Neu im Kino: Nahosttragik, ein Autoanwalt und diverse Anfänger

KW25

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Die Filmstarts vom 23.6.2011 (Und auch ein paar vom 16. und vom 9.6.)

Schwester Susanne, so steht es jedenfalls auf ihrem Kittel, hat sich von mir heute morgen, nachdem sie mir Blut abgezapft hat, die Zeitung geborgt, um sich eine Kopie von der Filmseite zu machen. Ihr Interesse galt allein dem Film “Die Frau, die singt”. Und ich glaube, sie hat Recht: Es ist der interessanteste Film der Woche. Meist werden derzeit ja Filme fürs Theater adaptiert, “Die Frau, die singt” ist mal wieder ein gelungenes Beispiel für den althergebrachten gegenteiligen Weg. Es scheint so, als sei es dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve gelungen, die Geschichte des Stücks “Verbrennungen” des Libanesen Wajdi Mouawad adäquat auf die Leinwand zu bringen, indem er sich auf Bilder verlässt, statt nur auf Worte. Es geht um eine tote Mutter und deren seltsame Hinterlassenschaft an ihre erwachsenen Zwillinge: Zwei Briefe, an einen tot geglaubten Vater und einen bis dato unbekannten Bruder. Die beiden begeben sich auf Spurensuche in ein nicht genau bezeichnetes Land des nahen Ostens und es entfaltet sich, mit Hilfe vieler Rückblenden erzählt, eine Familientragödie antiken Ausmaßes vor dem Hintergrund von Gewalt und religiösem Wahn.

Die Kritiken lesen sich fast durchweg positiv. Über “Mut zum Pathos”, “emotionale Wucht” und “humanistische Qualität” schreibt etwa Felicitas Kleiner im Filmdienst, “stupende dramaturgische Parallelführung” attestiert Susanne Ostwald in der Neuen Zürcher dem Drama und schreibt, dass in “jeder Szene die Spannung” gehalten werde. Daniel Sander vom Kulturspiegel meint, dass der Film mit “seinen unglaublichen Wendungen und schockierenden Enthüllungen zwar immer wieder Anklänge an eine Seifenoper” habe, aber dennoch eine “überlebensgroße Tragödie, unglücklich und unwiderstehlich” sei. Hört sich alles sehr verlockend an. Ganz im Gegensatz zu dem abschreckenden deutschen Titel. “Die Frau, die rülpst” würde mich noch eher ansprechen. (Und um noch weiter abzuschweifen: Erinnert sich außer mir noch jemand an den Titel einer Reihe der Büchergilde Gutenberg aus den Achtzigern, “Frauen schreiben”? Was haben wir gelacht. Frauen schreiben. Sensationell! Was die alles können.)

“Die Frau, die singt“: Trailer | Presseschau | Links | Kinos

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Der neue Film von Ulrich Köhler, dem “Montag kommen die Fenster“-Regisseur, spielt in Afrika und mit Motiven aus Joseph Conrads “Herz der Finsternis”, es geht um einen desorientierten niederländischen Entwicklungshelfer in Kamerun. Leider scheint er unerträglich dröge geraten zu sein, “Die ‘Schlafkrankheit’ (so lautet der Filmtitel) befällt streckenweise auch die Zuschauer, urteilt Carolin Ströbele in der Zeit. Und Philipp Schmidt schreibt in Konkret: “Der Film, den man der sogenannten Berliner Schule zurechnen kann, ist stocknüchtern und staubtrocken erzählt. Streckenweise wirkt er wie eine schlechte Dokumentation, der das Thema abhanden gekommen ist. Die Kamera scheint sich verirrt zu haben. Wo andere Autorenfilme noch den alltäglichsten Handlungen neues Leben einhauchen, bleibt ‘Schlafkrankheit’ steril und in einem naiven Realismus befangen, der dem Aberglauben anhängt, Film könne durchs reine Abbilden der Realität die Dinge darstellen, ‘wie sie wirklich sind’.” Den silbernen Bären für die Regie hat Ulrich Köhler im Februar aber trotzdem in Empfang nehmen können. Die Frau der Hauptfigur, die mit Kind zurück nach Deutschland geht, wird von der sympathischen Jenny Schily gespielt, für mich persönlich der einzige Grund ins Kino zu gehen. Im letzten Jahr habe ich sie durch den Sucher meiner Kamera gesehen, auf der Leinwand, dem Bildschirm oder der Bühne aber noch nie.

