Deutschlands deprimierendster Stadtteil
Am Wochenende hat man mich nach Braunschweig geschickt. Und weil ich bislang immer nur an Braunschweig vorbeigefahren bin, auf dem Weg nach Wolfsburg oder in den Harz und weil ich neugierig bin auf Städte, empfand ich durchaus Vorfreude. Allerdings stellte sich dann vor Abfahrt heraus, dass die Zieladresse eine Lage am Stadtrand bezeichnet. Gartenstadt heißt das Viertel mit Autobahnanschluss. Ein regelrechtes Autobahnknäuel ist es, das in schlagender Verbindung mit einer breiten Bahntrasse Gartenstadt vom Zentrum abtrennt, wie mir dann erst vor Ort klar wurde. Und diese spektakulär schlechte Lage steigert die übliche Vorortödnis dermaßen, dass ich überzeugt davon bin, gerade das deprimierendste Stadtviertel des Landes entdeckt zu haben. Ins Zentrum bin ich dann gar nicht mehr gekommen, ich konnte mich nicht losreißen von der beeindruckenden Hässlichkeit.











































Die hingestreuten Häuschen und die Anlage des alten Kerns hat nicht viel mit den sozial wie architektonisch anspruchsvollen Gartenstädten aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun. Es handelt sich hier auch eher um eine billige Nazivariante, wie eine kleine Recherche ergeben hat. Ihr ursprünglicher Name: “Dietrich-Klagges-Stadt”. Und eben dieser Dietrich Klagges, NSDAP-Mitglied seit 1925(!), hat die Planung des Viertels 1931 veranlasst und es ab 1933 bauen lassen. Die NSDAP war bereits 1931 an der Regierung des Freistaats Braunschweig beteiligt, Klagges bekleidete erst das Amt eines Regierungsrates, war dann Regierungsmitglied, bevor er ab 1933 als Ministerpräsident über den Freistaat waltete. Die “Dietrich-Klagges-Stadt” war offenbar einer von zahlreichen Bausteinen, die dazu dienten, Braunschweig in eine Nazivorzeigestadt zu verwandeln. Dass der Name Klagges nicht in einer Reihe mit Göring, Goebbels, Hess und Himmler steht, scheint mit seinem vermurksten Versuch zu tun zu haben, Adolf Hitler einzubürgern. Hitler war danach gar nicht gut auf Klagges zu sprechen und das dürfte dessen weitere Karriere stark behindert haben. Mehr als Nazifürst in der Provinz war nicht mehr drin.
Mit diesem Wissen sieht Gartenstadt gleich noch eine Spur fieser aus, oder?
Für Hinweise auf vergleichbar Grässliches wäre ich dankbar.
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Nachtrag: Gartenstadt kommt im Titel eines Punkrockalbums vor. Das Album der Braunschweiger Band “Der Raketenhund” lautet “Raus aus Gartenstadt”. Wie könnte es anders sein.

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Noch ein Nachtrag: Auf dieser Seite zu den Braunschweiger Nazisiedlungen habe ich ein Antragsformular für den Hauserwerb in der Gartenstadt gefunden. Über die Vergabe entschied eine Kommission. Die Antragssteller wurden nach der Zahl ihrer Kinder gefragt und ärztlich untersucht. Und natürlich auch gefragt: “Sind Sie Mitglied der NSADAP?” Die Erstbesitzer dürften also allesamt geprüfte fortpflanzungsfreudige Nazis gewesen sein.

Tags: Braunschweig, Dietrich Klagges, Gartenstadt

am 28. Februar 2012 um 00:51 Uhr | #
Sehr “schöne” Bilderserie. Und ziemliche viele Deutschlandfahnen..
am 28. Februar 2012 um 11:52 Uhr | #
Das Grässlichste an den Fotos sind die Jahreszeit und das Wetter. Müllcontainer, Garagen und ausgefranzte Flaggen gibt’s auch in Hamburg.
