Neu im Kino: Weirs Wüstenflüchtlinge und eine muslimisch-jüdische Identitätsverwirrungskomödie

KW26

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Die Filmstarts vom 29.6.2011

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Der Plot: Eine Gruppe von Männern entkommt gegen Ende des zweiten Weltkriegs aus dem Gulag und schlägt sich zu Fuß bis nach Indien durch. Regisseur Peter Weir („Der einzige Zeuge„, „Picknick am Valentinstag„) hat das offenbar als bildgewaltiges Drama umgesetzt und jedem zweiten Rezensenten fällt dazu der Name „David Lean“ ein. (Oder einer schreibt es vom anderen ab.) Die Strapazen der Flucht werden wohl ausgiebigst beschrieben, die zu erwartenden zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen bleiben dagegen eher aus, obwohl sogar noch eine gut aussehende Polin zu der Gruppe stößt. Vermutlich ist das Ganze also weder sonderlich spannend noch originell, aber Anschauen schadet nicht.

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Schon gesehen habe ich „Alles Koscher“:

Vor genau einem Jahr habe ich an dieser Stelle (Humorkritik in der Titanic) kein gutes Haar an „Kleine Wunder in Athen“ gelassen, einem Film, in dem ein griechischer Albanerhasser mit der Tatsache konfrontiert wird, dass es selbst albanischstämmig ist. In „The Infidel“, aktuell im Kino, muss nun Mahmud, ein britischer Moslem, feststellen, dass er eigentlich Jude ist. Und ich muss feststellen, dass ich mit dem Athenfilm zu hart umgesprungen bin. Denn die muslimisch-jüdische Identitätsverwirrungskomödie ist in ihrer Klischeedichte, verbunden mit größtmöglicher Harmlosig- wie Vorhersehbarkeit, um vieles schlimmer. Mahmud belegt beim amerikanischen Juden um die Ecke einen Schnellkurs in jüdischen Sitten und Gebräuchen, motiviert von dem Wunsch, von einem verbohrten Rabbi zu seinem frisch entdeckten, aber leider im Sterben liegenden Vater vorgelassen zu werden. In Folge wird dann stur jeder zu erwartende Witz durchexerziert, der sich aus den unzureichenden Ergebnissen seiner Bemühungen und der Verheimlichung des Ganzen vor Familie, Freunden und Kollegen ergibt, bis am Ende die Fundamentalisten beider Seiten besiegt sind und alle anderen zusammen singen und tanzen. Im Ernst.

Erschienen ist diese Kritik leider nicht im Heft, da ich übersehen hatte, dass mir Sitcomspezi Oliver Nagel mit einer milderen Einschätzung zuvorgekommen ist.

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Außerdem neu:

  • Eine Doku über Beatleskumpel Klaus Voormann. („All You Need is Klaus – Die Klaus Voormann Story„)
  • Die unaufgeregte Verfilmung des Murakamiromans über einen in Liebesdingen wenig entscheidungsfreudigen Studenten in den späten Sechzigern. Regie führte der Vietnamese Trần Anh Hùng, dessen Filme „Der Duft der grünen Papaya“ und „Cyclo“ vor anderthalb Jahrzehnten gern auf Festivals gezeigt wurden und es anschließend weltweit in die Arthousekinos geschafft haben. Der japanische Originaltitel von Roman wie Adaption ist die wörtliche Übersetzung des Songtitels „Norwegian Wood“, der dann auch tatsächlich im Film zu hören ist. Neben mehreren Stücken von Can(!). Letzteres ist eigentlich ein hinreichender Grund, sich das mal anzuschauen. Der Score stammt vom Radioheadgitarristen Jonny Greenwood und wird allseits gelobt. („Naokos Lächeln„).
  • Ein schwerpoetischer Film über einen alten Ziegenhirten. („Vier Leben„).
  • Ein deutsch-niederländisch-belgischer Film in dem Sandra Hüller, die aus „Requiem“, mit allen möglichen und unmöglichen Männern ins Bett geht. Das hat dann Folgen, privat wie beruflich. („Brownian Movement„)
  • Die Verfilmung eines norwegischen Kinderbuchs, in dem wieder einmal ein einsamer Junge ein fantastisches Geschöpf als Begleiter findet. Diesmal ist es kein kleiner Mann mit Propeller auf dem Rücken, sondern ein noch kleineres Stockmännchen. Aber Lillebror heißt wieder Lillebror. Wohl einer der besseren Kinderfilme des Jahres. („Mein Freund Knerten„).
  • Eine Doku über die Rockabillyszene im Ruhrpott, die folgerichtig heißt: „Rockabilly Ruhrpott„.
  • Eine doofe Romcom von und mit Tom Hanks. Und Julia Roberts. („Larry Crowne„)
  • Außerdem Teil drei des Transfomerquatsches. Jetzt mit noch mehr Action! Und noch weniger Handlung! („Transformers 3„).

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Und noch etwas: Die Eingangssequenz von „Deadlock„, von Roland Klick, mit der Musik von Can:

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