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“Schlafkrankheit“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Michael Connelly ist vor allem bekannt als Autor der Romanserie um Privatdetektiv Harry Bosch. Wer für das Genre etwas übrig hat und sich nicht mit den alten Recken von Philip Marlowe über Lew Archer bis hin zu Matt Scudder begnügen mag, der kommt an Connellys Romanen nicht vorbei, die sogar zuverlässig auch auf deutsch erscheinen. Einen Ausflug in das Genre Justizthriller hat er 2005 auch gemacht, “The Lincoln Lawyer” ist der Titel, auf deutsch wurde der Roman wie jetzt auch die Verfilmung “Der Mandant” betitelt, wohl in der Hoffnung, dass sämtliche Grisham-Fans das Portemonnaie zücken. “I like movies about smart guys who are wise asses, and think their way out of tangles with criminals. I like courtroom scenes. I like big old cars. I like ‘The Lincoln Lawyer’ because it involves all three”, schreibt Roger Ebert. Ich mag Szenen im Gerichtssaal eher nicht und meine Begeisterung für große, alte Autos hält sich auch in Grenzen und so bin ich mir nicht sicher, ob mir der sicherlich sehr solide zusammengeschraubte Justizthriller mit Matthew McConaughey ebenso gefallen wird, wie dem ollen Ebert. Wenn er im Fernsehen ausgestrahlt werden sollte und ich das Gerät auch mal einschaltete, dann sähe ich ihn mir aber sicher gerne an. Bei imdb wurde die Durchschnittsnote 7,4 vergeben und die Kritik ist auch freundlich gestimmt.

“Der Mandant“: Trailer | Presseschau | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Eine zahme Komödie mit Cameron Diaz als Schlampe im pädagogischen Einsatz. (“Bad Teacher“)
  • Werner mal wieder, gezeichnete Flaschbierwitze zum Fünften. Ob’s da wohl wirklich noch ein Publikum für gibt? (“Werner – Eiskalt!“).
  • Die klamaukige Verfilmung eines amerikanischen Kinderbuchklassikers mit Jim Carrey. (“Mr. Poppers Pinguine“).
  • Ein britisches Biopic über einen Dealer (“Mr. Nice“).
  • “Der neuste Kinotrip in die Streetdance-Szene. Die Story einer jungen Frau, die sich nicht von ihrem Weg abbringen lässt – angeheizt durch feurige Dance-Einlagen, heißblütige Moves und brennende Sounds”. (Pressetext zu “Honey 2“)
  • Außerdem eine wohl recht unausgegorene Heldengeschichte über Kriegsfotografen. “The Bang Bang Club“.

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Die letzten beiden Wochen musste ich die Kinoprovinz leider wieder ausfallen lassen, ich hatte einfach zu viel um die Ohren. Auf einige Filme sei hier noch nachträglich hingewiesen.

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Eine Kritik, die ich als Hans Mentz für die Juliausgabe der Titanic geschrieben habe:

Auf den Filmplakaten steht der Name Kurt Krömer, aber die Kunstfigur Krömer, die gut funktioniert, wenn sie sich lispelnd in hässlichen Anzügen und mit Brille durch TV-Liveaufzeichungen improvisiert, die spielt gar nicht mit. Alexander Bojcan ist in „Eine Insel namens Udo“ nicht Kurt, sondern Udo. Udo leidet an einer seltenen Krankheit, der „Schwersichtbarkeit“, die zu Beginn des Films hübsch pseudodokumentarisch erklärt wird. Er ist für seine Mitmenschen unsichtbar, erst wenn er sie anspricht oder berührt, nehmen sie ihn wahr. Das ist ihm nützlich bei seiner Arbeit als Kaufhausdetektiv und erspart ihm den Unterhalt einer Wohnung, er bleibt einfach Tag und Nacht im Kaufhaus, schließlich sehen auch die Nachtwächter ihn nicht. Eine eigentlich ganz brauchbare Ausgangsidee, wenn denn nicht eine Frau, Fritzi Haberlandt als entscheidungsunfähige Managerin, ins Spiel käme, die ihn sehr wohl sehen kann: Und schon holpert der Plot in Richtung Romcom. Er verschweigt ihr anfänglich seine eingeschränkte Sichtbarkeit, wird beim Restaurantbesuch oder bei einer Familienfeier aber natürlich  von niemandem außer ihr wahrgenommen. Nachdem diese Witzquelle bis zum letzten Tropfen ausgesaugt ist, heilt sie ihn durch Liebe und zusammen schliddern sie nach einigem emotionalen Hin und Her ins Happy End.

