Neu im Kino: Krimi, Meistertrick, Honig, Aquarium und Spinner

KW38

* * *

Die Filmstarts vom 23.9.2010. Und vom 16.9. Und sogar noch vom 9.9.

Da bin ich wieder, ich bitte meine Abwesenheit zu entschuldigen, ich hatte schlicht keine Zeit für den Rundblick oder sonstige Einträge, mich haben viel Arbeit, diverse Umbauarbeiten und ausufernde Kindergeburtstage am Schreiben gehindert. Mit den Kindergeburtstagen ist jetzt erst mal Schluss, die beiden anderen Hinderungsgründe dürften auch in den nächsten Wochen nur sporadisch Blogeinträge zulassen.

* * *

Erst einmal die Neustarts vom 23.9.:

Die Handlung ist konsequent unoriginell und das nicht nur, weil es sich bei »Dinner für Spinner« um das Remake einer französischen Komödie aus den Neunzigern handelt, die auf einem Theaterstück basiert. Sämtliche Bestandteile jüngerer Hollywoodkomödien sind enthalten, das leicht Zotige kombiniert mit dem Sentimentalen, ein verrücktes Paar, diesmal gegeben von Paul Rudd und Steve Carell, ein wenig Satire und ein bisschen Romantik, viel Raum für einige durchgeknallte Nebenfiguren und nach jeder Menge Spott dann doch die Moral. Auch die Pointen zeichnen sich eher nicht durch sonderliche Originalität aus, folgen allerdings so dicht aufeinander und reichen erfrischend abwechslungsreich von Slapstick über Verwechslungsquatsch bis hin zu cleveren Screwballdialogen, dass ich zu meiner eigenen Überraschung in fast jeder Filmminute lachen musste.

Ich hatte mir den Film vorab für die Titanic angeschaut. Die Kritiken zum Spinnerdinner fallen insgesamt eher durchwachsen aus.

„Dinner für Spinner“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

* * *

Eindeutig vielversprechend scheint mir dagegen die – nach der Dennis-Lehane-Adaption „Gone, Baby, Gone“ (hier ein paar Sätze dazu aus der alten Kinoprovinz) – dritte Regiearbeit von Ben Affleck zu sein. Wieder ein Krimi, wieder aus Boston, diesmal eine Bankraubgeschichte nach einem in den USA vielgelobten Roman von Chuck Hogan, der als „Endspiel“ auch still und leise bei uns auf Deutsch erschienen ist. Wird als im besten Sinne altmodischer, düsterer Thriller gelobt, der sowohl mit seiner Action als auch mit einer überraschenden Liebesgeschichte überzeugt. Und Affleck selbst soll unter seiner eigenen Regie als Räuber, der nicht mehr rauben will, zu Hochform auflaufen. Sicher nicht gerade die Neuerfindung des Genres, aber wohl mindestens einer der besten Kriminalfilme des Jahres.

„The Town“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

* * *

Ebenfalls richtig gut scheint die Geschichte einer 15-jährigen aus einem Außenbezirk von Essex zu sein. Sie hat ein Scheißleben und keine Perspektive, sucht nach Liebe und findet die Nähe des Falschen. „Fish Tank“ soll in bester Loach-und-Leigh-Manier gedreht sein, mit realistischen Charakteren in realistischer Umgebung, aber mit Schwung und Sentiment erzählt. Das Leben der Hauptdarstellerin Katie Jarvis scheint dem Leben ihrer Figur recht ähnlich zu sein, sie stammt tatsächlich aus der Siedlung und hat inzwischen – achtzehnjährig – ein Kind bekommen. Regie führte Andrea Arnold, ausgezeichnet wurde das Sozialdrama in Cannes mit dem Preis der Jury. Schade, dass vermutlich wieder kaum ein Jugendlicher sich den Film anschauen wird. Aber Teenies wollen Stars und gehen ins Multiplex.

„Fish Tank“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

* * *

Außerdem neu:

  • Der neue Film von Oskar Röhler, der nach dem – zumindest unter ökonomischen Aspekten betrachtet – Totalreinfall von „Lulu & Jimi“ auf das vermeintlich sichere Nazipferd gesetzt hat. Mit Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels. Die Farce über die Entstehung von „Jud Süss“ gefällt aber niemandem und ein vermutlich erhoffter Skandal bleibt auch aus, obwohl es Szenen gibt, wie jene, die Kay Sokolowski in Konkret so beschreibt: „Der Schauspieler Marian, berühmt geworden, als er den Deutschen das Bild eines Juden gab, das zu hassen sie liebten, macht sich a tergo über die Frau eines SS-Offfiziers her. Sie lehnt sich aus dem Fenster, beaobachtet einen Luftangriff auf Berlin und vergeht in Wonne. Indes zitiert Marian die Zeilen, die er unter der Regie Veit Harlans aufgesagt hatte, bevor er die ‚Reichswasserleiche‘ Kristina Söderbaum schändete. Der Zuschauer lernt: Nazifrauen macht es geil, wenn vorn was explodiert und hinter ein süßer Jud sich abrackert.“ („Jud Süss – Film ohne Gewissen„)
  • Eine Doku aus der Schweiz, die mit Interviews von ehemals engen Mitarbeitern und mit Archivmaterial ein kritisches Bild des Sektenführers Bhagwan und seiner Organisation zeichnet. („Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard„)
  • Ein deutsches Jugenddrama um Kleinganoven aus Würzburg. („Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung„)
  • Ein Selbstfindungsfilm aus Hollywood, in dem sich Julia Roberts einmal um die Welt lächelt. („Eat Pray Love„)

* * *

Schon letzte bzw. vorletzte Woche gestartet:

Der Gewinner des goldenen Bären, „Bal – Honig“, ein offenbar sehr schöner, stiller Film über einen Siebenjährigen auf der Suche nach seinem Vater in einer berückend schönen Gegend im Osten der Türkei. Finden alle toll.

