Biene Maja bis zur Volljährigkeit

FSK180

Es ging um die FSK-Freigaben von Filmen. Ein Jahr ist das schon her. Ganz groß, auf dem Titel. Das FSK-12-Siegel selbst sei jugendgefährdend, verkündete die Überschrift. „Finger weg von diesen Filmen, wenn man seine Kinder liebt“, hieß es im Vorspann und dann war ausgiebig die Rede von „von all den miesen, fiesen, grauenhaften Filmszenen, der Fäkal- und Gossensprache, die unsere Freiwilligen Selbstkontrolleure Kindern und Jugendlichen zumuten“. Ein Zwischentitel: „Die Regisseure von heute können nur Rammelsex“. Nach dem Umblättern stieß man dann auf eine Liste mit 46 FSK-12-Filmen von „Schindlers Liste“ bis hin zu „Keinohrhasen“, jeweils mit knappen Anmerkungen einzelner Autoren dazu, welche unfassbaren Schweinereien der jeweilige Film zu bieten hat.

Welches Blatt war’s? Die gute alte, stets kulturkritsche Tante, die Zeit? Nee, zu boulevardesk das Ganze. Aber kommt ein echtes Boulevardblatt seinen Lesern mit moralischer Entrüstung über „Gossensprache“? Ich wäre nie drauf gekommen: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat sich solcherart lächerlich gemacht. Wobei angemerkt werden muss, dass das allein auf dem Mist von Volker Zastrows Politikressort gewachsen ist und kein einziger der Feuilletonautoren an dem Quatsch beteiligt war.

Diese Woche folgte die Fortsetzung, erneut prangt das FSK-12-Siegel auf der Titelseite. (Im Netz findet sich bislang nur eine merkwürdige, unfertige Bildergalerie. Jetzt auch online, inklusive sämtlicher Filmbeschreibungen in einer Bildergalerie.) Diesmal wurden 60 Filme nach Sex und Gewalt und „Gossensprache“ durchsucht, die seit letztem Herbst eine FSK-12-Freigabe erhalten haben. Die Überschrift: „Jeder dritte Film tut Kindern weh“. Aua. Lustigerweise heißt es dann im Artikel, das „Risiko ist kleiner geworden“. Offensichtlich ein Verdienst der FAS-Kämpfer für das Gute und gegen das Schlechte. Die Begründung: Von den 60 Filmen sei nur ein Drittel jugendgefährdend. Bei den im Vorjahr begutachteten 100 Filmen war es dagegen noch fast die Hälfte, eben die 46 Filme. Aber letztes Jahre wurden 100 FSK-12-Filme angeschaut, die unter vielen Tausend Filmen nur aus dem Grund ausgesucht wurden, weil sie sie vielleicht jugendgefährdend seien, ganz egal, wann die Freigabe erfolgt ist. Und verglichen wird jetzt die Zahl der inkriminierten Filme womit? Mit dem Anteil der angeblich bösen Filme unter 60 neuen FSK-12-Titeln, die die beteiligten FAS-Autoren im vergangenen knappen Jahr gesehen haben. Das ist so, als wenn ich die These aufstellte, alle Fünfzigjährigen seien Deppen, dann 100 möglichst debil aussehende Fünfzigjährige aussuche, von denen ich dann 46 zu Deppen erkläre. Im nächsten Jahr berücksichtige ich nur noch Fünfzigjährige, die an meinem Haus vorbeikommen, von denen suche ich mir 60 aus und stelle 20 davon das Prädikat „Depp“ aus. Und daraus schließe ich dann, dass der Deppenanteil unter Fünfzigjährigen zwar immer noch hoch, aber immerhin gesunken sei. Es ist so bescheuert, man kann es kaum glauben.

Das Ganze mieft nach den frühen Sechzigern, nach kleinbürgerlicher Aufregung über Sittenverfall und Negermusik und gammelnde Langhaarige, wird uns aber in einer Zeit präsentiert, in der via Internet Kinder und Jugendliche, die es wollen, nur ein paar Klicks brauchen um Fickfilmchen aller Art oder wahlweise auch Videos von Hinrichtungen oder Folterungen anzuschauen. Wie konnte eine solche anachronistische Kampagne entstehen? War es einzig der Wunsch nach irgendetwas vermeintlich Skandalträchtigem, dessen „Aufdeckung“ die erwünschte Relevanz der Wochenzeitung unterstreicht? Dann war es jedenfalls ein Reinfall, außer Familienministerin Kristina Schröder, die in der ersten Runde tatsächlich ein paar Worte zur Presse gesagt hat (und außer einem Besuch bei den Wiesbadener Prüfern nix hat folgen lassen) ist kein Politiker und auch sonst niemand auf den Zug der Zensoren aufgesprungen.

