Puzzleteile, Atomkraft, iPhone-Liebe und ein Killermädchen

KW21

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Die Filmstarts vom 26.5.2011

Tolle Drehbücher hat er geschrieben: Guillermo Arriaga ist der Autor von „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ sowie der drei Iñárritufilme „Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“. Mit Alejandro González Iñárritu hat er sich entzweit, also führt er jetzt selbst auch noch Regie. „Auf brennender Erde“ (eigentlich „The Burning Plain“) lief schon vor drei Jahren im Wettbewerb von Venedig und kommt jetzt erst bei uns ins Kino. Die Verspätung dürfte damit zusammenhängen, dass nicht nur die Kritiken sondern auch die Einspielergebnisse im Rest der Welt eher mau waren.

Es geht um Liebe und Familie, Emotionen galore und es wird bewährt verschachtelt erzählt mit wilden Sprüngen zwischen Orten und Zeiten und Figuren, aber zum Schluss werden alle Puzzleteile fein säuberlich zusammengefügt und das ist es, was den Kritikern mehrheitlich überhaupt nicht gefallen hat. Gut möglich, dass die Kritik überzogen ist, wie jüngst bei Iñárritus „Biutiful„. Vielleicht sind viele Schreiber des Stils einfach überdrüssig geworden und reagieren allergisch auf die Kombination von Komplexität und Melodramatik, während ich den Tricksern gern auf den Leim gehe. Vielleicht taugt Arriagas Debüt aber auch wirklich nichts. Mal schauen.

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Ein Action-Thriller mit Märchenelementen über eine hübsche, sechzehnjährige, weibliche Tötungsmaschine? „Och nö“ ist meine erste Reaktion. „Ach doch“ meine zweite. Für den Film spricht, dass Joe Wright, der Regisseur, mit ihm demonstriert, dass Action-Filme nicht notwendigerweise hirnlos sein müssen, meint Roger Ebert jedenfalls. Und außerdem will ich „Wer ist Hanna“ unbedingt sehen, weil sein Finale im Berliner Spreepark gedreht wurde, dem verlassenen Ex-Vergnügungspark, den sich seit Jahren die Natur zurückerobert, was überaus schön anzuschauen ist.

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Volker Sattel hat drei Jahre an seiner Doku über Atomkraft in Deutschland gearbeitet und kaum ist sie fertig, knallt’s in Fukushima und das Interesse am Film ist auf einmal groß. Sattel durfte überall rein, wo wir nie rein dürften und überrascht offenbar mit einem ungewöhnlichen Blick auf eine schon museal wirkende Technologie sowie mit großer Nüchternheit und dem völligen Verzicht auf Dramatisierung und Bewertung. Hier ein lesenswerter Text zum Film aus der Jungle World, von Nina Scholz. Ich werde mir das allein schon aus ästhetischen Gründen anschauen, die Retro-Sci-Fi-Optik der angejahrten Kraftwerke hat es mir angetan. Und schlauer als zuvor werde ich nach dem Kinobesuch vermutlich auch sein. Wengistens ein bisschen: „In ‚Unter Kontrolle‘ hat man eine Datenmenge, die für vielleicht dreißig Minuten langt, auf über anderthalb Stunden zerdehnt“, schreibt Manfred Hermes in Konkret.

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In „I phone you“ spielt ein iPhone als Mittel der amourösen Kommnikation eine der Hauptrollen. Kathrin Häger vom Filmdienst findet das schlimm und schreibt vom „Schielen auf produktbedingte Hipness“, während der geschätzte Daniel Sander vom Kulturspiegel darauf hinweist, dass die die ganze Zeit mit einem iPhone-Modell hantiert werde, das mittlerweile längst veraltet sei und allein schon darum der „womöglich angepeilte Kommentar zu hypermoderner Liebe im drahtlosen Hightech-Zeitalter“ nicht funktioniere.

Es lieben sich (vielleicht) eine Chinesin aus Chongqing und ein chinesischer Geschäftsmann aus Berlin und der Film spielt erst hier und dann da und lässt vor allem da wohl wenige der zu erwartenden Klischees aus. Regie bei der deutsch-chinesischen Koproduktion führte die junge chinesische Regisseurin Dan Tang, die in Babelsberg studiert hat und für das Drehbuch ist kein geringerer als der alte Wolfgang Kohlhaase verantwortlich. Das Ergebnis reicht sicher nicht an „Ich war neunzehn“ oder „Sommer vorm Balkon“ ran, aber eine annehmbare kleine Sommerkomödie dürfte es schon geworden sein.

„I Phone You“: TrailerLinks | Kinos

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Außerdem neu:

  • Eine amerikanische Doku über ein Projekt des bildenden Künstlers Vic Munez, der sich der Riesenmüllkippe von Rio und der Ärmsten, die sich dort durchschlagen bedient um seine Kunst zu befördern. („Waste Land“)
  • Und eine deutsche Komödie mit Olli Dittrich in fünf Rollen. Aber: Katja Riemann in eben so vielen. („Die Relativitätstheorie der Liebe„)

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Und noch etwas, ein paar Fotos aus dem Spreepark, die ich da vor ein paar Jahren gemacht habe. Mittlerweile dürfte es alles noch ein wenig höher gewuchert sein.

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Über den ehemaligen Spreeparkbetreiber und seine höchst unterhaltsamen kriminellen Machenschaften wurde  übrigens ein Dokumentarfilm namens „Achterbahn“ gedreht. Und der Spreepark ist auch die Location, an dem das herrlichste Guttenberg-Foto entstanden ist: Der Großwildjäger auf erlegtem Dino nebst Gattin zu seinen Füßen.

Bis zum 29.5. lässt sich der Park übrigens besuchen, ohne dass man über den Zaun klettern muss: Das HAU bespielt ihn ein paar Tage lang. Mitwirkende sind unter anderen die großartige Theatergruppe Showcase Beat le Mot, die mit Hilfe der Besucher einen „Burn Out Man“ bauen: „Er steigt mit seinen Betonfüßen auf den kalifornischen Burning Man, der auf dem verbrannten Fundament des keltischen Wickerman steht. Tief unten in der Hölle begleitet uns Bach auf Satans Champagnerorgel, und himmelhoch jauchzend singen die Engel des urbanen Hexensabbats. Homer hat uns verpfiffen, Shakespeare uns verkauft, Goethe uns versteigert, der Kommunismus uns übervorteilt, der Kapitalismus uns verarscht, nur die Götter sind uns treu geblieben. Darum huldigen wir ihnen und opfern alle Künste und Sprachen, die wir kennen, damit unser Alltag verbrennt und aus seinem Rauch etwas Neues entsteht. So feiern wir das Frühjahrsfest der Erschöpfung und bitten die Götter um eine breitere Zukunft.“

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 4 Kommentare »

4 Reaktionen zu “Puzzleteile, Atomkraft, iPhone-Liebe und ein Killermädchen”

  1. Andreas

    Yippieh – die Kinoprovinz ist wieder da! Mal sehen, vielleicht gehe ich jetzt sogar mal wieder ins Kino.

  2. Trailerschau für Filmstarts vom 26.5. - Abspannsitzenbleiber

    […] Übrigens, auch Gunnar Geller, der auf seinem Blog genau wie ich Vorurteils-basierte Filmempfehlungen ausspricht, hat nach noch viel längerer Pause diese Woche wieder angefangen. […]

  3. Thomas

    Willkommen zurück! Here to stay, hoffe ich.

  4. Kopfhoerer

    Eine Hand wäscht die andere.