Buon compleanno, Adriano

75 Jahre alt wird er heute. Ein Anlass, um meinen Adriano-Celentano-Ehrenrettungsversuch noch einmal vorzukramen. Der Mailänder Musiker hat mehr zu bieten als „Azzurro“ und mittelmäßige, miserabel synchronisierte Filmkomödien: Unmengen grandioser, hymnisch-stampfender Lieder, irgendwo zwischen italienischen Folk-Traditionen und Sixties-Beat.

Celentano? Das ist so eine Art italienischer Didi Hallervorden, der irgendwann auch mal einen oder gar zwei ganz hübsche Schlager gesungen hat. Darüber ist man sich hierzulande einig, quer durch alle Alters- und Bildungsschichten. Wer Celentano bei der Beschreibung eigener musikalischer Präferenzen angibt, stößt in der Regel auf ungläubiges Kopfschütteln, in deutschen Musikzeitschriften war nie auch nur eine Zeile über ihn zu lesen und als dann, vor fünf Jahren, aus gegebenenem Anlass, immerhin vier vermeintliche Qualitätsmedien aus dem deutschen Sprachraum Geburtstagsgrüße zum Siebzigsten veröffentlichten, dann las sich das so: Der „Schlagersänger“ ist „als eher flacher Unterhaltungshanswurst“ bekannt und er „wird wohl der liebenswerte Junge bleiben, der nichts kann, dies aber mit Charme und unvergleichlichem Erfolg richtig gut“. Meinte die Süddeutsche Zeitung. In der Neuen Zürcher wurde darüber gestaunt, dass Adriano Celentano der „populärste Italiener“ sei, „rätselhaft“ sei der Erfolg, denn: „Herausragend waren seine Platten nie, seinen kehligen Bariton kennt man zu Genüge, und sein letzter Hit liegt 24 Jahre zurück. (…) Keine Modewelle von Disco bis Electropop, auf welcher der Anpässler nicht gesurft wäre“.

Springers Welt gilt Celentano als „Vater der Klamotte“, dessen „Timbre wenig mehr bietet als die schmale Bandbreite zwischem rauem Schmelz und röhrendem Schmalz“. Nur die Frankfurter Allgemeine stieß nicht in das gleiche Horn, sondern attestierte Celentano „in gewisser Weise“ mehr Radikalität als Che Guevara. Auf den kam der Autor allerdings nur, wegen der Silbe „Che“ oder „Ce“, auf die nur in Italien ein „lentano“ folge und überall sonst eben ein „Guevara“. Zur Musik des Radikalen ist dem FAZ-Redakteur dann aber auch nicht viel eingefallen: Mit erschütternder Ahnungslosigkeit wird nur etwas über die „fesselnde Reibeisen- und Gummistimme“ dahingeschrieben, außerdem gebe es zwei „Knaller“ („Azzurro“ und „Una festa sui prati), auf die „noch heute kaum eine Disconacht“ verzichte.

Das schreit nach einem sachkundigeren und faireren Portrait des Sängers und so habe ich mich um ein Interview bemüht, direkt bei seiner eigenen Firma, Clan Celentano, die von seiner Frau Claudia Mori geleitet wird. Per Fax und per Mail und per Telefon habe ich angefragt, erst auf englisch und als es daraufhin keinerlei Antwort gab, noch einmal, in formvollendetem Italienisch (Danke, Daniela).

Von Sony Music, seinem deutschen Vertrieb hörte ich schließlich, dass es keinem deutschen Medium, weder dem ZDF noch dem Spiegel, in den letzten Jahrzehnten gelungen sei, zum Sänger vorzudringen: „Adriano und sein Management haben daran kein Interesse, tut uns leid. Wir bekommen selber weder Fotos noch Antworten und auch unsere Kollegen in Italien können uns leider seit Jahren nicht helfen“.

Schade. Aber vielleicht macht das auch nichts, in einem der raren Interviews, die er in den letzten Jahren in Italien gegeben hat, erzählt er etwa dem Autoren der Repubblica lang und breit von Adam und Eva – im Ernst, die biblische Geschichte vom Sündenfall – wettert gegen Umweltsünden und gibt Ratschläge zur Weltrettung; viel Zeit über seine Musik und sein Leben zu sprechen ist da offenbar nicht geblieben. Es könnte sein, dass ein Gespräch mit ihm zwar eine interessante Erfahrung wäre, man aber kaum hilfreiche Antworten bekäme.

Für diese Geschichte muss ich also leider auf Informationen aus erster Hand verzichten. Es gibt trotzdem viel zu erzählen.

