Erst Musikzeitschriften, dann Distelmeyer

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Die FAS hat vor zwei Wochen auf ihren Medienseiten einen Blick auf den Zustand der Musikpresse, vor allem der nationalen, geworfen. In dem Artikel beschreibt Christina Hoffmann erst die wirtschaftlichen Nöte, um sich dann dem „zugrunde liegenden“ Bedeutungsverlust von Spex, Rolling Stone, de:bug & Co zu widmen. Sie ortet allseits eine „Mischung aus Beliebigkeit und Nostalgie“, das seien Magazine „mit alten Männern für alte Männer“, die vor allem auf Zusatzgeschäfte setzten, zu sehr den unterstellten konservativen Musikgeschmack ihrer Leser bedienten und sich selbst totredeten. Stattdessen sollten die Redaktionen lieber an „Literarizität“ zulegen und „über die Methoden und Produktionsbedingungen von Musikern berichten“ und nicht Musik „auf ein Lifestyle-Tool“ reduzieren.

Ist alles richtig, den Blättern geht’s dreckig, auch wenn Max Dax die Auflagenzahlen der Spex bejubelt, denn wenn die schon lang anhaltende Krise der Tonträgerindustrie durch die allgemeine Anzeigenkrise verstärkt wird, kann’s nicht anders als eng werden.

Jedoch zweifele ich stark daran, dass der Bedeutungsverlust durch andere inhaltliche Weichenstellungen in den Redaktionen aufzuhalten wäre, da spiegelt sich wohl doch nur die verhältnismäßige Bedeutungslosigkeit von Popmusik in unserer Zeit. Und was Christina Hoffmann vergisst zu erwähnen: Konkurrenz wird der Musikpresse nicht nur im Netz gemacht, sondern vor allem auch durch andere Printmedien. Kein Kulturteil verzichtet auf Popmusik, in jeder Redaktion sitzen Autoren, die vom einstigen Status eines Diedrich Diedrichsen träumen und sich sehr ernsthaft mit dem jeweils jüngsten Hype auseinandersetzen. Jochen Distelmeyer prangt eben nicht nur auf dem Titel der aktuellen Spex, sondern ist mit seinem ersten Soloalbum Thema in absolut jedem Feuilleton, selbstverständlich auch dem der FAS. Und bei der Welt kompakt hat er es sogar auf die Titelseite geschafft. Welchen Trend könnte man denn so überhaupt noch verpassen? Wenn in den Achtzigern der Spiegel ein Popphänomen aufgriff, konnte man sicher sein, dass das Thema schon längst durch war. Da war Spex als Informationsquelle noch unverzichtbar. Und dann nahm das kontinuierlich ab.

Dass Jochen Distelmeyer ganz besonders viel Aufmerksamkeit im Feuilleton bekommt, ist schon seit Jahren so, da kann man vermuten, dass Autoren sich auch gleich viel wichtiger vorkommen, wenn das Objekt ihrer Texte sich und seine Lieder auch schon überaus ernst nimmt. Interviewer und Musiker überbieten einander oft in ihren Prätentionen, selbst Charlotte Roche war dagegen nicht gefeit, ich erinnere mich an unerträgliches wichtigtuerisches Gefasel  in ihrer Viva-Sendung „Fast Forward“, als Blumfeld zu Gast waren. Mir hat das, ganz abgesehen von meiner Abneigung gegen schlagerhaftes Gesäusel, immer gleich jede Neugier auf das jeweilige Album genommen und das ist auch beim aktuellen Soloalbum nicht anders, wenn ich etwa diesen Kai-Müller-Artikel im Tagesspiegel lese. (Wer sich da durch „Störgeräusche der Seele“, „radikalen Ich-Monismus“ „eigene Unverwüstlichkeit, die sich in überspannter Ungerührtheit durch die Songs zieht“ quält, darf sich mittendrin wenigstens freuen, wenn der Autor a capella mit Karaoke verwechselt.)

Inzwischen scheint Distelmeyer das aber selbst auf den Geist zu gehen und er beginnt gegenzusteuern, im FAS-Artikel von Tobias Rüther (nicht im Netz) wird er mit hemdsärmeligen Muckersprüchen zitiert: „Das klang einfach total lustig und super“ (über den Klang eines Verzerrers).

Persönlich bin ich ihm zweimal begegnet, vor Jahren, da habe ich ihn als angenehm offen und gänzlich unblasiert erlebt. Das erste Mal sind wir nach einem Konzert zufällig gemeinsam in einem Taxi gelandet und das zweite Mal habe ich ihn mit Blumfeld fotografiert:

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Musikalisch ist „Heavy“, wie das Soloalbum heißt, wohl eher wieder nix für mich. Aber vielleicht für Euch? Hier ist seine Website.

Musik 3 Kommentare »

3 Reaktionen zu “Erst Musikzeitschriften, dann Distelmeyer”

  1. Thies

    Zu den Musikmagazinen:
    „früher“ (TM) waren sie für mich ein unverzichtbarer Führer durch den Musik-Dschungel, der einen auf die eine oder andere seltene Pflanze aufmerksam machen konnte. Aber inzwischen ist es wohl so, dass sich bei einfach ein gewisser Geschmack verfestigt hat und Entdeckungen dank Internet eben auch auf anderen Art gemacht werden können. Was das Lesen von Rezensionen angeht, reicht mir die entsprechende Rubrik in der „Szene-Hamburg“ mittlerweile vollkommen aus. Die Spex hatte ich bis vor 2-3 Jahren immer noch artig gekauft, aber eigentlich kaum noch richtig durchgelesen. Nach dem Umzug der Redaktion (der gleichzeitig einen kompletten Austausch des Personals bedeutete) hatte ich dann gänzlich die Lust verloren und den Kauf eingestellt. Ich kann nicht behaupten, dass mir wirklich etwas fehlen würde.

    Zu Distelmeyer:
    Das Album hab ich leider noch nicht gehört, aber sein Solo-Auftritt im Kampnagel letzten Monat war für mich ein echter Genuss. Musikalisch hat er sich trotz neuer Band nicht wirklich weit vom Blumfeld-Sound entfernt und seinen Texten geht die in den Rezensionen vorhandene Prätention vollkommen ab. Ob man seine Liebeslieder nun als ehrliche Zustandsbeschreibungen oder als Schlagerkitsch wahrnimmt, muß wohl jeder für sich selbst entscheiden. Mir hat’s gefallen.

  2. Gunnar

    Willkommen an neuem Ort mit neuem Thema, Thies. Bei Spex geht’s den meisten so, die ich kenne, aber irgendwelche, womöglich gar jungen Leser, scheinen da ja als Ersatz gewonnen worden zu sein.“Heavy“ werd‘ ich auch noch eine Chance geben. Klasse fand ich den späten Blumfeld-Song „Jenseits von Jedem“, eine „Desolation-Row“-Variante und nichts weniger als die beste Dylan-Nachdichtung und Hommage aller Zeiten.

  3. rammi dammi

    Alle schwachmatistischen Superlative wo gibt wie immer bei dem hier.