Neu im Kino: Luftfahrt, Schwerter und Rassismus

KW39

So wahnsinnig mutig und ungewöhnlich ist es ja eigentlich auch wieder nicht, einen grantigen Kerl gegen seinen Willen mit einem Kind auf eine Reise zu schicken. Auf Anhieb fallen mir „Der Schmetterling„, „Kikujiros Sommer“ und „Paper Moon“ ein, allesamt tolle Filme übrigens, die erfolgreich das komische (und sentimentale) Potential eines solchen Gespanns genutzt haben. Für einen Film, der den Hollywood-Blockbuster-Markt bedient und buchstäblich alle Altersgruppen ansprechen muss, ist es allerdings doch erstaunlich, dass die Hauptfigur ein desillusionierter Rentner ist. Pixars jüngstes CGI-Spektakel heißt „Oben“ („Up“), falls irgendjemand das noch nicht mitbekommen hat und nach der Trefferquote von 100 %, die das Studio bislang aufzuweisen hat, kann man wohl sicher davon ausgehen, dass es auch beim zehnten Mal gelungen ist, für so ein Massenprodukt verblüffende Qualität auf allen Ebenen zu liefern. Das macht denen keiner nach, ganz gleich ob es sich um Trick- oder Realfilmproduzenten handelt. Was für ein Glück, dass die Richtigen damals den Start einer neuen Ära des Animationsfilms eingeläutet haben. Und dass sie damit sofort Erfolg hatten. Wer ein entsprechend ausgerüstetes Kino in der Nähe hat, kann sich das Ganze in 3D anschauen, zum ersten Mal bei Pixar.

„Oben“: Trailer | Links | Kinos

Wong Kar-Wai hat seinen vierzehn Jahre alten Beitrag zur Abteilung Schwertkampffilm frisch aufpoliert und mit ergänzender Musik versehen. Krankt wohl auch schon ein wenig an dem Missverhältnis zwischen Inhalt und beeindruckender Oberfläche, ist aber ein Muss, allein schon wegen der Kameraarbeit des mittlerweile zu Ruhm gekommenen Christopher Doyle. Ganz zu schweigen von der bezaubernden Maggie Cheung, die bei den Dreharbeiten dreißig Jahre alt war. „Ashes Of Time“ ist jetzt erstmals in Deutschland auf der mehr oder weniger großen Leinwand zu sehen.

„Ashes Of Time Redux“: Trailer | Links | Kinos

„Schande“ („Disgrace“) ist eine Nobelpreisträgerliteraturverfilmung und wird vermutlich von der üblichen Schmökerschwere am Abheben gehindert. Es geht um Rassismus und Sexismus und Südafrika; Regie führte der Australier Steve Jacobs und das Geld für die Produktion wurde auch Down Under aufgebracht. Ein Literaturprofessor stolpert in Kapstadt über ein Verhältnis zu einer schwarzen Studentin und seine erwachsene Tochter wird auf ihrer abgelegenen Farm Opfer eines Verbrechens. Die Vorlage von J.M. Coetzee soll dicht und packend und ironisch sein und vermutlich wäre die Lektüre wie gewöhnlich lohnender als das Anschauen der filmischen Nacherzählung. John Malkovich in der Hauptrolle ist allerdings verlockend …

„Schande“: Trailer | Links | Kinos

Außerdem neu: der bereits zwei Jahre alte Versuch von Altmeister Andrezj Wajda, sich filmisch dem Massenmord von Katyn anzunähern, eine melancholische Liebesgeschichte zwischen serbischen Plattenbauten mit Anica Dobra und noch sechs weitere Filme. Eine brauchbare Übersicht über sämtliche Starts findet sich wie immer bei filmz oder Filmzeit.

Wong Kar-Wai habe ich mal fotografiert. In der Hoffnung, der Erste zu sein, der es schafft ihn ohne Sonnenbrille abzulichten, hatte ich transparente Plastikfolien aufgehängt. Vielleicht könnte ich trickreich wenigstens ein unverdecktes Auge erwischen, so war der Gedanke. Aber egal wie viele milchige Lagen Folie zwischen seinem Gesicht und der Linse waren, von der Brille wollte er sich deshalb noch lange nicht trennen. Eigentlich sehr clever: Er macht alles mit, bleibt aber hinter seiner Brille versteckt und ist damit für die Öffentlichkeit fast so unsichtbar wie J.D. Salinger. Ganz mühelos.

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Ein Nachtrag: Gerade ist ein ausführliches Interview mit Christopher Doyle im Film Issue von Vice erschienen (via Filmkunst).

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