Angefangen hat alles mit Rock ‘n’ Roll. 1956 gründete der Achtzehnjährige mit Freunden eine Band, die „Rock Boys“. Celentano gab den Elvis und die Band konnte die US-Originale bald so überzeugend nachspielen, dass sie zum ersten italienischen Rock ‘n’ Roll-Festival eingeladen wurden, das ausgerechnet in ihrer Heimatstadt Mailand stattfand, im Mai 1957. Den kurzen Auftritt der „Rock Boys“ sah auch Walter Gürtler, ein gebürtiger Schweizer, der in Mailand eine Plattenfirma betrieb. Und Schwupps gab es einen Vertrag und Aufnahmen und im Frühjahr 1958 kamen schon die ersten Singles des Solokünstlers Celentano auf dem Jolly-Label heraus: Kein sehr originelles Programm, Rip It Up, Jailhouse Rock, Tutti Frutti und so ging das bis 1959 weiter. Musikalisch sind das nicht mehr als passable Kopien, doch war die Stimme sofort ein Ereignis. Celentanos Organ ist rau, ja geradezu soulig, hat aber gleichzeitig etwas croonerhaftes und verfügt über eine erstaunliche Spannbreite. Von der ersten Aufnahme an ist er unverwechselbar.

1960 erschien das erste Album, wie damals üblich ist es vor allem eine Zusammenstellung bereits vorher auf Single veröffentlichter Aufnahmen.  Und er spielte statt Coverversionen eigens komponierte Lieder und sang sie auf italienisch. Schnell entfernte sich der Sound vom amerikanischen Vorbild, die Weichheit und Dehnbarkeit der Sprache, die stärkere Melodiösität und die üppigeren, mit Streichern und Backgroundchören versehenen Arrangements haben mit Rock ‘n’ Roll-Konventionen nicht mehr viel, außer dem Rhythmus gemein. Und je eigenständiger die Musik wurde, desto größer wurde der Erfolg.

1961 tritt Celentano auf dem Festival von San Remo auf und singt das unwiderstehliche, kraftvoll dahinbrausende Lied über eine Menge Küsse, „24 000 baci“, mit dem Rücken zum Publikum. Vier Jahre, bevor The Velvet Underground auf eine solche Frechheit verfielen. Gewinnen tat er so nicht, aber in der Folge wurden eine halbe Million Platten verkauft, es war sein größter Erfolg in dieser Frühphase.

Wie Bill Haley in „Saat der Gewalt“ absolvierte Celentano in diesen Jahren auch schon diverse Filmauftritte. Als übergroßer nationaler Impersonator des Rock‘nRoll-Hypes wurde er überall singend und tanzend eingesetzt, wo man den Sound der Zeit gebrauchen konnte, unter anderem auch in Federico Fellinis „La dolce vita“.

Und dann erfolgte ein erstaunlicher Befreiungsschlag und Celentano war damit wieder allen um Jahre voraus. Er hatte keine Lust mehr, sich dem Diktat der Plattenfirma zu beugen, wollte selber über das Songmaterial und die Musiker entscheiden und sicher auch mehr vom immer größer werdenden Kuchen abbekommen. Also gründete er 1962 mit einigen alten Kumpanen ein eigenes Label: Clan. Den alten Weggefährten Celentanos stand damit der Weg zu Veröffentlichungen frei und einige neue Talente wie Don Backy wurden unter Vertrag genommen. Nur bei Jolly fand diese Entwicklung verständlicherweise keiner gut, Gürtler ging gerichtlich gegen Celentano vor. Und so konnten von ihm selber bis 1964 nur eine Handvoll Singles bei Clan erscheinen, während er seine vertraglichen Verpflichtungen mit zahlreichen weiteren Jolly-Veröffentlichungen erfüllte, die Aufnahmen anderer europäischer Rock ‘n’ Roll-Epigonen zwar in jeder Hinsicht überlegen waren, aber doch nur einen kleinen Vorgeschmack boten auf das, was noch kommen sollte.

Der Clan wurde seinem Namen nur  bis Ende des Jahrzehnts gerecht, dann wandelt er sich zur Firma, die fast nur nur noch Celentanos Alben veröffentlicht. Und Claudia Moris, die Schauspielerin, die er 1963 heiratet, nimmt über die Jahre auch ab und zu noch etwas auf. Wirtschaftlich ist der Clan Celentano, wie er schon lange folgerichtig heißt, bis heute erfolgreich. Die Unabhängigkeit konnte all die Jahre lang, fast ein halbes Jahrhundert, bewahrt bleiben und die Geschäftsführung blieb immer in der Hand der Familie: Bevor seine Frau 1981 die Leitung übernahm, hatten sein Bruder und sein Schwiegervater die Position inne.

