Neu im Kino: Affen, Liebe, Kinder, Hass

KW32

Die Filmstarts vom 4. und vom 11.8.2011

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Ein Prequel von „Planet der Affen“, zehn Jahre nach dem schwachen Tim-Burton-Remake, da dürfte eigentlich niemand ungeduldig drauf gewartet haben. Einige Kritiken machen aber neugierig: Die Geschichte von den Laboraffen, die zu Intelligenzbestien werden und sich befreien scheint für solch einen Actionfranchisekracher ungewöhnlich klug erzählt zu werden und die mittels Motion-Capture-Technologie zum Leben erweckten Affen sollen den Film zu einem „Triumph der Visual Effects“ machen, so meint jedenfalls Richard Corliss (Time.com). In der FAS beschreibt Cord Riechelmann die Qualitäten des Films auf eine Weise, dass man völlig vergisst, dass es um einen bombastischen Blockbuster geht. „Großartiger Realismus“, schreibt er und es gehöre „zu den herausragenden Leistungen des Films, dass er auch in der Empathie mit den Tieren die Distanz wart“. Und schließlich ist noch die Rede von einer „Form amerikanischer Selbstkritik, wie sie hierzulande noch kein populärer Film hinbekommen“ habe. Ich bin sehr gespannt. Bei imdb hat der Film zur Zeit die Durchschnittsnote 8,0. Ob man sich den Trailer anschauen will, sollte man sich gut überlegen: Da wird das „Kampfaffenballett“ (Riechelmann) des Finales ausgiebig gezeigt. Ich lass‘ mich von dem Anblick lieber an passender Stelle im Kino überraschen.

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Noch mehr Realismus: Im Debüt von Alix Delaporte aus Frankreich wird eine ganz einfache Geschichte erzählt, die einerseits alle Qualitäten eines Films der Dardennebrüder hat und andererseits zutiefst romantisch ist. Sie ist schön und kommt aus dem Knast, er ist Fischer mit fortgeschrittener  Glatzenbildung und Augenlidern auf Halbmast. Alles überzeugt: Die Darsteller, das pointierte Buch, der nüchterne Inszenierungsstil, die glaubhaft eingefangene Provinzhafenstadttristesse. Was für ein Glück, das der Film es in unsere Kinos geschafft hat, bescheiden, wie er daherkommt. Einer der schönsten Filme des Jahres, bislang. Die Kritiker sind überwiegend freundlich, nur wenige meckern: Der Film sei „oberflächlich“, „klischeebeladen und zäh verstockt„, heißt es dann, oder die Hauptfiguren seien einfach „uninteressant„.

Der schönste Text zum Film, über den ich gestolpert bin, stammt von Georg Seeßlen. („Nichts ist schwieriger im Film, als Leichtigkeit und Genauigkeit miteinander zu verbinden. Aber ‚Angèle und Tony‘ kommt, von der Genauigkeit her, ein gutes Stück voran. Märchenhaft, ein wenig, muss es natürlich auch sein. Sonst bräuchten wir ja nicht ins Kino gehen. Um Leuten zuzusehen, die direkt vom Standesamt in den Schlick gehen. Krabben sammeln, Wind spüren. Glücklich sein. All das Zeug.“)

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„Super 8“ wirkt wie ein früher Steven-Spielbergfilm und das soll er auch, er wurde von Spielberg höchstselbst produziert und er spielt 1979 in einer amerikanischen Kleinstadt. Im Mittelpunkt stehen ein paar Kinder, die auf Super 8 heimlich einen Zombieschocker drehen und bei nächtlichen Aufnahmen Zeugen eines Zugunglücks werden. Um anschließend sehr seltsamen Dingen auf die Spur zu kommen, die von staatlicher Seite offenbar vertuscht werden sollen. Das Ganze ist also so etwas wie E.T. revisited, nur mit Special Effects von 2011. In der zweiten Hälfte kippt der Film dann wohl leider zu sehr in die üblichen Materialschlachten, doch bis dahin soll er vor allem mit feiner Charakterzeichnung und einer zarten Teenie-Liebesgeschichte überraschen. Andreas Borcholte weist bei Spon daraufhin, dass sich das Abspannsitzenbleiben lohnt: Erst dann, im Abspann, gebe es nämlich das „eigentliche Mirakel, die wahre Essenz“ von „Super 8“ zu sehen.

