Neu im Kino: Lebens- bzw. Abwege und effektiver Grusel

KW47

Der Horrorfilm „Paranormal Activity“ wurde mit einem Minibudget realisiert, drohte dann nach ein paar Festivaleinsätzen im Regal zu verstauben, bevor es gelang, ihn mit einer trickreichen Marketingkampagne doch noch groß in die Kinos zu bringen. Laut imdb hat der Film 11.000 $ gekostet und allein in den USA schon fast das zehntausendfache eingespielt.

Es geht um ein Paar in einem neuen Heim, um beunruhigende Erscheinungen und den Versuch der beiden, mit Hilfe von Videoaufnahmen rauszufinden, was da eigentlich vor sich geht. Hört sich alles sehr ähnlich an wie der Plot von „In A Baby’s Room“ von Alex de la Iglesia, in dem das Unheimliche sich auf Monitoren der Babyüberwachungskamera manifestiert, erinnert außerdem ein wenig an die bedrohlichen Videos in David Lynchs „Lost Highway“ und an „Blair Witch Project“ sowieso. Der Film scheint aber trotz dieser Unoriginalität sehr effektiv Schrecken zu verbreiten, dank seiner glaubwürdigen Darsteller und einer gelungenen Konstruktion. Stolperte man zufällig in eine Vorstellung rein, wäre man als unvoreingenommener Zuschauer wohl stark beeindruckt; ich hoffe, dass all die Vorschusslorbeeren meine Erwartungen nicht zu hoch getrieben haben und in der Folge der gegenteilige Effekt zum tragen kommt: Enttäuschung.

„Paranormal Activity“: Trailer | Links | Kinos

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Dokumentarfilmerin Birgit Schulz hat die ehemaligen Mitglieder eines „sozialistischen Anwalt-Kollektivs“, nämlich Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler zum Thema auserkoren. Seltsame Wege haben die drei seit der gemeinsamen Kanzleizeit zurückgelegt, weit auseinander hat sie das geführt, aber alle sind fest davon überzeugt, sich selbst treu geblieben zu sein. Das vorhandene Material und die neu geführten Interviews dürften recht interessant sein, einige andere Aspekte, etwa der dramatisierende Einsatz der Filmmusik, nerven vermutlich. Die FAS hat keinen Filmkritiker in die Pressevorführung geschickt, sondern einen weiteren Anwalt, Ferdinand von Schirach. Sein Text ist so informativ, dass ich nach der Lektüre das Gefühl hatte, mir den Kinobesuch jetzt sparen zu können. Auch wenn er nüchtern rät: „Sehen Sie sich den Film an, wenn Sie Zeit haben“.

Eigentlich ist ja ohnehin das Fernsehen das richtige Medium für so etwas. Die schlecht aufgelösten Archivbilder sehen auf der großen Leinwand vermutlich wieder furchtbar aus. Nur wo sind im Programm vernünftige Sendeplätze für Dokumentationen? Wieso gibt es statt unzähliger dritter Programme und aller möglichen anderen Spartensender eigentlich keinen reinen Dokukanal? Ist das nicht das Mindeste, was man von gebührenfinanzierten Fernsehanstalten erwarten kann?