Sorry, versteh die Aufregung nicht.
am 28. Februar 2012 um 12:00 Uhr | #
@maclene: Welcher Hamburger Stadtteil wäre denn konkurrenzfähig?
am 28. Februar 2012 um 12:09 Uhr | #
Da schlage ich Wilhelmsburg vor. ;)
Wenn man sich da die richtigen Motive aussucht, lässt sich der Stadtteil auch schön hässlich darstellen. Man siehe hier:
http://www.google.de/search?q=hamburg+wilhelmsburg+korallusstr.+wittestr.&oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&um=1&ie=UTF-8&hl=de&tbm=isch&source=og&sa=N&tab=wi&ei=nbVMT6CzGImVOuKb4akC&biw=1366&bih=674&sei=pLVMT–XJojY4QT67ZDMAg
am 28. Februar 2012 um 12:16 Uhr | #
Die Gartenstadt als deprimierensten Stadtteil Deutschlands zu bezeichnen zeugt davon, welch provinzieller Kleingeist Sie doch sind, und vorallem wie wenig Sie in Deutschland bereits herumgekommen sind. Wenn dieses Urteil zumindest auf eine umfangreiche Studie zurückzuführen wäre, könnte man diesen Artikel mit ein paar stechenden Argumenten unterfüttern. Diese bleiben hier jedoch aus. Und die Urteilserklärung mittels des Rückgriffs auf die NS-Zeit hinkt völlig. Nach dieser Logik wären Städte wie Salzgitter oder Wolfsburg wohl die Schandflecke Deutschlands, richtig?!
Sie sollten sich überlegen, ob Sie es wirklich verantworten können so einen Bericht öffentlich und medienwirksam darstehen zu lassen und damit die Bewohner der Gartenstadt und die gesamte Stadt Braunschweig mit dem (völlig unberechtigten) Image-Schaden alleine zu lassen.
MfG Eine Person, die sich mehr als 5 Minuten und 20 Fotos in der Gartenstadt und Braunschweig aufgehalten hat
P.S. Die im Hintergrund gezeigten Autobahnrampen zeigen den Status während des im Umbau befindlichen Autobahndreieck SüdWest. Zeigen Sie mir bitte eine nicht deprimierende und hässliche Baustelle. Ich empfehle Ihnen den Stadtteil noch einmal nach Ende der Bauarbeiten 2012 zu besuchen.
am 28. Februar 2012 um 12:29 Uhr | #
Klar gibt’s in Wilhelmsburg jede Menge trostlose Ecken. Das Fiese an der Gartenstadt hat viel mit den kleinkarierten Häuschen und der Ordentlichkeit zu tun. Da liegt eben gerade nix neben dem Müllcontainer. Und Wilhemsburg hat viele Facetten. Im Vergleich mit so einem Viertel wie dem oben abgebildeten ist es geradezu bunt und urban.
Und das mit dem Wetter: Ich finde ja Sonnenschein macht oft alles noch schlimmer. Da wird die Tristesse auch noch grell beleuchtet.
An den Garagentoren mochte ich die bunt bemalten Tore dazwischen: Sehnsuchtsbilder im braunen Einerlei.
Ich glaube, ich mach’ demnächst mal wieder einen Ausflug auf die Elbinsel.
am 28. Februar 2012 um 12:36 Uhr | #
Dich stört, dass die Müllcontainer-Ecke zu ordentlich ist? :) Also ich persönlich finde das sehr löblich!
Ich möchte gern eine Fotostrecke über das schöne Gartenstadt im Frühling sehen … oder eben wenn die Baustelle dort weg ist.
Vielleicht findet sich ein ambitionierter Braunschweiger?
am 28. Februar 2012 um 14:43 Uhr | #
vielleicht hätte sich der besuch der innenstadt gelohnt! mit sicherheiz gibts es hässliche stadtteile in braunschweig…wie vermutlich in fast jeder anderen stadt der welt! auch die vorstädte von paris…immerhin der meistbesuchten stadt der welt (touristisch)…sind nicht dass, was man als besonders romantisch bezeichnen könnte!
hier ein paar eindrücke, die mit sicherheit ein anderes bild der stadt zeichnen: http://www.braunschweig.de/kultur_tourismus/stadtportraet/braunschweiger_ansichten/stadtfilm.html
am 1. März 2012 um 11:46 Uhr | #
“Und die Urteilserklärung mittels des Rückgriffs auf die NS-Zeit hinkt völlig. Nach dieser Logik wären Städte wie Salzgitter oder Wolfsburg wohl die Schandflecke Deutschlands, richtig?!”