Die FSK hatte natürlich reagiert und ganz geduldig ihre aufwendige Arbeitsweise erklärt: Sieben Prüfer müssen eine Mehrheitsentscheidung finden, die Minderheit kann in nächster Instanz einen neunköpfigen Hauptausschuss anrufen und eine Appellationsmöglichkeit gibt es obendrein. Und dass es sich nicht um Altersempfehlungen handelt, sondern eben um Freigaben, wurde klargestellt: Es ist nicht davon auszugehen, dass Kinder ab dem angegeben Alter vom Gucken einen Schaden davontragen. Mehr sagt so eine FSK-Freigabe nicht. Und dass man Filme in ihrer Gesamtheit bewerten müsse, nicht auf einzelne drastischen Szenen oder Worte reduzieren dürfe, wie die FAS-Anprangerer es machten.

Und wieso fordert die lustige Politiktruppe der FAS nicht auch gleich scharfe Altersvorgaben für jeden Rechner? Und für Bücher? Angefangen mit jenen, die von verkommenen Buchhändlern im Kinderbuchregal als „zum Vorlesen“ geeignet angeboten werden, etwa mit Grimms Märchen, die keinesfalls eine FSK12-Freigabe erhalten dürften, wie sich unschwer feststellen lässt, schaut man sich einige der populärsten Titel einmal genauer an. Da tun sich die wahren Abgründe auf:

  • Hänsel und Gretel
    Neben erschreckenden, drastischen Szenen wie der Verbrennung einer alten Frau bei lebendigem Leib wartet die düstere, bedrohliche Geschichte mit Eltern auf, die, als die Haushaltkasse knapp wird, ihre Kinder im Wald aussetzen, damit sie von wilden Tieren gefressen werden. Traumatisierende Wirkung auf Kinder dürfte dies vor allem auch haben, weil die Vorgehensweise als ganz normal geschildert wird und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden: Die Mutter stirbt zufällig und zum verbrecherischen Vater kehren die Kinder, beladen mit erbeuteten Schätzen, zum Happy End zurück. Dass die Mutter in später bearbeiteten Textfassungen zur Stiefmutter mutiert ist, dürfte die erschreckende Wirkung in der Ära der Patchwork-Familie nicht mindern.
  • Schneewittchen
    Eine nicht minder grauenhafte Geschichte, in der die jugendliche Hauptfigur von ihrer Stiefmutter ermordet wird. Vor dem geglückten Mordversuch mittels eines vergifteten Apfels werden zwei nicht minder schreckliche, aber missglückte Anschläge auf des jungen Mädchens Leben geschildert: Der erste Versuch ist besonders blutrünstig, ein Jäger wird damit beauftragt sie zu töten und zum Beweis der vollbrachten Tat ihre „Lunge und Leber“ herausschneiden.Der Gipfel der Abartigkeit wird in der Szene erreicht, in der die königliche Auftraggeberin die dargebrachten Innereien aufisst, ohne zu wissen, das es sich in Wirklichkeit um Lunge und Leber eines Wildschweins handelt. Den Abschluss der Aneinanderreihung ekelhafter Gewaltszenen ist schließlich ein Akt grausamer Selbstjustiz. Die Königin muss sich auf dem Hochzeitsball in glühenden Schuhen unter Qualen „zu Tode tanzen“.
  • Froschkönig
    Was man für eine harmlose Fantasygeschichte mit sprechenden Tieren halten könnte, ist in Wirklichkeit eine verstörende Sex-and-Crime-Story: Ein Frosch holt einer verzweifelten Königstochter die in den Brunnen gefallene Goldkugel herauf. Der vereinbarte Lohn: Er wird ihr „Freund und Geselle“, der „mit ihr in ihrem Bettlein“ schläft. Ihren Teil der Vereinbarung will die Königstochter aber nicht einhalten. Als ihr Vater sie dazu zwingen will, den „garstigen Frosch“ in ihr „schönes reines Bettlein“ zu lassen, denn was sie versprochen habe, solle sie auch halten, versucht sie die glitschige Kreatur stattdessen mit einem Wurf an die Wand zu töten. Belohnt wird die Gewalttat der verlogenen Prinzessin durch die dadurch ausgelöste Verwandlung des Amphibientieres in einen jungen Königssohn, der dann auf keinen Widerstand im Schlafgemach mehr stößt. Man mag gar nicht darüber nachdenken, was unsere Kinder für eine Lehre aus dieser Mär ziehen.

