Bioploitation

Morgen, am Mittwoch, dem 11., läuft das Biopic „Romy“ im Fernsehen, in dem Jessica Schwarz versucht Romy Schneider zu sein. Aus diesem Anlass hat Johanna Adorján in der FAS einige grundsätzliche Überlegungen zur Problematik des Genres angestellt (leider nicht gratis im Netz abrufbar und die kostenpflichtige Seite bei faz.net lässt sich absurderweise weder googeln noch verlinken):

Es ist ein Problem, das alle Filme haben, die das Leben berühmter Filmschauspieler zum Thema haben: Man kennt das Vorbild vom selben Medium, von bewegten Bildern – das ist so, als würde der Geiger Nikolaj Znaider plötzlich eine Platte veröffentlichen, auf der er so zu spielen versucht, wie Yehudi Menuhin.

Bei Biopics über Popmusiker wird dieser Frevel ja tatsächlich begangen, wenn etwa Joaquin Phoenix Johnny Cash nicht nur mimisch und gestisch imitiert, sondern auch noch zu singen anfängt.

Aber Filmbiographien haben noch ein weiteres Problem: Die meisten nehmen sich eine sehr lange Zeitspanne aus dem Leben ihrer Protagonisten vor, weshalb die Handlung dann oft wirkt wie ein Abhaken von Wikipediaeinträgen. Und dann war das und dann das, und dann kam noch das.

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Bei mir rennt sie damit offene Türen ein. Und ich fühl mich mit meinen Ansichten zum Thema nicht mehr ganz so allein. Hier mein aktualisierter Text aus der alten Kinoprovinz, geschrieben im Januar 2008:

Kino ist am allerdümmsten, wenn es Musiker-Biographien erzählt. Visuelles Karaoke. Es ist eine idiotische Grundidee, Schauspieler Personen darstellen zu lassen, deren Aussehen und deren Stimmen uns aus unzähligen Medien bekannt sind. Und es kann gar nichts Vernünftiges dabei herauskommen, echtes Leben in eine dramatische Form zu bringen. Die dämlichen Verkürzungen auf ein paar Schlüsselereignisse sind unvermeidbar. Für wen wird das produziert? Wer Johnny Cash mag, will niemandem dabei zusehen, möglichst glaubwürdig so zu tun, als sei er Johnny Cash. Und erst recht will er niemandem dabei zuhören, der versucht so zu klingen wie Johnny Cash. Das muss für Bunte-Leser sein, denen die Musik und der Mensch eher wurscht ist, die sich aber für jeden berühmten Namen interessieren.

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Die hier waren alle schon dran:

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Woody Guthrie („Dieses Land ist mein Land“, 1976)

Billie Holiday („Lady Sings The Blues“, 1972)

Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davies Jr. („Frank Sinatra and the Rat Pack“, 1998)

Frankie Lymon („Why Do Fools Fall in Love“, 1998)

Bobby Darin („Beyond The Sea“, 2004)

Ritchie Valens („La Bamba“, 1987)

Jerry Lee Lewis („Great Balls Of Fire“, 1987)

Buddy Holly („Die Buddy Holly Story“, 1978)

Pattsy Cline („Sweet Dreams“, 1985)

Loretta Lynn („Nashville Lady“, 1980)

Johnny Cash („Walk The Line“, 2005)

Selena Quintanilla-Perez („Selena“, 1997)

Edith Piaf („La Vie en Rose“, 2007)

Elvis Presley („Elvis“, von John Carpenter (!) mit Kurt Russell als Presley (!!), 1979, weitere Fernsehproduktionen 1990 und 2005)

Ray Charles („Ray“, 2004)

The Temptations („The Temptations – Aufstieg in den Popolymp“, 1998)

The Supremes („Dreamgirls“, 2007)

Brian Jones („Stoned“, 2005)

The Doors („The Doors“, 1990)

Jimi Hendrix („Hendrix“, 2000)

Janis Joplin („The Rose“, 1979)

Sonny and Cher („And The Beat Goes On – Die-Sonny-und-Cher-Story“, 1999)
Tina Turner („Tina, What´s Love Got To Do With It?“, 1993)

The Sex Pistols („Sid und Nancy“, 1986)

Ian Curtis („Control“, 2008)

Kurt Cobain („Last Days“, 2005)

Def Leppard („Hysteria – Die-Def-Leppard-Story“, 2001)

Notorious B.I.G. (Notorious, 2009)

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Wer fehlt da am auffälligsten? Aus der Reihe der zu früh abgetretenen vor allem John Lennon. Seltsam. Aber immerhin gibt´s einen Film über seinen Mörder, für den sich damit das Verbrechen endgültig gelohnt hat. Und gerade fertig wurde einer über Lennons Jugend. Die Beatles-Saga wird wohl erst nachgekaspert werden, wenn die restlichen zwei auch noch das Zeitliche gesegnet haben. Marvin Gaye? Was ist mit dem? Schon in Arbeit. Und Sam Cooke? Otis Redding? Die waren früher wahrscheinlich zu schwarz und sind jetzt zu obskur für Hollywood. Aber Aaliyahs Leben und Sterben wurde gerade verwurstet.

Nachdem ich jetzt alle betreffenden Filme in die Tonne getreten habe, stellt sich die Frage, ob es nicht doch positive Ausnahmen gibt.
Interessanter wird es jedenfalls, wenn die Musiker sich selber spielen. Das sind dann gleich ein paar Probleme weniger. Und ein paar Chancen mehr. Richard Lesters „A Hard Day’s Night“ mit den Beatles würde auch funktionieren, wenn er von mehr als nur zwei Tagen erzählen würde. Und „8Mile“ mit Eminem scheint auch nicht blöd zu sein. (Nur will ich keinen Film über Eminem sehen, ganz egal, ob er was taugt.) Todd Haynes Dylan-Film, „I’m Not There“ hat bekanntermaßen einen anderen interessanten Ausweg gefunden: Da wird Dylan von 6 verschiedenen Darstellern gespielt, unter anderem Richard Gere und Cate Blanchett. Und es wird völlig auf die üblichen Dramatisierungen verzichtet und stattdessen mit dem biografischen Material einfallsreich jongliert.

Ich würde mich vielleicht auch für ein neues Elvis-Biopic als Stopmotionproduktion interessieren, mit Knetmännchen oder Legofiguren. Oder mit einem Schauspieler, der weder aussieht noch klingt wie Elvis, vielleicht Steve Buscemi. Am Besten wäre es jedoch, man würde einfach ganz darauf verzichten, sowas zu produzieren. Findet auch Iggy Pop: „Frankly I wish they’d both fuck off and leave their biopics.“ (Über zwei Projekte, ihn betreffend, 2007. Eines davon dürfte demnächst fertig sein: Mit Hobbit-Darsteller Elijah Wood in der Hauptrolle. Armer Iggy.)

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Bioploitation”

  1. Gunnar

    Hier die Kommentare von damals.

  2. Thies

    Ein Biopic über das Leben und die Karriere von Aaliyah? Das dürfte dann wohl eher ein Kurzfilm werden, oder? ;-)