahlt alles quietschig bunt, statt Stills gibt es veritable Actionsequenzen, statt durch eine individuelle Handschrift herrschen Markt- und Massenverträglichkeit nebst clever implantiertem Merchandising, statt um Depression und Alkoholismus geht es sauber und moralisch um Freundschaft und Loyalität und selbstverständlich findet sich in „Toy Story 3“ für jedes Problem eine rundum befriedigende Lösung. Der Pixarfilm verhält sich zum Adam-Elliot-Film wie „My Fair Lady“ zu „Warten auf Godot“. Innerhalb der Bedingungen des Mainstreams ist dem erfolgreichen Animationsstudio mit seiner dritten Mär von den lebendigen Spielzeugen gelungen, nicht nur die direkten Vorgänger, sondern gleich sämtliche Hollywood-Komödien der letzten Jahre deutlich in den Schatten zu stellen. Die Charaktere, der Plot, die Pointen, die zahlreichen Anspielungen, ja selbst die Sentimentalitäten haben mir Freude bereitet und das obligatorische Actionfinale hat mich mit einer regelrechten Höllenfahrt überrascht. Angst hatte ich nur vor den nöligen Gesängen des K. Lage, doch dankenswerterweise wurde, anders als bei Teil eins und zwei, auf den kläglichen Randy-Newman-Ersatz verzichtet. Auch in der deutschen Fassung singt nun der Meister selbst.

Besonders originell ist das Lob freilich nicht, den Film mag jeder. Mehr Konsens geht nicht. Eine schöne kleine Überraschung war für mich der Auftritt des Plüschtotoro, eine Verbeugung des CGI-Platzhirschen Pixar vor dem Zeichentrickmeister Hayao Miyazaki.

Nachtrag: Einer spuckt doch in die Suppe. Lukas Foerster mag nicht mitjubeln und rechnet im Perlentaucher gleich mit sämtlichen Pixarfilmen ab: „lauter Zuckerguss und Instant-Kinomagie mit fadem Nachgeschmack“.

„Toy Story 3D“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Und dann startet auch noch „Inception“, auf den ich so gespannt bin, wie schon lange auf keinen Film mehr. Offenbar ein höchst verblüffendes narratives Wunderwerk, ein Labyrinth aus verschiedenen Traum- und Realitätsebenen und gleichzeitig dann doch wieder ein Thriller, der einfach nur von einem raffinierten Coup erzählt. Leonardo DiCaprio spielt einen Dieb, der sich in andererer Leute Unterbewusstsein begibt um dort Inhalte zu entwenden, denn es bleibt hier nicht dabei, die Gedanken sind gar nicht frei. Zusammen mit einem Team krimineller Spezialisten besteht seine Aufgabe diesmal darin, statt zu stehlen, einem reichen Erben Gedanken zu implantieren, nach deren Umsetzung der Zusammenbruch eines Unternehmens erfolgen soll. Idee und Buch stammen vom Regisseur Christopher Nolan, der nach den Fledermausmann-Blockbuster-Filmen wieder ein ganz persönliches Projekt aufgegriffen hat, an dem er schon zu „Memento„-Zeiten gearbeitet hat.

Claudius Seidl hat sich den Film angeschaut und war so überwältigt, dass er einen Leitartikel für das FAS-Feuilleton verfasst hat, indem er erst einmal ausführlich über die Schwierigkeiten schreibt, in die der Kritiker gerät, wenn er beim Zuschauen jede kritische Distanz aufgegeben hat:

„… Es wurde Nacht, bis die Normalität mich wiederhatte – und natürlich ist das, diese Wahrnehmungserschütterung und Gefühlsverwirrung, alles andere als repräsentativ: Die Reaktion ist subjektiv, kaum teilbat und nur sehr schwer mitteilbar – und sie ist doch das Einzige, was auch der klügste, der seriöseste Kritiker tatsächlich hat. Denn das ist das Paradoxon der Filmkritik: Wer im Kino sitzt und einen analytischen Gedanken nach dem anderen in seinen Notitzblock schreibt, war anscheinend nicht gemeint von dem Film, den er da sieht. Und schon gar nicht bewegt, berührt, gefesselt.

Und wer sich rühren und erschüttern lässt, hat mit schauen, staunen und sich fürchten viel zu viel zu tun, als dass er noch dazu käme, sich beim Involviertsein zu beobachten und das, was da geschieht, in seine Einzelteile zu zerlegen.“

Übrigens wählt Seidl, wenn er das „Nachglühen“ des Films bei sich persönlich beschreibt, zu meiner Freude durchgehend die erste Person Singular. Keine Spur von „Ich-Schwäche„.