„Die Anwälte“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • die Verfilmung von Andrea Maria Schenkels Tannöd, die nur scheitern konnte, weil sie vor unlösbaren Problemen stand, wie Georg Seeßlen bei epd Film aufdröselt. Schade. Schenkel hat mir zu Zeiten der alten Kinoprovinz übrigens ihren Lieblingsfilm verraten. Hier nachzulesen. Schön für sie, dass jetzt wohl noch ein paar tausend Bücher mehr verkauft werden. (Tannöd)
  • ein Roadmovie mit William Hurt als Gestörtem, der mit anderen Gestörten gemeinsam eine Reise tut. Soll teilweise richtig schön sein. „Aber die ‚Herzscheiße‘, wie Funny von Dannen es mal zu singen pflegte, während und vor allem am Ende des Films geht leider gar nicht“, meint meine Lieblingskritikerin in der jungen Welt. („Das gelbe Segel„)
  • Ein Thriller, in dem Gerard Butler als eingesperrtes Superhirn einen abwechslungsreich gestalteten Mordreigen initiiert. Die Geschichte ist wohl reichlich unausgegoren, die Optik aber überzeugend. („Gesetz der Rache„)
  • eine Komödie von Peter Timm, in der die Mauer ein Liebeshindernis zwischen einem Ost-Grenzsoldaten und einer Westberlinerin darstellt. Wie sich alles auflöst, ist ja wohl klar. Obskur, dass der Film erst jetzt gestartet wird, wenn keiner das Wort „Mauer“ mehr ertragen kann. Zu der Zeit, lange lange her, als reihenweise sehenswerte Romcoms  produziert wurden, sind schon einmal gegen Filmende trennende Mauern zum Einsturz gebracht worden. Unfassbar komisch, meine wärmste Empfehlung. Zum Timm-Film würde ich dagegen niemandem raten … („Liebe Mauer„)
  • ein deutsches Drama um alternde Deppen, die sich auf Parkplätzen anlässlich von Eintracht-Braunschweig-Spielen gegenseitig die Fressen polieren  („66/67 – Fairplay war gestern„)
  • eine französische Romcom, in der zwei frustrierte, alleinerziehende Franzosen gemeinsam nach London ziehen, wo das übliche Liebeshin und Her seinen Lauf nimmt („Wenn wir zusammen sind„)
  • der neueste Streich von Provokateur Matthias Glasner: Diesmal treffen eine versoffene Kommissarin und ein Pädophiler aufeinander, der nicht nur sympathisch gezeichnet sein soll, sondern dessen Beziehung zu einer Neunjährigen sogar in einigen Szenen als Romanze verklärt wird. Interessant ist ein Bericht von der Premiere in San Sebastian von Rüdiger Suchsland im Filmzentralen-Blog . Und der Kommentar von Glasner höchstpersönlich: „… Zum Schluss kann ich dir auch noch noch bei deiner Frage helfen, warum du mich als Regisseur so schätzt: Das kommt daher, das ich der zweitbeste Regisseur der Welt bin …“. („This Is Love„)
  • noch ein Kinofilmaufguss der extrem erfolgreichen türkischen Fernsehserie „Tal der Wölfe“  („Tal der Wölfe – Gladio„)
  • eine Doku über eine Theaterproduktion des Living Theatre („Another Glorious Day„)
  • ein südkoreanisches Drama um einen depressiven Filmwissenschaftler und einen Anhänger der Zeugen Jehovas. Startet nur mit einer einzigen Kopie. (Host & Guest)
  • ein deutscher Genre-Versuch: Ein Horror- und Lesbenfilm, der auch parodistische Züge enthält; es geht um einen wahnsinnigen Mediziner, seine Experimente mit Hauttransplantationen an seiner  erwachsenen Tochter und deren Zuneigung zu einer schönen Pflegekraft. Scheint das seltene Exemplar eines biederen Trashfilms zu sein. Seltsamerweise wurde der Film mit deutschen Darstellern auf englisch gedreht, von der grotesken Wirkung kann man sich im Trailer überzeugen. Die in Berlin gezeigt Kopie – ja, es ist auch nur genau eine – ist tatsächlich untertitelt. Gab es etwa Hoffnung, den Film dank der radebrechenden Krauts in den USA zeigen zu können? Rätselhaft. („Bandaged„)
  • eine Dokumentation über Kinder und Jugendliche, die hierzulande aussortiert und in Heime und Jugendkonzentrationslager gesteckt wurden. („Die Unwertigen„) Ebenfalls nur eine Kopie. Kommen in letzter Zeit immer häufiger vor, solche Starts. Nennenswertes Geld mit dem Verleih lässt sich so sicher nicht verdienen. Und die Medien schweigen sich aus, wenn die Filme eh fast nirgendwo zu sehen sind. Warum also überhaupt ein Kinostart? Würde mich nicht wundern, wenn das ganz banale monetäre Gründe hätte, wenn es etwa Verleihzuschüsse aus öffentlichen Mitteln zu ergattern gäbe … Vielleicht ist der Wert eines Films auf dem Fernsehmarkt auch höher, wenn angeblich vorher eine Kinoauswertung stattgefunden hat.

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    Eine brauchbare Übersicht findet sich wie immer bei filmz oder Filmzeit; wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten und schnellsten bei kino.de raus.

    Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

    Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Lebens- bzw. Abwege und effektiver Grusel”

    1. Filmschau

      Vorweg gesagt, Schulz Fim „Die Anwälte“ über Otto Schily, Hans Christian Stroebele und Horst Mahler, ist letztlich ein Dokument des Scheiterns und der Sprachlosigkeit.
      Gescheitert, weil die Chance eines Gipfeltreffens der drei Protagonisten nicht genutzt wurde und sprachlos, weil keiner der Interviewten für sich und den Zuschauer die Chance nutzt, die so ein Filmprojekt bietet, nämlich die eigene Entwicklung und die ehemaliger enger Weggefährten zu reflektieren und in der Konfrontation mit dem gegenüber neu zu verstehen. Die Sprachlosigkeit wird bei „Die Anwälte“ leider da am offensichtlichsten, wo Fragen am drängendsten und Erklärungen am nötigsten gewesen wären.

      Schulz hat drei der in der Öffentlichkeit heute am stärksten als Anwälte der RAF-Angeklagten wahrgenommen Männer interviewt; Schlüsselfiguren wie „RAF-Anwalt“ Klaus Croissant sind verstorben, andere wie von Plottnitz und Groenewold fast schon in Vergessenheit geraten.

      Die Auswahl der Interviewpartner versprich zunächst viel, zumal sich die Vitae der Anwälte weiter von einander entfernt haben als je zu vermuten war: Otto Schily, deutscher Innenminister a.D., MdB Hans-Christian Stroebele, gilt als das „Grüne Gewissen“ schlechthin und Enfant terrible Horst Mahler, verurteilter RAF-Terrorist und NPD-Funktionär a.D, weil gerade wieder zu 6 Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt – diesmal traf es den Holocaust-Leugner wegen Volksverhetzung.

      Und so geht’s los: Ausgangspunkt des Filmes ist eine Fotografie aufgenommen während eines Prozess gegen Horst Mahler, die ihn zusammen mit seinen ehemaligen Anwaltskollegen und Verteidigern Otto Schily und Hans-Christian Stroebele zeigt. Enden wird „Die Anwälte“ wieder im Gerichtssaal, dann mehr als zwei Jahrzehnte später: Vor dem Bundesverfassungsgericht treffen 200x Schily und Mahler im NPD-Verbotsantragsverfahren aufeinander. Schily (SPD) als amtierender Bundesinnenminister nebst seinem damaligen bayerischen Kollegen Günther Beckstein (CSU) als Antragssteller und Anwalt Horst Mahler nebst NPD-Vorsitzenden Udo Voigt auf der anderen Seite. Das höchste deutsche Gericht entscheidet für Mahler und gegen das Verbot. Ein gemeinsames Foto der Anwälte kommt nicht zustande. Der politische Graben der einstigen Weggefährten könnte in diesem Moment tiefer nicht sein.

      Zurück zum Eingangsfoto: Schily und Stroebele tragen schwarzglänzende Beatles-Frisuren zu ihren Anwaltsroben. Mahler sitzt auf der Angeklagtenbank mit stark spärlich zottligem Haar und wildem Marx-APO-Vollbart. Dennoch: Gesichter und Gestik dokumentieren unübersehbar eine Verbundenheit, die weit über das übliche Anwalt-Mandant-Verhältnis hinauszugehen scheint. Die weibliche Off-Stimme erklärt, dass Stroebele aus Solidarität die Anwaltsrobe des Angeklagten trägt und etwas später, das Mahler, der früh ein prominenter Anwalt war, maßgeblich an der Politisierung seiner beiden Kollegen beteiligt war.

      Schulz hat für „Die Anwälte“ mit jedem der drei Juristen (Mahlers Anwaltszulassung wurde mittlerweile mal wieder entzogen), getrennt voneinander, Interviews geführt. Verwendet und zusammengeschnitten wurden deren Antworten. Ergebnis: drei von Zeitdokumenten unterbrochene Monologe. Gesprächsort ist der Gerichtssaal, indem XX Jahre zuvor besagtes gemeinsames Foto entstanden ist. Die historischen Filmschnipsel gehen selten über das hinaus, was der hin längst bekannte Materialfundus herzugeben in der Lage ist: Schahbesuch, prügelnde Jubelperser, der sterbende Ohnesorg, Dutschkes Friedhofsbekenntnis „Der Kampf geht weiter!“, ergänzt von Aufnahmen von Großdemonstrationen der Friedensbewegung der 1980er Jahre und Auszügen aus Parlamentsreden Schilys und Stroebeles und NPD-Reden Mahlers.

