Frühschäden

Plakat_OG

Offenbar schenke ich Wahlplakaten ein überdurchschnittlich großes Interesse. Zwei persönliche Gründe dafür fallen mir ein:

Erstens: Als Steppke hat mein Vater mich mitgenommen, als er sich für das obige Plakat fotografieren lassen musste. Das war mein erster Besuch in einem Fotostudio. Der Oldesloer Vollprofi versuchte unentwegt, dem wenig entspannten Amateurpolitiker die Sache etwas leichter zu machen. Witze erzählen hielt er offenbar für geeignet als Lockerungsübung. Einen nach dem anderen. Das ging sowas von in die Hose. Wie man sieht. Aber ich hab‘ was draus gelernt.

Zweitens: Als ich viele Jahre später beschloss, auszuprobieren, ob ich nicht selber so ein Fotograf sein könnte, habe ich ein Praktikum bei einem Hamburger Werbeknipser angefangen. Und gleich als erstes stand eine „Shooting-Reise“ nach Bonn an, wo sämtliche SPD-Direktkandidaten für die Plakate zu fotografieren waren. Immer im gleichen Licht, immer gleich postiert vor dem immer gleichen gemalten Hintergrund, der „total echt“, nämlich wie unscharf draußen im Grünen fotografiert, aussehen sollte.

Zwei Teams haben parallel wie am Fließband die mehr oder weniger prominenten Damen und Herren abgelichtet, eines eher bodenständig, angereist aus der Heimat und auf Wunsch des damaligen Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine, das andere aus der einstigen Medien- und Werbehauptstadt Hamburg. Beide haben Fotos produziert, die auch jeder Oldesloer oder Bonner Fotograf für ein Bruchteil des Honorars hinbekommen hätte. Um so wichtiger war es für die Mitarbeiter der schnöseligen Hamburger Truppe, zu der nun auch ich gehörte, sich unentwegt gegenseitig zu versichern, wie weit unter das eigene Niveau man sich hier doch begebe mit diesen schlecht gekleideten, ja sogar Feinrippunterhemden tragenden Politprolls. Der Fotograf, die ausschließlich mit Chanelklamotten und -accessoires bewandete Stylistin und die Visagistin, die nicht müde wurde zu betonen, dass sie das ja nur nebenbei mache und eigentlich Designermöbel in Pöseldorf verkaufe, bewiesen ihre eigene Überlegenheit durch fachkundige Gespräche über Soziales („Auf die Mönckebergstraße kann man ja nicht gehen, was da für ein Abschaum rumläuft!“) und Kulturelles („Also die drei Tenöre in Rom waren ja einfach umwerfend! Noch viel besser als neulich die Rolling Stones in Hannover.“). Mit der Saarbrücker Konkurrenz nebenan wurde nach Möglichkeit kein Wort gewechselt.

Es war kaum zum Aushalten. Keine Ahnung, wieso ich dann trotzdem Fotograf geworden bin.

Und mit meinem Interesse an Wahlplakaten hat das vielleicht auch gar nix zu tun.

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