Neu im Kino: wilde und potthässliche Dinger

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„Wo die wilden Kerle wohnen“ ist ein Bilderbuchklassiker von Maurice Sendak. Wer jünger als 45 ist und das nicht kennt, der hatte eine verkorkste Kindheit. Jetzt ist die Verfilmung da, ein Realfilm und in jeder deutschsprachigen Kritik, die ich gelesen habe, wurde die geringe Anzahl der Wörter oder Sätze der Vorlage angegeben (Im Ernst! In fünfen!) und der Kopf geschüttelt über so ein Unterfangen, so als sei dies das allererste Mal, dass ein Bilderbuch für das Kino adaptiert wurde. Wurde allerdings schon häufig gemacht und immer musste ganz viel dazu erfunden werden, was in der Regel zu miesem Murks führte: „Der Polarexpress“, „Zathura“ und „Jumanji“ nach Vorlagen von Chris van Allsburg,  „Der Kater mit Hut“ und „Horton hört ein Hu“ nach Dr. Seuss, „Lucas der Ameisenschreck“ nach John Nickle sowie ganz fiese deutsche Zeichentrickfilme wie „Oh wie schön ist Panama“ nach Janosch oder auch „Lauras Stern“, „Felix – ein Hase auf Weltreise“ und „Der Mondbär“, deren Vorlagen schon betulich doof sind. Da ist die Neugier auf weitere Bilderbuchverfilmungen gleich Null.

Diesmal aber hat sich kein Geringerer als Spike Jonze an die Arbeit gemacht und er hat Dave Eggers für das Drehbuch ins Boot geholt und darum geht es diesmal nicht um Picturebookploitation, die simple Ausbeutung von erfolgreich im Kinderzimmer etablierten Marken, sondern um eine verspielte Drumherumspinnerei, getrieben von großem Respekt für die Vorlage. Die Monster sehen fantastisch aus, sie sind teils lebensgroße Puppen, in denen Menschen stecken, teils Animatronics, alle mit digital animierten Gesichtern, eine tolle Lösung, besser geht es einfach nicht. Ich hänge ohne Widerwehr am Haken, seit ich vor ein paar Monaten den Trailer gesehen habe. Der Weg zu dieser Lösung war allerdings steinig: Die digitale Nachbearbeitung war eigentlich nicht vorgesehen, die Puppengesichter sollen aber einen so leblosen Eindruck gemacht haben, dass der Film, gedreht vor drei Jahren, 2008 zwecks Nachbesserungen wieder einkassiert wurde. Dabei dürften auch Testvorführungen eine Rolle gespielt haben, aus denen heulende Kinder rausgelaufen sein sollen.

Der Film stößt mehrheitlich auf positive Reaktionen bei den Schreibern, hüben wie drüben. Wenn gemeckert wird, dann geht das meist in die Richtung, dass das ja alles sehr schön sei, aber für Kinder zu langweilig oder zu komplex oder zu furchterregend. Glaube ich kein Wort von und werde ich mit meinem Nachwuchs gleich überprüfen gehen.

Spike Jonze hat übrigens auch eine Dokumentation über Maurice Sendak gedreht, die richtig gut sein soll. Hoffentlich kommt sie als Extra auf der „Kerle“-DVD auch bei uns heraus.

Und von Sendak möchte ich bei dieser Gelegenheit noch „Mommy?“ empfehlen, das neben Jan Pienkowskis „Pension zum ewigen Frieden“ vielleicht schönste Pop-Up-Buch aller Zeiten, ein geeignetes Weihnachtsgeschenk für Spielkinder wie mich, die obendrein das klassische Horrorkino schätzen.

