Neu im Kino: Zerdehnung, Zerstörung und Zapitalismus

KW46

Béla Tarr, der ungarische Regisseur, der gern in elegisch-hypnotischen Kamerafahrten und ewiglangen Einstellungen schwelgt, hat bereits 2007 seine Simenonverfilmung „The Man from London“ fertiggestellt. Jetzt kommt das stark stilisierte Schwarzweiß-Drama doch noch in unsere Kinos, in zwei jedenfalls, beide in Berlin natürlich. Später wandern die Kopien dann noch  hier und da hin, sogar in der Kinoprovinz Hamburg wird das Metropolis den Film im Dezember einmal abspielen. Schwarzweiß und eine Machart, die sich um die Sehgewohnheiten von regelmäßigen Tatortguckern offenbar nicht die Bohne schert, das ergibt heutzutage mehr denn je reines Publikumsgift.

Es geht um einen Mann und einen Koffer voller Geld.

Die Kritiker sind überwiegend des Lobes voll, aber nicht alle sind von der Kombination des Tarrschen Stils mit einer kleinen Film-Noir-Handlung überzeugt. Was ist es nun? Quälendes, selbstzweckhaftes Zerdehnen einer eh schon dünnen Geschichte oder eine cinematografische Offenbarung? Ich bin gespannt.

Zu Simenon: Die Vorlage ist als Diogenes Taschenbuch lieferbar. Die schöne Gesamtausgabe der Maigret-Bände ist jetzt abgeschlossen, momentan holt der Verlag gerade Luft, bevor es dann voraussichtlich in einem Jahr mit einer ebenso schön und aufwendig ausgestatteten Neudedition der Non-Maigrets weiter geht, die mich sehr viel mehr interessieren. Eine Würdigung Simenons von Michael Althen findet sich bei faz.net: „Dabei weiß jeder insgeheim, dass er in einem beliebigen Simenon mehr von dem findet, wonach er sich bei der Lektüre sehnt, als bei all den Büchern, mit denen man sich üblicherweise auf dem Laufenden hält.“ Und Oliver Hahn betreibt eine liebevoll gepflegte Website für die eingeschworene Gemeinde: Maigret.de.

„The Man From London“: Trailer | Links | Kinos

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„2012“ liefert wohl genau das, was er auch verspricht: einen zweieinhalbstündigen augen- und ohrenbetäubenden Weltuntergang, weitestgehend computeranimiert natürlich. Oder , mit den Worten von Marc Savlov im Austin Chronicle: „Big. Dumb. Fun.“ Die Kritik zeigt sich eher gelangweilt, jedenfalls in den USA und in Großbritannien.  Bei uns verschafft vielleicht die Herkunft des Regisseurs dem Film eine etwas mildere Aufnahme. Interessanter als den Film selbst finde ich das virale Marketing. Hier ein erhellender Artikel dazu von Alex Rühle aus der Süddeutschen. (Wie immer bei Qualitätsjournalismus trotz des Themas komplett linkfrei.)

„2012“: Trailer | Links | Kinos

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Michael Moore hat wieder zugeschlagen. Sein neuestes filmisches Pamphlet scheint die üblichen Schwächen (zu polemisch, zu simpel argumentierend, zu wenig analytisch) und die üblichen Stärken (lustige Guerillataktiken und raumfüllender persönlicher Einsatz) aufzuweisen. Wer sich über erstere schon öfter geärgert hat, wird zumindest nicht enttäuscht und kann sich vielleicht über letztere freuen. Meint auch Kai Sokolowsky in konkret (nicht online): „Und so brilliant, wie dieser Film montiert ist, so gallig, wie er mit den Verantwortlichen der kapitalistischen Verheerung ins Gericht geht, so furios, wie Michael Moore sich als Anwalt der Geplünderten und Entrechteten in Szene setzt, wird der geringe Erkenntnis- immerhin durch Lustgewinn und jede Menge Groove wettgemacht“.

„Kapitalismus: eine Liebesgeschichte“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • eine wohl sehr müde Romcom mit Jennifer Aniston und Aaron Eckhart („Love Happens„)
  • eine deutsche Romcom, in der ein verschrobener Hobby-Pantomime von einer Blinden wachgeküsst wird. Die Blinde ist die zur Zeit allgegenwärtige Katharina Schüttler, Regie führte Almut Getto, erstmals seit „Fickende Fische„, ihrem schönen Debüt von 2002. („Ganz nah bei dir„)
  • eine weitere deutsche Romcom mit reichlich Wackernagels, die etwas wirr nebenbei die Themen Ausbeutung und Widerstand zu verhandeln scheint („Résiste – Aufstand der Praktikanten„)
  • ein gemütvoller Film über Hund und Herrchen. Das Herrchen ist Richard Gere. „Berührt das Herz und streichelt die Seele“, droht der Pressetext. („Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft„)
  • und wieder einmal so eine Buddhismus-Doku, für die es ja wohl offenbar ein erstaunlich großes Publikum zu geben scheint. Zu meinem Entsetzen wirkt diesmal John Cleese mit. Nicht einmal auf verdiente Blasphemisten kann man sich mehr verlassen.  („Mitgefühl, Weisheit und Humor„)

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Eine brauchbare Übersicht findet sich wie immer bei filmz oder Filmzeit; wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten und schnellsten bei kino.de raus.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Zerdehnung, Zerstörung und Zapitalismus”

  1. Andreas

    „Verdiente Blasphemisten“ – diese Formulierung ist so schön, wie die Klage über John Cleeses Mitmischen bei so etwas berechtigt ist.