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Noch ein Debüt: In „Blue Valentine“ von Derek Cianfrance durchleiden Michelle Williams und Ryan Gosling so eindrücklich ein Beziehungsdrama, dass die große Mehrheit der Kritiker ins Jubeln gerät. Ungewöhnlich, berührend, spannend und wunderschön sei das alles. „Es gibt ein Lied über die dünne Linie zwischen Liebe und Hass, aber die meisten Filme entscheiden sich für eine Seite und bleiben da. ‚Blue Valentine‘ (…) untersucht ein junges Paar, das sich ver- und entliebt und macht aus der dünnen Linie ein wüstes und unscharfe Niemandsland. Wo wir bei Musik sind, es gibt einen Leonard-Cohen-Song über das Tanzen bis zum Ende der Liebe, aber Herrn Cianfrances Figuren Dean und Cindy stolpern und kriechen in die Richtung, ohne sich an die versierten, verspielten Schritte von einst zu erinnern.“ So leitet A. O. Scott in der New York Times seine Kritik ein und kommt schließlich zu einem moderateren Urteil als all die Kritikerkollegen. Interessanterweise arbeitet er die Defizite des Films heraus, in dem er ihn mit dem aus seiner Sicht deutlich überlegenen „Alle anderen“ von Maren Ade vergleicht. Den ich bei dieser Gelegenheit auch noch einmal nachdrücklich allen empfehlen möchte, die ihn verpasst haben.

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„Die anonymen Romantiker“ ist der ins Unverständliche übersetzte Titel einer französischen Komödie, in der es um „anonyme Hochsensible“ geht. Zwei solcher Figuren, die sich, jedenfalls in diesem Film, Hilfe suchend in Stuhlkreise begeben wie manche Alkoholiker, stehen im Mittelpunkt des Films: eine Konditorin, die die Urheberschaft ihrer meisterhaften Kreationen verschleiert, weil sie die damit verbundene Aufmerksamkeit nicht erträgt und der Inhaber einer altmodischen, in wirtschaftliche Schieflage geratenen Süßwarenmanufaktur, dem seine extreme Schüchternheit nicht minder große Probleme bereitet. Natürlich nähern sie sich an, wie es die Regeln der romantischen Komödie halt vorschreiben und auf dem Weg zum ins Erträgliche variierten Happy End müssen zahllose Konservations- und sonstige Katastrophen durchlitten werden. Die Ausstattung und Anmutung sind wieder einmal zu nostalgisch für meinen Geschmack, aber die Hauptdarsteller (Isabelle Carré und Benoît Poelvoorde, der als belgischer Grenzkontrollkotzbrocken in „Nichts zu verzollen“, auch zur Zeit im Kino, deutlich weniger komisch ist), das eben doch mit einigen Überraschungen aufwartende Drehbuch und die orginellen Macken des werdenden Paars gleichen das einigermaßen hinreichend aus.

„Die anonymen Romantiker“: Trailer | Pressespiegel | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein Biopic über einen britischen Fernsehkoch. („Toast„)
  • Ein Film über den mentalen und beruflichen und allgemeinen Abstieg von Joaquin Phoenix, der wohl seinen einzigen Reiz – mal abgesehen vom Voyeurismus – daraus zieht, dass lange unklar blieb, ob es sich um eine Doku oder um reinen Fake handelt. („I’m Still Here„)
  • Eine unterirdische deutsche „Sommerkomödie“. („Resturlaub„)
  • Ein offenbar bemerkenswert schlechter kanadisch-italienischer Spukhausquatsch. (Hidden 3D)
  • Und eine schwerdramatische multieuropäische Literaturverfilmung um irgendwelche Kindheitstraumata. „Die sülzende Musik lässt auch den Zuschauer jenen Schmerz spüren, den die Schauspieler fortwährend in ihren Gesichtern tragen“, so Daniel Sander oder einer seiner anonymen Mitarbeiter im Kultur Spiegel. („Die Einsamkeit der Primzahlen„)

