Neu im Kino: Ein Fußballer, ein in jeder Hinsicht unzuverlässiger Erzähler und eine Kartoffel

KW45

Ken Loach ist der Oberlehrer unter den Filmemachern. Aber gleichzeitig ist er ein begnadeter Erzähler, einer, dem man gerne in die dunkelsten Ecken folgt, in denen die Verlierer unseres Wirtschaftssystems darben. Das Schema ist eigentlich immer simpel, eine anrührende Geschichte, ein wenig Humor, ein sehr genauer Blick auf das jeweilige, immer authentisch gezeichnet wirkende Milieu und eine eindeutige Botschaft. Aber der Mann beherrscht das wie kein zweiter, ja, auch ein Woody Allen macht ihm das nicht so schnell nach. Solange er Sozialkunde unterrichtet, komme ich immer gerne zum Unterricht, nur die Geschichtsstunden schwänze ich lieber. Ob im spanischen Bürgerkrieg oder in Irland, wenn der immer richtig klingende Tonfall bei Verwendung historischer Kostüme hops geht, wirkt´s schnell zu pathetisch und konstruiert.

Sein neuester Film, „Looking For Eric“ ist zum Glück aber wieder fest in der britischen Gegenwart verankert. Allerdings kommen erstmals ungewohnt fantastische Elemente zum Einsatz, die sich hoffentlich gut mit dem Loachschen Sozialrealismus vertragen: Postbote Eric, von allerlei persönlichen Problemen gebeutelt, findet unerwartet Unterstützung bei seinem Helden, dem real existierenden Fußballer Eric Cantona, der zu diesem Zweck direkt aus einem Poster an der Wand in Erics Leben tritt. Erinnert stark an Nick Hornbys vorletzten Roman. In „Slam“ findet die jugendliche Hauptfigur fragwürdige Unterstützung bei seinem Skateridol, das von einem lebensgroßen Poster herab zu ihm spricht. (Der Name der Hauptfigur ist übrigens Sam, vielleicht eine versteckte Hommage an den Woody-Allen-Film „Play It Again, Sam“, in dem die Allenfigur wiederum von Humphrey Bogart Lebenshilfe erfährt.) Neu ist das also alles nicht, aber man kann wohl drauf vertrauen, dass die von Loach erzählte Geschichte stilistisch  unverwechselbar die Handschrift des Regisseurs trägt.

Die Kritiken sind fast durchweg wohlwollend, hüben wie drüben, doch ein wenig befürchte ich, dass der „Feel-Good-Movie“-Touch für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten ist; insbesondere das Happy End könnte eventuell Unwohlsein hervorrufen.

Wer die Wahl hat, den Film statt in deutscher Fassung in OmU zu sehen, sollte das unbedingt tun, allein schon wegen Cantonas alles andere als akzentfreiem Englisch und des ansonsten gesprochenen Dialekts. Da geht sonst viel verloren. (In Hamburg im Abaton.)

„Looking For Eric“: Trailer | Links | Kinos

Steven Soderbergh macht mal dies und mal das mit mal viel und mal wenig Geld und nicht immer war ich vom Ergebnis begeistert. Sein jüngster Film „The Informant!“ scheint eine sehr clever erzählte, ungewöhnliche und leise daher kommende Komödie zu sein, in der ein kaum wieder zu erkennender Matt Damon als Angestellter eines Lebensmittelkonzerns das FBI und uns, das Publikum, austrickst. Weist Ähnlichkeiten mit „The Insider“ auf, beruht sogar auch auf einer „wahren Geschichte“, ist aber originellerweise entschieden unernst. Freu ich mich drauf.

„Der Informant“: Trailer | Links | Kinos

Neulich hat es ein Film aus Urugay zu uns ins Kino geschafft, der Grund war „der Große Preis der Jury“ in Berlin; jetzt startet ein Film aus Peru, der im Februar gar den goldenen Bären kassiert hat. Es ist der Film mit der Kartoffel, „La teta asutada“, bei uns hat er den nichtssagenden „poetischen“ Titel „Eine Perle Ewigkeit“ verpasst bekommen. Die Kartoffel steckt bei der Hauptdarstellerin in der Scheide, als Schutz vor einer Vergewaltigung, wie sie ihrer Mutter widerfahren ist.

