Neu im Kino: Frosch und Freibeuter

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Was man so vorab hören konnte, klang ja schon alles recht sympathisch. Und es sieht so aus, als ob es Sven Taddicken mit „12 Meter ohne Kopf“ tatsächlich gelungen ist, einen komisch-überdrehten modernen Abenteuerfilm hinzubekommen. In Deutschland. Kaum zu glauben. Die Störtebekergeschichte wurde gerade erst vor drei Jahren für einen konventionellen Degeto-Fernsehsehzweiteiler ausgeschlachtet, die einzige andere Filmversion ist seltsamerweise ein verschollener Stummfilm von 1919. Komisch eigentlich, dass sich nicht Horst Wendlandt in den Sechzigern zwischen zwei Winnetou- und Edgar-Wallace-Filmen auch mal am Piratenfilm ausprobiert hat. Da hat man schon einen nationalen Piratenmythos, der nach Verfilmung schreit und dann passiert nichts außer Musicalversuchen und Festspielen für Ostsee-Touristen.

Und das ist ein Glück. Denn wenn es schon eine wirklich populäre Fassung des Stoffes gegeben hätte, dann hätte Bully Herbig wohl schon lange sein Verwurstungsmaschine angeworfen. Oder noch schlimmer, Til Schweiger. So aber scheint es gelungen zu sein, massenkompatiblen Klamauk zu produzieren, der nie die üblichen Niederungen erreicht und nicht krampfhaft darum bemüht ist, jeden Scherz so zu präsentieren, dass auch der Allerblödeste ihn kapiert.

In bewährter Asterixmanier wird im historischen Stoff von der Gegenwart erzählt, der Schlachtruf der Freibeuter lautet „Fick die Hanse!“ und an Bord wird basisdemokratische Entscheidungsfindung geübt. Jede Menge Quatsch also, aber gleichzeitig wurde sich erfreulicherweise um eine detailgenaue Ausstattung bemüht. Und überhaupt um eine Optik, in der, statt einer Komödie, genauso gut ein Drama hätte erzählt werden können. So ziemlich alle deutschen Darsteller mit wahrhaft komischem Potential spielen in mehr oder weniger großen Rollen mit: Detlev Buck, Devid Striesow, Milan Peschel, Peter Kurth … Und selbst der Soundtrack bietet einige geschmackvolle Überraschungen, wie man hört. Hoffentlich wird’s ein Erfolg. Und macht Schule. So richtig große Erwartungen scheint der Verleih aber nicht zu haben: Das Piratenspektakel startet mit nur einem Achtel der Kopienzahl von Schweigers Hasenkükensequel.

„12 Meter ohne Kopf“: Trailer | Links | Kinos

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„Küss den Frosch“ wünsche ich ebenfalls einen großen Erfolg. Nicht, weil ich eine Flut von weiteren Filmen mit Disney-Prinzessinnen erhoffe, sondern ganz banal weil vom Erfolg die Existenz des langen Zeichentrickfilms überhaupt abhängt. 2004 hat Disney sein analoges Trickstudio in Orlando  geschlossen und angekündigt, fortan ausschließlich computergenerierte Animationsfilme zu produzieren. Das war das Ende. Auch kein anderes Studio hat in den USA seitdem noch traditionelle Animationsfilme herausgebracht. Nur in Japan wurde unbeirrt weitergezeichnet. Und bei uns in Europa kamen noch allerlei mittelmäßige Zeichtrickfilme aus heimischer Produktion in die Kinos: „Heidi“, „Felix“, „Lauras Stern“ und Konsorten, ein Strom, der jetzt aber auch allmählich zum Erliegen gekommen ist.

Der aktuelle Froschfilm ist eine unverhoffte Wiederbelebung, und ob der Patient am Leben bleibt, hängt vom Erfolg an der Kinokasse ab. Und darum ist es ganz wurscht, dass wieder so eine zuckrige Aschenputtelgeschichte erzählt wird, dass ein nostalgisch-kitschiges New Orleans der Handlungsort ist, dass wieder alle paar Minuten Liedchen geträllert werden und sich eher an „Arielle“ und der „Schönen und dem Biest“ orientiert wird, statt am großartigen „Lilo & Stitch“ oder an „Ein Königreich für ein Lama“. Keine Spur wohl auch von dem erfrischend selbstironischen Ton, den „Verwünscht“ („Enchanted“) vor zwei Jahren so wirkungsvoll angeschlagen hatte.  Aber immerhin stammt die Musik von Randy Newman und nicht etwas von Phil Collins und die Animation ist erstklassig, so wie es sich gehört. Hoffentlich gehen da Massen rein und hoffentlich gefällt es den Kindern, die mit „Ice Age“, „Findet Nemo“, „Madagascar“ und ansonsten mit Zeichtrickfernsehschrott aufgewachsen sind.

„Küss den Frosch“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Bestsellerverfilmung nach Jostein Gaarder. „Kunstgewerbe mit Anspruch und pseudophilosophischer Unterfütterung“, meint Hans Messias im Filmdienst. Mich schüttelt es. („Das Orangenmädchen„)
  • Kranke Männer 1: Parkinson. Ein deutsches Drama, in dem immer wieder unvermittelt gesungen und getanzt wird. Formal also nicht uninteressant, aber Geschichten über kranke Männer und teilnahmsvolle Frauen muss man schon abkönnen. Und die Musik von Selig sollte man mögen. Sänger Jan Plewka spielt neben Nicolette Krebitz auch die Hauptrolle. („Liebeslied„)
  • Kranke Männer 2: Schizophrenie. Eine Hollywood-Schmonezette, in der mindestens drei Schlechtigkeiten zusammenkommen: Eine „wahre Geschichte“, „große Kunst“ und verlogenes Mitgefühl. Da können wohl auch Robert Downey jr. und Catherine Keener nichts mehr retten. („Der Soloist„)
  • Kranke Männer 3: Autismus. Wenigversprechend aussehende US-Mischung aus Romcom und Krankengeschichte. („Adam„)
  • Eine Doku über einen Auschwitzüberlebenden. („Der weiße Rabe – Max Mannheimer„)
  • Ein weiterer Zombiefilm, auch wieder mit komischen Elementen, aber wohl weit weit von Witz und Niveau eines „Shaun Of The Dead“ entfernt. („Zombieland„)
  • Ein neuer und wohl außerordentlich blutiger Aufguss der Ninja-Filme aus den Achtzigern. („Ninja Assasin„)
  • Und wieder so eine Komödie mit Kostümen aus der Türkei. („7 Ehemänner für Hürmüz„)

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Eine brauchbare Übersicht findet sich wie immer bei filmz oder Filmzeit; wo was überhaupt läuft, kriegt man am besten und schnellsten bei kino.de raus.

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