So könnte ich noch ein Weilchen weitermachen, meine Beltz & Gelberg-Ausgabe der Grimmschen Märchen hat ein paar Hundert Seiten. Oh, was lese ich da auf der Rückseite? „‚Alles ist gelungen an diesem Buch.‘ Frankfurter Allgemeine Zeitung

In der Vorwoche wurde die Fortsetzung der FSK-12-Panikmache von der FAS mit einem ganzseitigen Artikel von Günter Franzen eingeleitet. „Die Nackten und die Zoten“ lautete die kalauernde Überschrift. Franzen schildert darin die Nöte, die er damit hat, seine dreizehnjährige Tochter vor gefährdendem Unflat zu bewahren. Er will mit ihr ins Theater oder ins Kino gehen, aber überall lauern Sex- und Gewaltdarstellungen. Denn was sucht sich Franzen für die Vater-Tocher-Kulturabende aus? Erst schauen sie sich Shakespeares klassisches Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, den „Sommernachtstraum“ in einer Inszenierung am Schauspiel Frankfurt an und Papa Franzen ist trotz des Themas und trotz 40 Jahren deutschen Regietheaters voller versuchter Tabubrüche von Nacktheit und Sex auf der Bühne schockiert; dann gehen sie ausgerechnet in eine Kinovorführung von „Brautalarm„, eine Romantic Comedy, die allein für ihre Zotigkeit und für eine Szene bekannt ist, in der eine Frau auf die Straße kotet und wundert sich darüber, dass sie nicht so etwas wie „‚Die Nacht vor der Hochzeit‘ mit Katherine Hepburn und James Stewart“ serviert bekommen. Schließlich schaut er sich sicherheitshalber Matthias Schweighöfers „What a Man“ erst einmal alleine an, eine Komödie, die allein wegen ihrer Til-Schweigerhaftigkeit schon intelligenzgefährdend ist und die größte Harmlosigkeit mit verklemmten Dildowitzen kombiniert, wie sich leicht vorab hätte feststellen lassen. Franzen stellt sich aber blöd und regt sich über eine Szene auf, in der ein „Analspreizer“ witzig sein soll. (Pubertierende fänden das Wort wahrscheinlich tatsächlich wahnsinnig komisch.) Schlimm findet er vor allem, dass mit dem Analspreizer, der nämlich zur Behandlung einer rektalen Verletzung eingesetzt werden soll, eine Vergewaltigung „zum Gag herabgestuft“ werde. Bloß wurde die Verletzung gar nicht durch eine Vergewaltigung verursacht, was die Vermutung nahelegt, dass der Autor sich vielleicht doch nicht blöd stellt. Jedenfalls sind beide Filme ab 12 freigegeben und ins Theater haben sie seine Tochter auch reingelassen und daraus schließt Franzen, dass alles ganz schlimm geworden sei heutzutage, wir verlören nämlich die Fähigkeit zur Sublimierung.

Auf die Idee, für das gemeinsame Filmgucken einfach geeignetere Filme rauszusuchen (denn alles, alles, die ganze Filmgeschichte steht uns Glücklichen – und potentiell auch unseren Kindern – heute auf DVD oder im Netz zur Verfügung) kommt der Franzen nicht. Wenn er klassische Screwball-Komödien mag, warum zum Teufel besorgt er sie dann nicht? (Aber gaaanz vorsichtig sein, „Blaubarts achte Frau“ von Ernst Lubitsch oder etwa der Preston-Sturges-Film „Die Falschspielerin“ haben nur eine FSK-16-Freigabe, das muss ganz harter Stoff sein.) Es ist natürlich auch möglich, dass seine Tochter die alten Filme ablehnt. Die sind ja schwarz/weiß und die Leute haben so komische Sachen an und das Bild ist so schmal. Dann hat Papa Franzen wohl schon früher ein paar Fehler bei der Filmauswahl gemacht. So einem helfen dann aber auch keine sonst wie gearteten FSK-Freigaben.

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Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik, Peinlich 28 Kommentare »

28 Reaktionen zu “Biene Maja bis zur Volljährigkeit”

  1. Thies

    Danke für diesen Artikel. Ich hatte kurz mit dem Kauf der Zeitung geliebäugelt, da mir der reisserische Aufmacher ins Auge stach. Aber schon nach kurzer Überlegung war mir klar, dass es sich bei der „Story“ um wenig mehr als eine schlampig zusammengestellte Sammlung von „Fakten“, Vorurteilen und „Bedenken“ handeln würde.

    Bei dieser Art von Predigt fehlt wirklich nur noch eine Stimme:
    http://www.youtube.com/watch?v=Qh2sWSVRrmo

  2. Anonymous

    […] […]

  3. Thankmar

    Völlig richtige und notwendige Klarstellung des Altersfreigabekritisierungsquatsches (den ich von der FAZ/FAS gar nicht kannte). Nur das Beispiel mit den Märchen ist schon erwas müde, obwohl das FAZ-Klappenzitat natürlich zu schön ist. Um noch mal Öl ins Feuer zu giessen: „Serenade zu dritt“ (auch Lubitsch) endet mit der Aussicht auf ein – Skandal – Beziehungsleben eben zu dritt und hat (bei Amazon zumindest auf dem Bild zu sehen) eine Freigabe ab 0.

