Neu im Kino: Perfide Grausamkeiten im pädagogischen Umfeld und eine fragwürdige Win-Win-Situation

KW30

Die Filmstarts vom 28. und vom 21.7.2011

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So richtig in den Tritt bin ich noch nicht wieder gekommen. Aber besten Willens bin ich. Wohlan denn!

Eine fiese und offenbar höchst elegant inszenierte Rachegeschichte aus Japan ist „Geständnisse“. Der Racheengel ist Lehrerin, die zu rächende Tat besteht in der Ermordung ihrer kleinen Tochter und die Täter sind Siebtklässler, Schüler von ihr. Das Ganze scheint sehr opulent und bildstark daherzukommen und kann in seiner gewollten Wucht vielleicht auch nerven, die Kritiker zeigen sich aber fast durchweg angetan. Marit Hofmann schreibt in „Konkret“: Dieser Film ist so herrlich unmoralisch, dass er unbedingt auch Zuschauern unter 18 zu empfehlen ist. Lektion 1: Traut keinem Lehrer. Lektion 2: Traut keinem Schüler. Lektion 3: Vertraut aufs japanische Kino“. Und Jörg Buttgereit meint auf fluter.de, das sei „alles ganz schön dick aufgetragen. Aber schön. Schön traurig.“

„Geständnisse“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Pixarfilm Nummer zwölf ist ein Sequel von „Cars“ und heißt, wenig überraschend, „Cars 2“. Die sprechenden Autos werden diesmal rund um die Welt geschickt und in eine actionreiche Spionagehandlung verstrickt und obwohl Altmeister John Lasseter höchstpersönlich Regie geführt hat, scheint es dem Studio erstmals gelungen zu sein, ein höchstens mittelmäßiges Ergebnis abzuliefern. Die Einspielergebnisse (und nicht zu vergessen die ungeheuren Einkünfte durch das Merchandising) dürften den Disney/Pixar-Verantwortlichen zwar wie stets Freude bereiten, doch die professionellen Kritikern sind sich mit den imdb-Amateuren einig: „Cars 2“ ist der vergleichsweise schlechteste Pixarfilm, er erreicht weit abgeschlagen einen Metascore von 57 und erhält die imdb-Durchschnittsnote 6,6. Sämtliche früheren Filme des Studios bewegen sich im Bereich von 77 („Das große Krabbeln“) bis 96 („Ratatouille“) bei Metacritic bzw. von Note 7,3 („Das große Krabbeln“) bis zu 8,6 („Toy Story 3“) bei imdb.

Leonard Maltin, der große Animationsfilmspezi (Autor des Standardwerks „Of Mice And Magic„) schreibt, dass die Handlung von „Cars 2“ so chaotisch und konfus sei, dass man ihr bis zum Ende kaum folgen könne. „Andererseits, wenn Ihr Kind gern Autorennen guckt oder eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat, ist ‚Cars 2‘ vielleicht genau das Richtige. Er hört nie auf, sich zu bewegen, man weiß bloß nicht, wohin er sich bewegt. Und warum.“

Roger Ebert erinnert sich dagegen daran, wie er in seiner Kindheit mit Autos gespielt hat und kommt zu einem recht freundlichen Urteil.

„Cars 2“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein weiterer DC-Superheldenfilm, diesmal ist die Grüne Laterne an der Reihe. Wohl komplett überflüssig. („Green Lantern„)
  • Und der neue Film von und mit Dany Boon, in dem er als französischer Zöllner, zur Zeit der EU-Grenzöffnungen, Auseinandersetzungen mit einem chauvinistischen belgischen Kollegen hat (Benoît Poelvoorde). Wenig lustig und sogar ärgerlich in seiner finalen Versöhnlichkeit. (Ich habe ihn für die Humorkritik in der Titanic vorab gesehen und dann keine Zeit dafür gefunden, den unumgänglichen Verriss zu schreiben.) („Nichts zu verzollen„)
  • Und eine Doku über einen deutschen Fußballer in Australien. („Tom meets Zuzou – Kein Sommermärchen„)

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Schon im Kino seit dem 21.:

