Letztes Shooting

Stern_Giering

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Ist mir zum ersten Mal überhaupt passiert. Ich habe mehrere Mails erhalten von wildfremden Menschen, die ein gedrucktes Foto von mir gesehen  und mich daraufhin ergoogelt haben. Sie wollten sich nur bedanken. Oder fragen, ob sie vielleicht noch mehr Bilder sehen könnten. Dass das Foto überhaupt so prominent im Stern abgedruckt wurde, hat einen traurigen Grund. Frank Giering, der Schauspieler, den ich wenige Wochen vorher fotografiert habe, ist tot. Ich hatte immer noch drauf gewartet, dass er mir Bescheid gibt, für welche Motive er sich entscheidet. Gleich einen Tag nach dem Fototermin hat er mich angerufen und gefragt, wann es etwas zu sehen gebe, dann hat er nichts mehr von sich hören lassen. Beim Fotografieren war er freundlich und fast ein wenig schüchtern, überrascht hat mich, dass er, wenn ich ihm zwischendurch Bilder auf dem Display gezeigt habe, gerade die Motive gut fand, die jeder andere retuschiert haben will. „Tränensäcke, da  sind ja richtige Tränensäcke, das find‘ ich toll“, meinte er.

Wir haben im Berliner Stilwerk in der Kantstraße fotografiert, einem noblen Einkaufszentrum, unangekündigt und ohne Genehmigung. Eigentlich wollten wir die Bilder im Freien machen, aber mauscheliges Licht und niedrige Temperatur führten zum spontan erdachten Plan B. Wir hätten jederzeit rausgeschmissen werden können, aber Frank Giering schreckte das nicht, er kam bereitwillig mit in leerstehende Räume, die nur offen waren, weil gerade Arbeiter darin beschäftigt waren oder lümmelte sich, wie auf dem Bild oben, in Sichtweite der Überwachungskameras auf dem Boden neben den Fahrstühlen.

Ich wusste nicht viel über ihn, kannte die Krimiserie nicht, in der er mitspielte und wusste auch nicht, dass er der eine der beiden Fieslinge in Michael Hanekes „Funny Games“ war. Und erst recht wusste ich nichts über seine Einsamkeit und seine Alkoholprobleme. Und dass er stark abgenommen hatte in den letzten Monaten und ihm die alte Jacke aus seiner Kindheit wohl viele Jahre lang gar nicht gepasst hat.

Frauke Hunfeld hat seine Geschichte für den Stern aufgeschrieben. Ich glaube, es lag vor allem an ihrem einfühlsamen Text, dass manche Leser so bewegt waren, dass Sie sich an mich, den Fotografen gewandt haben. Der hat aufs Foto zurückgestrahlt.

Leider ist er nicht online zu lesen. Dafür aber ein lesenswerter Nachruf von Tobias Kniebe aus der Süddeutschen.

Wir haben auch jede Menge Bilder gemacht, auf denen Frank Giering alles andere als düster dreinschaut. Die entsprechen viel mehr seiner Stimmung während seines letzten Fototermins. Das hier zum Beispiel:

Frank_Giering_FotoGGeller_B

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Nachtrag: Auf Wunsch einiger Leser hier noch ein paar mehr Fotos.

Bilder in größerer Auflösung gibt es jetzt hier zu sehen.

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Portraits 5 Kommentare »

5 Reaktionen zu “Letztes Shooting”

  1. Michael Kleinespel

    Interessante Info. Kann man mehr Fotos sehen?

  2. Martina Jerabek

    Danke, lieber Herr Geller!
    Wie angekündigt. Und wie erhofft auch mit Hintergrund-Text. Und dem lächelnden Foto.
    Danke nochmals.

  3. Gunnar

    Mehr Fotos.

  4. Ein Onkel vom Frank

    … Sehr schöne Fotos (nicht nur die vom Frank) und endlich mal was wahres (der Bericht von Frau Hunfeld) über Frank und nicht nur dass was sich die Boulevardpresse zusammen schrieb. Ich danke Ihnen auch im Namen meiner Schwester.

  5. Gunnar

    Wenn Sie für sich oder andere Angehörige Bilder wünschen, melden Sie sich einfach. Kost nix.