Nach Anschauen des Trailers könnte ich mir vorstellen, dass nirgendwo vorher je so sinnvoll und befriedigend Special Effects eingesetzt wurden. Außer vielleicht in „Eternal Sunshine of  the Spotless Mind„. Die Kritiken fallen weit überwiegend positiv aus, wer meckert, der stört sich meist am angeblich konfusen Plot, an zu viel Geballer und am orchestralen Bombast auf der Tonspur.

„Inception“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein deutsche Dreiecksgeschichte, „Renn, wenn du kannst„, mit einem Protagonisten im Rollstuhl, der also eher nicht kann und mit erfreulich knackigen Dialogen, wie es scheint. Wird allseits gelobt, auch, mit Einschränkungen, von Ekkehard Knörer im PT, der bei der Gelegenheit ein paar grundsätzliche und schöne Worte über das deutsche Kino verliert: „Es ist ja nicht so, dass man jedem deutschen Film, der im Kino läuft, ansieht, was er da verloren hat. Es gibt da beinah unendlich viel hilflos Bemühtes oder uninteressant Abgebrühtes, fürs Fernsehen Gedrehtes, dramaturgisch zu Krummes, zu Gerades, zu Holpriges und zu Glattes, hier und da abgeschaut und halbverdaut, Talentproben, die zeigen, dass eine/r was kann, ohne dass man sähe, was es eigentlich soll. Die beinah unzähligen deutschen Filmförderanstalten fördern, von den wirklich spannenden Sachen am ehesten noch abgesehen, alles, was ihnen vor die Flinte gerät und wünschen bzw. verlangen, dass, was hinten dann rauskommt, ohne Ansehen der letztlichen Qualität auch in die Kinos gelangt. Und da stehen viele dieser Filme dann verloren herum und haben der Welt nichts zu sagen.“
  • Eine Doku des Schweizers Christian Frei, in der die Reisevorbereitungen einer Amerikanerin für einen 20-Millionen-Dollar-Urlaub im All dem Alltag der kasachischen Raketenschrottsammler gegenübergestellt wird. („Space Tourists„)
  • Und ein weiterer Film eines Schweizer Dokumentarfilmers, „Rocksteady – The Roots Of Reggae„, der ehrfurchtsvoll ein Portrait alter Rocksteady-Heroen zeichnet. Wer sich mit den Jamaicanischen Musikstilen nicht so auskennt, kann sich hier von Bob Marley den Unterschied zwischen Ska, Rocksteady und Reggae erklären lassen.
  • Und ein klamaukig-sentimentaler Film aus Frankreich über alte, russische Verlierer, die noch mal groß in Paris rauskommen. „Ein fulminanter, rasanter Film über Menschlichkeit, Liebe, Verantwortung und die alles verbindende Macht der Musik“, verspricht bzw. droht der Pressetext. („Das Konzert„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, der Toy-Story-Titelsong, live dargeboten von Lyle Lovett und Randy Newman, die wahrscheinlich gar keine Freunde sind. Leider etwas gequetscht:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 10 Kommentare »

10 Reaktionen zu “Neu im Kino: Spielzeugmär und Traumgeballer”

  1. Thies

    Zu „Inception“ – Mein erster Impuls wäre zu schreiben „Do believe the hype“ und mir danach jeden weiteren Kommentar zu verkneifen, damit mir nicht unbeabsichtigt ein Spoiler rausrutscht. Ich würde jetzt einfach mal in den Raum stellen, dass dies innerhalb des Mainstream-Kinos der vertrackteste Coup jenseits von „Der Clou“ ist.

    Aber was die von Dir genannten potentiellen Vorwürfe angeht:

    – zu konfuser Plot: Kann ich nicht nachvollziehen. Ich fühlte mich (als Zuschauer der schon mehr als einen Film von David Lynch gesehen hat)nach einer kurzen Orientierungsphase vom Film gerade zu an die Hand genommen und durch die verschiedenen Erzähl-Ebenen geleitet.

    – zu viel Geballer: nicht komplett von der Hand zu weisen, aber im Film eher als Hintergrundgeräusch eingesetzt. Es dient innerhalb der Handlung eher als Stress auslösendes Element, dass die Figuren dazu zwingt Entscheidungen zu treffen. Wer auf Geballer als Selbstzweck steht ist bei „Predators“ besser aufgehoben.

    – orchestraler Bombast: das ist wahrscheinlich geschmackssache. Nach vielen eher mittelmäßigen Scores von Hans Zimmer (incl. dem zu „The Dark Knight“), war ich von der Musik zu „Inception“ doch ziemlich überzeugt. Ich glaube nicht, dass ich das auch auf CD brauche, aber es war auch kein melodieloses Moll-Gewaber. Und im Gegensatz zu dem Score zu „Shutter Island“ fand ich die Musik diesmal geradezu subtil eingesetzt.

    Zu „Toy Story 3“ – den werde ich dann erst nächsten Dienstag zu sehen bekommen. Obwohl ich mit besten Erwartungen reingehen werde, frage ich mich doch ein wenig wie der Film den zweiten Teil, der zu meiner Top 10 der Lieblingsfilme gehört, noch übertreffen soll. Aber das werde ich dann am Dienstag herausfinden.