  4. Jali

    Irgendwie muss ich gerade an das hier denken:
    https://www.youtube.com/watch?v=UUQYrdgIJuI

    Das ist ähnlich absurd.

  5. Markus Raabe

    Man darf da durchaus auch anderer Ansicht sein. Auch wenn die Methodik der FAS zweifelhaft sein sollte – die Grundaussage kann ich nur unterschreiben: Dass im Kino (und auch im Privat-Fernsehen)eine zotenhafte, pornoverniedlichende, fäkal-anal-affine Kultur eingezogen ist, die dazu geeignet ist, die Moralvorstellungen einer Gesellschaft immer weiter herunter zu schrauben. Das kann man gut finden, muss man aber nicht.

  6. Kristian Kühn

    Guter Text, auch wenn wie schon gesagt wurde das Grimm-Beispiel etwas sehr altbacken wirkt. Vielleicht wäre es einmal interessant, moderne, „traumatisierende“ Filme zu vergleichen mit alten, „harmlosen“ Kinderfilmen, angefangen von Bambi über Unten am Fluss bis hin zu Das letzte Einhorn. Zumindest in meiner Generation kenne ich fast niemanden, der/die nicht von einem der Filme dieser Sparte in irgendeiner Form Alpträume und Traumata davongetragen hat. Eine Neu-Bewertung der FSK nach aktuellen Gewalt- und Angstkriterien wäre sicherlich sehr aussagekräftig.

    Die gesamte Sex- und Niveau-Debatte ist sicherlich auch nicht ganz von der Hand zu weisen, wobei ich mich frage, ob das tatsächlich Aufgabe der FSK ist. Wenn ich zumindest als Kind mit sexuellen oder pseudosexuellen Themen konfrontiert wurde, fand ich es entweder auf eine präpubertäre Art und Weise lustig (weil ich nun einmal präpubertär WAR, daher finde ich es auch nicht schlimm, sich in diesem Alter über so etwas amüsieren zu dürfen), oder es hat mich einfach nicht weiter interessiert. Ein Traumatisierungspotential wie bei den Alptraumszenen in Unten am Fluss habe ich hier aber noch nie so klar rausdestillieren können, wie viele, die den Niedergang der europäischen Medienkultur herbeischreiben, das zu tun scheinen. Sicherlich kann man argumentieren, dass die ständige Sex- und Fäkalpräsenz in den Medien das Niveau senkt – das mag sein, aber ist es wirklich Aufgabe der FSK, Kinder vor Niveaulosigkeit zu bewahren? Dieses Begreifen von Medien und Informationsfreiheit halte ich für ziemlich bedenklich.

    Eine kurze Anmerkung noch zum Beitrag von Thankmar: ich weiß, dass es ironisch gemeint war, aber was genau ist an einer Dreier-Beziehung (oder jeder anderen polyamoren Beziehung) jetzt genau sexuell oder jugendgefährdend und damit relevant zum Thema? Ich hoffe doch stark, dass der Tag, in dem die Darstellung von alternativen Beziehungskonzepten, sei es polyamor, homosexuell oder unverheiratet mit Kindern, in Deutschland als für Kinder traumatisierend festgelegt wird, nie kommen möge.

  7. j.

    Also ich habe mir im Juni in Kalifornien bei der großartigen Fäkalhumor-Brautkleidanprobier-Szene in Bridesmaids (deutsch „Brautalarm“, völlig sinnentstellt) den Arsch abgelacht. Das war _der_ Lichtblick in dem bis dahin sehr konventionellen (= langweiligen) Film. Das Kino war allerdings nicht sonderlich voll.

    Im übrigen finde ich, dass Kathargo, … äh, die Filmfreigabe in ein unverbindliches Empfehlungssystem umgewandelt werden muss (da es im Moment nicht möglich sein wird, sie vollständig abzuschaffen).

  8. JensE

    Als ich letzten Sonntag diesen Artikel überflog, konnte ich mich des Eindrucks auch nicht erwehren, dass der ‚Untergang des Abendlandes (TM)‘ schon wieder bevor steht.

