Neu im Kino: Tolles aus Knete

KW34

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Die Filmstarts vom 26.8.2010

Meine bereits neulich angekündigte Lobhudelei aus der Titanic:

Es ist ja schon seltsam, dass die alte, unglaublich aufwendige Stop-Motion-Technik gerade eine Renaissance im abendfüllenden Film erlebt. Ließe sich Dreidimensionales mit digitaler Animation doch viel perfekter machen. Erfreulich ist das aber unbedingt. Neben den verlässlich guten Produktionen der britischen Aardman-Studios (»Wallace&Gromit«, »Shaun the Sheep«) oder Tim Burtons und Henry Selicks Trickfilmen gelang es jüngst sogar, Geld für ein noch viel abwegigeres Projekt aufzutreiben, das inzwischen den Höhepunkt dieses Genres darstellt: »Mary&Max«, ein australischer Knetfigurenfilm, der keinerlei Rücksicht auf irgendwelche Konventionen nimmt und auf Kinder als Zuschauer pfeift, wenn er komisch und bitter und wahrhaft anrührend von einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft erzählt.

Ein achtjähriges Mädchen, das seine trostlose Existenz mit einer alkoholabhängigen Mutter, einem desinteressierten Vater und ohne Freunde in einem Vorort von Melbourne verbringt, schreibt an eine zufällig ausgesuchte Adresse in New York und nimmt so Kontakt zu einem gereiften Amerikaner auf, der seine nicht minder trostlosen Tage mit Asperger-Syndrom, Übergewicht, einem unsichtbaren Freund und ohne Arbeit herunterlebt. Das ist nun aber nicht der Ausgangspunkt für eine sich verwickelnde Geschichte (auch wenn gegen Ende doch noch ein wenig Dramatik geboten wird), statt dessen werden aus dem Off viele, viele Briefe vorgelesen, die die beiden sich schreiben. Und wenn gerade kein Brief vorgelesen wird, ist fast unentwegt der Erzähler zu hören.

Der Film lebt von diesen irrwitzigen Texten und deren bewegter Bebilderung, die, mit Unmengen Details angereichert, eher wirkt wie ein optischer Kommentar. Adam Elliot, der Autor, Regisseur und Szenenbildner dieses sparsam kolorierten Brieffilms, hat in sehr ähnlicher Machart und Tonlage, allerdings mit sichtbar geringerem Aufwand, in früheren Jahren vier Kurzfilme gedreht. Hierzulande waren die nur in »Kurzschluss« auf Arte zu sehen, lassen sich aber auf Youtube leicht finden. Dass er die Chance bekam, auch bei einer vergleichsweise teuren Produktion kompromisslos bei seiner eigenwilligen, formal wie inhaltlich sehr persönlichen Handschrift zu bleiben, und dass das auch noch über volle Spielfilmlänge bestens funktioniert und der dünne Handlungsfaden nicht reißt – das kann man nur als Glücksfall bezeichnen. Für ihn, für mich und für alle, die nicht genug von Knete kriegen können.

Auf der imdb-Liste der bestbewertesten Trickfilme hat sich der australische Knetfilm bis auf den sechsten Platz vorgeschoben. Hinter dreimal Pixar und zweimal Miyazaki. Vor sämtlichen Disneyfilmen, vor sämtlichen sonstigen Stop-Motionfilmen. Erstaunlich.

„Mary & Max“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Und ein Verriss für die soeben erschienene Septemberausgabe der Titanic:

Sie ist schon arg geschäftstüchtig, Anne Goscinny, die Erbin des Comicszenaristen und Asterix-Autors René Goscinny. Völlig überraschend entdeckte sie vor ein paar Jahren achtzig »unveröffentlichte« Geschichten vom »kleinen Nick« (inklusive Illustrationen von Sempé, der die Figur in den frühen Fünfzigern erfunden hat), veröffentlichte sie im eigenen, eigens dafür gegründeten Verlag, die Medien begleiteten den sensationellen Fund mit viel Getöse und Frau Goscinny verkaufte bergeweise Bücher und Lizenzen. Zwei Jahre später wiederholte sich das dann alles – huch, da sind ja noch mal 45 Geschichten, wie konnten wir die nur übersehen? – dann folgten allerlei Sonderveröffentlichungen vom Kalender bis zum Pop-Up-Buch, bis im vergangenen Jahr das Tamtam dann einen neuen Höhepunkt erreichte, als nämlich der angeblich »fünfzigste Geburtstag« des »petit Nicolas« begangen wurde, inklusive einer Ausstellung im Pariser Rathaus, Sonderbriefmarken und wiederum einem, diesmal noch schmaleren Bändchen mit »neu entdeckten« Geschichten.

Sympathisch ist das alles gar nicht, aber an den ganzen ausgegrabenen Texten gibt es nichts zu meckern, da erzählt der »kleine Nick« wie eh und je atemlos und kunstvoll stolperig von seinen ebenso kleinen Abenteuern mit seinen Kumpels, der besorgten Mutter, dem stets überforderten und gestressten Vater und Nebenfiguren wie dem hilflosen Hilfslehrer Hühnerbrüh oder dem gehässigen Nachbarn Bleder. Der Tonfall ist es, der das Ganze trägt und für den ist in der deutschen Fassung, damals wie heute, der prima Übersetzer Hans-Georg Lenzen verantwortlich.

Unerfreulich sind hingegen die Adaptionen, für die die rührige Goscinnytochter bereitwillig die Rechte verkauft hat. Zuerst kam eine lausige computeranimierte Fernsehserie (»eine großartige Arbeit«, so Anne Goscinny), von deren Debilität und liebloser Machart unsereins sich im Kika-Programm überzeugen konnte. Jetzt folgt ein Realfilm, und Anne Goscinny gibt sich erneut begeistert: »Der Film steht auf demselben Niveau wie die Buchvorlage«, behauptet sie im Pressetext, und auch Sempé gab seinen Segen und Illustrationen für den Vorspann.

