Neu im Fernsehen: Die klasse „Klasse“

KW33

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Die Filmstarts vom 19.8.2010

In Ermangelung eines neu startenden Films, den ich selber sehen oder aber anderen empfehlen möchte, vorab ausnahmsweise ein Fernsehtipp:  „Die Klasse“ läuft am Sonntagabend erstmals im Fernsehen (23:35 Uhr, im Ersten). Zum Kinostart schrieb und zitierte ich letztes Jahr im alten Kinoprovinzblog:

Ein ungewöhnlicher Gewinner der goldenen Palme: Kein Drama, keine Stars oder auch nur namhafte Schauspieler, dafür aber eine Erzählform, die so realistisch ist, dass ahnungslose Zuschauer „Die Klasse“ fast für eine Dokumentation halten könnten.
Erzählt wird von den Nöten eines Lehrers an einer Schule in einem Pariser Vorort, gespielt wird er von François Bégaudeau, auf dessen eigenen Erfahrungen, die er zuvor als Buch verarbeitet hat, das Ganze auch beruht.
Man könnte befürchten, dass es sich hier um ein supersprödes und knochentrockenes Traktat handelt, das das Modethema „Bildungsprobleme von Kindern mit Migrationshintergrund“ für Zeit-Leser aufbereitet, doch scheint das keineswegs der Fall zu sein:
„“Die Klasse hinterfragt ziemlich viel von dem, was Kino ausmacht (Illusion, Fiktion, das Diktat schöner Bilder, was weiß ich): Fast die ganze Zeit spielt der Film im überfüllten Klassenzimmer, erzählt wird ein ganz normales Schuljahr mit seinen Enttäuschungen, Auseinandersetzungen, Problemfeldern und vor allem – Alltag. Der Film ist aber ein berauschender rasender Fluss und dabei wundersam poetisch. Ungerechtigkeiten, die nicht behoben, Unklarheiten, die nicht aufgeklärt werden oder Traurigkeit, die nicht in einem Happy End aufgeweicht wird (ein Happy End wovon auch – vom Leben?)“, schreibt Angelika Reitzer im Standard.
Sieht nach einem sehr ungewöhnlichen und ungewöhnlich gelungenen Film aus, der ein viel größeres Publikum verdient hätte, als er bei uns im Kino erreichen wird.

Meine positiven Vorurteile hatten sich dann auch bestätigt, bei der ARD-Austrahlung handelt es sich allerdings – wie auch gar nicht anders denkbar – um die synchronisierte Fassung, bei der der dokumentarische Charme vermutlich flöten geht.

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Diese Woche neu:

  • Ein Agententhriller nach Bourne-Manier mit Angelina Jolie. Wohl nicht sonderlich originell und mit wenig überzeugendem Plot, aber trotzdem recht unterhaltsam. Roger Ebert meint immerhin: „Jolie’s character, Evelyn Salt, makes it look as though „Lola rennt“ was about walking“. Und: „A good chase scene is a good chase scene“. („Salt„)
  • Eine schwedisch-deutsche Komödie über mittelalte schlaffe Männer, die sich als Synchronschwimmer versuchen. Abgekupfert oder meinetwegen „inspiriert“ von „Ganz oder gar nicht„. Bei der Gestaltung des deutschen Plakat wurde sich dagegen unverfroren beim „Männer, die auf Ziegen starren“-Plakat bedient. Peinlich, oder? („Männer im Wasser„)
  • Ein nüchtern im „Berliner Schule“-Stil erzählter deutscher Film über einen ebenso nüchtern Leute abknallenden Massenmörder, der vom Verleih irritierenderweise als „tragische Liebesgeschichte eines Außenseiters und seiner Freundin“ verkauft wird. („Distanz„)
  • Ein deutsches Krimi-Debüt um Kindsmord und Aufklärung mit dem vielbeschäftigten Dänen Ulrich Thomsen als Mörder. („Das letzte Schweigen„)
  • Der jüngste Quatsch des Kornkreis-Spinners M. Night Shyamalan, von dessen einstiger „Sixth Sense„-Reputation nix mehr übrig ist. („Die Legende von Aang„)
  • Wieder mal unsäglicher Italienkitsch aus Hollywood. Max Gold hat, noch zu Onkel-Max-Zeiten, die Verwendung des Wortes Kitsch getadelt, es handele sich um eine „Allerwelts-Totschlagvokabel“, das Wort bezeichne viele sehr unterschiedliche Erscheinungen, die man besser präzise benennen solle. Ist „Italienkitsch“ nicht aber recht eindeutig? („Briefe an Julia„)
  • Noch mehr Kitsch, vermute ich: Ein französischer Dokumentarfilm über das erste Lebensjahr von vier niedlichen Kinderchen, die in Namibia, den USA, der Mongolei und in Japan aufwachsen. Der Regisseur spannt „einen Bogen poetischer Beobachtungen“, droht der Pressetext. („Babys„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, der jüngste Film mit Simon’s Cat, der unwiderstehlich komisch und, ja, niedlich animierten Katze, dem ersten Zeichentricktier, das allein im Netz zu Ruhm gekommen ist:

Hoppla, läuft offenbar zeitweise bei uns nicht, aufgrund von Urheberrechtsansprüchen der Produktionsfirma, die den Film selbst hochgeladen hat. Sehr seltsam. Dann eben hier einer der schönen Vorläufer:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Neu im Fernsehen: Die klasse „Klasse“”

  1. Das Trio

    > die synchronisierte Fassung, bei der der dokumentarische Charme vermutlich flöten geht.

    Ich kann beruhigen: Hatte den Film letztes Jahr auch synchronisiert im Kino gesehen, und er verliert nichts von seinem Charm (soweit ich das ohne die Originalfassung beurteilen kann).

  2. Martina Jerabek

    Simon’s Cat in „The Box“…
    Meine Mietzen führen sich genau so auf mit Schachteln. Reinhüpfen, rumwuseln und zerfleddern :-)