Neu im Kino: Klug konstellierte Kolportage

Vaterspiel

Michael Glawogger, bekannter für seine Dokus („Workingman’s Death„) als für seine Spielfilme, hat einen Roman von Josef Haslinger über Schuld (Massenmord an Juden in Litauen), Vater-Sohn-Beziehungen, die SPÖ, Computerspiele, das Internet und noch alles mögliche andere gedreht. Jede Menge Figuren, jede Menge Schauplätze, drei Zeitebenen, kolportagehafte Drehbuchelemente, teils gestelzte Dialoge, das hört sich alles erstmal überfrachtet und wenig einladend an, nur gibt es einige Kritiker, die, im Gegensatz zur Mehrheit, hinter scheinbaren Schwächen Absicht erkennen und nachvollziehbar und plausibel von einer intelligenten und sehr ungewöhnlichen Literaturverfilmung schreiben.  „Wie er auf höchst eigenwillige Weise das Nichtzusammengehörige und per se sogar Dumme konstelliert und so auch dem Dummen eine ganz andere Kraft gibt – das ist es, was am ‚Vaterspiel‘ fasziniert“, meint Ekkehard Knörer im Perlentaucher. Und Ulrich Kriest schreibt im Filmdienst: „Glawogger hat ‚Das Vaterspiel‘ nicht verfilmt, er hat den Roman einer intensiven Lektüre unterzogen. Nach dem Sehen von ‚Das Vaterspiel‘ sollte man ‚Das Vaterspiel‘ noch einmal lesen. Und mit einer bösen Enttäuschung rechnen.“ Da wird man ja fast dazu gezwungen, sich selbst ein Bild zu machen.

„Das Vaterspiel“: Trailer | Links | Kinos

_

Außerdem neu:

  • Der deutsche Versuch, einen Film, in dem durch die Zeit gereist wird, zu realisieren, der erstaunlicherweise gar nicht gänzlich misslungen sein soll. Immerhin spielt Mads Mikkelsen die Hauptrolle, er versucht in der Vergangenheit den Tod seiner Tochter zu verhindern, gerät mit seinem damaligen Ich in Konflikt und stellt schließlich fest, das er nicht der einzige ist, der solche Probleme hat. („Die Tür„)
  • Teil zwei der „Biss“- bzw. „Twilight“-Serie nach den Stephenie-Meyer-Teenie-Schmökern. Dass die nichts taugen, ist ja allgemein bekannt, am schönsten und unterhaltsamsten schreibt das immer wieder Denis Scheck in seinem Bestsellerlisten-Schnellgericht („Hin- und hergerissen zwischen ihrer Zuneigung zu einem Vampir und zu einem Werwolf verhält sich die ebenso bildschöne wie entscheidungsschwache Heldin dieses Jugendbuchs wie Buridans Esel zwischen den beiden Heuhaufen und macht 500 Seiten lang gar nichts – außer schmachtende Blicke zu werfen. Deshalb teilt Stephenie Meyers dröger Roman ‚Biss zur Mittagsstunde‘ mit seinem Vampir-Protagonisten vor allem eins: die Blutleere.“). Die erste Verfilmung soll die Vorlage deutlich übertroffen haben, während jetzt der zweite Versuch in seiner Spießig- und Langweiligkeit dem Meyerschen Roman eher gerecht zu werden scheint. Zum Glück verdient bei uns im Land zum Verdruss der großen Medienkonzerne wie schon bei Harry Potter der Carlsen Verlag an dem romantischen Vampirboom und kann sich so hoffentlich auch weiterhin das Verlegen vieler schöner und darum meist wenig einbringender Comics und Kinderbücher leisten. Wer einen wirklich überzeugenden, düsteren und verstörenden Film über Heranwachsende, Liebe und Vampirismus sehen will, sollte sich „So finster die Nacht“ anschauen. Aus dem letzten Jahr. Gibt’s überall auf DVD. („New Moon – Biss zur Mittagsstunde„)
  • Ein rumänischer Film, der klischeereich von lebenslustigen Dörflern erzählt, die in den Fünfzigern gegen die Anordnungen der bösen kommunistischen Machthaber verstoßen und ein wegen Stalins Ableben unterbrochenes Hochzeitsfest still und leise, so wie der Titel sagt, weiterfeiern. („Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin„)
  • Ein türkisches Drama um eine demente alte Frau und ihren Enkel. Hat auf internationalen Festivals einige Preise eingesammelt und ist bei imdb durchschnittlich mit 7,4 bewertet worden. Läuft vorerst nur in Berlin. („Pandoras Box„)
  • Ein in den USA gedrehtes Drama der „Bella-Martha“-Regisseurin über eine depressive Musikwissenschaftlerin. („Helen„)
  • ein japanischer Film, in dem ein Cellist versehentlich bei einem Bestattungsunternehmen zu arbeiten anfängt. Der Trailer sieht nach schlimmstem fröhlich-kultivierten Arthousekitsch aus. („Nokan – Die Kunst des Ausklangs„)
  • Eine offenbar sehr sehr müde Romcom mit Renée Zellweger. Das Tomatometer zeigt 18% an. („New In Town„)
  • Die unvermeidbare Rückkehr von Luc Bessons blöden Fantasygeschichten („Arthur und die Minimoys 2 – Die Rückkehr des bösen M.„). Mit Ausnahme von Aardmans „Flushed Away“ (von Dreamworks co-produziert) ist in Europa noch jede Langfilm-CGI-Animation furchtbar geworden. Besson hat mit dem ersten Teil bewiesen, dass das keine Frage des Budgets ist, der erste Teil kostete 65 Millionen Euro. Die Fortsetzung scheint den ersten Teil in allen Belangen zu unterbieten („Selten hat man einen derart kopflosen und zerfahrenen Film erlebt“, meint Jörg Gerles im Filmdienst). Und das Figurendesign erinnert mich immer noch an die ekeligen Monchichis.
  • Eine Doku über jugendliche Straftäter in einer geschlossenen Einrichtung in Russland. Es scheint sich, gegen alle Erwartung, keineswegs um die Beschreibung katastrophaler Haftbedingungen zu drehen. Startet nur mit zwei Kopien in Berlin und Frankfurt. („Allein in vier Wänden„)
  • Eine Doku über russische Juden oder jüdische Russen, die nach Deutschland kommen. Startet mit nur einer Kopie in Frankfurt. („Mazel Tov„)

_

Eine brauchbare Übersicht findet sich wie immer bei filmz oder Filmzeit; wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten und schnellsten bei kino.de raus.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: Klug konstellierte Kolportage”

  1. Ines, Harry Potter Fan

    Hallöchen, Wirklich interessant. Habe jeden Harry Potter Band verschlungen.