Die Hauptfiguren sind unausgegoren, die Nebenfiguren peinlich (Transvestit mit großer Nase und kleiner Finne mit traurigem Gemüt) und die Running Gags hüftlahm. Es ist ja verständlich, dass Bocjan mal irgendwas anderes als die Neuköllner Schnodderschnauze geben will. Aber bei einem solchen Murks wäre der Verzicht auf jegliche Sichtbarkeit das Beste gewesen.

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Meine Aversion gegen Superhelden schwindet und das gerade angelaufene X-Men-Prequel wird überwiegend freundlich besprochen, drum ließe ich mich gern mit ins Multiplex nehmen. Aber mich fragt ja keiner.
“X-Men – Erst Entscheidung“: Trailer | Presseschau | Links | Kinos

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Terence Malicks Cannes-Gewinner “Tree Of Life” mit Brad Pitt und Sean Penn hingegen mag ich mir nicht anschauen, ich wittere prätentiösen, bedeutungsschwangeren Bilderschwulst. Ob der legendäre Wenigfilmer generell überschätzt wird, kann ich nicht beurteilen, ich habe einfach zu wenig von ihm gesehen. Aber das lässt sich bei seinem quantitativ bescheidenem Gesamtwerk ja schnell nachholen. Den jüngsten Film betreffend bin ich geneigt, dem Konkret-Kritiker Thomas Blum zu vertrauen, der in seinem Verriss das tolle Wort “Landschaftspornografie” für genau solche Aufnahmen verwendet, die von manchen Arthousekinogängern gern als “schöne Bilder” bezeichnet werden. “Tree of Life” soll knallvoll davon sein. “Die Schöpfung ist eine Supersache – vor allem, wenn man alles Hässliche weglässt”, schreibt Thomas Blum über das “138minütige Gebet in Bildern”. Die meisten Schreiber, hüben wie drüben, jubeln jedoch.
“Tree Of Life“: Trailer | Presseschau | Links | Kinos

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Bereits gesehen und gemocht habe ich dagegen “Beginners” von Mike Mills, der von seiner geschätzten Gattin Miranda July infiziert worden zu sein scheint und ein komisches und berührendes und sanft verspieltes Stück Kino fertiggestellt hat, das im Tonfall ihrem tollen “Ich und du und alle, die wir kennen” nicht unähnlich ist.

Es geht um: die Krise eines bindungsgestörten Grafikers mit Ende Dreißig, der sich in eine frische Liebesbeziehung tastet, um das reichlich späte Coming Out seines Vaters und um dessen Krebstod. Und dann beruht der Film „Beginners“ auch noch auf persönlichen Erfahrungen des Autors und Regisseurs. Das hört sich nach bleischwerem Filmemachen zu Zwecken der Selbsttherapie an, das ist es aber nicht. Denn Mike Mills erzählt leichtfüßig und überrascht mit inhaltlichen Schlenkern und formalen Schmankerln. Die Mike-Mills-Figur wird von Ewan McGregor gespielt und sein schwuler Vater von Christian Plummer. Ersterer erzählt die Geschichte aus dem Off und hält so die komplexe Konstruktion zusammen: Es wird nicht nur zwischen der Zeit nach dem Coming Out und der filmischen Gegenwart nach des Vaters Tod hin- und hergesprungen, dazwischen gibt es auch immer wieder komische kleine Szenen aus der Kindheit des Millschen Alter Egos mit seiner wunderbar exzentrischen Mutter. McGregor spricht zu einem Hund als wäre es ein Mensch („Mach Deine eigenen Erfahrungen!“) und weil es Untertitel gibt erhält er auch Antwort und er spielt jede Menge Nonsensspiele mit seiner französischen Freundin (Mélanie Laurent, die Kinobetreiberin aus „Inglorious Basterds“), die irgendwann mal sagt „Du bringst mich zum Lachen, aber es ist gar nicht lustig“. Für den Film gilt das ganz genauso. Schaut Euch den Trailer an.
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Und noch etwas: Fritzi Haberlandt und Kurt Krömer, das Paar aus dem Udoinselfilm, hatte ich beide schon vor der Kamera, wie anderswo auf dieser Website schon lange zu sehen ist. Aus gegebenem Anlass jetzt noch einmal hier:

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Kommentare deaktiviert

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