Ein sympathischer Film mit Paul Giamatti als kleinem Anwalt, der sich einen unmoralischen Trick mit der Betreuung eines pflegebedürftigen Klienten erlaubt, um seine monetäre Lage zu verbessern. Problematisch wird es, als unvermutet ein Enkel des vermeintlich familienlosen Alten auftaucht. Der stellt sich dann aber als brauchbar für die Wrestling-Schulmannschaft heraus, die der Giamattianwalt in seiner Freizeit trainiert. Autor und Regisseur ist Tom McCarthy, der von „Station Agent“ und „The Visitor„. Zwar hochgelobt, will den Film aber offenbar kaum jemand sehen, zumindest bei uns in der Kinoprovinz Hamburg läuft er in der zweiten Woche nur noch einmal am Sonntagnachmittag …

„Win Win“: Trailer | Presseschau | Links | Kinos

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Außerdem seit dem 21.:

  • Eine Komödie um Tiefkühlkostlieferanten in der norddeutschen Tiefebene. Mit Herbert Knaup als Miesepeter, für den das Drehbuch die Läuterung bereithält.  Regie führte André Erkau. („Arschkalt„)
  • Eine österreichische Komödie über einen Mann, aus dem Sand rieselt. So hübsch durchgeknallt das erstmal klingt, scheint es sich dabei letztlich doch wieder um eine recht brave Unternehmung zu handeln. („Ein Sommersandtraum„)
  • Eine Art „Short Cuts“ aus Serbien. „Belanglos und konstruiert“, urteilt Asokan Nirmalarajah im Schnitt und klingt dabei recht überzeugend. („Belgrad Radio Taxi„).
  • Eine von Judd Apatow produzierte Komödie, in der die üblichen Romcommotive rund ums Heiraten um Fick- und Fäkalienwitze erweitert werden.  Definitiv nix für mich, aber für das ödeste Genre überhaupt sicherlich ein Fortschritt. In der Hauptrolle ist „Saturday Night Live“-Star Kristen Wiig zu sehen, die auch am Drehbuch geschrieben hat. In den USA war der Film an den Kinokassen ein großer Erfolg und auch der Kritik und den imdb-Nutzern hat’s gefallen. („Brautalarm„).
  • Eine offenbar belanglose Neuauflage des klassischen Gruselhausfilms. („Insidious„).
  • Eine Doku über die Rockabillyszene im Ruhrpott, die folgerichtig heißt: „Rockabilly Ruhrpott„.
  • Eine doofe Romcom von und mit Tom Hanks. Und Julia Roberts. („Larry Crowne„)
  • Außerdem Teil drei des Transfomerquatsches. Jetzt mit noch mehr Action! Und noch weniger Handlung! („Transformers 3„).

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Die Filmstarts der ersten beiden Juliwochen gehe ich nicht mehr im Einzelnen durch, einen Kinobesuch wert sind aber wohl in jedem Fall das viel gelobte iranische Scheidungs- und Gerichtsdrama „Nader und Simin“ sowie der Liebesfilm „Herzensbrecher“ des französischen Jungspunds Xavier Dolan.

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Und noch etwas: Der Trailer für die Mutter aller Racheengelfilme:

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Aktuell 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Neu im Kino: Perfide Grausamkeiten im pädagogischen Umfeld und eine fragwürdige Win-Win-Situation”

  1. Thies

    Schön Dich wiederzusehen, bzw. zu lesen. :-D

    Zu „Cars 2“ – ich fand den insgesammt sehr vergnüglich. Ob man den Film mag kann aber stark davon abhängen wie man auf den vom Nebencharakter zur Hauptfigur aufgewerteten Abschleppwagen „Hook“ (bzw. auf Englisch „Mater“) reagiert. Der Plot ist diesmal wirklich nebensächlich – die Animation dafür auf höchstem Niveau wie man es von Pixar gewohnt ist. Und eine Reihe cleverer Gags hat der Film auch noch zu bieten.

    „Geständnisse“ würde mich auch sehr interessieren. Den Japanern fällt bei Schockern mit Schülern ja in der Regel etwas mehr ein, als einen weiteren maskierten Killer auf Partys feiernde Teenager loszulassen.

    An Neustarts der letzten Wochen wäre eigentlich noch der Abschluss der Harry-Potter-Reihe zu erwähnen – aber wer davon immer noch nichts mitbekommen hat, muß die letzten Wochen in einem alternativen Universum verbracht haben.
    Aber so unglaublich es auch klingen mag: es gibt immer noch totale Harry-Potter-Virgins. Hier ein Erfahrungsbericht:
    http://www.slate.com/id/2299131/

  2. Andreas

    @Thies: Der Harry-Potter-Erfahrungsbericht auf „Slate“ ist großartig. Jetzt weiß ich wirklich alles über Harry Potter, was ich wissen muss.