    Nach der Erfindung des Buchdrucks, Einführung der Bildung für den Pöbel, Negermusik und das Internet, kann es nicht anders sein: Diesmal wird die Gesellschaft daran zu Grunde gehen. Es kann, wie die vielen Male vorher auch, einfach nicht anders sein! *seufz*

    Lasset uns dem Untergang entgehen sehen. *schnüff*

  9. banane

    Immer wieder unglaublich, wie verklemmt die meisten Leute noch unterwegs sind. Ist die Werbung, das Fernsehen allgemein, Reklamen auf der Straße zu stark sexualisiert? Bestimmt, keine Frage. Aber wer gleich einen dicken Hals bekommt, nur weil mal jemand nackt durchs Bild läuft oder „Arschloch“ sagt, vielleicht am Ende sogar noch jemand stirbt, der zieht die Hose mit der Kneifzange an. Schon mit 3 Jahren entwickeln Kinder ein Interesse fürs andere Geschlecht. Aus purer Neugier schauen sie sich an, wie es da unten rum aussieht. Genauso ist es mit dem Thema Tod. Die interessiert das.

    Man kann Kinder mit solchen Sachen und Fragen dazu allein lassen, sie schützen, so tun, als gäbe es all das nicht. Nacktheit existiert nicht. Jedes Mal eine Ohrfeige verpassen, wenn es Schimpfwörter ausprobiert, um zu sehen, wie andere darauf reagieren. Oder eben mit ihnen reden. Und sich vielleicht sogar mal einen Film anschauen.

    Wie ich allerdings meinem Kind das auf sämtlichen!! Titelblättern der Zeitungen abgebildete, riesige Konterfei des geschundenen, blutigen, ermordeten Gadaffi erklären sollte, ich hätte keine Ahnung.

  10. Klopfer

    Moralvorstellungen ändern sich, die Freigaben bleiben. Heute ist man verklemmter als vor 15 Jahren, und ein großer Teil der neuen Prüderie kommt von denen, die selbst in vollen Zügen ausgekostet haben, dass es früher ein bisschen lockerer zuging.

    So etwas kommt immer in Wellen. Vielleicht sollte man mal der FAS empfehlen, sich die Komödie „Frauenarzt Dr. Prätorius“ von Curt Goetz anzuschauen. Der Film stammt von 1950 und hat die Freigabe FSK 16. Warum? Vermutlich nur, weil eine Abtreibung darin vorkommt und nicht verdammt wird. In dem Sinne ist es absolut lächerlich, dass die FSK-Angaben keine Altersempfehlungen mehr sind (wie sie es früher waren, wenn ich mich korrekt an die langen Monologe auf den VHS-Kassetten erinnere), sondern verbindliche Freigaben. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, was er seinen Kindern zumuten will und was nicht.

  11. Linus

    @Markus Raabe

    „Dass im Kino (und auch im Privat-Fernsehen)eine zotenhafte, pornoverniedlichende, fäkal-anal-affine Kultur eingezogen ist, die dazu geeignet ist, die Moralvorstellungen einer Gesellschaft immer weiter herunter zu schrauben.“

    Öhm, vielleicht ists auch einfach umgekehrt. Und ungefähr genau diese Worte fallen übrigens seit gefühlt 50 Jahren, wenn es um mediale Darstellungen geht. Das sollte zu denken geben, weil es nämlich seit eh und je völlig am Kern der Sache vorbeigeht.

    Nicht die Sprache, die Bilder, meinetwegen auch porno-affine-Fäkalzoten sind irgendwie „gefährlich“, sondern eine bestimmte Art des Umgangs mit ihnen. Wohlgemerkt, die des Konsumenten.

  12. Manfred

    Interessant, wie die Meinungen auseinandergehen.
    Mich würde interessieren, wer von den Kommentatoren Kinder hat.
    Ich muss gestehen, dass es auch für mich Filme gibt, die ich so nicht unbedingt sehen möchte, und wenn man dann wieder einen Film sieht, in dem jemand niedergeschlagen wird und dann auch noch gegen den Kopf getreten wird, dann wundert man ishc nicht mehr, warum das in der Realität auch passiert. Für mich war das früher ein NoGo und ist es auch immer noch, wenn jemand am Boden liegt ist Schluß.

    Nun stellt sich natürlich die Frage, warum ist das heutzutage nicht mehr so?

  13. Xaerdys

    Das Märchenbeispiel ist eigentlich ein sehr gutes, wenn man bedenkt, dass bereits die Gebrüder Grimm aussortiert haben. In den früheren Versionen ist das Märchen „Rumpelstilzchen“ eine Parabel über die Schädlichkeit der weiblichen Selbstbefriedigung – gut, diese Lektion mag ganz im Interesse der Autoren sein, aber es geht dennoch im Grunde die ganze Zeit um Sex, wenn auch verschlüsselt.

  14. steakhouse

    Danke. Ich habe mich über diese Artikelserie sowohl im letzten Jahr als auch in diesem Jahr wieder aufgeregt. Irgendwelche Redakteure (welche Qualifikation haben die überhaupt, dass sie glauben, die Filme kompetenter Einschätzen zu können, als die FSK?) gucken irgendwelche Filme und behaupten, diese wären falsch klassifiziert. Großes Kino, Panikmache par excellence.