    P.S. – Sollte mich nicht noch irgendjemand in den nächsten Monaten einer Gehirnwäsche unterziehen, wird das dieses Jahr auch der letzte Film sein, den ich mir auf 3-D ansehe.

  2. Gunnar

    Macht mich noch gespannter auf „Inception“. (Für alle, die es betrifft: Läuft in Hamburg übrigens nicht nur in sämtlichen Multiplexen, sondern erfreulicherweise auch OmU im Abaton und OF im Streits.)

    Ich schätze, nächsten Dienstag wird deine Lieblingsfilmliste in Bewegung geraten.

    Und das mit der Gehirnwäsche … Vielleicht bringt dich auch ohne eine solche das eine oder andere in Versuchung.

  3. Martin

    Kann Thies bei Inception nur in allen Punkten bestaetigen, fand den Film ziemlich gelungen. Wuerde ihn bei den Nolan Filmen vielleicht auf eine Stufe mit The Prestige setzen. Weiss natuerlich nicht wie er auf deutsch ist, habe ihn mir am Montag hier unten angeschaut. Und das ganze fuer 7 AUD, also gerade ma 5 Euro.

    Und Mary & Max ist ja wirklich ganz grosses Kino! Warum der keinen Oscar bekam ist unbegreiflich. Also gibts den wohl bald auf deutsch auf DVD? Wollte ihn verschenken, habe aber keine deutsche Version gefunden.

  4. Gunnar

    Eine DVD-Veröffentlichung ist noch nicht angekündigt, kommt nach der späten Kinoauswertung aber ziemlich sicher. Ist der in Australien so richtig groß gelaufen, oder blieb der auch im Ursprungsland ein Nischenfilm?

  5. Martin

    Das kann ich nichteinmal sagen, ich kannte den vorher ueberhaupt nicht. Bei meinem woechentlichen Videothekbesuch (DVDhek?) hatte ich den bei den New Weeklies entdeckt und auf verdacht mitgenommen. Und dann 3 oder 4 mal angeschaut.

    Ich warte ja immer noch auf Coraline. Fuer die New Releases bin ich zu geizig und habe gewartet bis er bei den Weeklies erscheint. Jetzt isser nicht mehr bei den Neuen zu finden, bei den Weeklies aber auch nicht. Dabei waere es jetzt echt an der Zeit, mir (bzw. dem Laden) gehen langsam die (guten) Filme aus.

    Martin

  6. Gunnar

    DVDthek. Igitt. Wird aber tatsächlich benutzt.

  7. Andreas

    Wow, tatsächlich, und dann auch noch in der Megadeppenvariante: DVD Thek! Sehenswert.

  8. Martin

    Und ich hatte extra das t weggelassen. Klingt so fast etwas saechsisch.

  9. Thies

    Ist zwar schon wieder zwei Wochen her, aber ich wollte doch noch mal anmerken, dass meine Lieblingsfilmliste nach dem Besuch von „Toy Story 3“ weiterhin unverändert geblieben ist. Nicht dass der Film schlecht war – ganz im Gegenteil fühlte ich mich weitgehend sehr gut unterhalten. Und beim Schluss waren auch bei mir die Augen ein wenig feucht geworden.

    Aber derartig ergriffen wie bei der „When she loved me“-Szene aus Teil 2 fühlte ich mich nie. Und auch das Spiel mit dem Bewusstsein der Toys, wie wenn Woody seine eigene TV-Vergangenheit sieht oder Buzz im Toy-Store auf einen ganzen Gang von Ebenbildern stösst war hier abwesend, was aber auch am verlagerten Story-Schwerpunkt lag.

    Mir war klar, dass dieser Film neben der üblichen Action auch ein Abschied von einem Lieblingsspielzeug darstellen sollte (sozusagen das Coming-of-age des Zuschauers), aber irgendwas stand mir im Weg um das Drama nicht nur zu begreifen sondern auch mitfühlen zu können.

    Hochgradig begeistert war ich dafür vom Vorfilm „Day and night“ (nicht zu verwechseln mit dem mittelmäßigen „Mission: Impossible“-Spoof „Knight and day“ ;-D), der für mich den bisherigen Höhepunkt der Pixar-Kurzfilme darstellt. Und in 3D kommt der Kontrast der Scherenschnitt-Protagonisten und der räumlichen Hintergründe noch viel besser. Allein dieser Vorfilm ist daher schon den Aufpreis für die 3D-Vorstellung wert.

  10. Gunnar

    Danke für die Rückmeldung. „Knight and Day“ hat mir auch gefallen. Eigentlich der überzeugendste 3-D-Film der neuen Welle. Na ja, abgesehen von „Coraline“.