Kann ja sein, dass all die positiven Kritiken Recht haben, dass es sich hier um ein sehr interessantes und neuartiges Stück Kino handelt, dass sensibel von einem Trauma und von sozialen Konflikten erzählt wird, ohne in Ethno- oder sonstigen Kitsch abzugleiten. Der Pressetext sagt aber: „Zwischen Erinnern und Vergessen begleitet der Zuschauer Fausta auf einer hypnotisierenden Reise durch eine Welt voller Sagen, Mythen und Geheimnisse. Fantasievolle Bilder, großartige Schauspieler und der tiefe Blick in die Seele eines Landes …“ Oha. Und das mit der Kartoffel ist so doof. Ich geh da nicht rein. (Obwohl mir die Hochzeitsszenen im Trailer richtig gut gefallen!)

„Eine Perle Ewigkeit“: Trailer | Links | Kinos

Außerdem neu:

  • eine alptraumhafte Kindheitsheitsgeschichte, die in finsteren finnischen Wäldern spielt und sehr viel Atmosphäre, aber sonst leider nicht viel zu bieten hat. Aber vielleicht reicht das ja auch. Bei „Schrei in der Stille„, dem kanadischen Film von Philip Ridley, der mir in jeder Hinsicht ein naher Verwandter zu sein scheint, war auch nicht viel mehr als Oberfläche. Aber wie die aussah! („Der Besucher„, läuft leider nicht in der Kinoprovinz Hamburg)
  • ein wohl ganz passabler komischer Horrorfilm mit Megan Fox als fleischfressendem Cheerleader. („Jennifer’s Body„)
  • ein weiterer Robert-Zemeckis-Film, der mit Performance-Capture-Technik realisiert wurde, also ein digital „übermalter“ Realfilm. Es sieht so furchtbar aus, so schmierig-kitschig-scheußlich wie sonst überhaupt nichts im Kino, es ist einfach furchtbar, dass der Mann damit Erfolg hat. Zum Glück gibt’s bislang keine Epigonen, obwohl Zemeckis erster Film dieser Art, der „Polarexpress“ schon 2004 gedreht wurde. Beim Wikipediaeintrag zum „Polarexpress“ steht übrigens fälschlicherweise, es handele sich dabei um Computeranimation. Kann das nicht mal jemand ändern? (Was soll da animiert sein, bitte schön?) Das neue Machwerk ist eine Neuverfilmung von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte„.
  • eine Computertrickkatastrophe aus europäischer Produktion („Niko – Ein Rentier hebt ab„)
  • eine deutsche Dokumentation, die dem Leiden von an Leukämie erkrankten Kindern etwas Erbauliches abzugewinnen versucht („Seelenvögel„, was für ein Titel, igitt)
  • ein deutsches Spielfilmdebüt über die Ermordung eines Obdachlosen in einem Kaff in Brandenburg  („Weltstadt„)
  • eine deutsche Beziehungskomödie, die auf den ersten Blick anders als üblich zu sein scheint. Alexandra Wach schreibt im Filmdienst: „Wieder einmal soll es um Bindungsängste, Selbstzweifel und Unentschiedenheit gehen, und irgendwie drängt sich bei dieser zwischen Ironie und angestaubter Romantik schwebenden Schauer-Komödie der Eindruck auf, es mit einer biederen, Opulenz heuchelnden, in den Sehgewohnheiten verträglicheren Fernsehvariante von Maren Ades „Alle Anderen“ zu tun zu haben.“ („Weitertanzen„)
  • eine unterirdische Hollywood-Romcom mit Jean Reno in einer Nebenrolle – Wohin steigt der denn ab? („All inclusive„)
  • und wieder eine türkische Komödie über die, wie immer, nix herauszubekommen ist und die, wie immer, trotzdem Anlass zur Vermutung gibt, das deutsche Kino sei vielleicht doch nicht „das schlechteste der Welt“  („Kanal-i-zasyon„)

Eine brauchbare Übersicht findet sich wie immer bei filmz oder Filmzeit; wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten und schnellsten bei kino.de raus.

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