    Vielleicht wäre es etwas anderes gewesen, wenn die FAS auf intelligente Weise eine Debatte angestoßen hätte. Zum Beispiel den Rat irgendwelcher (Kinder-) Psychologen zu einzelnen Filmen herangezogen hätte; und vor allem die Filme als Gesamtwerk klassifiziert und dabei die Einbettung der Szenen berücksichtigt hätte.
    So wie die FAS es gemacht hat, wirkt die Artikelserie hilflos, dilettantisch und wie der zweifelhafte Versuch, irgendwie ins Gespräch zu kommen. Von dieser Zeitung bin ich ehrlich gesagt besseres gewohnt, zumal sie einige wirklich gute Journalisten beschäftigt.

  15. JensE

    @Manfred, #12. „[…] Nun stellt sich natürlich die Frage, warum ist das heutzutage nicht mehr so?“

    Ja die Frage stellt sich immer und immer wieder aufs Neue, wenn eine neue Generation heranwächst. Die Menschheit scheint in dieser Hinsicht niemals etwas dazuzulernen.

    Die Kinder versuchen sich von den Eltern abzugrenzen, das haben wir auch alle getan als wir klein waren.

    Des weiteren sind Altergrenzen als Empfehlungen zu betrachten, da die kleinen sich nun mal unterschiedlich schnell entwickeln. Trotzdem sind die Kleinen nicht sooooo dämlich, wie ihre Eltern denken mögen.

    Sie brauchen nur ein Führung und Einordnung durch die Eltern, wenn sie entsprechend jung sind. Wenn die Eltern dann so verklemmt sind denkt sich das Kind auch seinen Teil, wenn es mit den Freunden zusammen ist.

    Trotzdem wird die „zivilisierte“ Welt immer ziviler und friedfertiger (Nein, Einzelfälle aus den Boulevard gelten eben NICHT allgemeingültig!)

    Schau dir einfach mal die Kriminalitätsstatistik an — also die echte und nicht die von der BILD & Co. verdrehte — und Du wirst es erkennen können.

    Nur in extremen und dadurch seltenen Fällen wird man diese Art von Ursache Wirkung belegen können!

  16. Pontius

    Überhaupt, man sollte Menschen unter 18 in keine Kirche und in kein Museum lassen. Allein, dass es dort ermäßigte Tarife für Schüler gibt, ja dass Lehrer ganze Klassen ins kollektive Verderben stürzen ist ungeheuerlich.
    Ein gekreuzigter Jesus wie er dort überall anzufinden ist, das ist schrecklich. Man trinkt das Blut und ist den Leib von Christi. Ritueller Kanibalismus wird dort als Bild ausgedrückt, um sich in seinem Glauben zu bestärken.
    Und zu den Museen. Ich bin nur deshalb zum Schulversager geworden, der in seiner Freizeit gerne auf der Straße hängt, pöbelt und säuft (und aufgrund meiner besser gestellten familie habe ich ein wahl), weil mein Vater mich schon mit 8 Jahren in die alte Pinakothek mitgenommen hat, wo ich mir Teufel mit Arschgesichtern, einen Haufen nackte Weiber, drastische Kriegsbilder in Kinoleinwandgröße, von Pfeilen durchbohrte Sebastiane und Judiths mit abgehackten Köpfen auf Tablets betrachten musste. Skizzen Picassos mit 11, das war schrecklich und verstörend. Wände voller Zeichnungen auf denen ein lüsterner Greis, der seine sexuellen Phantasien auch tatsächlich mit westenlich jüngeren, ihm schon fast ausgelieferten Frauen auslebt, diese dann auch noch dokumentiert.

    Kultur, NEIN DANKE.

  17. murry

    Die FAZ möchte eben ein System wo die Eltern ihr Gehirn ausschalten können und nicht selbständig eine Entscheidung treffen müssen ob ihr Kind schon reif genug ist für den Film. Aha, ab 12, hier der Film, setzt dich vor die Glotze.
    Aber so wie das jetzt ist, ogottogott. Da schauen sich die Kinder Filme an und stellen nach dem gucken womöglich auch noch FRAGEN. Da muss man dann ANTWORTEN haben und sich mit den Kindern BESCHÄFTIGEN. Ja gehts noch? Für was sind denn Filme und die FSK Freigabe da, wenn nicht dafür das man Ruhe vor den Blagen hat?