Dazu würd ich gern Ihre Meinung lesen.
am 1. März 2012 um 13:54 Uhr | #
@Kitzmann: “Mit diesem Wissen sieht Gartenstadt gleich noch eine Spur fieser aus, oder?”, habe ich geschrieben. Das kann man ja wohl kaum zu einer “Urteilserklärung” hindrehen. Auf die Vergangenheit bin ich eingegangen, weil ich die Frage interessant fand, warum sich die Siedlung so sehr von Gartenstädten wie Hellerau oder Falkenberg unterscheidet.
Tolle Architektur oder Stadtplanung hat uns die Zeit von 1933 – 1945 sicher nicht beschert. Aber wenn Wolfsburg und Salzgitter nicht gerade sonderlich schöne Städte sind, hat das wohl mehr mit dem Wiederaufbau zu tun.
am 1. März 2012 um 14:33 Uhr | #
Ich finde hier reden Sie sich ganz schön raus. Zitat:”Die Antragssteller wurden nach der Zahl ihrer Kinder gefragt und ärztlich untersucht. Und natürlich auch gefragt: “Sind Sie Mitglied der NSADAP?” Die Erstbesitzer dürften also allesamt geprüfte fortpflanzungsfreudige Nazis gewesen sein.”
Das ist doch wohl eine eindeutige Spitze und somit sehr wohl ein Urteil. Nebenbei ein sehr niveauloser Beitrag…
In diesem Zusammenhang erwähnte ich die Städte Salzgitter und Wolfsburg nicht wegen ihrer hässlichen Architektur, sondern da diese Städte nach oben erwähnter Logik geschichtlich noch belasteter sind (Wolfsburg bis 1945: Stadt des KdF-Wagens; Salzgitter bis 1945 Hermann-Göring-Werke). So traurig es nun mal ist. Solche Antragsbögen (und auch die Mitgliedschaft der damaligen Partei) waren ganz normal und dürfen nicht mit der heutigen Beurteilung des Stadteils Gartenstadt in Verbindung gebracht werden!!
am 2. März 2012 um 08:28 Uhr | #
In Hamburg fallen mir da spontan Lurup und Stellingen ein, Eidelstedt oder, auf der anderen Seite, Tonndorf und Famsen, Berne. Wenn ich durch diese Stadtteile fahre, bin ich spätestens an der dritten roten Ampel bereit für einen Liter Schnaps, das Elend aus den Augen zu schaffen.
am 2. März 2012 um 10:42 Uhr | #
@Kiki: Ich stimme dir zur, das sind vergleichbar deprimierende Stadtteile. Und vor allem im Nordosten nehmen die überhaupt keine Ende. Vielleicht würde es die aufgebrachten Braunschweiger etwas beruhigen, wenn ich hier demnächst eine Bilderserie mit dem Titel: “Auch das ist Hamburg – Endlose Ödnis” vorstellte. Oder ich schaue mir mein engstes Umfeld genauer an: “Hamburg Eimsbüttel – Das Zentrum der neuen Spießigkeit”.
Zum Naziaspekt: Hier in Hamburg gibt es ja sogar ein Beispiel für eine ausgesprochen ansehnliche Wohnsiedlung aus der NS-Zeit, auch mit Gartenstadtcharakter: die Gartenstadt Alsterdorf. Heute eine begehrte und sehr teure Wohngegend.
am 4. März 2012 um 18:42 Uhr | #
Hast du noch weitere Informationen dazu ?
am 4. März 2012 um 23:03 Uhr | #
[...] Deutschlands hässlichstes Stadtviertel (möglicherweise). [...]
am 5. März 2012 um 00:54 Uhr | #
Also ich finde das jetzt auch insgesamt eher durchschnittlich als hervorstechend trist. Die Tristess kommt wohl in erster Linie von Wetter und Jahreszeit, zudem fehlt den Gebäuden etwas architektonischer Pfiff – aber sonst?
am 5. März 2012 um 20:45 Uhr | #
@Alexander: Hier ist ein PDF zu Alsterdorf. (Stammt aus dem Buch “Hamburger Wohnquartiere” von Dirk Schubert.)
am 5. März 2012 um 21:01 Uhr | #
Wenn das Deutschlands deprimierendster Stadtteil sein soll, dann leben wir Deutsche echt im Paradis…