      Ein düster-buntes Nachkriegs-Potpourrie von APO bis Startbahn West. Und ein Ärgernis: Neues Filmmaterial, das Einsichten, Überlegungen oder vielleicht sogar überraschende Geständnisse der Protagonisten unterfüttern könnte: Fehlanzeige. Aber von Filmminute zu Filmminute wird auch klarer: die Vitae der alten Herren sind bombenfest in Beton gegossen. Keiner der drei scheint Willens, oder noch in der Lage am eigenen Mythos zu kratzen. Schlimmer noch: Auch an den Mythen der imaginären beiden Gegenüber wird (wäre da nicht Mahler, man würde fast ein unausgesprochenes Einverständnis vermuten) nicht gekratzt. Es ist ärgerlich, ganz einfach weil man sich mehr erwartet hätte.
      Was hätte das beispielsweise geben können, wenn Mahler seinen Antisemitismus bereits in der RAF verortet gesehen hätte. Wie hätte da der Widerspruch der Kollegen ausgesehen? Wie wären Schily und Stroebele miteinander umgegangen? Wie sprechen und argumentieren welche, deren Arbeit so eng mit der Entwicklung der modernen Bundesrepublik verknüpft ist und die doch für sich so unterschiedliche Entscheidungen gefällt haben?

      Ausgehend von der Eingangs vorgestellten Fotografie und der gemeinsamen Überzeugung „Das ist nicht unser Staat“, sind die Lebenswege so maximal auseinandergedriftet, wie es sich ganz sicher keiner der drei hätte in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Am ehsten vielleicht noch Innenminister a.D. Schily. Und das ist schon eine der wenigen neuen Erkenntnisse, die die zusammengeschnipselte Collage zu offenbaren bereit ist: Es scheint, als hätte kaum je einer konsequenter die Kameras gesucht. Schily kommt, Schily lächelt mit weit aufgerissenen Augen, Schily sucht, findet und sonnt sich durch die Jahrzehnte. Heute, seine politische Wichtigkeit ist längst überschritten, ist folgerichtig auch das vorbei. Im Gespräch ist aber nicht nur das Lächeln verschwunden, mitunter spricht Schily, mit seinen 77 Jahren ist er nicht nur der älteste, er wirkt auch mit Abstand am ältesten, so leise, das man mehr als einmal fürchten muss, das ihm auch die Worte am Ende noch wegsterben.

      Zu Gute halten muss man der Regisseurin, das sie sich auf eines der meist beackerten Felder begeben hat. Überraschend natürlich erst einmal, das sie die drei Anwälte der RAF-Prozesse überhaupt für ihr Projekt gewinnen konnte. Die Konstellation verspricht ja immerhin eine Auseinandersetzung, die ohne Zweifel zum Aufregendsten gehören könnte, was man zum Thema in den letzten Jahren geboten bekam. Aber schnelkl wird klar, sogar zwischen Stroebele und Schily, politische Weggefährten noch bis weit in die 80er Jahre hinein, ist, kein Dialog mehr möglich. Die Paarung Lafontaine und Schröder könnte es nicht besser machen.

      Schily, Stroeble und Mahler an einem Tisch. Das und nicht weniger wäre das Potenzial des Filmprojektes „Die Anwälte“ gewesen. Natürlich, Mahler wäre ganz sicher bereit dazu gewesen, aber zu groß scheint bei den anderen beiden die Sorge seinen radikalen Thesen eine Plattform zu geben, ebenso wie sie eine erstaunliche Sprachlosigkeit gegenüber der politischen Entwicklung ihres einstigen politischen Weggefährten eint. Schily immerhin noch über Mahler: “Es ist eine Tragödie.“ Anwalt Stroebele fällt dazu völlig aus. Er verweigert die Aussage.

      Die Schnitte des Films sorgen mitunter sogar für eine merkwürdige Assoziationskette: Dann zum Beispiel, wenn Schily, immer wieder von Emotion stockend, im Parlament von drei engen Familienmitgliedern berichtet, die im zweiten Weltkrieg schwerstes Leid erlebten haben und von seinem jüdischen Schwiegervater, der als Partisan kämpfend, dennoch der einzige von den vieren gewesen sei, der für eine gerechte Sache gekämpft hat. Und dagegengesetzt wird dann ein Stroebele, der ebenfalls stockend und mit den Tränen kämpfend, vor dem gleichen Parlament, anlässlich der Beteiligung deutscher Soldaten am Kriegseinsatz im Kosovo erklärt, wie sehr er sich fü Deutschland schämt. Schily hatte für den Einsatz im Kosovo gestimmt. Schily betont die historische Verantwortung, Stroebele wird ihr gerecht? Ist das wirklich so einfach zu beantworten?