  18. Pontius

    Und nochmal wegen dem eigentlichen Thema Film: http://de.wikipedia.org/wiki/Filmkanon

    „Der Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) wurde von einer Expertenkommission mit dem Ziel einer verbesserten schulischen Vermittlung von Filmkompetenz erarbeitet.“

    Heftiger Stoff, was diese Liste beinhaltet.

  19. Imiak

    Ein paar der Kommentare von den Redakteuren (?) zu den Filmen sprechen aber auch wirklich Bände.

    „Eigentlich wäre dieser Film völlig harmlos. Wäre da nicht die Szene, in der eine Frau sagt: „Ich hab einen riesigen Frauenständer. Ich will Sex mit deinen Sätzen. Ich will dein Gehirn vögeln.“
    Genau dazu dann dieser Kommentar: „Ein markantes Beispiel dafür, dass man selbst in harmlosen Komödien, die ansonsten zurückhaltend mit dem Thema Sexualität umgehen (immerhin geht es darum, dass eine Frau fremdgeht, Sex kommt also vor), nicht vor Überraschungen sicher ist – die dann die Kinder mit einem teilen.“

    Das ist der einzige Satz, an dem es etwas auszusetzen gibt? Es kommt das Wort „Ständer“ und das Wort „vögeln“ vor, in einem Satz, der ohnehin nur mäßig Sinn ergibt? Gar schrecklich…

    Und einige scheinen wirklich rührende Illusionen über den Sprachschatz von Kindern zu haben. „Schwanz“, „Ficken“, „Wichsen“ etc. sind alles Wörter, die man schon in Kindergarten und Grundschule vermittelt bekommt (mag sein, dass das in ultrapuritanischen Kindergärten anders ist). Dass man diese jetzt nicht in jedem Zusammenhang verwenden sollte, müssten Zwölfjährige also eigentlich schon verstehen (anderenfalls liegt der Fehler in der Erziehung wesentlich früher begründet).
    Was das alles bedeutet, dürften viele der Zwölfjährigen ebenfalls wissen. Anderenfalls wird es in dem Alter aber auch wirklich so langsam Zeit dafür…

    So, und als finaler Gedanke: Woran soll sich denn die FSK bitte orientieren? An den Vorstellungen ultraliberaler Hippies oder denen verklemmter Puritaner? Ich bin echt froh darüber, dass es (noch?) nicht letzteres ist. Das heißt aber auch, dass sich Eltern eben NICHT zurücklehnen und ihre Kinder alles anschauen lassen können, wenn sie da tatsächlich Zweifel haben. Vater Staat nimmt euch da nicht alles ab, liebe Eltern.

  20. VonFernSeher

    @Pontius

    So heftig finde ich das nicht. Ich habe mal gerade nachgezählt und in meiner Schulzeit, als es diesen Kanon noch nicht gab, kamen schon 13 der Filme in der weiterführenden Schule vor – nebst anderen; und ich hatte nicht wirklich das Gefühl, dass wir viele Filme geguckt hätten.

    Ich kann mich auch noch an „Es“, „Die Blechtrommel“, „Die neuen Leiden des jungen W.“ oder „Der Richter und sein Henker“ erinnern. Das sind wohl auch keine sanfteren Geschichten.

  21. hiro

    Das liegt doch völlig im Trend der Zeit. Einerseits übertriebene Abschottung von der Realität, Kinder werden täglich bis vor die Schultür gefahren, Jugendstrafrecht bis ins junge Erwachsenenalter, Kinder ziehen erst mit 30 bei den Eltern aus, die Grenze zwischen „Kind“ und „Jugendlicher“ wird etwa im Sexualstrafrecht zunehmend aufgeweicht und alles zu schützenswerten, unberührten und unschuldigen Kindern erklärt. Ewige Kindheit für eine überbeschützte Jugend.

    Andererseits verbale Verrohung in den Medien, „sexy“ Klamotten in den Kinderabteilungen, Sex allgegenwärtig als Marktwert, „porno“ ein Lob in der Jugendsprache, Wahlrecht und Führerschein für Jugendliche, Flatrate-Saufen auf der Klassenfahrt, RTL-Dokusoaps über Teenager-Schwangerschaften, antiautoritäre Erziehung auf der Basis von wohlmeindenen Diskussionen mit dem Kind als „kleinem Erwachsenen“ mit gleichem Mitspracherecht über die eigene Enwicklung.

    Die Gesellschaft ist schizophren, was ihren Nachwuchs angeht. Die Realität entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung dessen, was die Elterngeneration vorgeblich einfordert. Ich bewerte nicht, welcher Trend der falschere ist, aber ich befürchte, daß wir unseren Kindern mit dieser scheinheiligen Doppelmoral keinen Gefallen tun.