Celentanos erste unabhängige Aufnahmen folgten noch dem bei Jolly etablierten Muster, dem Rock ‘n’ Roll verpasste er aber noch mächtigere Big-Band-Arrangements und Backgroundchöre (“Dou-ou-ou-ahhh”) und auf der B-Seite der ersten Clan-Single von 1962 sang er gar eine Ballade, „Sei Rimasta Sola“, im langsamen 6/8-Takt, mit satter Streicherbegleitung. Und dann ging der herrliche Irrsinn langsam richtig los.

1963, bei „Le Notti Lunghe“, gibt es erste Verrücktheiten, der vermutlich erste Einsatz eines Cembalos in der Popmusik, Call-and Response-Gesänge mit einem Chor der sich am ehesten russisch anhört und mittendrin spielen die Streicher plötzlich mit der Rhythmuseinheit ein paar abgehackte Einzeltöne. Im gleichen Jahr wurde auch noch ein Tango („Grazie Prego Scusi“) aufgenommen: komplett mit Akkordeon, aber auch ein paar Harfentönen und völlig ausufernden Bläserarrangements.

Während überall in Europa das Beatfieber ausbrach und auch in Italien zahlreiche Bands auftauchten, die die Fab Four, die Stones und andere britische Vorbilder kopierten, ging Celentano einen ganz eigenen Weg.

1964, bei “L’Angelo Custode”, ist erstmals die akustische Gitarre das wichtigste Instrument, dazu kommt ein irrsinniges Tempo, mal eben eine Mundharmonika, Celentano fängt jenseits von der eigentlichen Songstruktur an zu schreien (“Jaeijaeijaijaei”) und alles wird ekstatisch in ungeahnte Höhen gepeitscht.

Rhythmisch und melodisch wurde für diese Musik auf italienische Traditionen zurückgegriffen, mit akustischen Gitarren ein klares Folksignal gesetzt, gleichzeitig aber in wilder Mischung alles verarbeitet, was den Machern gerade einfiel und passend erschien, ähnlich wie Ennio Morricone das zeitgleich betrieb, wenn er etwa für seine Soundtracks Stücke für Maultrommel und Orchester komponierte.

Bei Celentano kamen jetzt Glocken öfter zum Einsatz, auch Flöten, russisch klingende Chöre immer wieder, besonders ausgiebig im unvergleichlichen A-capella-Einstieg von “Ciao Ragazzi”. Und mit seiner Stimme experimentierte er, alles was man damit anstellen kann, von Sprech- bis hin zu eigenwilligem Scatgesang, hat er ausprobiert.

Die Kompositionen stammen von einem Pool von Musikern und Textern, ähnlich wie bei Stax- oder Motownstücken. Dazu gehörten Gino Santercole, Luciano Beretta, Mogol, vor allem aber Miki Del Prete, der von 1960 bis 1979 nicht nur mit Abstand die meisten Texte schrieb, sondern sämtliche Aufnahmen aus Celentanos großer Zeit von 1963 bis 1974 auch produzierte, weshalb vielleicht die Lobpreisungen eigentlich ihm gelten müssten.

Paolo Conte hat an auch mehreren Stücken mitgeschrieben, lange vor seinen ersten eigenen Aufnahmen, das jesusmäßige „Chi era lui“, der mit Claudia Mori im Duett vorgetragene Walzer „La coppia più bella del mondo“ und vor allem auch „Azzurro“ von 1968 stammen teils von ihm. Über diesen größten Erfolg Celentanos, fast schon so etwas wie Italiens inoffizielle Nationalhymne, schrieb Roberto Benigni: „Stücke wie „Azzurro“ sollten gesetzlich verboten werden. Wer ihnen ohne Strahlenanzug ausgeliefert ist, droht nachhaltig verstört zu werden.“ Und: „Man hört Trommeln und Trompeten, die eine Fröhlichkeit simulieren, die gar nicht vorhanden ist und dann bricht ein Gewitter aus Streichern herein und über all das legt sich eine dröhnend schöne Stimme. Wie ein Sonnenuntergang, dargeboten in einer Tasse.“ Vielleicht ist das mit der simulierten Fröhlichkeit wirklich das Geheimnis von „Azzurro“, der Widerspruch zwischen dem voran preschenden, mitreißendem Rhythmus und der darunter liegenden Melancholie entfaltet seine unwiderstehliche Anziehungskraft auch noch beim tausendsten Hören, wenn das Lied wieder in irgendeinem Oldieprogramm runtergedudelt wird.