      Noch vertrackter wird es, wenn man im Laufe des Films die einst einende Formel „Das ist nicht mehr unser Staat“ plötzlich in völliger Umkehrung von Mahler für seine antisemitische Sache Verwendung findet. Der Staat. Der selbe Feind. Die selbe Stoßrichtung. Nur mit fatalen Seitenwechsel nach rechtsaußen, den Mahler dann auch noch lächelnd Otto Schily dankt, der ihm damals Hegels gesammelte Werke ins Gefängnis brachte, dessen Studium ihm erst den klaren Blick ins rechte Eck geöffnet hätte. Hier wird „Die Anwälte“ auf gespenstische Weise komisch – und immer deutlicher wird auch, warum für Stroebele ebenso wie für Schily ein Gespräch mit dem Unaussprechlichen unmöglich ist. Das Risikio ist einfach zu groß.
      Mahler hingegen hat nichts mehr zu verlieren. Weiter im Aus stand wohl selten ein beaknnter Akteur auf der politischen Bühne der Bundesrepublik. Mahler war sich natürlich im Vorfeld ganz sicher bewusst, das seine ehemaligen Mitstreiter in ihren Interviews maximale Distanz ihm gegenüber suchen werden. Wiedererwarten reagiert er darauf aber nicht mit Brandreden ob des von Schliy und Stroebele eingeschlagenen Weges, nein, der mit wohlklingendem Bass sprechende Glatzkopf drückt, in sonorem Ton, seine persönliche Wertschätzung für die Leistungen der beiden anderen während der gemeinsamen Zeit aus. Man stockt beim Zuhören. Schubladen drohen arg durcheinander zu kommen. Vielleicht sind das die Momente, die dem Film dann doch sehenswert machen und ein bisschen vom großväterlichen Anekdotensturm ablenken, den alle drei bis zur Langeweile beherrschen und hier 90 Minuten lang weichkochen dürfen: Wen bitte schön interessiert Stroebeles Vorliebe für selbsteingekochte Marmelade, Schily früh gescheiterte Kompositionsversuche oder die mahlersiche Erinnerung an eine besondere Lichtintensität seines schlesischen Geburtsortes? Niemanden. Einziger Mehrwert: In ihrer bisweilen schon arg plapprigen Selbstgefälligkeit wirken alle drei wieder wie die siamesische Robendrillinge des Eingangsfotos.
      Vermissen wird man auf der politischen Bühne keinen von Ihnen. Oder vielleicht doch den augenbrauenbuschigen Stroebele, der wirkt so unschuldig und menschlich – „menschlich“ wie Mahler in liebevoll, beinahe in dankbarer Erinnerung charakterisiert.

      Zu vermuten ist, das es weitere Filme über die RAF und das Umfeld geben wird. Und sicher werden auch wieder unsere drei Anwälte Antworten geben. Aber es steht zu befürchten, das man auch dann wieder keine Neuigkeiten besteuern oder beizusteuern bereit sein wird. Liegen noch Leichen im Keller der Erinnerung? Wie war das nun mit den Waffen in Stammheim? Wie mit der Weitergabe der Kassiber? Was fällt unter das Anwaltsgeheimnis und was bleibt absichtsvoll unausgesprochen um den Mythos um die eigne Person nicht zu beschädigen?
      Am Ende ist Mahler der, der in der Selbstmorddebatte der Stammheimer eindeutig Position bezieht: Für den Knast erfahrenen hat schlicht die unumstößliche Aussicht einer lebenslangen Haft den Finger am Abzug gehabt. Aber auch das bleibt Meinung und nicht Gewissheit. Gewissheit würden neue Fakten schaffen. Wie viele davon noch in Anwaltsköpfen auf ihre Enthüllung warten, darüber konnte dieser Film nicht aufklären. Eines immerhin hat „Die Anwälte“ deutlich gemacht: in welcher unerwarteten Ecke der Geschichte man heute auch stehen mag, man hat sich mit seiner Rolle arrangiert und keiner der drei scheint interessiert, dass daran irgendjemand übermäßig rüttelt. Schon gar nicht aus den eignen Reihen von damals. Darüber sind sich Mahler, Schily und Stroebele auch „ohne Sprechen“ durch die Bank weg einig.