„Bal – Honig“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

* * *

Und der jüngste Film von Trickfilmmeister Hayao Miyazaki ist dann überraschenderweise doch noch in unsere Kinos gekommen. Er erzählt von einem Fünfjährigen und einem Goldfisch, der sich als weibliches Wesen mit erstaunlichen Transformationsfähigkeiten herausstellt. Ihr Wechsel an Land hat weltbewegende Folgen. Wunderbar wie stets, mit Musik von Joe Hisaishi, wie stets, aber diesmal auch schon für die ganz lütten Zuschauer gedacht. Ich fände es ja erfreulicher, wenn Miyazaki sich in die Gegenrichtung bewegte und wenigstens einmal auf die Kleinen pfiffe. Wer „Totoro„, „Chihiro“ und „Laputa“ noch nicht kennt, sollte eher damit anfangen. Für alle anderen ein Muss.

„Ponyo“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

* * *

Außerdem in den letzten vierzehn Tagen angelaufen:

  • Der neue Ozon. Ein Paar, sie nehmen Heroin, er stirbt, sie ist ist schwanger, fährt ans Meer. Sie trauert. Ekkehard Knörer schreibt im Perlentaucher: „Wie so bei oft bei Ozon denkt man: Er enthält sich, seine Kompositionen, seine Schnitte und noch die Musik, wo sie seltsam neutral einsetzt, enthalten sich. Ozon beobachtet, man weiß nur nicht genau, warum. Er demonstriert weder Interesse noch Desinteresse, kühl führt er seine Figuren vor, die tun, was sie tun. Heraus kommt, wieder einmal, ein Rätselbild ohne Geheimnis“. Mir gefällt so was ja. („Rückkehr ans Meer„)
  • Ein vermutlich recht hübsches Roadmovie mit Gérard Dépardieu als tauriger, zotteliger und pensionierter Dickhäuter auf dem Motorrad. Isabelle Adjani ist auch dabei. („Mammuth„)
  • Ein deutsch-österreichischer Zombiefilm, der erstaunlicherweise von den Öffentlich-Rechtlichen finanziert worden ist. Läuft noch dieses Jahr im Fernsehen. („Rammbock„)
  • Noch ein Zombiefilm, der vierte Realfilm aus dem „Resident Evil„-Franchise, alles wie gehabt, aber diesmal in 3D. („Resident Evil – Afterlife„)
  • Die Verfilmung einer ganz netten Comicserie für Heranwachsende. Die Bücher bestehen aus Tagebucheintragungen in Form von Krakelzeichnungen eines wenig beliebten Schülers, der an diesem Zustand dringend etwas ändern will. Die Adaption ist wohl nur bedingt gelungen. („Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt„)
  • Ein offenbar recht belangloser Thrillerversuch mit George Clooney vom schwer erfolgreichen Pop-Fotografen und Biopicfilmer Anton Corbijn. („The American„)
  • Eine Doku über einen Klavierstimmer. Wahrscheinlich sehr gelungen. („Pianomania„)
  • Ein deutscher Teeniefilm über eine Siebzehnjährige, die sich in einen Popstar verliebt, ohne von seinem Ruhm zu wissen. Seine Band hat den unfassbar blöden Namen „Berlin Mitte“ Das Ganze ist vermutlich nicht so schlimm, wie man erst einmal befürchten könnte. („Groupies bleiben nicht zum Frühstück„).
  • Eine Handkamera-Indiefilm über zwei bürgerliche, männliche Heteros, die, Skandal, Skandal, einen Kunstporno drehen, in dem sie selbst, Skandal, Skandal, vor der Kamera ganz in echt das Rein-Raus-Spiel betreiben. Oh Mann. („Humpday„)
  • Ein deutsches Mittelalterspektakel mit internationaler Besetzung. Mittelalter, Mittelalter, überall Mittelalter, was ist eigentlich los?) („Black Death„)
  • Eine, wie es scheint, lausige „Twilight“-Parodie. („Beilight – Bis zum Abendbrot„)
  • Ein französischer Tierfilm, der davon erzählt, was auf einem idyllischen Bauernhof passiert, wenn der Landwirt ins Krankenhaus muss. („Die wilde Farm„)

* * *

Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten bei Moviepilot heraus. Ines Walk erstellt bei Filmzeit die nützlichsten Pressespiegel im deutschsprachigen Raum und Christoph Jochems versammelt akribisch Unmassen von hilfreichen Links bei Filmz.de.

* * *

Und noch etwas, die vielleicht schönste Szene aus Hayao Miyazakis „Totoro“:

* * *

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Krimi, Meistertrick, Honig, Aquarium und Spinner”

  1. Thies

    War gestern Abend in „The Town“ – wirklich ein gelungener Krimi mit überzeugenden Darstellerleistungen vor allem in den Nebenrollen und stimmiger Inszenierung. „Gone Baby Gone“ liegt bei mir noch ungesehen auf DVD rum – sollte ich jetzt wohl mal nachholen, denn Affleck scheint als Regisseur durchaus was drauf zu haben.