Das Vorhaben ist nichtsdestoweniger auf allen Ebenen gescheitert: Aus den kurzen Episoden wurde keine tragfähige Handlung konstruiert, die kindliche Perspektive des Ich-Erzählers Nick und der Erzählton sind komplett flötengegangen, ja das Ganze wirkt überhaupt, als hätten die Macher eigentlich keine Ahnung gehabt, was sie mit dem Stoff anfangen sollten. Die Kinder, allesamt blaß und kein bißchen witzig, stehen herum und reden gestelzt daher, sind sich sogar immer wieder einig, statt sich wie in der Vorlage hemmungslos egoistisch in Chaos und Gekloppe zu stürzen. Darum bleibt ihr Äußeres auch stets adrett und ordentlich, was immerhin formidabel zu den sterilen bunten Fünfziger-Jahre-Kulissen und -Requisiten paßt. Nicht nur visuell, auch inhaltlich hat das keinerlei Bezug zu irgendeiner Realität, und zwecks beabsichtigter komischer Wirkung wird maßlos übertrieben: Da wohnt Georg, der bekanntlich einen reichen Vater hat, gleich im Schloß, oder ein eben entlassener Sträfling wird von Gangstern über den Haufen geschossen. Nicks Welt verliert dadurch jede Kontur, eine denkbar schlechte Voraussetzung für kleine Alltagsepisoden. Einzig Kad Merad, der Postfilialleiter aus »Willkommen bei den Sch’tis«, sorgt in der Rolle des Vaters für einige komische Momente, bezeichnenderweise vor allem dann, wenn weder Nick noch die Vorlage in Sicht sind.

Ich rate alten Zauseln und jungen Hüpfern gleichermaßen vom Kinobesuch ab. Wenn Sie Ihren Kindern komische Filmkost mit nostalgischer Anmutung kredenzen und selbst auch etwas zu lachen haben wollen, dann besorgen Sie sich lieber den Schweizer Film »Mein Name ist Eugen« auf DVD.

Meine Bände vom „kleinen Nick“ sind die einzigen Kinderbücher, die jeden Umzug mitgemacht haben und die mir bei jedem Wiederlesen gefielen, ganz gleich in welcher Lebensphase ich mich gerade befand. Da hätte es bei mir auch eine gelungenere Adaption schwer gehabt.

Und um die Gelegenheit zu nutzen, ausnahmsweise etwas Positives über deutsches Fimschaffen zu schreiben: Verglichen mit diesem Murks sind die Kinderbuchverfilmungen aus dem Hause Collina (Sams-Filme, Herr Bello, Räuber Hotzenplotz, Lippels Traum) nicht nur akzeptabel, sondern – trotz oft großer Entfernung zu den Vorlagen – geradezu gut.

„Der kleine Nick“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein Actionreißer von und mit Sylvester Stallone, der sich zur Aufrischung Jet Li und Jason Statham mit ins Boot geholt hat. Die Kritiker sind wenig begeistert, die Imdb-Nutzer schon mehr. Für alle, die das Genre mögen, trotz aller Mängel ein Muss, allein schon weil jede Menge Action-Stars der Vergangenheit zum Einsatz kommen. Selbst Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis sind dabei. („The Expendables“)
  • Die neue Komödie von Dani Levy, in der er sich und sein Metier selbstironisch in Woody-Allen-Manier zum Thema macht. Sieht leider eher nicht nach einem gelungenen Befreiungsschlag aus. Von Veronica Ferres bis Heino Ferch spielen sie alle mit. („Das Leben ist zu lang„)
  • Eine deutsche Liebesgeschichte, in der eine Bibliothekarin einem Baumfäller verfällt und sein Sohn ihrer Tochter. Ekkehard Knörer war sehr angetan. („Die Liebe der Kinder„)
  • Eine offenbar angestrengt bildgewaltiges Drama von Gaspar Noé, eine Geschichte über ein Geschwisterpaar, das als Nutte und cracksüchtiger sowie bald toter Dealer in Tokyo gelandet ist. Sieht nach Holzhammerkino aus, das sich ungeheuer raffiniert und revolutionär vorkommt. Die ausgiebige Bebilderung von Drogenräuschen soll durchaus originell sein, aber bei einer Länge von 162 Minuten dürften die Nervanteile so richtig nerven. („Enter The Void“)
  • Ein Biopic aus dem Theatermilieu über die Anfänge der Karriere von Orson Welles. Von – ausgerechnet – Richard Linklater. Läuft in jeder Stadt, denn Zac Efron spielt das „Ich“ aus dem Titel. („Ich & Orson Welles„)
  • Eine Komödie über das verpfuschte Leben eines Kosmetikvertreters in der bayerischen Provinz, die auch nur ebenda in den Kinos läuft. Wahrscheinlich recht nett. Mit Inka Friedrich, die mal auch mal vor meiner Kamera stand. („Die Hummel„)
  • Ein Tanzfilm für Bravoleser. („Step-Up 3D„)
  • Und ein im Trailer in jeder Hinsicht geradezu erstaunlich dilettantisch wirkender Puppenfilm aus Köln. („Rumpe und Tuli„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

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Und noch etwas, wenig überraschend, die Kurzfilme von Adam Elliott. Leider allesamt ohne Untertitel, in der englischen Originalfassung. Wer mit der Erzählweise und dem Humor hier nix anfangen kann, sollte auch um „Mary & Max“ einen Bogen machen. „Uncle“, von 1996:

„Cousin“, von 1998:

„Brother“, von 1999:

Und „Harvie Krumpet“, von 2003:

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