  22. Too much information - Papierkorb - Guten Morgen

    […] Geller meint, dass Journalismus weh tun kann, wenn er wie die FAZ heuchlerische Artikel produziert wie Wenn […]

  23. Daniel

    Grimms Märchen sind meines Erachtens genauso wie viele andere ältere Kinderbücher eigentlich nicht für Kinder geeignet. Das fängt an bei Klassikern wie Tom Sawyer oder Karlsson vom Dach, in denen die sympathischen Hauptfiguren rauchen, und geht bis zum Struwwelpeter, wo drakonische Strafen wie das Daumenabschneiden drohen.

    Ob das allerdings viel ausmacht in einer Welt, in der Boulevardblätter Bilder von toten, blutverschmierten Diktatoren und nackten Frauen auf der Titelseite abbbilden, ist fraglich.

  24. Christian

    Ich finde es immer wieder peinlich, wenn erwachsene Menschen nach mehr Verboten durch den Staat schreien. Meiner Meinung nach sollten Eltern selbst einschätzen, was sie für ihre Kinder als geeignet oder ungeeignet empfinden. Aber das würde ja Arbeit bedeuten. Da müsste man retschertschieren tun und so.

    Und nebenbei: Wir reden von 12-jährigen, nicht von Kindergartenkindern.

  25. Nochmal Christian

    Ich frage mich übrigens, wie ich zu einem relativ normalen Erwachsenen werden konnte, obwohl ich seinerzeit als 10-jähriger einen Film gesehen habe, wo ein Anwalt im Scheißhaus (darf man das schreiben, oder ist das jugendgefährdend) sitzend von einem Dinosaurier gefressen wird.

  26. Imiak

    @ Daniel

    Genau das ist der Punkt. Soll man von Kindern tatsächlich alles Unschöne an unserer Welt fernhalten? Damit sie irgendwann ohne Vorwarnung darauf stoßen und erst recht schockiert sind?

    Ich erlebe beinahe täglich menschliches Leid und auch so manche Abgründe (bin Sozialarbeiter). Wenn ich manchen meiner Bekannten und Freunde in anderen Berufsgruppen die etwas heftigeren Geschichten aus meiner Arbeit erzähle, sind die teilweise wahrhaftig schockiert. Das macht es mir immer wieder klar, wie sehr manche Menschen in einer „heilen Welt“ aufwachsen und auch dort verortet bleiben.

    Das soll nicht heißen, dass nun Kinder ungebremst mit grausamen Realitäten konfrontiert werden müssen. Aber früher oder später wird man als verantwortungsvoller Erziehungsberechtigter um eine Thematisierung auch der Schattenseiten menschlichen Daseins nicht herumkommen. Dies anhand fiktionaler Darstellungen zu tun ist sicher nicht die allerschlechteste aller Ideen.
    Aber auch hier gilt: Die allermeisten Filme (oder auch andere Medien) sind nicht als pädagogisches Erziehungsmittel gedacht, sondern wollen in erster Linie unterhalten. Möchte man damit pädagogische Effekte erzielen, muss man sich diese selbst erarbeiten. Dazu gehört in Gottes Namen das gemeinsame Anschauen derselbigen.
    (Wenn ich mich da so an meine Kindheit zurückerinnere, fand ich das ausgesprochen „pädagogisch wertvolle“ Zeug auch meistens ausgesprochen langweilig – da wird immer arg viel mit erhobenem Zeigefinger gearbeitet.)

  27. André

    Grimms Märchen waren ursprünglich Erwachsenen Geschichten haben also Ihr FSK schon vor Jahren verloren. Ansonsten kann mann den Eltern wirklich nur empfehlen sich vorher über den Film zu informieren denn die FSK ist ja keine Verpflichtung den Film jetzt mit den kleinen zu shen ondern eine Information ihn vorher nicht zu sehen. Es beschwert sich ja auch keiner auf der Bundesstrasse „Verdammt jetzt muss ich hundert fahren“ sondern ich kann jetzt wenn ich will hundert fahren, und auf der Autobahn wird auch keiner gezwungen das zu fahren was das Auto hergiebt aber mann kann es wenn mann will.

    Gute Nacht

  28. André

    Grimms Märchen waren ursprünglich Erwachsenen Geschichten haben also Ihr FSK schon vor Jahren verloren. Ansonsten kann mann den Eltern wirklich nur empfehlen sich vorher über den Film zu informieren denn die FSK ist ja keine Verpflichtung den Film jetzt mit den kleinen zu sehen sondern eine Information ihn vorher nicht zu sehen. Es beschwert sich ja auch keiner auf der Bundesstrasse „Verdammt jetzt muss ich hundert fahren“ sondern ich kann jetzt wenn ich will hundert fahren, und auf der Autobahn wird auch keiner gezwungen das zu fahren was das Auto hergiebt aber mann kann es wenn mann will.

    Gute Nacht