interiormummy

„Wo die wilden Kerle wohnen“: Trailer | Links | Kinos

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Die digital bearbeiteten Kreaturen in James Camerons „Avatar“ finde ich dagegen alles andere als ansprechend, richtig doof geradezu und die Sci-Fi-Geschichte von den friedlichen mit der Natur in Einklang lebenden Aliens packt mich auch nicht gerade, weshalb ich eher widerwillig ins Kino gehen werde, um zu besichtigen, wie das angeblich bahnbrechende Filmspektakel denn aussieht. Aus dem Pressetext: „Als aber eine Na’vi-Frau (die „Na’vis“ sind die Aliens) mit dem Namen Neytiri Jakes Leben rettet, verändert das alles. Jake (ein Mensch bzw. Avatar) wird von ihrem Stamm aufgenommen, lernt nach vielen Prüfungen und Abenteuern, einer von ihnen zu werden. Während sich die Beziehung zwischen Jake und seiner anfangs unwilligen Lehrerin Neytiri vertieft, lernt Jake, die Lebensweise der Na’vi zu respektieren und nimmt schließlich einen Platz in ihrer Mitte ein. Bald wird er mit der letzten ultimativen Prüfung konfrontiert werden, wenn er die Na’vi in eine epische Schlacht führt, die das Schicksal einer ganzen Welt entscheiden wird.“ Och nee.

Für die 3D-Technik, die große Hoffnung der Filmwirtschaft, könnte der voraussichtliche Riesenerfolg den endgültigen Durchbruch bedeuten. Bei den Animationsfilmen in diesem Jahr ist bei mir schon 3D-Ermüdung eingetreten, „Oben“ habe ich mir freiwillig ganz flach und ohne Brille angeschaut, nachdem ich den Effekt bei „Bolt“ und „Ice Age 3“ erlebt hatte. Am überzeugendsten fand ich die stereoskopische Darstellung ausgerechnet bei „Coraline“. Die real abgefilmten Miniatursets des Stopmotionfilms haben eine viel wirkungsvollere Tiefe ergeben, als die dreidimensionalen Digitalwelten. (Aber so hin und weg wie bei den irrwitzigen 3D-Animationen von Mariko Mori, die Blasen und kleine Buddhas um die Zuschauer herumschweben lässt, war ich bei keinem der neuen 3D-Filme. Bei Moris Videos, vor 11 Jahren, hatte ich das allererste Mal so eine Polfilterbrille auf der Nase.)

Michael Althen hat sich in der FAZ (nicht frei online) viele Spalten lang für die 3D-Technik beim „Avatar“ begeistert, gar von der „Zukunft des Kinos“ geschrieben, aber ich habe trotzdem nicht richtig verstanden, wieso der Effekt denn in diesem Falle so zwingend sein soll. Zumindest darauf bin ich gespannt.

„Avatar“: Trailer | Links | Kinos

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Außerdem neu:

  • Ein spleeniger Stummfilm von Guy Maddin mit einem verrückten Wissenschaftler, der Kindern Hirnflüssigkeit entnimmt um daraus ein Verjüngungsmittel zu brauen. Soll auf der Berlinale vor zwei Jahren höchst beeindruckend mit Orchester, Geräuschemachern und Isabella Rosselini als Erzählerin live aufgeführt worden sein. Jetzt ist die Fassung mit Tonspur in genau einem Kino im Land zu sehen: im Kreuzberger FSK. Gibt’s aber bei Criterion auf DVD. („Brand Upon The Brain„)
  • Eine brave deutsche Literaturverfilmung nach Martin Suter. („Lila Lila„)
  • Und ein französisches Biopic über das tragische Leben einer naiven Malerin. Sicher nichts für mich, aber wohl nicht so furchtbar, wie es sich anhört. („Séraphine„)

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Wo was überhaupt läuft, kriegt man wie immer am besten und schnellsten bei kino.de raus.

Der komische Störtebeker-Film scheint übrigens fulminant zu floppen: In Hamburg, der Stadt, in der der Freibeuter einst kopflos die zwölf Meter gelaufen sein soll, ist der Film nur noch in einigen Nachmittagsvorstellungen zu sehen. In der zweiten Woche! Während Til Schweiger mit seinen Küken wieder Millionen anlockt. Ich begreif’s nicht.

Kinoprovinz – Vorurteile statt Filmkritik Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Neu im Kino: wilde und potthässliche Dinger”

  1. Gunnar

    ts, es geht ja bald nur noch um Technik…

    (Kommentar von M per Mail)