Für die Einzigartigkeit und die Qualität des Sängers Celentano spricht die Tatsache, dass von den zahllosen „Azzurro“-Coverversionen keine einzige je künstlerisch oder kommerziell an das Original heranreichen konnte. Am wenigsten jene der Toten Hosen.

Paolo Conte, der den Meister wohl auch nie herausfordern wollte und „Azzurro“ selber nur verlangsamt und mit sparsamer, zurückhaltender Klavierbegleitung zum Besten gibt, lobt Celentano vor allem als begnadeten Tänzer, der „nach Worten und Rhythmen“ dürste. Seine Tänze mit den elastischen Beinen haben ihm schon ganz am Anfang seiner Karriere den Spitznamen „il Mollegiato“ eingebracht, der Federnde. Aufnahmen aus den letzten Jahren zeigen ihn nicht mehr ganz so federnd, aber bei youtube finden sich unzählige Schnipsel von Fernsehauftritten aus den Sechzigern und frühen Siebzigern, die belegen, dass er dieser Titulierung alle Ehre gemacht hat.

Zum Autorenpool gehörte Celentano immer auch selber: Er hat die Musik zahlreicher seiner Lieder aus den Sechzigern geschrieben und wohl auch auf die Texte häufig Einfluss genommen, offiziell als Texter wurde er allerdings erst 1972 auf dem Album „Il mali del secolo“ genannt. Das Album hat er fast komplett allein geschrieben und komponiert, es darf also als sein persönlichstes gelten und es machte Schluss mit der Überschwenglichkeit, die die Aufnahmen der Vorjahre bestimmte. Düster kommt schon das Cover daher und düster sind die Inhalte: Es geht um kaputte Liebe, zerstörte Umwelt, einen suizidalen Vogel, um Drogen und um eine göttliche Moralpredigt. Aber er erlaubte sich auch den Spaß, das Lied „Quel signore del piano di sopra“, bevor er die Strophen auf italienisch sang, in einem Fantasieenglisch vorzutragen, das er als Celentanesisch bezeichnet. Ein Vorläufer von „Prisencolinensinainciusol“, der bald darauf folgenden Single, das nur aus einem völlig durchgeknallten gerappten – ja wirklich! – celentanesischen Kauderwelsch besteht, begleitet von einem treibenden Beat, Gitarrengeschrammel und schließlich einer Mundharmonika. Eine Melodie ist nicht in Sicht. „Prisencolinensinainciusol“ wird alle paar Jahre wieder von ungläubig staunenden neuen Hörern entdeckt, zuletzt letztes Jahr in den USA, als das Blog Boingboing.net, eine Zentrale für Kurioses im großen weiten Web, eine Fernsehaufzeichnung postete und auf große Resonanz stieß.

In den folgenden knapp vier Jahrzehnten sind dann noch 27 weitere Alben erschienen, einige davon richtig gut, viele eher durchwachsen und einige wenige, aus den Achtzigern, kann man sich wirklich nicht anhören. Allesamt verblassen sie im Vergleich zu den hier beschriebenen Aufnahmen. Geschauspielert hat er auch und es stimmt, weder die Filme noch seine Schauspielkunst zeichnen sich durch sonderliche Qualität aus, auch wenn sie alle noch um Längen besser zu sein scheinen, als die grottigen deutschen Fassungen vermuten lassen. Die besten Filme seiner Karriere sind wohl die zwei, bei denen er selbst Regie geführt hat: „Der Superraub von Mailand“, von 1964, und der fellinieske „Yuppie Du“ von 1975. Seit den Achtzigern moderiert er außerdem alle paar Jahre höchst erfolgreiche Fernsehshows, die geradezu absurd hohe Einschaltquoten von bis zu 48% erreichen und mit denen er natürlich auch seine jeweils aktuellen Veröffentlichungen bewirbt.

180 Millionen Tonträger soll er insgesamt verkauft haben. Zwei Drittel davon in Italien. Kein Wunder, dass es ihm wurscht ist, ob und was die Medien über ihn berichten und dass Interviewanfragen gar nicht erst an ihn weitergeleitet werden. Der macht einfach, was er will. Eine Haltung die vor vierzig Jahren zu großartiger Musik geführt hat. Dafür verdient er, verdammt noch mal, Respekt.

 

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  1. Macho Salat, Mannschaftssport und Jackies beste Stunts - die Links der Woche vom 4.1. bis 10.1. 2013 | Männer unter sich

    [...] Letzten Sonntag ist Adriano Celentano 75 geworden. Bei Gunar Geller haben wir eine höchst kenntnisreiche Würdigung des Meisters gefunden. [...]