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Schon im Kino seit dem 4.:

  • Ein gut gemeinter Film über einen pendelnden Albaner, der in Deutschland kriminell wird. („Der Albaner„)
  • Die Wiederkehr der Schlümpfe: Mit Peyos Geschöpfen haben sie nicht mehr viel zu tun, widerlich CGI-animiert wurden sie und in ein Realfilm-New-York verpflanzt, die armen Wichte. („Die Schlümpfe„)
  • Kalkulierter Stoff für doofe Teenies. („Plötzlich Star„)
  • Ein österreichischer Film über die Beschädigungen, die die erwachsenen Kinder eines Oberhippies davon getragen haben. Wird als vielversprechendes Debüt gelobt. („Die Vaterlosen„)
  • Eine Arte-Doku über Sex und Frauenfeindlichkeit im Iran. („Im Bazar der Geschlechter„)
  • Und ein „lauwarmes, irrelevantes Filmchen“ (E. Knörer) aus der Türkei  über die Liebe zu Dritt. („Our Grand Despair„)

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Und noch etwas: Das oben genannte, wunderschöne Lied über die dünne Linie zwischen Liebe und Hass, von den Persuaders, Atco 1971:

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Und dann noch der Leonard-Cohen-Song, von 1984:


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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Neu im Kino: Affen, Liebe, Kinder, Hass”

  1. Thies

    Zu „Planet der Affen“:

    In der Tat hatte ich nicht eine Minute an Vorfreude für dieses Prequel verschwendet. Aber das Resultat (das in keiner Form den Tim-Burton-Film auch nur erwähnt) fällt in die Rubrik „Solides Erzählhandwerk“. Und gerade davon bekommt man von Hollywood derzeit nicht allzuviel zu sehen. Vielleicht fallen allein wegen der allgemein fallenden Stamdarts die Kritiken so überschwenglich aus. Ich fand ihn auf jeden Fall sehenswert, aber in Superlative würde ich in einer ausführlicheren Kritik nicht ausbrechen.

    „Super 8“ hätte ich mir aufgrund der cleveren Reklame gerne im Kino angesehen, aber da läuft mir leider diese Woche das Fantasy Filmfest in die Quere, das dank Urlaub von mir intensiv genutzt wird. Falls der Film in der übernächsten Woche noch nicht vom Spielplan verschwunden ist, werde ich vielleicht doch noch einen Blick riskieren.

  2. Gunnar

    Und? Nennenswerte Endeckungen gemacht auf dem FFF?

  3. Thies

    Das Festival startete ja erst am Mittwoch. Von den 7 Filmen die ich bisher gesehen habe war noch keiner dabei den ich unbedingt empfehlen könnte.

    „The Yellow Sea“ von Hong-Jin Na („The Chaser“)war ein ruhig beginnender Thriller, der sich dann zur atemlosen Action-Hatz entwickelte, aber bei 2-1/2 Stunden Laufzeit leider mehrmals den Bogen überspannte und so trotz aller Qualitäten einen zwiespältigen Eindruck hinterliess. Ich hoffe übrigens, dass die Darstellung der Polizisten von Seoul nicht auf Tatsachen beruht – die stellen sich hier noch unfähiger an als in allen „Polica Academy“-Filmen zusammen.

    „Hesher“ wurde getragen von einem grandiosen Joseph Gordon Levitt, konnte seiner Performance als „Fuck you all“-Punk aber kein ausgleichendes Gegengewicht gegenüberstellen. Die „eigentliche“ Geschichte einer Familie die nach dem Unfalltod der Mutter in Depressionen zu versinken droht, wird eher skizziert als erzählt. Und eigentlich wartet man als Zuschauer auch in ruhigeren Szenen darauf, dass sein Hauptdarsteller wieder ordentlich auf die Kacke haut.

    Das waren die bisherigen Highlights. Aber ich habe die nächsten Tage noch ein Dutzend Filme auf dem Programm und hoffe, dass da noch ein paar bisher unentdeckte Perlen auf mich warten.